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Die neue Welt · 1933-10-04 · Heft 317 (4.10.1933) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 317 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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I 1 Nr. 317 DIE NEUE WELT Seite 7 Bücher und Jahrbücher Schon die Ankündigung eines „neuen Herzl-Buches" kann jeden mit der zionistischen Geschichte vertrauten Menschen mit Skepsis erfüllen. Zeigten doch die letzten Publikationen um Theodor Herzl mehr oder weniger eine Paraphrase seiner Tagebücher, wobei die Art der Betrachtungsweise nur vom Talent der Autoren abhing. Die neue Herzl-Schrift des um die Herzl-Forschung bemühten Dr. Tulo Nussenblatt verlangt glücklicherweise eine wesentlich andere — um es vorwegzunehmen — positive Einstellung. Die Schrift betitelt sich „Ein Volk unterwegs zum Frieden" (Reinhold-Verlag, Wien, 1933) Sie zeichnet den vorherzischen Antisemitismus vor allem in seinen politischen Spiegelungen und in sich zugleich die Kräfte der Abwehr, wobei gleichzeitig Herzls Wandlungen in bezug auf die antisemitischen Strömungen seiner Zelt, Ihre Wirkungen und Abwehrmaßnahmen gezeichnet werden. Was den zionistischen Leser an Tulo Nussenblatts neuem Herzl-Werk vor allem interessiert, fesselt und in Spannung versetzt, ist der durch den Briefwechsel mit dem Ehepaar Suttner bezeugte Beweis von Herzls großartiger Konzeption schon in der Frühreife seines nationaljüdischen Denkens und nicht minder der Beweis für sein außerordentlich hohes Menschentum, das sich im Alltäglichsten wie im Erhabensten bewährte. Züge intimer Lebens- und Gedankenführung, Fürsorglichkeit im Kleinen als Keim für das Größte, der Blick auf ein Stäubchen als Mosaik für das sich kristallisierende Lebenswerk — all das kann der Leser des „Volk unterwegs zum Frieden' im leichten Zeilenflug erspüren. Die im Buch erstmalig veröffentlichten Briefe und Archivdokumente beziehen sich auf das Wirken von Theodor Herzl, Berta und Arthur Baron von Suttner, Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi, Kanonikus Rohling und andere Zeitgenossen. Von besonderem Reiz und von besonderem Interesse ist die Feststellung, daß Herzls zionistische Ideen und Aspirationen sich harmonisch in die vom Ehepaar Suttner inaugurierte Friedensbewegung einordnen lassen und somit auch die absolut sittliche Kraft der zionistischen Lösung der Judenfrage bezeugen. Tulo Nussenblatt baut in seiner Schrift Brücken von einem Materialstück zum anderen. Mit viel Takt, Ernst, Verantwortungsgefühl und mit Respekt vor all den Dingen, denen er auf seinem Studienweg begegnet ist, legt Nussenblatt die Ergebnisse dieses Studienweges hin. Er macht nicht viel Aufhebens mit der wissenschaftlichen Mühe, die an das Werk geknüpft ist. Und er schlägt bei allem Verständnis für die Bedeutung der Zusammenhänge den Grundakkord Zionismus und Friedensgedanke nur mit zarter Hand an. Schon dieser Zurückhaltung allein gebührt wohlwollendes Verständnis. Sein Buch ist — zumal in der Epoche grellster Judennot — eine Tat. Es gibt ihm die Berechtigung, weiterhin der Herzl-Forschung grundlegende Bausteine beizustellen. * Im Vorjahr bereiste ein Propagandist des Moskauer Bolschewismus die Städte Mitteleuropas, um hier der jüdischen Jugend den „Untergang des Judentums" als in der Entwicklungsgeschichte der Völker begründet zu predigen. Wären er und seine Hintermänner gar so sehr von ihrer These, ja Prophetie überzeugt, so könnten sie sich wohl ihre Berg- und Talpredigt ersparen. Aber sie wollen — so lassen sie durchschimmern — das Ende des jüdischen Leides beschleunigen, das Tempo der Lösung der