Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 318 (11.10.1933)
- Date
- 1933-10-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 318 DIB NEUE WEtT fettet allem die Grundlage der Solidarität, die unter um durch Schicksal geschaffen und von uns gewollt ist, verleugnen würde, wenn er dieser Tendenz, ein Volk als minderwertig zurückdrängen, seine Berechtigung auerkennen wollte". Es ist also nicht so, als ob der Kongreß am Problem der deutschen Juden mit Stillschweigen vorübergegangen, und aus formalistischen Gründen J e d e Stellungnahme dazu abgelehnt hätte. Es gab im Gegenteil wiederholte Kundgebungen, welche die Unvereinbarkeit des Geschehenen mit unseren Kongreßgrundsäteen aussprachen. Aber es gab keine Kundgebung, welche dem Problem den angemessenen, klaren und starken Ausdruck gegeben hätte. Und es gab vor allem keine einheitliche Kundgebung und Meinung in dieser Richtung auf dem Kongreß. Und darum muß man sagen, daß der Kongreß der nationalen Minderheiten die Aufgabe, die ihm dieses Jahr gestellt war, nicht bewältigt hat. Wir müssen aber auch offen zugeben, daß der Eindruck, welchen dieser Kongreß in der Welt gemacht hat, keineswegs der eines von uns Juden errungenen Erfolges gewesen ist. Wir sind von diesem Kongreß weggegangen, und die anderen sind geblieben. Nicht diejenigen sind isoliert geblieben, welche die Grundsätze dss Kongresses verleugneten, sondern die Juden; die Minderheit, die bei diesem Kongreß moralische Solidarität und Hilfe gesucht hat. So ist zumindest der Eindruck, den die Berichte geben. Daß ein solcher Eindruck entstand, ist eine Niederlage; nicht nur für uns; auch für die, welche die gleichen Grundsätze verteidigen. Daß ein solcher Eindruck entstehen konnte, ist, wie ich rüokhaltlos zugeben muß, nicht eine Folge unserer wirklichen Isoliertheit, sondern unserer unrichtigen Taktik, mit der wir uns selbst in diese Isolierung, die keineswegs unseren Beziehungen zu den neutralen Gruppen entsprach, hineinmanövriert haben. Ich bin der Ansicht, und ich habe diese Ansicht auch ausgesprochen, daß man einen Kampf, wie wir Vertreter des jüdischen Volkes ihn zu führen haben, nicht führen kann durch Wegbleiben, durch Unterlassung und Passivität, sondern dadurch, daß man den Kampf annimmt, ihn auf öffentlicher internationaler Tribüne annimmt und dort vor der öffentlichen Meinung der Welt ausficht. Durch offene Aussprache, durch rückhaltloses Aufrollen des ganzen jüdischen Problems, durch grundsätzliche Behandlung des jüdischen Schicksals. Ich bin insbesondere aber der Ansicht, daß es nicht richtig war, wenn man nicht die Frage unserer Teilnahme am Kongreß grundsätzlich verneinte, was wenigstens konsequent gewesen wäre, Unsere Verhandlungen durch Bedingungen, insbesondere solche ultimativer Form, zu belasten und eine Verständigung mit unseren Freunden an von uns gefundenen Formulierungen scheitern zu lassen. Und ich glaube überhaupt nicht, daß es richtig war, das Hauptgewicht auf Formulierungen zu legen statt auf den übereinstimmenden. Ausdruck eiper großen und gemeinsamen Gesinnung. Es waren durchaus alle Voraussetzungen vorhanden, um mit all den neutralen Gruppen, die volles Verständnis für unsere Lage hatten, und die von uns nur verlangten, daß wir ihnen die Möglichkeit geben, im Rahmen der Tradition und, Verf.asgung" 4 es Kongresses zu bleiben, zu einer vollen Uebereinstimmung und zu einem Ausdruck der Solidarität zu kommen, Unser Fernbleiben vom Kongreß war nicht nur ein Fehlerunsgegenüber, sondern vielleicht sogar ein Imstichelassen gegenüber den uns nahestehenden Gruppen und vielleicht auch gegenüber den einzelnen Menschen auf diesem Kongreß, die, Wie wir, einen Anspruch darauf haben, daß wir