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Die neue Welt · 1933-10-20 · Heft 319 (20.10.1933) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 319 (20.10.1933)
Date
1933-10-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 319 DIE NEUE WELT Seite t Unverantwortlich teure Siedlungsformen in Palästina Von Meir Großmarin (London-Tel«Awfo) Unter dem Titel „Zertrümmern? Nein, Teilen!" hat Meir Großmann, einer der Führer der Judenstaatspartei, ein Referat erstattet, das sich mit den Siedlungsformen in Palästina und deren Wert tür den Umfang und das Tempo der zionistischen Aufbauarbeit beschäftigt. Die beiden Begriffe „Zertrümmern" und „Teilen" unterzieht Großmann einer Analyse, um zu dem Resultat zu kommen, daß die bisherige sogenannte „nationale" Aufbauarbeit einer gründlichen Umformung bedarf. In dem Referate Großmanns, das den Wert der einzelnen Siedlungsformen (kommunistische „Kwuzah" und genossenschaftliche „Moschawah") von ihrer Zweckmäßigkeit und nicht von ihrer politischen und soziologischen Bedeutung abhängig macht, heißt es u. a.: „Sogar bei der Annahme, daß unter gewissen Umständen eine kommunistische Kwuzah die beste kolonisatorische Form für Palästina und für das jüdische Volk ist, wird niemand leugnen, daß die Kwuzoth einen langsamen und kostspieligen Kolonisationsprozeß darstellen. Für ein Volk, wie wir es sind, ist es ein Luxus, den man sich vielleicht am Anfang, wo man noch keine Erfahrung hat, erlauben darf, aber nicht ständig. Als Trainingszentren für neue Einwanderer, als Okkupationszentren für gewisse schwere Gebiete, als Vorbereitungspunkte für künftige Landwirte haben die Kwuzoth ihren Wert. Aber als permanente Form jüdischer Kolonisation in Palästina kommen die Kwuzoth, besonders die großen Ejn Charod und Tel-.Iosef, nicht in Betracht. Sie nehmen zuviel Terrain ein, sie kosten zu viel, das darin befindliche Menschenmaterial ändert sich ständig. Sie haben die größte Schwierigkeit, sich selbst zu erhalten. Das Tempo ihrer Entwicklung ist lang und beschwerlich — all das sind Momente, die im Gegensatz zu unseren augenblicklichen Aufgaben stehen. Denn wir müssen in unserem kleinen Lande möglichst sparsa-m mit dem Boden umgehen, aus der Wirtschaft die; möglichst größten Ergebnisse erzielen, die größtmögliche Zahl von Seelen auf jedem Dunam ansiedeln. Das ist nur bei privater, intensiver Wirtschaftmöglich. Die persönliche Initiative des einzelnen — das größte Kapital, über das der jüdische Einwanderer verfügt _ kommt in den Kwuzoth mit ihren Budgets und ihrem kommunistischen Lebensstil nicht zum Ausdruck. Es fehlt die tiefe Verbundenheit mit der Kolonie und mit dem Boden. Alles scheint eine Art Uebergangs« pr.Qzeß zu sein. Die Beziehung.des einzelnen zur Gesamtheit ist lose. Deswegen, ja deswegen ist die Reaktion „Teilen" gar nicht so paradox, wie es vielleicht klingt. Es wäre absolut kein schlechter Plan, wenn die größeren Kwuzoth, die sich allzu breit gemacht haben, mit der Zeit in einzelne Wirtschaften aufgeteilt würden. Die Kooperativen und gemeinschaftlich nützlichen Elemente können genau so bleiben, wie sie auch in anderen Kolonien oder Moschawim existieren. Die Kwuzah ist gut für eine gewisse Periode, bis man aus allen Fährnissen draußen ist. Dann: zerteilen. Mehr Selbständigkeit und Freiheit für das Individuum, mehr Intensivität, mehr persönliche Initiative. Eine Zeitlang wollte man uns einreden, daß die sogenannte „nationale Kolonisation" die billigste und schnellste sei. Anstatt „proletarisch-kommunistische" oder „national-philanthropische" zu sagen, hat man ruhig der jüdischen Welt eingeredet, daß es sich um nichts anderes als um eine „e cht