Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 319 (20.10.1933)
- Date
- 1933-10-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 319 AUS DEUTSCHLAND Das Gesetz gegen „Rasseverrat" Aus Berlin: In der Denkschrift zur Strafrechtsreform, die der preußische Justizminister Kerrl der Reichsregierung übergeben hat, wird in dem dem Schutz der Rasse gewidmeten Kapitel nicht nur ein Verbot von Mischehen, sondern auch eine Strafvorschrift gegen jede geschlechtliche Vermischung zwischen Deutschen und Fremdrassigen gefordert. Strafbar sein sollen beide Teile. Der formulierte Leitsatz lautet: „Wer es j unternimmt, durch Vermischung eines Deutschen mit einem Angehörigen fremder Blutsgemeinschaften oder Rassen, deren Fernhaltung von der deutschen Blutsgemeinschaft durch Gesetz angeordnet worden ist, zur rassischen Verschlechterung und Zersetzung des deutschen Volkes beizutragen, macht sich des Rasseverrats schuldig. Rasseverrat liegt auch dann vor, wenn die Vermischung unter Verwendung von die Empfängnis verhütenden Mitteln begangen wird. Als besonders schwere Fälle sind auch anzusehen, wenn 1. der Rasseverrat unter arglistiger Verschweig üng der Zugehörigkeit zur fremden Rasse oder Blutsgemeinschaft oder mittels einer Täuschung hierüber begangen ist; 2. der Rasseverrat in der Ehe begangen ist und der eine Eheteil unter arglistiger Verschweigung der Zugehörigkeit des anderen Eheteils zur fremden Rasse oder Blutsgemeinschaft oder mittels einer Täuschung hierüber zur Eingehung der Ehe verleitet worden ist. Als Nebenstrafe kann in besonders schweren Fällen auf Entziehung des Staatsbürgerrechtes erkannt werden." Wie es beißt, hat bei diesem Gesetzentwurf der nationalsozialistische Rasseforscher Prof. Dr. Günther-Jena Pate"gestanden, der diesen Entwurf jetzt in der nationalsozialistischen Presse erläutert und dabei u. a. ausführt: Für die nordische Bewegung liegt die tiefste Gefährdung durch das Judentum, „diesen Keil, den Asien in Europas Gefüge trieb", dieses „Ding der Gärung und Ruhestörung", darin, daß die Juden, je getreuer sie ihrem eigenen Wesen sind, desto mehr versuchen müssen, ein für das deutsche Volk besonders artfremdes Gebilde aufzurichten. Warum man in Hitler-Deutschland eingesperrt wird Aus Berlin: In Offenbach wurde ein Jude in Schutzhaft genommen, der mit einem christlichen Mädchen befreundet war. Die polizeiliche Pressestelle erklärte dazu: „Der Fall gibt Anlaß, darauf hinzuweisen, daß der Verkehr eines Juden mit deutschen Mädchen eine Herausforderung der deutschen Bevölkerung ist Der Polizeipräsident wird mit der gebotenen Schärfe gegen diejenigen Juden und deutschen Mädchen einschreiten, die durch ein derartiges schamloses Verhalten die Bevölkerung provozieren und die öffentliche Ruhe und Ordnung stören." Die Ausrottung der jüdischen Angestellten Aus Berlin: Von . selten der nicht jüdischen Angestellten wurde der 1. Oktober 1933 als Stichtag zur Entlassung der noch im Berufe tätigen jüdischen Angestellten propagiert. Die offiziellen Stellen scheinen in dieser Sache nicht ganz mitgegangen zu sein, so daß in manchen Orten die nichtjüdische Angestelltenschalt zu Selbstmaßnahmen griff, um die Entlassung jüdischer Angestellter durchzusetzen. Besonders krasse Fälle werden aus Breslau gemeldet, wo die jüdischen Angestellten der Kaufhäuser Bielschowsky und Blasse unter der Beschuldigung, daß sie die Wände der Klosetts mit antinationalsozialistischen Inschriften beschmiert hätten, fristlos entlassen wurden. Insgesamt wurden mehr als 50 Angestellte auf die Straße gesetzt. Das Textilhaus