Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 320 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 320 Schuh Ordnung in der Judenfrage Eine aktuelle politische Schrift Die Maßnahmen des nationalsozialistischen Deutsch land gegen seine jüdischen Staatsbürger haben die Judenfrgae wieder einmal zum Ausgangspunkt politischer, sozialer und völkerrechtlicher Betrachtungen gemacht 35 Jahre nach Herzls Warnung vor dem Assimilations- und Emanzipationsoptimismus zeigt die Judenfrage wieder ihr tragisches Gesicht. Der Prager Zionistenkongreß, die Tagung der, nationalen Minderheiten in Bern und die Genfer Völkerbundversammlung standen im Zeichen dieser Frage. Was mit den unter den sogenannten „Staatsvölkern" lebenden Juden geschehen solle, dieses Problem verschwindet nicht mehr von der Tagesordnung, Es geht aber hier nicht um die Tagesordnung, sondern um die Ordnung in der Judenfrage; es geht darum, in eine Entwicklung einzugreifen, die sich unaufhaltsam vollzieht In diesem Sinne ist die Schrift zu werten, die unter dem Titel „Ordnung in der Judenfrage" als Son derschrift der Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte (Reinhold-Verlag, Wien) soeben erschienen ist. Autoren dieser Schrift sind Dr. Emmerich C z e r m a k, der als Unterrichtsminister (Mitglied der christlichsozialen Par tei) sich um die Schaffung eines neuen Studentenrechtea bemüht hat, und der jüdisch-nationale Schriftsteller Dr. Oskar K a r b a c h, dem die Erforschung und Dar* Stellung der Judenfrage in allen ihren Spiegelungen publl zistisches Lebenswerk geworden ist. Prof. Czermak er örtert nach einer historischen Einleitung die Möglichkeiten der Behandlung des „Fremdkörpers in einem Organismus" und kommt zu dem Schluß, daß „für die jüdischen Mitbürger ein Minderheitenrecht ge schaffen werden muß, das der spezifischen Situation der Juden gerecht wird und das insbesondere die wirtschaftliche und soziale Eingliederung der Juden in das Gastvolk so regelt, daß möglichst wenig Anlaß und Gelegenheit zu Haßkonflikten übrigbleibt". Der christlichsoziale Päd agoge und Politiker Prof. Czermak spricht also einer ziO' nistischen Behandlung das Wort. Der jüdischnationale Publizist Dr. Oskar Harbach ergänzt und vertieft die Aeußerungen Prof. Czermaks in der genannten Schrift durch seine Abhandlung „W ende der staatlichen Judenpolitik". Wie nicht an ders zu erwarten, demaskiert Karbach alle Schwächen und Täuschungen des Liberalismus, der Assimilation und der Versuche, eine Judenfrage zu leugnen. Durch die Schule des politischen Zionismus gegangen, die ihm das Rüstzeug für seine Polemik, aber auch für seine positiven Grund Sätze gab, zeigt er etwas Wichtiges auf: Die Entwertung der antisemitischen Parolen an sich auf Grund der reichs deutschen Maßnahmen und den Beginn einer Periode, in der der Antisemitismus zunächst als oppositionelles Hilfsmittel zur Veränderung der Machtverteilung im Staate verwendet wird. Man kann hier auch an Oesterreich denken. Die Schrift „Ordnung in der Judenfrage" wird zweifellos auch diejenigen zum Nachdenken veranlassen, welche die Existenz einer Judenfrage auch heute noch zu bestreiten versuchen; und sie wird anderseits diejenigen ermuntern, denen eine würdige, gerechte und sinngemäße Lösung des Judenproblems als einziges Heilmittel erscheint. Die Betrachtungen und Lösungsvorschläge Prof. Czermaks und Dr. Karbachs verdienen allseitige Beachtung. Sie geben wesentliche Richtlinien für die politischen und sozialen Gliederungen, die sich auf dem Weg zur Verwirklichung eines friedlichen und wohltätigen Nebeneinanderlebens von Juden und Nichtjuden in einem Staate ergeben müssen. Indem wir uns den Abdruck wesentlicher Stellen aus dem Aufsatz Prof. Czermaks vorbehalten, geben