nationale" Kolonisation handle, für alle, für die Gesamtheit. Man hat auch die Fabel erzählt, daß die Ansiedlung einer Familie auf dem Prinzip privater, individualistischer Wirtschaft .bedeutend mehr koste als die Ansiedlung jüdischer Arbeiter in Kwuzoth. Den jüdischen Einwanderer, der seine eigenen 1000 Pfund investiert hat und sich zu einer weiteren Kreditnahme von einigen hundert Pfund gezwungen gesehen hat, betrachtete man als schweren Ballast für die Kolonisationsarbeit in Palästina. Chaluzim seien billiger und brächten uns rascher zum Ziel, pflegte man zu sagen. Der Privatmann habe persönliche Interessen, aber der Insasse einer Kwuzah sei ein Idealist, der Opfer bringt aus vollem Herzen... Seinen Idealismus will niemand bezweifeln. Wichtiger aber ist für uns die Behauptung, daß diese Art Kolonisation billiger sei und schneller Resultate bringe. Man hat so lange darüber gesprochen, bis man es uns eingeredet hat. Unter dieser Stimmung sind die größten Summen des zionistischen Budgets für Kwuzoth (kollektivistisch-kommunistische Siedlungen mit Aufhebung des Privateigentums des einzelnen) und Moschawim (kleinbäuerlich-genossenschaftliche Siedlungen mit gemeinsamer Verwaltung) verwertet worden. Aber was werden die Verherrlicher des Kwuzah-Idealismus und der Kwuzah-Billigkeit sagen, wenn es sich beispielsweise herausstellen sollte, daß die Ansiedlung einer Familie (und noch dazu einer kleinen) in einer Kwuzah mehr als 1000 Pfund kostet? Die aufgetürmten Ideologien der „nationalen" Kolonisation würden wie Kartenhäuser zusammenstürzen. Und gerade das zu beweisen ist nicht schwer. Man muß bloß einmal auch einen Bericht lesen, der dem Kongreß von der zionistischen Exekutive unterbreitet wird... In dem Teil, der die Kolonisation behandelt, wird n. a. erzählt, daß sich in der Kwuzah Ejn' Charod Sur Zeit 120 Familien befinden und daß der Keren Hajessod allein in die Kolonie bis zum 30. Juni 1933 eine Summe von 107.507 Pfund investiert hat. Außerdem ist eine weitere Investition von ungefähr 10.0 00 Pfund vorgesehen. Hiebei sind die Kosten für den Boden nicht inbegriffen. Auch dürfte die Kolonie noch von anderen Quellen unterstützt worden sein. Die Kwuzah T e 1 - J o s e f, wo 90 Familien leben, hat dem Keren Hajessod 95.397 Pfund gekostet, weitere 6713 Pfund sind vorgesehen. — Man muß kein großer Mathematiker sein, um auszurechnen, was die Ansiedlung einer einzigen Familie in einer Kwuzah gekostet hat. Wenn man den Preis des Bodens einkalkuliert, wird das Bild noch krasser. Für die Ansiedlung einer Arbeiterfamilie in einer Kwuzah über 1000 Pfund (die Kosten des Bodens nicht eingerechnet) auszugeben — das können sich amerikanische Milliardäre leisten, nicht aber solch ein bettelarmes Volk wie wir. Bei den heutigen zionistischen Budgets wird man bestimmt keine solchen Experimente mehr machen können. Es ist auch zweifelhaft, ob man die Kwuzoth in demselben Maßstab subventionieren wird wie bisher oder ob sie sich selbst werden erhalten können. Eben wegen dieser und noch anderer Umstände wird es so wie so zur Teilung kommen und dort, wo jetzt breit und überdimensional die großen Kwuzoth mit ihren auserwählten Idealisten sich ausdehnen, wird es noch einmal einfache jüdische Dörfer und Kolonien geben, wo das Leben normal und gesund ist. Dort, wo jetzt alles ruhig, still und mechanisch und oft langweilig zugeht, werden Familien voll Schaffensfreude mit Kinderlärm in den Gassen leben. Es ist gesünder und besser und vor allem schneller. Wenn ich nicht irre, umfaßt jetzt Ejn Charod 120 Familien auf 15.000 Dunam Boden. Auf diesem Boden kann man zweifellos viel mehr Familien ansiedeln. Um die Parole „Zerteilen" auszugeben, muß man absolut kein prinzipieller Gegner der kwuzistischen Experimente und gewiß kein „Arbeiterfeind" sein. Es ist einfach eine Rechenaufgabe." 