Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 320 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE .NEUE WELT Nr. 320 Über die Haltung der von Robert Weltsch geleiteten Berliner „Jüdischen Rundachau", Organ der deutschen Zionisten. Er beginnt mit einem Zitat aus der „Rundschau": „Jeder Deutsche und auch die deutschen Juden müssen aufrichtig wünschen, die Debatten in Genf mögen dazu führen, daß die oft ungerechten Vorurteile gegen Deutschland in sich zusammenfallen und daß damit auch die Verständigung zwischen den Völkern inniger werde... Die Führer des nationalsozialistischen Deutschland haben in der letzten Zeit klar die Notwendigkeit der Erhaltung des Friedens und den Wunsch des deutschen Volkes für ein friedliches Zusammenleben mit den anderen Völkern zum Ausdruck gebracht." So schreibt Robert Weltsch in der „Rundschau". Robert Weltsch meint es leider ganz ernst und ganz ehrlich. Er ist ein alter Zionist, der aus der Schule von Martin Buber und Achad Haam kommt; er ist ein nobler Mensch und ein nobler Zionist, aber stark angesteckt vom buberischen tneologischen Geist und dazu noch ein Moralist reinsten Wassers, eine Art goldener „Zaddik", der das neue jüdische Leben ausschließlich auf Moral und Gerechtigkeit aufbauen will. Er gehört zu jenen Menschen und Zionisten, die nicht schlafen können vor Angst, es könnte z. B. — gottbehüte! — den Arabern ein kleines Leid geschehen, das jüdische Nationalheim könnte, gottbehüte, auf Konto des Unglücks anderer aufgebaut werden. Er ist einer jener Zionisten, die noch immer in die Idee eines binationalen Staates in Palästina verliebt sind, nahestehend den Brith Scbalomisten, fremd allem, was nach Kraft und nationaler Eigenliebe schnleckt. Es müssen sich jetzt zweifellos bei den deutschen Juden merkwürdige seelische Prozesse vollziehen, die uns fremd sind. Es muß ja ein großer Unterschied zwischen denen sein, die sich heute hinter der Front befinden, und zwischen denen, die die direkten Attacken des Feindes auszuhalten haben ... Es ist natürlich leicht, ein Held zu sein auf fremde Kosten und von anderen heldischen Mut zu verlangen. Die deutschen Juden wollen und müssen leben und könn^i es nicht. Aber von all dem ist noch weit entfernt das „Verständnis" für das hitlerische Deutschland und der Appell an die Welt, der vorgespielten Friedenskomödie der hakenkreuzlerischen Führer zu glauben. Was wird die Welt dazu sagen, wenn es sich herausstellt, daß die deutschen Zionisten, die gegenwärtig einzigen Führer des deutschen Judentums, zum Verständnis für Hitler-Deutschland aufrufen! Wenn unsere Brüder in Deutschland so, verblendet sind, daß sie gegen die „Vorurteile" gegen Hitler-Deutschland protestieren, und insbesondere solch ein Gerechtigkeitsfanatiker wie Robert Weltsch Verständnis für das neue Deutschland verlangt — woher können wir Juden die Kraft für einen Kampf von so ungeheurer Tragweite nahmen?" Jkm der gudisdien Weit . Krise im jüdischen Flüchtlingshilfwerk Aus London: „Jewish Chronicle" bringt eine alarmierende Korrespondenz aus Paris, wonach die In der Rue de la Durance zu Paris untergebrachte Zentrale für Hilfe an deutsche Flüchtlinge am 10. Oktober ihre Tore aus Mangel an Mitteln hat schließen m ü s s e n. Baron d e Rothschild, der bis jetzt Mittel zur Verfügung gestellt hat, hat sich nun unter Hinweis . auf die. Gleichgültigkeit der ausländischen; namentlich der amerikanischen Juden gegenüber dem Hilfswerk zurückgezogen. Man. hofft, daß die in den von der französischen Regierung zur Verfügung gestellten Baracken . untergebrachten Flüchtlinge ihre Quartiere werden behalten und in dem bisherigen Maße verköstigt werden können, bis -das Hilfswerk unter den Auspizien des Völkerbundes weitergeführt werden wird. — Auch aus Amsterdam und Antwerpen treffen Nachrichten ein, daß die dortigen Flüchtlingshilfskomitees aus Mangel an Mitteln ihre Tätigkeit eingestellt haben. Tausende Juden werden ausgebürgert Aus Berlin: Vom Preußischen Innenministerium erging an sämtliche Polizeibehörden die Aufforderung, alle Schritte zur sofortigen Rückgängigmachung der seit 1918vollzogenen Einbürgerungen von Nichtdeutsch- Typan. Was liegt schon daran? Was riskieren Sie schon? Orthodoxe müssen von hohem Niveau sein, Männer von Charakter, erlesener Weisheit und weltentrückter Seele. Daß sie um Gotteswillen keinem irgendwie nahetreten?