Bielschowsky hat jüdische Inhaber, der Inhaber des Kaufhauses Blasse ist ein getaufter Jude, der einen Nationalsozialisten als Inhaber vorschiebt. Dieser begnügte sich nicht mit der fristlosen Entlassung von 22 jüdischen Angestellten, sondern er zeigte zwei der Entlassenen, die Einkäufer Weinbaum und Heilfron, wegen angeblicher „Sabotage" der Geheimen Staatspolizei an. Weinbaum wurde verhaftet, Heilfron gelang es, sich durch Flucht einem schweren Schicksal zu entziehen. Bezeichnend ist, daß das offiziöse Conti-Büro die Mitteilung über Entlassungen jüdischer Angestellter unter der Marke „Aushebung jüdischer Hetzzentralen" verbreitet Vier Monate Kerker, weil er ein Huhn geschlachtet hat Aus Leipzig: Das Leipziger Amtsgericht hat den jüdischen Privatlehrer Jacob Jakobowitz wegen Vergehens gegen § 1, Abs. 1, des Reichsgesetzes über das Schlachten von Tieren vom 21. April 1933 zu vier Monaten Gefängnis, seine Frau wegen Beihilfe zu fünfzig Mark Geldstrafe verurteilt. Jakobowitz war von der Polizei überrascht worden, als er mit seiner Frau Hühner schächtete. Das Gericht war der Meinung, daß ein außerordentlich grober Verstoß vorliege und ging deshalb weit über die Mindeststrafe hinaus. Juden, die den „Hajnt" lesen, in Hamborn verhaftet Aus Warschau: Wie die Polnische Telegraphen- Agentur mitteilt, hat die Polizei in Duisburg- Hamborn fünf polnische Juden, die die Warschauer jüdischer Tageszeitung „Hajnt" lasen, verhaftet, obwohl der „Hajnt" in Deutschland nicht verboten ist und öffentlich verkauft werden darf. Der polnische Konsul in Essen hat bei dem Regierungspräsidenten in Düsseldorf wegen dieser Verhaftungen interveniert. Juden dürfen in Deutschland nicht Jockeis oder Herrenreiter sein Aus Berlin: Das preußische Ministerium des Innern hat folgende Verfügung herausgegeben: „Ich ersuche, Nichtarier künftig nicht mehr als Jockeis oder Herrenreiter und nicht mehr als Fahrer oder Herrenfahrer zuzulassen. Dagegen sind nichtarische Besitzer von Rennpferden in keiner Weise zu beschränken. I. V. Grauert." Befürchtungen für die jüdische Fresse in Deutschland Aus Berlin: Da das neue Schriftleitergesetz, welches festsetzt, daß nur Personen arischer Abstammung das Amt eines Schriftleiters bekleiden dürfen, die Schriftleiter jüdischer Zeitungen nicht ausdrücklich von dieser Bestimmung ausnimmt, befürchtet man, daß das neue Gesetz zu einer Gefahr für die Existenz der jüdischen Zeitungen werden könnte. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, haben sich die Schriftleiter der jüdischen Zeitungen in Deutschland zu einer Organisation zusammengeschlossen und einen Ausschuß gewählt, der die Aufgabe übernommen hat, die maßgebenden Stellen der Regierung über die jüdische Presse aufzuklären und ein Amendement vorzuschlagen, demgemäß für jüdische Zeitungen, die doch nur jüdische Schriftleiter haben können, eine Ausnahme gemacht werden soll. Der Ausschuß besteht aus Dr. Robert Weltsch („Jüdische Rundschau"), Dr. Alfred Hirschberg (Zentral- Vereins-Zeitung) und Leo Kreindler („Israelitisches Familienblatt"). Aus der jüdischen Well Hakenkreuz über Kuba Aus Havanna: Im Zusammenhang mit der Revolution auf Kuba haben Bevölkerungsgruppen in Havanna Ueberf älle auf Juden gemacht, Hausdurchsuchungen in jüdischen Wohnungen veranstaltet und Juden unter der Beschuldigung, daß sie kommunistische Propaganda betreiben, verhaftet. Man glaubt, daß diese antisemitischen Ausschreitungen von in Kuba wohnenden deutschen Nationalsozialisten angestiftet worden sind. Die jüdische Bevölkerung befürchtet eine neue Welle des Antisemitismus