Judenfrage angeben. Otto Heller, ein jüdischer Kommunist, legte seine „Aufklärungsreden" in einer Schrift „Untergang des Judentums" nieder und war versessen darauf, den Erfolg, der ihm auf seiner Vortragstournee versagt blieb, durch seine Schrift zu erzwingen. Er hat sich die These, den Ausfluß der materialistischen Geschichtsauffassung, zurechtgelegt, daß das jüdische Volk nach dem Untergang seines Staates nur als Produkt einer ökonomischen Notwendigkeit bestehen konnte, als Kaste, die mit der Erledigung eben dieser ökonomischen Funlt&ton untergehen müsse und darum — Moskau, lächlel je früher, desto besser. Mit dieser These jongliert Heller wie einer, der ^TREFFER-ANLEIHE wm i flu rlh HiiLLinL «Ä^ Zur beitsbeschaffung Die österreichische he 4% Verzinsung Goldwert-Sicherung Steuer-und Erbgebührenfreiheit Verwendbarkeit altösterreichischer Renten zur Einzahlung Jährlicher Haupttreffer: Eine Million Schilling und 2200 Treffer von 500 bis 200.000 Schilling Zeichnungsfrist: 2. bis 21. Oktober 1933 Jüdische Kunsisfeiie II., Aspernbrückengasse &. — Tel. R-48-2-91. — Büro: 9 bis 19 Uhr. Deutsches Volkstheater. „Soldaten." „Sextett." „Dinner ät eight" (Moissi). (Ab 10. Oktober.) Kammersplele. „Wiener Illustrierte." (Täglich.) Komödie. „Das Fräulein von Scuderi." „Zehn Minuten Alibi." Scala. „Eine Frau, die weiß, was sie will." (Täglich.) Großer Konzerthaussaal. Milstein Nathan. (11. Oktober.) — Horowitz Wladimir. (20. Oktober.) Großer Musikvereinssaal. Josef Schmidt. (28. Oktober.) Großer Konzerthaussaal. Bronislaw Huberman. (6. November.) Führungen: Kunsthistorisches Museum (Dr. O. Rosenfeld). — Liechtenstein-Galerie (akadem. Bildhauer F. Weiß). — Moderne Galerie (akadem. Bildhauer F. Weiß). — Albertina (Doktor O. Rosenfeld). NÄCHSTE PALÄSTINA R EISE Mit dem Lloyd - Dampfer „Tevere", Abfahrt von Wien 80* Oktober 1933 Preis von 8 395 aufwärts Arrangement undRelseleltung Frau Berta Tou,b«s - Auskünfte: Reisebüro MerienbrUcke(Pal&etinadienst), Wien I, RetenturmatraSe 26, Tel. R-24-2-86, tiglloh von 10 bla 1 Uhr seiner Sache sicher ist. Man weiß wahrlich nicht, wovor man mehr staunen soll: vor der Ignoranz, die die einfachsten Dinge nicht sieht, oder vor der Arroganz, die der exakten Wissenschaft Fausthiebe versetzen will, oder schließlich vor dem Haß gegenüber der eigenen intellektuellen und wahrscheinlich auch morphologischen Minderwertigkeit. Otto Heller bei seinen eigenen Hörern zu packen, mußte wohl einen jungen, temperamentvollen, zur Publizistik hinneigenden Menschen reizen; einen Menschen, der dem negativ verschrobenen Weltbild, das schließlich die Assimilation des Juden als des Marxismus letzten Weisheitsschluß ausgibt, ein positives Bekenntnis gegenüberstellt, ohne es an polemischer Festigkeit fehlen zu lassen. Ein junger Wiener Zionist, Eli Strauß, schrieb eine Erwiderung auf Hellers „Untergang des Judentums" unter dem Titel „Geht das Judentum unter?" (Verlag Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich 1933). Wenn wir feststellen, daß Strauß Hellers These von einer jüdischen, dem Untergang geweihten, das ganze Volk umreißenden Händlerkaste an der Wurzel packt, um die These durch geschichtliche, völkerpsychologische und metaphysische Linien zu widerlegen, so geben wir bloß die äußersten Umrisse der polemischen Schrift wieder. EU Strauß vermied die Gefahr, ob der streckenweise dummdreisten Verirrungen Hellers die Nerven zu verlieren. Seine Entgegnung bleibt in allen Teilen ernst, sachlich, stoffbegrenzt. Sie ist durchwirkt von der Geschichte der jüdischen Nation, verzeichnet die entsprechenden Gegenströmungen und legt schließlich durch die Aufrollung der Frage: Biro-Bidschan ader Palästina^ den Schlußstein zu seinem kritischen Gebilde. Gerade dort, wo sie die Hellerschen Argumente gegen die zionistische Ideologie ad absurdum führt, ist die Schrift als zionistische Propagandaschrift wertvoll. Sie dürfte in keiner zionistischen Bibliothek fehlen. * Der Almanach des Schocken-Verlags auf das Jahr 5694 (1933/34), Berlin, spiegelt den Zauber eines jüdischen geistigen Lebens in Deutschland vor. Das umfangreiche Inhaltsverzeichnis allein schon bezeugt die labile Haltung der deutschen Judenheit in bezug auf die Judenfrage in ihrem weitesten — auch seelischen und traditionellen — Umfang. Die Beiträge von Martin Buber; und Franz Rosenzweig, von Dr. Leo Baeck und Alfred Mombert geben auch etwas vom ästhetischen Lebensraum des aus der Ewigkeit in die Zeit verschlagenen Juden'. „Schön" sind Beer-Hof manns Prolog-Entwurf zu „Der junge David", ein Essai-Stück von Franz Kafka, S. J. Agnons „Erzählung vom Kopftuch" (aus dem Hebräischen) und der Brief A. D. Gordons „Ein Gruß von der Mutter" — ein wundervolles Stück palästinensischer Erde. Eine Ueberraschung bilden in diesem Zusammenhang Zahlen aus dem neuen Palästina, die das Werden des jüdischen Nationalheims veranschaulichen. ro. An dei* Wassern Babels Zu behaupten, daß es im Gemäuer des österreichischen Penklubs riesle, kann wohl nicht als Uebertreibung angesehen werden. Als in den Hündstagen des heurigen Jahres in Ragusa (Dubrovnik, SHS.) die Pen- Leute aus allen Ländern zusammenkamen, auch aus Deutschland, und sich zwangsläufig die Forderung herauskristallisierte, dem pogromistischen Hakenkreuz- Deutschland die ihm gebührende Verachtung auszudrücken, da saß der Präsident des österreichischen Penklubs Felix Saiten wie weiland Belsazar stumm im Saal; aber er hatte — im Gegensatz zu seinem babylonischen König — den Mut, die Feigheit als der Tugenden schönste zu proklamieren, indem er erklärte, daß man sich in die inneren Verhältnisse Deutschlands nicht einmischen dürfe. Der Mann, der seinerzeit, gelegentlich einer Herzl-Feier, sich rühmte, nicht unser Gesinnungsgenosse zu sein, gab in Ragusa zu verstehen, daß er Goerings, Fricks, Göbbels' etc. Gesinnung in bezug auf die nationale Erhebung teile; kurzum er fühlte sich in Ragusa hitlerfähig. Der Israelit Saiten hatte dort brave Kameraden. Als. aber der Herbst kam, lichteten sich die Wälder: die echten Nazis fielen wie Blätter vom Baum, Ihnen war die Gesinnungsechtheit Saltens nicht koscher genug. Auch die internationale Vereinigung der Geister, der Poeten, Essaysten, Novellisten hatte ihre Judenfrage. Plötzlich hieß es, ein echter deutscher Mann habe im jüdischen Penklub nichts zu suchen, und allein blieb Felix Saiten mit ein paar Kollegen, die ebenfalls nicht unsere (zionistische) Gesinnungsgenossen sind. Die Assimilation half nichts. Alle Mühe, alle Anbierungskunst, Vermischungstaktik war vertan. Saiten erklärte seinerzeit, er sei nicht unser Gesinnungsgenosse. Die arischen Penklubmitglieder sagen ihm, er sei nicht ihr Gesinnungsgenosse. Kleiner Felix Saiten, was nun? Felix Saiten, der Liebling der klein- und großbürgerlichen Sonntagsfeuilletonleser, ist freiwillig aus der jüdischen Schicksalsgemeinschaft emigriert. Es gibt aber auch Zwangsemigranten. Daß sie die gesittete Welt gegen die beutigen Machthaber Deutschlands zu mobilisieren versuchen, dafür muß man ihnen dankbar sein. Daß aber die jüdischen Emigranten da und dort in den Emigrantenblättern die deutsche Kulturehre hüten wollen, freut uns weniger. Herrn Leopold Schwarzschiida üi Paris erscheinende Zeitschrift „Das neue Tagebuch

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