} Sie hören? Gehen Sie, feilen Sie Ihr Stück um und wir werden .Ihnen ... eine Notiz bringen, die sich sehen lassen kann." . Der Schriftsteller rief noch mehrere Redaktionen ca, die Zeitung der Kaufmannschaft, die Assimilantenzeitung, die Frauenzeitung, die Modezeitung und die Sportzeitungen, und überall verlangte man von ihm eine Aenderung der Typen. Die „Sportzeitung" erklärte sich bereit, seine Komödie in großer Aufmachung anzukündigen, wenn er aus dem Titelhelden einen Fußballer der ersten Liga machen würde, einen olympiadereifen Goalkeeper. Das Organ der Uhrmacher, „Stehbleiber", verlangte, daß der erste Liebhaber der Komödie ein Uhrmacher sei, der Uhren so reparieren könne, daß sie nie mehr zu gehen aufhören. Die „Bäckerzeitung" forderte, daß der Heldenvater ein Bäcker sei, ein Spezialist, dessen Gebäck alle Wohlgerüche des Orients besitze und dem Bäckergewerbe Ehre einbringe. Der Schriftsteller änderte alle Typen und stutzte sie immer wieder zu. Arbeiter, Zionisten, Kaufleute, Frauen, Politiker, Orthodoxe, Assimilanten, Dummköpfe — die Personen zeigten durchwegs positive Eigenschaften, sie waren erfreulich, rein wie Kristall, sympathisch, ritterlich inid — Der Dramatiker überlas seine Komödie und warf Sie ins Feuer, , stämmigen einzuleiten. Von dieser Maßnahme . sind einige tausend Juden betroffen; darunter befinden sich Familien, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland ansässig sind, ihre Einbürgerung aber erst nach 1918 vollzogen haben. Da die Betroffenen anläßlich ihrer deutschen Einbürgerung ihre frühere Staatsbürgerschaft verloren hatten, die sie nur in den wenigsten Fällen wieder erwerben können, entsteht hier eine neue Art von Staatenlosen, für die der Völkerbund wohl eine Regelung wird treffen müssen. Hundert Hebräisch-Kurse in Berlin Aus Berlin: Die Berliner Zionistische Vereinigung hat soeben den 100. Kurs zur Erlernung der hebräischen Sprache eröffnet. Die Kurse werden hauptsächlich von jenen Erwachsenen und Jugendlichen frequentiert, die nach Palästina gehen wollen. Hebräisch oder Jiddisch als amtliche Sprache in Uzhorod (Tschechoslowakei) Aus Uzhorod: In der letzten Sitzung der Stadtrepräsentanz in Uzhorod, der Hauptstadt von Karpathorußland, wurde auf Grund des Ergebnisses der letzten Volkszählung die Frage der amtlichen Sprachen behandelt. Da laut der Statistik die Zahl der Ungarn unter 20 Prozent gesunken ist, wurde die ungarische Sprache aus den anerkannten amtlichen Sprachen gestrichen. Im Namen der Jüdischen Partei erklärte Bela Szereny, daß die Jüdische Partei für die Durchführung der gesetzlichen Vorschriften stimmt, doch solle nunmehr die hebräische Sprache unter die amtlichen Sprachen aufgenommen werden, da die Judenheit in Uähörod mit 23;10 Prozent eine qualifizierte Minderheit bildet. Die Kommunistische Partei forderte hingegen die jiddische Sprache, welche ihrer Meinung nach von 80 Prozent der Uzhoroder Juden gesprochen wird. Die Repräsentanz wird sich mit dieser Frage später befassen. Antisemitischer Sturm auf Universitäten Aus Bu d a p e s t: An der Budapester Technischen Hochschule kam es plötzlich zu umfangreichen antisemitischen Ausschreitungen. Jüdische Studenten wurden von ihren christlichen Kollegen überfallen, schwer mißhandelt und aus dem Gebäude gedrängt. Sieben jüdische Studenten wurden verletzt, unter -ihnen drei schwer. Signal zu diesen. Ausschreitungen gaben Hakenkreuze, die in der Nacht an die Mauern des Universitätsgebäudes gemalt wurden. Das Rektorat leitete eine Untersuchung ein.' Aus Warschau: Vor dem. Eingang zur. Wärschauer