in Havanna und in anderen Orten auf Kuba und beschloß, eine Abordnung an den neuen Präsidenten zu entsenden und ihn um Schutz zu bitten. Ein interessanter Prozeß gegen deutsche Antisemiten in Kairo Aus Kairo: Vor dem , „Gemischten Gericht" in Kairo findet am 16. Oktober ein Schadenersatzprozeß des jüdischen Bankiers Umberto Jabes gegen den dortigen Deutschen Verein statt. Der Kläger fordert vom Deutschen Verein einen Schadenersatz von 101 ägyptischen Pfund, weil er durch Veröffentlichung einer Schrift mit Statistiken Uber den Einfluß des Judentums jeden Juden geschädigt habe. Die Rechtsanwälte Leo Castro, Henri Torres und de Mora Giafferi stehen Jabes zur Seite, der als Vizepräsident der Weltliga zur Abwehr des Antisemitismus bekannt ist. Aus' Berlin wird hiezu gemeldet: Die Nationalsozialistische Korrespondenz äußert sich zu dem Prozeß in Kairo wie folgt: „Auch dem Laien in Rechtssachen ist es auf den ersten Blick klar, daß es bei dieser Klage nicht um eine Schadenersatzforderung geht, sondern um die Ausnutzung einer an den Haaren herbeigezogenen Gelegenheit, im Wege eines Rechtsstreites das gesamte Hetzmaterial gegen Deutschland noch einmal vorzubringen... Der Kampfplatz Kairo ist geschickt gewählt. Aegypten hat als einziges Land noch eine internationale Gerichtsbarkeit, die von auserwählten Richtern aller Natoinen im sogenannten „Gemischten Gericht" ausgeübt wird. Die öffentliche Meinung Aegyptens steht derart unter jüdischem und französischem Einfluß, daß sich ein günstigerer Boden für deutschfeindliche Propaganda nicht denken läßt." Jüdische Not in Griechenland Aus Saloniki: Der Niedergang der einst blühenden jüdischen Gemeinde von Saloniki zeigt sich darin, daß bei der anläßlich der hohen Feiertage vorgenommenen Registrierung der Personen, die aus Gemeindemitteln unterstützt werden müssen, von einer jüdischen Gesamtbevölkerung von 50.000 Seelen 35.000 in die Listen eingetragen werden mußten. Das Streben zur Auswanderung nach Palästina ist außerordentlich stark. Sobald neue Einwanderungszertifikate einlangen, kommt es im Palästina-Amt buchstäblich zu Kämpfen um diese. Ein Teil der Bevölkerung ist so verarmt, daß sein Standard dem von Zigeunern gleicht, Der bekannte Philanthrop Sir EU Cadoorle aus Schanghai hat in Frankreich, wo er sich jetzt aufhält, einen Bericht der Salonikier jüdischen Gemeinde über die dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse erhalten und beschlossen, der Gemeinde zu Hilfe zu kommen. Nur noch 1500 jüdische Flüchtlinge in England Aus London: In den „T i m e s" veröffentlicht der Vorsitzende des Hilfskomitees für die jüdischen Flüchtlinge, Otto Schiff, einen Artikel, aus dem hervorgeht, daß die Zahl der in England weilenden jüdischen Flüchtlinge von 2500 zur Zeit des Anfangs des neuen Regimes in Deutschland auf 1500 gesunken ist. Vielen Flüchtlingen wurde die Weiterreise nach Palästina und nach anderen überseeischen Ländern ermöglicht. Die Mehrzahl der im Lande Gebliebenen hat neue Unternehmungen und damit Arbeitsmöglichkeiten für englische Arbeiter und Angestellte geschaffen. Schiff tritt mit seiner Darstellung den in letzter Zeit in einem Teil der englischen Presse gegen die Flüchtlinge erhobenen Vorwürfen, daß sie eine wirtschaftliche Belastung für England darstellen, entgegen. Auch weist Schiff die gegen Flüchtlinge wegen ihrer politischen Gesinnung erhobenen Vorwürfe zurück und erklärt es als Grundsatz des Hilfskomitees, die Interessen Englands überall da voranzustellen, wo diese mit Interessen von Flüchtlingen in Konflikt geraten sollten. * Aus