mit ihnen stehen und mit ihnen gemeinsam die Verteidigung Unserer gemeinsamen Ideale führen. Alle diejenigen, die sich darüber freuen, daß der Kongreß durch das Weggehen der jüdischen Gruppen Und sein dadurch dokumentiertes Versagen an moralischem Ansehen eingebüßt hat, sollten nicht vergessen, daß es auf diesem Kongreß eine Reihe kleiner Minderheiten gibt, für die ein solcher Zusammenschluß eine Lebensnotwendigkeit ist. Und wir Juden, die doch erst vor kurzem als gleichberechtigtes Volk in die Qesellschaftc der Völker aufgenommen worden sind, und die den Kampf um die Verwirklichung dieser Gleichberechtigung führen müssen, für uns ist eine intern at i o n a 1 e Tribüne, wo wir von Volk zu Volk beraten und handeln eine Lebens* notwendigkeit. Ich stelle nicht in Abrede, daß eine Zusammenarbeit in der jetzigen Form nicht mehr möglich war. Wahrscheinlich wären wir auch weggegangen, wenn wir, wie ich es gewollt hatte, erst auf den Kongreß gegangen und ihn als öffentliche Tribüne benützt hätten. Wir wären aber untec anderen Umständen weggegangen und es hätte sich vielleicht der Ansatz einer Erneuerung des Kongresses ergeben, welche die bisherigen Mängel vermieden hätte. Ich weiß nicht, ob in den Reihen der deutschen Delegierten reine Freude und Uebereinstimmung über die von ihnen verfolgte Taktik vorhanden ist. Da keine der von ihnen abgegebenen Erklärungen öffentlich Wider»- apruch aus den eigenen Reihen fand, habe ich kein Recht dazu, das zu untersuchen. Aber ich will hier aussprechen, daß unser Weggehen von dem Kongreß keine ipnerliche Trennung von unseren Freunden, die ihre Solidarität mit uns bekundet haben, bedeuten kann. Unsere internationale, schicksalmüßige Verbundenheit erlaubt uns keine dauernde Isolierung-, Ueber uns und über allen Menschen und Gruppen, die an dem Glauben festhalten, daß die Welt aufgebaut sein soll auf der Achtung vor den mit >d*»m Menschen geborenen Rechten, auf der Achtung vor jedem Volk, steht heute in furchtbarem Ernst ein Schicksal, das uns keinen Raum läßt für eine Politik der Isolierung, die zu einer Politik der Abhängigkeiten werden muß. Kinderloses Ehepaar (gut bürgerlicher Haushalt) in Tel-Awiw (Palästina) will jüdisches Mädchen, bis 25 Jahre alt, welches zu, jeder häuslichen Arbeit bereit ist als Haus« tochter zu sich nehmen. Offerte unter „Haustochter" an die Verwaltung des Blattes. THEA t iR mm ti DIR O M | IEN I, ANNAGASSE 8 PLEPHON R*JU-202 KED 20'15 Uhr 20-15 Uhr Ab heute, Freitag, den 13, Oktober 1933 LACHEN WIEDER MODERN Armin Berg / Sandor Rott / Armin Springer Klara Karry Uni Halitchuh Verlauf und Ende einer üblen Geschichte Es war ein großes Verdienst der ,,Judenstaatspartei", daß sie durch eine Interpellation auf dem ZioniStenkongrgß das berüchtigte Trans fer-Abkommen mit Hitler-Deutschland unmöglich gemacht hat. Jetzt bringt der Warschauer „Hajnt" einen londoner Brief, der sich mit der intimen Gesohichte dieses Transfer-Abkommens (Uebertragung jüdischer Vermögensteile aus Deutschland nach Palastina auf Basis eines Kompensationsgeschäftes) beschäftigt. Per Brief führt aus, daß noch vor Etablierung des Hitler*Regimes der Direktor der palästinensischen Pflanzungsgesellsohaft „Hanoteah", Samuel Cohen, Verhandlungen mit dem deutschen Wirtschaftsministerium geführt habe, dahingehend, denjenigen Juden, die Orangenpflanzungen in Palästina anlegen wollen, zur Ausfuhr des entsprechenden Vermögenanteils aus Deutschland zu verhelfen, per nationalsozialistische Umsturz machte diesen Bemühungen nur scheinbar ein Ende. Samuel Cohen Konnte nämlich in Berlin konstatieren, daß auch das Hitler-Regime dem Grundsatz „Geschäft ist Geschäft" huldige. Nach langen Bemühungen gelang es ihm, ein Abkommen