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Die neue Welt · 1933-10-04 · Heft 317 (4.10.1933) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 317 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 317 I Palästina - Gesellschafftsreise 24, Oktober bis 13, November 1933 Reichhaltiges Reiseprogramm. Haifa-Besuch während der feierlichen Hafeneröffnung Außerordentlich billige Preise Auskünfte und Anmeldungen in der Reiteu. Verkehrs-Gesellschaft, Wien l9 Rotenturmstraße 20 (I, Fleischmarkt 1), Tel. R-24-5-25 (Palästina-Abteilung) kämpft tapfer gegen den neudeutschen Vandalismus, für die Gaben der Menschenrechte. Aber daß der Jude Schwarzschild seine Zeitschrift „das große Organ des deutschen Geistes" nennt, mindert seine edlen Bemühungen. Wie denn überhaupt das Verhältnis der Juden zum Mehrheitsvolk verwirrend dargestellt wird. Gestern noch Großsiegelbewahrer deutschen Schrifttums, fern von allem, was wir nationale Juden die Judenfrage nennen, fangen die jüdischen Emigrantenliteraten an, sich über das Schicksal der Juden unsere Köpfe zu zerbrechen. Schön war das vorhitleristische Deutschland! Man lebte hundertprozentig in deutschem Kulturbereich, produzierte und konsumierte deutschen Geist und wartete darauf, daß der sozialistische Gedanke alle Welt erlösen werde. Judenfrage? Ein Spiel für Rückständige, für Ghettomenschen, für Unemanzipierte! Und plötzlich? Plötzlich verläßt der bekannte Berliner Romanschriftsteller Alfred Döblin den Alexanderplatz und wendet sich der Judenfrage zu, natürlich in einer der zahlreichen Emigrantenzeitschriften. Sie heißt „Die Sammlung" . und erscheint in Amsterdam. Alfred Döblin entdeckt, fern von Berlin und dessen Aufklärungsliteraturtum, die Judenfrage und gibt Lösungsrezepte. Was er über die Assimilation sagt, ist im wesentlichen richtig. Er führt aus, daß es zwei Gewalten gab, die dem Uebergang und Untergang (Eingliederung der Juden in die Umwelt und Entseelung) Einhalt geboten haben. Sie sind auf das stärkste auch heute wirksam: eine negative und eine positive Gewalt. Die negative Gewalt ist der Antisemitismus. Der Antisemitismus ist der eine Faktor,, der den Untergang des Judentums hintangehalten hat. . Nun kommt Döblin zum zweiten Faktor.. „Der positive Rückstoß war schwächer als der negative, er war eine Rückbewegung . . ." Und jetzt beginnt Döblin auch etwas über den — Zionismus zu sagen. „Der Zionismus ist eine echt westliche jüdische Abwehrbewegung und gehört seiner Entstehung nach zur ersten negativen Gruppe, der Antisemitismus hat ihn erzeugt.!' Herr Döblin, dem es im zivilen und dichterischen Bezirk gewiß nicht an psychologischen Einsichten fehlt, versagt hier als langjähriger Zivüisationsliterat. Ihm ist weder von der ewigen Zionssehnsucht noch von der aktuellen Zionsliebe (Chowewe Zion) etwas bekannt. Allmählichwird er in.seiner Betrachtung wärmer: „Aber im weiteren Verlauf hat auch er (der Zionismus^) viele positive Strömungen in sich aufgenommen, und; wenn er lebendig ist und sein wird, so allein durch die Ihm von außen zufließenden Bewegungen auf jüdische Erneuerung." -". Herr Döblin hat in Deutschland gelebt und gewirkt. Scheinbar hat der schwächliche deutsche Zionismus ihn zu; solcher Anschauung verführt. Herr Döblin macht aber auch praktische Vorschläge. Das große Aufbauwerk in Palästina ist ihm fremd. Er kennt nicht die zionistischen Aspirationen kultureller, ethischer, ökonomischer, sozialer Art. Er weiß nichts vom neuen jüdischen Menschen. Er weil?! auch nicht, daß Zionismus Wiederaufrichtung Zionsi bedeutet und nicht etwa Uebersiedlung in ein anderes Land oder Züchtung von Emigrationsliteraten. Und weil er nichts davon weiß, plappert er folgendermaßen: „Nachdem der Kampfruf auf Minoritätenrecht erhoben, und hier Erfolge erzielt sind, wird ein erster allgemein-jüdischer politischer Gewinn zu buchen sein. Eine stärkere Konsolidierung der jüdischen Lage ist erfolgt. Die Konsolidierung kann sich nicht beschränken auf den zufälligen heutigen Sitz jüdischer Menschen. Es muß eine allgemeine Rückbewegung zur Massensiedlung erfolgen, ein Zurückziehen der jüdischen Ausläufer, soweit es geht, aus den westlichen Staaten. Es kann nicht bei der zionistischen Siedlung bleiben. Es muß — besonders angesichts der neuen politischen Spannungen in der ganzen Welt, wobei die Juden einen unnatürlich schweren Stand haben — zu