der Meldung geht hervor, daß zwischen Worten und Taten ein betrüblicher Unterschied besteht. Englische Minister, Politiker, Gelehrte und Priester haben in herzbewegenden Reden das Schicksal der jüdischen Opfer Hitler-Deutschlands beklagt. Was aber nicht hindert, daß man in England ein Häuflein dieser Opfer als unerträgliche Last empfindet und die englischen Juden zwingt, förmlich um Entschuldigung dafür zu bitten, daß diese Opfer noch auf der Welt sind. Der jüdische Führer der amerikanischen Sozialisten gestorben Aus New Yo r k: Am 8. Oktober starb hier Morris H i 11 q u 11, einer der prominentesten Führer .der amerikanischen Sozialisten, im Alter von 43 Jahren* Morris Hillquit war derjenige amerikanische sozialistische. Führer, der die Verbindung der amerikanischen Sozialisten mit der Zweiten Internationale aufrechterhielt und an allen Kongressen und Konferenzen der Internationale in Europa teilgenommen hat. Er war ein Kind russisch-jüdischer Einwanderer und kam mit seinen Eltern noch in ganz jungen Jahren nach den Vereinigten Staaten. Zuletzt weilte Hillquitt im Jahre 1931 in Europa, wo er an dem sozialistischen Weltkongreß in Wien teilnahm. Aus Holland In Amsterdam wurde unter dem Namen Machsike Hadas eine ostjüdische Synagogengemeinde gegründet. Ihr geistlicher Führer ist Rabbi S. Halpernu Die Gemeinde hat eine eigene Talmud Thora-Schule eröffnet und beabsichtigt, demnächst eine Beth-Jakob- Schule und eine Jeschiwa zu errichten. Bei der Neuwahl der Gemeindeältesten der Stadtgemeinde Amsterdam wurden zwei Juden, und zwar der Liberale Dr, I. H. J. V o s, Präsident der holländischen Alliance Israelite und der Radikale Dr. E. J. Abrahams zu Mitgliedern der Gemeindeleitung gewählt. Dr. Vos wird die Abteilung für öffentliches Gesundheitswesen, Dr. Abrahams die Abteilung , für Finanzen und Erziehungswesen leiten. Strenge Urteile gegen antisemitische Agitatoren Aus Warschau: Die polnischen Gerichte haben in den letzten Tagen scharfe Urteile über antisemitische Agitatoren gesprochen. So hat das Lodzer Gericht den Geistlichen Dogorinski zu einem Monat Gefängnis und 300 Zloty Geldbuße wegen Verbreitung antisemitischer Flugblätter verurteilt. Gustav Nowak und Josef Nowakowski wurden vom Plozker Gericht wegen Organisierung antijüdischer Unruhen im Dorfes Bodzanon zu fünf, respektive drei Jahren Gefängnis verurteilt. Demonstration gegen Hitler-Studenten in Jugoslawien Aus Belgrad: In Zagreb und in Sarajevo kam es aus Anlaß des Besuches hakenkreuzlerischer Studenten aus Deutschland zu hitler-feindachen Demonstrationen jugoslawischer Studenten. Dreißig Universitätshörer aus Leipzig unter Führung eines Professors, die im Braunhemd und hakenkreuzgeschmückt in das Studentenheim zu Zagreb einzogen, mußten das Helm sofort wieder räumen, da sich die jugoslawischen Studenten ein Zusammenleben mit diesen Gästen in stürmischer Form verbaten. Die Universitätsbehörden haben sich wegen dieser Demonstration gegen das heutige Deutschland beim deutschen Konsulat entschuldigt« In Sarajevo protestierten jüdische Hörer gegen einen Vortrag Wilhelm Gomels in der Volksuniversität, der das „neue Deutschland" bejahte. Die Kundgebungen setzten sich auf der Straße fort Nichtjüdische Hörer erklärten sich mit den Juden solidarisch. Neu erschienen! „Sclialeni" „Frage mich" Von hak Herzberg Lehrbuch der hebräischen Sprache, Konversation der notwendigsten hebräischen Worte, grammatikalische Uebungen und Wörterverzeichnis Beste Methode zum Selbstunterricht. Ueberau erhältlich Preis S 1.80. Verlag Josef Belf, Wien I, Rabensteig 3