Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 317 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 317 DIE NEUE WELT Seite 3 Der Sinn der Judensfaat§partei Auf dem XVIII. Zionistenkongreß hat eine Gruppe weniger, aber bekannter Zionisten die Gründung einer neuen Partei, der „Judenstaatspartei", verkündet. Die Entgegnung auf diese Verkündigung war eine Frage: Wozu eine neue Partei, haben wir nicht genug Parteien? Die Frage klingt sehr klug und ist doch unsinnig. Es kommt nicht darauf an, ob es im Zionismus wenige oder viele Gruppen gibt, sondern es kommt darauf an, ob diese Gruppen der Erhaltung der zionistischen Bewegung, und ihrer Entwicklung zum Endziele, zum Judenstaate, dienen. Entsprechen sie dieser Bedingung nicht, dann sind auch drei Dutzend solcher Parteien zu wenig und es muß eine neue, zweckdienliche geschaffen werden. Es ist kein Zufall, daß die Gründung der neuen Jüdenstaatspartei auf diesem Kongreß erfolgte. Zeigte doch dieser Kongreß ganz klar: Die bestehenden zionistischen Gruppen sind so weit vom Wege zum Endziel und so weit voneinander geraten, daß sie keine Elemente eines Organismus, keine Elemente der Erhaltung, sondern Elemente der Zersetzung sind. Der Kampf auf diesem Kongreß hatte nichts mehr gemein mit einer Auseinandersetzung zwischen Menschen, die eines wollen und um Methoden streiten. Es war ein Sich- Zerfleischen, eine verzweifelte Sache. Zionistische Parteien beschuldigten sich gegenseitig der niedrigsten Verbrechen, des Mordes und meineidiger Denunziation vor fremden Behörden und Gerichten. So und nicht anders ging es zu auf dem Zionistenkongreß, unter dem Bilde der reinen Lichtgestalt Theodor Herzl. Das offizielle Blatt der jetzt regierenden Arbeiterpartei „Der neue Weg" darf über die Zionisten-Revisionisten" schreiben: „Man kann heute sagen, daß (bei allen Proportionen natürlich) das BlutbuchHitlersnicht mehr belastend ist wie die revisionistische Vergangenheit der letzten zwei Jahre, aus deren Atmosphäre die Vernichtung des jungen Lebens Arlosoroffs wuchs . . ." Noch hat das Gericht sein Urteil wegen der Ermordung Arlosoroffs nicht sprechen können, noch ist nicht einmal die ordentliche Anklage erhoben. Aber eine zionistische Partei schleudert der anderen vor aller Welt die Mordbeschuldigung ins Gesicht, und gerade die Partei tut das, welcher jetzt die Führung der Zionistischen Weltorganisation anvertraut ist. Ein greuliches Echo tönt zurück. Voll teuflischen Hohnes schreibt das bayrische Hitler-Blatt „D e r Stürmer" über den Chef der Arbeiterpartei Ben Gurion, jetzt Mitglied der Zionistischen Exekutive: „Eine treffende Kennzeichnung! Vor der (öffentlichen) Konferenz der sozialistischen Fraktion am Zionistenkongreß hielt Ben Ourion eine' Bede, in der er sich in wüsten Beschimpfungen der Revisionisten Polens erging. Wie die Jüdische Telegraphenagentur berichtet, nannte er die Mitglieder der revisionistischen Organisation „Brith hachazal" eine Gesellschaft von Zuhältern, Unterweltfiguren, Dieben und Messerhelden. Der gute Ben Gurion muß ja wissen, was er von seinen Bassen- und Parteigenossen zu halten hat. Wenn ein Nichtjude sich so äußert, dann ist er ein ,Badau- Antisemif . . . Wir werden demnächst den sehr aufschlußreichen Streit der zahlreichen zionistischen Gruppen untereinander, der vor Morden nicht zurückschreckt, ausführlich behandeln." Lähmende Scham befällt den Zionisten, der diesen eisigen, ins Herz dringenden Hohn des Erzfeindes Uber sich ergehen lassen, widerspruchslos hinnehmen muß! Lähmende Scham befällt ihn, wenn er an die Veranstaltung denkt, die sich Zionistenkongreß nannte und in Wirklichkeit ein brutaler politischer Raufhandel war, aus welchem die Gegner verstümmelt, verhetzt, für immer getrennt hervorgehen. Tollwütiger Kampf zwischen Linken und Revisionisten. In der Mitte die Partei der „Allgemeinen Zionisten", die sich der Bestimmung rühmt und früher auch berechtigt rühmen konnte, das einigende Element in der Zionistischen Welt- COMPASS TOURS WIEN NEW YORK PARIS IX, Spitalgasse 3, Tel. B-42-5-38 6, Gesellschaftsreise nach Palästina 1. Nov«mb«r 1931 - Sonderfahrt mit dem Luxus-Expreßdampfer »VULCANIA« (36.000 Tonnen) Uber