bald erstehenden, rasch das Gros der gesamten Judenheit aufnehmenden Massensiedlungen kommen. Hiefür stehen nur außereuropäische, schwach bewohnte Länder zur Verfügung . . . Peru, Australien bieten Raum.1' Welche Verirrung und Verwirrung! So spricht ein M Alleinstehende II intelligente jüngere Witwe ^■^B mit Kind in größter Notlagt ■■bittet um irgendeine Stelle oder Mögliehkeit für Schaffung einer Exieten*. Zu* S Schriften an Malvine Weiß, Wien, hwptpoetlagernd Schriftsteller, ein Arzt, ein Soziologe, ein Jude über die Lösung der Judenfrage — 35 Jahre nach Entstehung des politischen Zionismus, inmitten der mächtigen zionistischen Aufbauperiöde. Dem jüdischen Literaten- und Assimilantentum ist nicht zu helfen. Es muß absterben und einem neuen Geschlecht Platz machen. Inzwischen sitzt es an den Wassern Babels und weint der Zeit nach, wo es sogar vom Diskutieren über die Judenfrage verschont geblieben ist . . . o. r. -- Das Hilfswerk für deutsche Juden in Palästina Aus Jerusalem: Die Hilfsarbeit für die deutschen Juden, die in jedem Monat zu Tausenden als Touristen, Einwanderer und Flüchtlinge nach Palästina kommen, wird mit größter Intensität durchgeführt. In Te 1-Awiw, Haifa und Jerusalem wurden Heime errichtet, die von den lokalen Organisationen und den Hilfskomitees subventioniert werden und billige Unterkunft und Verköstigung bieten. In Jerusalem haben die Bnei Briss ein Einwandererhcspiz errichtet, in dem Neueinwanderer bis zu vier Wochen wohnen können. Der Preis eines Nachtlagers beträgt 12% Cent. An den Kosten der Erhaltung des Hospizes beteiligt sich auch der Verband der Juden aus Deutschland. Die Ortsgruppe Tel-Awiw des Verbandes der Juden aus Deutschland richtet in einem Aufruf an die Familien von Tel- Awiw die Bitte, Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Eine Reihe von Kolonien hat sich schon bereit erklärt, Kinder unterzubringen; nunmehr soll auch unter der städtischen Bevölkerung eine großzügige Kampagne zur Beteiligung an diesem humanitären Werk durchgeführt werden. Es sind Beihilfen für solche Familien vorgesehen, die die Kosten für den Unterhalt der Kinder aus Deutschland nicht aus Eigenem zu tragen vermögen. Der Verband hat es als seine erste Aufgabe erklärt, für die Kinder jener Juden aus Deutschland zu sorgen, die sich bisher noch nicht definitiv in Palästina niederlassen konnten. Die Erstarkung des Antisemitismus Ein Gespräch mit Dr. Osias Thon Von Jakob Josefsberg Die Erstarkung der antisemitischen Bewegung in Polen, insbesondere in den Gebieten, die früher zu Deutschland gehört haben, wie Oberschlesien, Posen und Pomerellen, veranlaßte den Publizisten Jakob Josefsberg, dem Präsidenten des Jüdischen Klubs im Warschauer Parlament und Führer des polnischen Zionismus, Abg. Dr. Osias Thon (Kraköw), einige der allgemeinen Aufklärung dienende Fragen zu stellen. Dr. Thon beantwortete die nachstehenden Fragen wie folgt: „Ist es denkbar, daß in Polen die Nationaldemokraten (die antisemitischen Nationalisten) in absehbarer Zeit ans Ruder kommen, wie Hitler in Deutschland?" Es ist schwer, in solchen Dingen zu prophezeien; Deutschland hat die Menschen daran gewöhnt, zu glauben, daß Unwahrscheinliches wahrscheinlich werden kann. Sicherlich hätte kein deutscher Politiker, Jude oder Nichtjude, voraussagen können, daß so etwas geschehen und, wenn es geschehen wird, derartig barbarische Dimensionen annehmen werde. Sie erinnern sich, daß am Vorabend der Hitler-Umwälzung alle liberalen Blätter den Wunsch geäußert haben, die Blase möge einmal platzen, da man sicher war, daß der zur Macht gelangte Hitler nicht derselbe sein werde wie der um die Macht ringende. Es kam aber anders. Der zur Macht gelangte Hitler ist schlimmer als der revoltierende. Sie sehen, daß Voraussagen in unseren Zeiten eine ziemlich gewagte Sache sind. Indessen kann ich sagen, daß in Polen unter normalem Verlauf eine derartige Gefahr nicht besteht, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens: Die regierende Partei ist viel zu stark; sie besitzt den ganzen Regierungs- und Machtapparat. Es ist also absurd, anzunehmen, daß man die Regierungspartei bei Lebzeiten des Marschalls Pilsudski oder auch nachher im Handumdrehen wird aus dem Sattel heben können. Zweitens: Man kann mit 31/4 Millionen, respektive mit 10 Prozent der Bevölkerung nicht so leicht umspringen wie mit s/.t Prozent