3. Auflage soeben erschienen! Das einzige Buch in deutscher Sprache, welches alle Fragen über Palästina, Palästina-Verwaltung, Steuer-, Bechts-, Verkehrsu. Zollwesen, Touristen- und Uebersiedlungsbestimmungen, Existenzmöglichkeiten, Handel* Gewerbe, Industrie Und Landwirtschaft präzise beantwortet, zugleich aber einen Führer durch.Palästina darstellt und ein hebräisches Vokabularium (in Lateinschrift) enthält. 116 Oktavseiten Tataachen, Ziffern und Daten, mit einer Landkarte, objektiv gehalten. Zu haben im Keren Hajessod, I.. Kärntnerstraße 28, und Pag, III., Landstraßer Gürtel 9. Preis exklusive Versandspeaen S 4.—. Rund um die Mord* affäre Arlosoroff Anklage gegen Brith Habirjonim zusammengebrochen Wie bekannt, wurden Ende Juli in Palästina über zwanzig Zionisten-Revisionisten, darunter auch Mitglieder des Betar, unter der Beschuldigung verhaftet, daß sie einer terroristischen Gruppe, genannt „Brith Habirjonim", angehören. Es wurden verschiedene Dokumente, Plugzettel, Notizen usw. gefunden. Die Polizei bezog sich in erster Linie auf Stellen aus einem Tagebuch Achi Meirs, der (nebst dem Administrator der Zeitung „Chassit Haam", ferer Yevin, Dr. Har-Ewen u. a.) verhaftet und auch der Teilnahme am Arlosoroff-Mord beschuldigt wurde. Einzelne Verhaftete wurden gegen Kaution freigelassen, gegen andere lief die Untersuchung weiter. Insbesondere beschäftigte sich die Untersuchungsbehörde mit der Rolle Achi Meirs in der Arlosoroff-Affäre und in dem sogenannten Brith Habirjonim. Nach fast dreimonatiger Nachforschung und unzähligen Verhören, die keinerlei positives Ergebnis brachten, wurden nun in der Vorwoche sieben führende Mitglieder des Brith Habirjonim, Dr. Har-Ewen, Zwi Peinberg, Schlome Naaman, Victor Kipnis, Joseph Galiii, Samuel Hofschan und Elchanan Halprin, vom Kreisrichter Bodilly freigelassen, nachdem der Polizeianwalt, Inspektor Schitrit, erklärt hatte, daß das gegen die wegen Geheimbündelei und anderer politischer Vergehen Pestgenommenen vorliegende Material nicht ausreicht, um eine Anklage gegen sie zu erheben. Die Haftentlassenen wurden von ihren Freunden im Triumph aus dem Gericht geführt. Sieben führende Birjonim, unter ihnen Aba Achi Meir und Dr. Yevin, wurden zunächst in Haft behalten, wobei angekündigt wurde, daß gegen sie vor dem Distriktsgericht verhandelt werden wird. Später wurden sechs von ihnen gegen Kaution freigelassen, nur Achi Meir blieb in Haft, da er Mitbeschuldigter im Mordfall Arlosoroff ist. Die Verhöre wegen des Arlosoroff-Mordes Das Jaffaer Kreisgericht hat das Verhör mit den des Mordes, bzw. der Anstiftung zum Mord an Dr. Arlosoroff beschuldigten Abraham Stawsky, Zwi Rosenblatt und Aba Achi Meir fortgesetzt. Stawsky verharrte weiterhin auf seinem Standpunkt, daß seine Unschuld bereits erwiesen sei, und forderte, daß nach dem Beispiel des Leipziger Reichstagsbrandprozesses und des Londoner Gegenprozesses auch für ihn und die Mitangeklagten gleichzeitig mit dem offiziellen Prozeß ein Gegenprozeß durchgeführt werde. Der Polizeiinspektor Schitrit, von Stawsky ins Kreuzverhör gezogen, gab zu, daß nicht bewiesen sei, daß Stawsky nach dem Mord auf dem Wege nach Jerusalem gesehen worden sei, dafür aber seien schwerwiegende Beweise dafür vorhanden, daß Stawsky in der Mordnacht in LACK¬ LEDER, TnU&dßcfoe Jmi£.fomAm. SCHIFFMAhN II.TAB0RSTR.48 Tel-Awiw gesehen wurde. Stawsky protestierte erregt gegen diese Behauptung. Er weigerte sich, an dem weiteren Verhör teilzunehmen, als der Polizeirichter Bodilly eine Anzahl