Universität fielen nationaldemokratisöhe Studenten über , ihre jüdischen Kollegen her., Bei Ankunft der Polizei liefen die Angreifer davon. An ' der Humanistischen Fakultät kam es zu Tumulten, als die National-* demokraten forderten, daß die Juden auf b e sonderen Banken Platz nehmen sollten. Die Juden, wehrten sich gegen diese Zumutung und wichen auch nicht, als die Nationaldemokraten auf sie losschlugen. Die polnische fortschrittliche Presse weist auf die Zusammenarbeit zwischen den polnischen antisemitischen Chauvinisten und den deutschen.Nationalsozi alisten hin und meldet, daß in verschiedenen Fällen von der Polizei verfolgte polnische Antisemiten,-ebenso wie polnische Hitleristen, die deutscher Nationalität sind, nach Deutschland flüchten. Antideutscher Boykott in Kanada Aus Montreal: Die Aktionäre der Importgesellschaft' „K1 e i d e r - K r e d i t" mit 110 Läden und einem Jahresumsatz von vielen Millionen; Dollar haben zum Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland den Boykott alier aus Deutschland kommenden Waren beschlossen. , Die deutschen Filme und das jüdische Publikum Aus Prag: Die zionistische „S elbstwehr" schreibt: . » „Die überraschende Tatsache.ist die: Es werden in Prag und in der ganzen Tschechoslowakei demnächst wieder reichsdeutsche Filme laufen;, Filme aus dem Dritten Reich, und zwar unter Mit-. Wirkung jüdischer Importf irmen. Wie ist das möglich? Und wird sich . das jüdische Publikum diese flagrante Verletzung der Boykottparole gefallen lassen? Es sollen Filme anlaufen, die aus der jüngsten Zeit der antisemitischen Aera stammen, in der die jüdischen Künstler und Regisseure, die heute das bittere Brot der Emigration essen, bereits, davongejagt waren. Auf diesen Boykott hin bleibt uns nur der Gegenboykott übrig. Er ist unsere einzige Waffe. Werden wir. es ruhig geschehen lassen, daß einige jüdische Geschäftsleute aus purer Gewinnsucht den Boykott durchbrechen? . . . Was auch geschehen mag: das jüdische Publikum der Tschechoslowakei wird reichsdeutsche Filme nicht besuchen und Kinotheater, in denen sie gespielt werden, meide n." TJebcralterung der Berliner Judenschaft Aus Berlin: Moritz Rosenthal, Vorstandsmitglied der Berliner Jüdischen Gemeinde, schreibt über die Altersversorgung: Tausend alte Leute werden zur Zeit von der Gemeinde in sechs Heimen betreut. Es liegen aber 3000 Vormeldungen da, die nicht berücksichtigt werden können. Für alte Leute unter siebzig Jahren besteht heute fast keine Aufnahmsmöglichkeit in den Altersheimen, sechsundachzig Jahre beträgt das Durchschnittsalter der Heimbewohner. Das Problem ist infolge derUeberalterung besonders schwierig. Fast ein Drittel der Berliner Juden ist ü b e r fünfzig Jahre alt. Unverhältnismäßig . wenige e rwerbsfähige Menschen müssen also für unverhältnismäßig viele Arbeitsunfähige mitsorgen. Die Steuererträge sind erheblich gesunken. Wir werden, schreibt Rosenthal, gezwungen sein, für die Altershilfe an unsere Glaubensgenossen in Europa und in außereuropäischen Ländern heranzutreten. Die hier geschilderte Erscheinung ist nicht auf Berlin beschränkt. Ueberalterung und der mit ihr verbundene Notstand der Altersversorgung sind überall bei den Juden fühlbar geworden. Ein hebräischer Zensor in der Tschechoslowakei Aus Prag: Der Innenminister hat den Sekretär der Jüdischen Gemeinde Uzhorod, Fischgrund, zum offiziellen hebräischen Zensor der Republik ernannt. Die Proklamierung der jüdischen Republik Biro- Bidschan — verschoben Aus Moskau: Die laut Beschluß der Regierung der Sowjetunion für Ende 1933 angesetzt gewesene Proklamierung von Biro-Bidschan im Fernen Osten als autonomes jüdisches Gebiet ist nun vom Präsidium des Zentralexekutivkomitees, das unter dem Vorsitz des Präsidenten Kalinin getagt hat, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden. In der Sitzung berichtete der Leiter von Komzet (Regierungskommission für Landansiedlung und Industrialisierung der Juden),, daß in Biro-Bidschan