der Bevölkerung, wobei nicht mehr als 65 bis 68 Prozent der Gesamtbevölkerung nichkt mehr als 65 bis 68 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Es ist schwer anzunehmen, daß die anderen Minoritäten, trotzdem sie antisemitisch gestimmt sind, einen derartigen Vernichtungskampf gegen eine Minorität zugunsten der Polen mitmachen würden. Drittens: Die ökonomische und soziale Struktur der jüdischen Bevölkerung in Polen ist eine derartige, daß man sie nicht so leicht vernichten kann wie in Deutschland. Ich habe das einmal so formuliert: „In Deutschland leben die Juden meistens in den Büros; man wirft sie hinaus und sie sind vernichtet. In Polen dagegen leben die Juden als ,L u f t m e nsehen' auf der Straße, man kann sie sozusagen nicht so leicht erfassen." Viertens: Der ganze Verlauf der „nationalen Revolution" und der Judenterror in Deutschland dürfte doch für andere Staaten nicht sehr ermutigend sein. Schließlich konnte sich Deutschland in seiner ganzen ungeheuren, sozialen, ökonomischen und organisatorischen Stärke dem Anprall des Welthasses und der Weltverachtung und auch direkter Bekämpfung gegenüber noch leidlich aufrechterhalten. Weniger konsolidierte und schwächere Staaten müßten zusammenbrechen. Da man annehmen kann, daß die ganze Welt nicht auf einmal dieser Verwilderung erliegen wird und daß die großen Westmächte als Kraftquellen der Abwehr bestehen bleiben, so werden voraussichtlich kleinere Staaten einen derartig halsbrecherischen Versuch wohl nicht unternehmen. Das schließt aber leider die Möglichkeit nicht aus, daß wir einer mächtigen Welle von verstärktem barbarischem Antisemitismus entgegengehen, wenn er, auch nicht gerade bis zur ganzen Bestialität de3 Hitlerismus heranreichen sollte. „Wie ist das Verhältnis der Juden zu den anderen, Polen bewohnenden Minoritäten?" Das Verhältnis der Juden zu den anderen Minoritäten ist zweifellos, formal genommen, ein durchaus positives, schon deswegen, weil ja sowohl der Versailler Vertrag wie auch die polnisohe Konstitution Bestimmungen enthalten, die sich auf alle Minoritäten beziehen; es ist darin gewissermaßen eine gesetzliche Gemeinsamkeit der politischen Struktur der Minoritäten ausgedrückt. Etwas anderes aber ist es, ob man, wie es manche jüdische Politiker in Polen wünschen, vom jüdischen Standpunkt aus eine reine Minoritätenpolitik treiben soll. Ich neige nicht zu dieser Politik, schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil ja die anderen Minoritäten nicht ein und dieselbe geschichtliche, geographische und ökonomische Lage im Staate haben wie die jüdische Minorität. Ich habe das einmal so ausgedrückt: „Die Juden sind eigentlich die ewige Minorität in Polen, vielleicht noch in einzelnen Gebieten, wie in Lodz und in den Kolonien Ostgaliziens, die Deutschen." Die anderen Minoirtäten dagegen wollen sich gar nicht auf das Minoritätenrecht zurückziehen. In den Gebieten, die sie bewohnen, sind sie ja keine Minderheit, sondern eine erdrückende Mehrheit, namentlich die Ukrainer, Weißrussen und Litauer. Ueberdies halte ich es nicht für opportun und auch für ethisch anfechtbar, dem Mehrheitsvolke gegenüber, das zweifellos der Gründer und Erhalter des Staates ist, eine Gegenkraft zu organisieren. Bedauerlicherweise sind auch in Kreisen der Minderheiten antisemitische Strömungen bereits verbreitet. Eine Verbindung zwischen den parlamentarischen Vertretungen aller Minoritäten ist eine Notwendigkeit und wird auch aufrechterhalten, da diese alle zusammen eine genügende Zahl aufweisen, um Interpellationen und Anträge einzubringen. „W orauf ist es zurückzuführen, daß in einem Lande, wo die jüdische Masse seit jeher zionistisch fühlt und denkt und wo der Drang nach Erez Israel so groß ist, die zionistische Organisation so schwach ist?" Ich möchte, offen gestanden, diese Frage gar nicht, respektive mit einem Rat beantworten: Gehen Sie nach Warschau und sitzen Sie dort einige Wochen, dann werden Sie sich selbst die Antwort geben. In Krakau dürften Sie die Beobachtung nicht gemacht haben, daß die zionistische Organisation schwach ist. Ich hoffe, Sie werden es GESINNUNGSGENOSSEN zeichnen die OESTERREICHISCHE TREFFERANLE1HE1933 bei der K. K. L.-Abteilung der Lebensversicherungsgesellschaf t „PHÖNIX" Wien II, Aipembrücken*. 2, Tel. R-43-500 (Gg. G. WMlin)

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