seiner weiteren Fragen nicht zuließ. Auch Rosenblatt und Achi Meir zogen Schitrit ins Kreuzverhör. Achi Me'ir verlas Auszüge aus seinen Schriften, in denen er den Terror verurteilt und für Befriedung des inner jüdischen Streites eintritt. Als erster Zivilzeuge trat Ascher Hazan, ein kaukasischer Jude, Besitzer des Hauses in Tel-Awiw, . in dem Stawsky und Achi Meir gemeinsam ein Zimmer bewohnten, auf. Polizeirichter Bodilly ermahnt den Zeugen, bei seinen Aussagen sehr vorsichtig zu sein, da drei Menschenleben auf dem Spiele stehen. Ascher Hazan bekundete, er habe an dem Freitag, an dem Dr. Arlosoroff um etwa 11 Uhr nachts ermordet wurde, etwa gegen 6 oder 7 Uhr abends sowohl Stawsky als auch Achi Meir und drei andere junge Leute in ihrem Zimmer gesehen. Durch diese Aussage Hazans, durch die Stawskys Alibi-Behauptung stark erschüttert ist, geriet Stawsky ineinen Zustand hochgradiger Erregung. Er schrie Hazan die Worte „Lügner! Bandit!" ins Gesicht. Von Stawsky ins Kreuzverhör gezogen, widersprach sich Hazan in seinen Angaben über den Zeitpunkt, an dem er die Schuld Stawskys und Achi MeSrs an dem Mord vermutet hatte, und die Zeit, da er zur Polizei ging, um dieser seine Vermutungen mitzuteilen. Sonst aber blieb Hazan bei seinen Behauptungen und stritt insbesondere entschieden ab, von Stawsky einen Revolver gekauft zu haben. (Stawsky hatte nämlich in seinem der Polizei übergebenen schriftlichen Statement erklärt, er habe vor der Ermordung Dr. Arlosoroffs seinen aus Polen mitgebrachten Revolver Ascher Hazan für zwei Pfund verkauft.) Als zweiter Privatzeuge wurde Elijahu Teßler; Gehilfe im Buchladen „Achieder", vernommen, der bekundete, er könne sich nicht erinnern, daß Stawsky am Tage vor dem Mord an Arlosoroff sich in, den Daumen geschnitten habe und daß er, Teßler, Stawsky geraten, habe, in die Drogerie um die Ecke zu gehen, um sich dort die Wunde verbinden zu lassen. Die nun aufgerufenen Jerusälemer Polizisten Z e m e 1 und F u c h s sagen aus, sie hätten am Abend des 16. Juni, an dem Arlosoroff ermordet wurde, in jenem Jerusalemer Restaurant, in dem Stawsky an dem gleichen Abend gegessen haben will, Stawsky zu dieser Zeit im Restaurant nicht gesehen. Hierauf wurde Ascher Hazan wieder vernommen. Er bekundete, er habe durch die nur angelehnte Tür des von Stawsky und Achi Meir bewohnten Zimmers am Abend des 16. Juni, an dem der Mord an Dr. Arlosoroff verübt wurde, fünf Personen gesehen; darunter seien Stawsky und Achi Meir gewesen. Das weitere Verhör wurde auf den 18. Oktober verschoben. In der Höhle Madipela Von Dr. Benjamin Nochik (New York) Meine Frau und ich haben das Glück gehabt, die Höhle Machpela*) betreten zu dürfen. Ein Zittern ergreift mich bei der Erinnerung an die Gefühle, die während dea Besuches der Grabstätten unserer Ahnen sich meiner bemächtigten. Die Juden in Palästina haben ökonomisch, politisch und kulturell vieles erreicht, aber unsere teuerste Stätte, dort, wo in grauer Vorzeit die Geschichte unseres Volkes beginnt, ist uns verschlossen. Brennender Schmerz ergreift dich, wenn du diesem Verbot gegenüberstehst. Und obwohl ist selbst das Glück hatte, hineinzugelangen, so kann ich mich dennoch von diesem Schmerzgefühl nicht befreien. Als wir eintraten, sagte man uns, daß man mehr als sieben Treppen nicht hinuntersteigen dürfe. Aber eine geheime Kraft zog uns weiter. „Die Araber bemerken, daß wir den Weg fort" setzen", flüsterte mir meine Frau zu. Trotz aller Angst erwachte eine gewisse Hartnäckigkeit in mir. Die Araber schauen uns nach, , und wenn sie uns in ihrer Wut über* *) Die Höhle ist bekanntlich Juden unzugänffUelb

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