aus mancherlei Gründen die Arbeit nicht in dem gewünschten Umfang vor 3ich gehen konnte. Es wurde beschlossen, die Arbeit in Biro-Bidschan hinsichtlich der Zuwanderung von Juden zu verstärken. Ein rumänischer Antisenaitenführer verurteilt. Aus Czernowitz: Der bekannte Bukowinaer Antisemitenführer Abgeordneter Robu, der vor kurzem auf dem in Radautz abgehaltenen Cuzistenkongreß eine besonders aufreizende judenfeindliche Rede gehalten hat, wurde Wegen Unruhestiftung unter der bäuerlichen Bevölkerung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Robu hat durch seine Attacken auf jüdische Abgeordnete im rumänischen Parlament eine traurige Berühmtheit erlangt. II.,• Aspernbrückengasse 2. Tel. R-48-2-91. Büro: 9 bis 19. 1 Den Mitgliedern stehen Karten , zu ermäßigtem \ Preis für folgende Theater zur Verfügung: Burgtheater, i Akademietheater, Staatsoper, Deutsches Volkstheater, Theater a. d. Wien, Stadttheater, Kammerspiele, Komödie, Scala, Moulin Rouge, Der liebe Augustin. Die Kunststelle hat das Arrangement folgender Veranstaltungen übernommen: Zion. Bezirkssektion 1: Dienstag, den 31. Oktober, 9 Uhr abends, Festsaal des Niederösterr. Gewerbevereines, I., Eschenbachgässe 11. Akademie mit Tanz. — Brandmann-Trio, J. Segal - Rosenbach, Margarete Bach, Oskar Teller- V. , Schlesinger, Hilda Dulitzkaja. — Jung-Wizo-Mirjam: Samstag, den 4. November, 8 Uhr, Künstlerspiele „Pan". „Abend jüdischer Kunst": Szene aus „Salomo", Gertrud Kraus, Joachim Stut3.chewsky, Jüdische Lieder im Bild. Führung: Sonntag, den 29. Oktober, findet unter Leitung des akad. Bildhauers Felix Weiß eine Führung durch die „Moderne Galerie" statt. Treffpunkt vor dem Eingang, III., Prinz-Eugen-Straße 27, um halb 11* Konzerte: Hanigun, jüdischer Männerchor aus Deutschland, am 7. November im großen Konzerthaussaal. ERFOLQREICH/TER KLAVIERUNTERRICHT Spezialistin für Unbegabte, Schwerlernende S 3,— Uebungsgelegenhelt Nach bester, modernster Methode Ria Höhn, Wien II, Obere Donaustraße 19/35 Die Eröffnung der „Jüdischen Bühne", Wien, II., Präterstraße 60, findet am Freitag, den 3. November 1933, statt. Der Direktion ist es gelungen, erstklassige Kräfte aus dem Ausland zu engagieren. Warum immer wieder „Ahasver"? Man schreibt uns: „Verehrliche Redaktion! Vorige Woche wurde in Wien ein zionistisches Tendenzstück aufgeführt (oder nur angekündigt), welches den Titel •„Ahasver" führt. Die Verfasser und Veranstalter sind sich offenbar über die Entstehung dieser Bezeichnung nicht :klar. „Ahasver" ist nämlich eine christliche Legendenfigur. Es heißt in dieser Legende, die nicht .wenig zur Förderung des Antisemitismus ' beigetragen hat, daß der müde und hungrige Stifter des Christentums . vor dem Hause eines gewissen Ahasver ausruhen wollte und ihn dieser Jude davongejagt hätte. Als Strafe muß er unstet in der Welt umherirren („Der ewige Jude"). Geistreich sein wollende Schriftsteller — leider auch solche unseres Stammes — haben nun das jüdische Volk als „Ahasver" bezeichnet. Ich glaube aber nicht, daß wir es nötig haben, Bezeichnungen aus christlichen Legenden herbeizuholen. Für das Propagandastück sollte besser die frühere Bezeichnung „Staatenlos" oder „Golus" beibehalten werden. Wenn es gut ist, wird es dieselbe Zugkraft ausüben wie unter dem erborgten Namen „Ahasver". Iwri, Gang zum Grabe Theodor Herzls Der Herzl-Grabgang wurde heuer erst am 15. Oktober abgehalten. Der in Wien weilende Präsident der Zionistischen Weltorganisation, S o k o 1 o w, schritt an der Spitze des Zuges, der vor dem Grabe des großen Zionistenführers vorbeidefilierte. Mit Rücksicht auf das bestehende Aufmarschverbot war es den verschiedenen Vereinigungen nicht möglich gewesen, in geschlossenem Zuge aufzumarschieren. Der Grabgang, der nach 10 Uhr begonnen hatte, war um 12 Uhr beendet. Die Ehrenwache am Grabe Theodor Herzls stellte heuer zum ersten Male der jüdische Wehrsport- und Schützenverein „Haganah", dessen Mitglieder auch den Qrd» nerdienst versahen»