wir im nachstehenden einige markante Feststellungen Doktor Karbachs wieder: Die Judenfrage — ein dynamisches Problem Man kann bei der Behandlung der Judenfrage zu keinem greifbaren Resultat vordringen, wenn man sie in eine unendliche Reihe von Einzelfällen auflöst. Jedes Individuum meldet seinen Anspruch an, für sich allein betrachtet zu werden, seine Bemühungen um Angleichung an die Umwelt und sein Bekenntnis zu ihr gewürdigt zu sehen. Man hat sich von der Existenz vieler Typen und vieler Nuancen verwirren lassen (und oft vielleicht nicht einmal ungern). Doch die Gesetzmäßigkeiten in der Wandlung der geistigen und gesellschaftlichen Struktur des Judentums sind unschwer zu erkennen, sobald man nur nach ihnen zu suchen beginnt. Unausgesetzt verlor sich seit einem Jahrhundert ein Strom von Erscheinungen jüdischen Ursprunges in den Millionen des umgebenden Volkes, getrieben und angelockt von dem übermächtigen Gefühl erhöhter Sicherheit, das ihnen im Schatten der Anonymität, im Verschwinden unter den anderen winken sollte. Die Emanzipation, die auf Aufsaugung der Juden gerichtet war, hat dieses Gefühl geschaffen. Die Judenfrage der Gegenwart ist ein dynamisches Problem, das nur zu einem statischen umgefälscht werden kann, wenn man jeweils nur ein Teilchen davon betrachtet und alles übrige abdunkelt. Wir haben viele Typen der Entjudung vor uns, die unmerklich ineinander übergehen — an ihrem Ende der Bich vollkommen als christlicher Deutscher fühlende Nachkomme jüdischer Ahnen. Nichts ohne das Volle Keine Ordnung der Judenfrage, die in einem Staate beobachtet werden soll, kann also auf die Dauer Bestand haben, soferne nicht auch die breiten Massen des Staatsvolkes und der Juden des Landes für sie gewonnen werden. Fällt die Entscheidung für eine be- Mmann LACK¬ LEDER. MIT EIDECHSE- /MIT. KOMbIM. Alle grossen. DAMEN- _ WIENERWALD- STIEFEL, BRAUN mit LEDERFUTTER u. BEUTELZUN6E ALLE GRÖSSEN. FÜR HERREN 6 /4 £2' wußte Fortsetzung des alten Kurses, der Assimilation, so ist ihr durch allgemeine Zustimmung der Makel der verstohlenen Tarnung zu nehmen. Denkt man an eine R eform der überkommenen Zustände, so muß die Erkenntnis des wesentlichen Zuges der Reform, ihrer Begrenztheit, ihres Charakters als Mittel zur Herbeiführung eines künftigen neuen Dauerzustandes Gemeingut jedes einzelnen werden. Sicher ist im Anfang noch mit Hemmungen zu rechnen, diese Begrenztheit den Massen aufzuzeigen; sicher wifd' auch der autoritäre Staat gerade auf diesem Gebiete nur zögernd autoritär werden und seine positiven Richtlinien bekanntgeben wollen. Die Entwicklung wird aber rasch eine deutliche Stellungnahme fordern und die berufene Führung jedes Staatsvolkes vor die Notwendig kei%[^teilen, ein klares Bild der Zukunft der Judentsage im Lande zu geben und die Gesamtheit der Bevölkerung, Staatsvolk und Juden, daför zu gewinnen. Zwei Aufgaben Es hieße die wirkliche Kräfteverteilung (Staatsvolk und jüdische Minorität) vollkommen verkennen, wenn man in den Ländern der assimilatorischen Tradition einem Versuch einer große Teile der Juden erfassenden Umkehr zu einem positiven Judentum (wie sie durch die;üdisch-nationale Bewegung seit mehr als einem Menschenalter angestrebt wird), ohne oder gar gegen den LACK' BINDE' SPANGEN MIT FESTEM ABSATZ. ALLE GPOSSEN. Willen des Staatsvolkes irgend welche ernste Chancen zubilligen würde. Dieser Wille muß vorher vorhanden und geäußert sein. Andererseits müssen verständlic*rcfrweise die Juden in ihrer alten, durch die deutschen Eriignisse verhängnisvoll bestätigten Befürchtung verharren, daß die Dissimilation nur die grundlegende Voraussetzung und das wichtigste Hilfsmittel einer Entrechtung ist, die zu ihrer Katastrophe führt. Sie können heute gar nicht