mit dem Wirtschaftsminister Dr. Schmitt sozusagen unter vier Augen zu schließen. Bisher handelte es sieh um eine private Angelegenheit. Per Londoner Brie* des „Hajnf fährt nach dieser Einleitung fort: . „Von diesem . privaten Abkommen hatten »Per „Japhin", die pflanzungsgesellsohaft der sozialistischen Histadruth, und der Führer derPoaleZion in Deutschland, Herr Dr. Landauer, erfahren. Halt, sagten sie, eine private Gesellschaft solj ein derartiges Geschäft ohne irgend eine Kontrolle machen? Die Führer des „Jachin" und 4ie Führer 4er Histadruth sind dann «ur zionistischen Exekutive gelaufen und haben von ihr verfangt, sie möge hier eingreifen, d, b , da^uschauen, daß das A b k o w men zu einem „nationalen" umgestaltet werde — und nicht ein privates bleibe. Damals telegraphierte der verstorbene Dr, Arlosoroff an Samuel Cohen nach London die Forderung, das Abkommen einem „nationalen" Organ in die Hände zu geben- Die deutschen Zionisten einerseits, die Exekutive andererseits, ferner eine Reihe interessierter Körperschaften Palästinas mit dem „Jachin" an der Spitze, übten einen Druck auf die „Hanoteah" aus, sie möge den Gesohäftsvertrag der Anglo-Palestine Banque Bank der Zionistischen Organisation — übergeben. Das Mitglied der Jewish Ageney Pr. Werner Senator beteiligte sich an den Verhandlungen, die in Berlin geführt wurden. Per Arbeiterführer Herr Bert Locker, der auf dem Kongreß in Prag kühn erklärte, da,ß die zionistische Exekutive in keiner Verbindung zu dem Abkommen stehe, hat in einem Brief die „nationale" Tat begrüßt- Herr Hofien, der Direktor der Anglo-Palestine Banque, hat nur die Aufträge der „maßgebenden Faktoren" Palästinas ausgeführt, wenn er das Abkommen unterschrieben hat, Er hat tatsächlich bloß als Vertrauensmann jener Teile des Jischuws gehandelt, weiche dem hohlen Sen&cher einen „nationalen" Stempel aufdrücken wollten. Damit erklärt sich die Gegnerschaft der Arbeiterführer Bert Katzenelson und Ben. Gurion zu der Interpellation Meir Großmanns bezüglich des Abkommen« auf dem Prager Kongreß. Sie wollten jeder Diskussion über eine Sache entgehen, mit der sie eng verbunden tyaren und awei Pinge vermeiden: Zunächst die Bekanntgabe der Tatsache, daß Mitglieder der zionistischen Leitung (Dr. Arlosoroff, Pr. Senator und Locker) von diesem Abkommen gewußt haben, und zweitens das Scheitern des Abkömmens, das dem „Jachin" und den anderen Hlstadruth-Unternehmungen ein fettes Geschäft entzogen hätte. Hinter den Kulissen des Kongresses, in den Kommissionen und Fraktionen, haben sich schwere Szenen abgespielt. Herr Hofien war gezwungen, die ganze Wahr* beit zu erzählen. Herr Samuel Cohen hat bloß Tatsachen wiedergegeben und darauf hingewiesen, daß man ihn förmlich gezwungen habe, den Geschäftsvertrag der Anglo-Palestine Banque zu übergeben, Ein Teil der Arbeiterdelegierten, insbesondere Herr Jarblum, der su der H. Internationale enge Beziehung hat, beklagte sich bitter, daß man seine Stellung unmöglich gemacht habe. Was wird er Renaudel oder Vandervelde (Führer der II. Internationale) antworten können? Die Arbeiterführer, Linkspolitiker, und Praktiker aber blieben Stahl und Eisen; Pas „Abkommen ist eine gute, nationale, patriotische Tat", Wie sehr man ihnen auch zu bedenken gab, daß dieser Schacher mit Hitler ein wjitekaBdfti sei« daß nationale intereewa Heise iVer- | misehung mit diesem üblen Geschäft vertragen .