anders, als jeden Schritt zur Dissimilation hin als einen Vorläufer dieser Katastrophe zu betrachten und sich gegen ihn entschieden zu wehren. Wer sohin eine Reform der Judenfrage im Sinne der Dissimilation vorschlägt, sieht eine doppelte Aufgabe klar vor sich: Den Wfllen des Staatsvolkes auf einen. Kurs der Förderung positiv-jüdischer Bestrebungen eindeutig festzulegen und gleichzeitig dem jüdischen Element das zu deren Erfolg unbedingt nötige — erhöhte — Sicherheitsgefühl zu geben, daß das Endziel dieser Reform seine dauernde, gefestigte, gleichberechtigte Einordnung in den Staat und nicht den Beginn seiner Vernichtung bedeutet. Katholischer Einspruch gegen Joseph Klausners Jesus-Buch Aus Warschau: Auf Veranlassung des Warschauer römisch-katholischen Erzbischofs wurden die zehn letzten Hefte der Wochenchrift „Opinia", in denen die polnische Uebersetzung des Buches „Jesus von Nazareth" vom Professor an der Hebräischen Universität Josef Klausner zum Teil erschienen war, beschlagnahmt. Erzbischof Kokowsky sieht in dem Inhalt des Buches eine Herabsetzung der christlichen Religion und will gegen Uebersetzer und Verleger gerichtlich vorgehen. (Klausners Jesus-Buch genießt in der wissenschaftlichen Welt einen großen Ruf. Es wurde von Dr. Danby, dem englischen Bischof von Jerusalem, ins Englische übersetzt und hat auch die Anerkennung katholischer Gelehrter und Geistlicher gefunden. — Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß Professor Klausner wegen dieses Buches und seiner Einstellung zum Begründer der christlichen Lehre seinerzeit scharfen Angriffen seitens gewisser jüdisch-orthodoxer; Kreise ausgesetzt war.) Die Farbigen wehren sich Aus Bombay: Der Staatsrat von Ceylon unterbreitete der Regierung den Antrag, die Einfuhr deutsche? Waren nach Ceylon offiziell zu verbieten. Ausgangspunkt für diesen Antrag ist, daß die Singalesen sich, nicht weniger als die Juden, durch die deutsche Rassengesetzgebung beleidigt fühlen. Dia feindliche Stellung der Bevölkerung von Ceylon gegen Deutschland kam auch darin zum Ausdruck, daß ein geplanter Empfang für die Offiziere des vor Colombo, der Hauptstadt Ceylons, ankernden deutschen Kriegsschiffs „Köln" durch die Bevölkerung verhindert wurde. Alle Bemühungen des deutschen Konsuls in Colombo, die maßgebenden Persönlichkeiten der Gesellschaft zu einer Aenderung ihrer antideutschen Haltung zu veranlassen, blieben erfolglos; der Konsul selbst befindet sich in einer peinlichen Situation und ist gesellschaftlich isoliert. Die Singalesen haben ihren Frauen verboten, mit Deutschen gesellschaftlich zu verkehren; dies als Antwort auf das deutsche Verbot, daß deutsche Frauen mit Farbigen tanzen. Der unterschlagene Levi Aus Prag: Aus Paris wird gemeldet: Jean Benoit-Levi, der Verfasser des Drehbuches des in Paris nach dem Roman „La Maternelle" (die Kleinkinderschule) von Frapie" laufenden Films, der seit kurzem auch in Deutschland unter dem Titel „Mutterhände" mit starkem Erfolg herausgekommen ist, hat durch Vermittlung des französischen Schriftstellervereines Beschwerde erhoben, daß der Film in Deutschland nur unter dem Namen Benoit erscheine. Er hat sich entschlossen, die weitere Vorführung des Films in Deutschland nur unte? seinem vollen Namen Benoit-Levi zu gestatten. 18jähriges Mädchen, Jüdin, aus gutem Hause, sucht Stelle zu Kindern oder als Gesellschafterin, Handelsschuldbildung. Eventuell Büroposten. Zuschriften, erbeten an die Verwaltung des Blattes unter „Elvira Sulamith". Kinderloses Ehepaar (gut bürgerlicher Haushalt) in Tel-Awiw (Palästina) will jüdisches Mädchen, bis 25 Jahre alt, welches zu jedei häuslichen Arbeit bereit ist, als Haustochter zu sich nehmen. Offerte unter „Haustochter" an die Verwaltung des Blattes.