-r ea half nichts, Unter denen, die das „Abkommen" bekämpften, gab es zwei Richtungen, Einige waren der Ansicht, daß man nichts mit Deutschland zu tun haben, keinerlei Waren von dort' beziehen dürfe, Man dürfe nicht sozusagen eine Bresche schlagen, sogar wenn es »ich um die Rettung deutsch-jüdischen Vermögens handle. Andere, die Mehrheit, erklärten, es sei die Pflicht jedes deutschen Juden und jedes deutschen Zionisten, Alles m tun, um sein Vermögen, insbesondere nach Palästina, herauszubringen. Es sei auch keine Sünde, wehn ihnen Juden oder private jüdische Gruppen darin helfen, Aber jüdische nationale Körperschaften, insbesondere solche, die mit jüdischer Politik verbunden sind, dürfen an solch ein Geschäft nicht rühren, weil sie die Boykottfront brechen, die hakenkreuzlerisehe Barbarei legalisieren und der Korruption Platz machen. . , - ' Wie dem immer sei — da die Angelegenheit durch die Interpellation der Judenstaatspartei in die Oeffentlichkeit gebracht würde undeine geballte Stimmung" in der zionistischen und in der allgemein-jüdischen öffentlichen Meinung entstand, beschloß die Anglo-Palestine Banque, sich Von dem Geschäft Zurückzuziehen. Es scheint, daß auch die Führer der Arbeiterpartei eingesehen haben, ihre Stellungnahme auf dem Kongreß sei eine falsche gewesen, und daß sie auf der ganzen Front den Rückzug antreten. Die ftlordaffäre Arlosoroff Aus Jerusalem wird, uns geschrieben: Nun sind seit der Ermordung Arlosoroffs und Seit der Verhaftung der beiden Beschuldigten Abraham Stavsky und Zwi Rosenblatt mehr als 15 Wochen vergangen und noch immer ist die Untersuchungsbehörde ihrem Ziel, konkrete Schuldbeweise zu erbringen, nicht nähergekommen. Zeugen auf Zeugen marschierten auf, Sachverständige wurden herangezogen, Versuche wurden gemacht, auf Umwegen Bewei3material zu erlangen «rnichts half. Aber das ist bloß die kriminalistische Seite der Angelegenheit. Paneben konnte man, wie Ihren Lesern bereits bekannt ist, noch eine zweite, eine moralisch-politische, beobachten. Die Stimmungsmache der Linken im allgemeinen und der Histadruth*Führer im besonderen hat sich bekanntlich bis zu einzelnen Gewaltakten und bis zu Denunziationen verdichtet. Denn die Bemühungen der englisch-arabischen Polizei, einen ganzen Kreis palästinensischer Zionisten für die Mordtat verantwortlich zu machen, und zwar gerade in einem Augenblick, da die Untersuchung an einem toten Punkt angelangt war, haben seinerzeit zu der Razzia auf jugendliche Revisionisten geführt, die man der Geheimbündelei und der Vorbereitung von Terroraktionen anklagte. Zwar mußte die Anklage gegen die nleisten Mitglieder des sogenannten „Brith Habirjonim", einer angeblich „revolutionären" Organisation, fallengelassen werden, aber der Begriff „Razzia"; der mit der Untersuchung gegen die nichtmarxistisohen Zionisten verknüpft worden war, hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack. Wie intensiv auch die Hetzpropaganda gegen die politischen Gegner der klassenkämpferischen Histadruth und die Verdächtigung Stavskys, Rosenblatts und einzelner Zeugen getrieben worden sein mag — bisher konnte sich die Behörde nicht entschließen, eine Mordanklage zu erheben, Obwohl das . Land in voller Tätigkeit steht, die tägliche Einwanderung alles in Anspruch nimmt, zittert die Erregung in der Affäre Arlosoroff noch immer nach. In den nächsten Tagen werden die Verhöre fortgesetzt. Die Untersuchungsorgane haben im ganzen und großen der Verfemungskampagne gegen die patriotischen Zionisten standgehalten. Nichtsdestoweniger ist man darauf gefaßt, daß die arabisch-englische Polizei um jeden Preis zu einem positiven Kern, zu einem „Substrat" kommen will, um sich nicht vor der öffentlichen Meinung zu blamieren. Sollte es zu. einer Mordanklage gegen Stavsky und Rosenblatt und zu einem Urteil kommen, so dürfte dieses ERFOLGREICH/TER KLAVIERUNTERRICHT Speziallstin für Unbegabte, Schwee lernende 5 \— Uebunosflcieflenhclt" Nach bester, modernster Methode /?/« Hehn, Wien II, Obere Dondustraße 79/35