Rom, Htap«l, Athen Auskünfte und Anmeldungen: Wltn IX« Spitals«»»« 3 Telephon B-42-5-38 Organisation zu sein. Sie stand da . . . Nein, sie stand nicht, sie schwankte hin und her und fiel gespalten hin. Ihre Stimme konnte auch nicht einen Augenblick den wüsten Sturm übertönen, er ging vernichtend über sie hinweg. Linke, Allgemeine Zionisten und Revisionisten waren die maßgebenden Parteien auf diesem Kongreß. Sie hatten ihn zu tragen und er ist zerfallen. Haben diese Parteien das Recht zur Frage: „Sind wir nicht genug Parteien? Wozu braucht der Zionismus eine neue Partei, eine Judenstaatspartei?" Ja, dieser Parteien sind wohl genug, mehr als genug, um den Zionismus zugrunde zu richten. Die neue Partei, die einen anderen Weg weisen und gehen will, die Judenstaatspartei, mußte entstehen. Der Verlauf des Prager Kongresses nat das bewiesen und noch mehr sein Ausgang, sein Resultat. Das mindeste, was ein Kongreß leisten muß, ist die Bildung einer Leitung, einer Exekutive, welche die zur Führung der inneren Geschäfte und zu Verhandlungen mit den äußeren Mächten nötige Autorität besitzt. Ein Kongreß, welcher diese Grundaufgabe nicht zu lösen vermag, hat die Existenzberechtigung verloren und ist Zerfallserscheinung geworden. Aus dem Prager Kongreß ist eine Exekutive — in ihren wichtigsten Teilen nur aus Linken bestehend — hervorgegangen, welche Absagen und Gehorsamsverweigerungen von allen Seiten erfährt, bevor sie noch ihre Arbeit aufgenommen hat. Mißtrauenserklärungen von selten der Revisionisten und des großen Teiles der Allgemeinen Zionisten, Absage von selten des Misrachi, der religiösen Zionisten, welche ihre Vertreter aus den wichtigsten Arbeitskommissionen zurückgezogen haben. So sieht es in der Diaspora aus und noch viel, viel ärger in Palästina. Was sich dort abspielt, greift an den Loid Mdchett sagt: „Die Haglerunu DolliuB verdont Vertrauen I" Die staatlichen Anleihen sind In den letzten \i Monaten um zirka 25% gestiegen! Es ist aus bekannten Gründen Pflicht der Judenschaft, nach Kräften zu zeichnen! Kleine Anzahlung bei kulantesten Abstattungsbedingungen 1 Rentenkonvertierung! „1NLAGEKNOLL" Bankgeschäft Friedrich Knoll, Wien I, Franz-Josefs-Kai 7-9 Tel. R-24->-72, R-2J-3-73 Lebensnerv des Zionismus. Dort geht es nicht mehr um Stimmungen und Ideologien, dort geht es um schwerstwiegende Tatsachen. Die Situation in Palästina ist durch ein Symptom genügend gekennzeichnet. Eine der wichtigsten Funktionen der Zionistischen Exekutive ist die Feststellung des Bedarfes an Arbeitern in der jüdischen Landwirtschaft und Industrie in Palästina. Sie hat auf Grund der im Land eingeholten Ziffern der Palästina-Regierung Vorschläge über die Zahl von Einwanderungs-Zertifikaten für jüdische Arbeiter zu erstatten. Ohne dieses Material, welches ihr von den jüdischen Unternehmungen beigestellt wird, kann sie mit der Palästina-Regierung nicht wirksam verhandeln, ja, ohne dieses Material fehlt ihr die Berechtigung zu den Unterhandlungen. Nun hat sich in Palästina etwas ereignet, was die Stellung der Exekutive in dieser Hinsicht einfach unmöglich macht. Die mächtigste, jüdisch-wirtschaftliche Organisation im Lande, der unter Führung des bekannten Agronomen und Politikers Smilansky stehende Verband der jüdischen Kolonisten und Grundbesitzer lehnt den Verkehr mit der neugewählten Zionistischen Exekutive ab. Er hat an alle seine Mitglieder folgendes Rundschreiben gerichtet: »Geehrter Herr! Im Auftrage unseres Herrn Präsidenten Smilansky teile ich Ihnen mit, daß Sie weder der Jewish Agency (Zionistische Exekutive) noch der Leitung der Arbeiterpartei Material Ubergeben sollen, welches sich auf die Arbeitsverhältnisse in den Orangenpflanzungen und in anderen landwirtschaftlichen Kolonien bezieht. Auch keine Daten, welche sich auf die Möglichkeit der Einstellung neuer Arbeiter und die Anforderung von Einwanderungszertifikaten für sie beziehen. Wir ersuchen Sie, das Ihnen diesbezüglich zur Verfügung stehende Material direkt unserem Büro zu übermitteln. Der Generalsekretär: Ch. Awiw." Das ißt wohl der schwerste Schlag, der gegen eine Leitung geführt werden kann. Das bedeutet völlige Unterhöhlung Ihrer inneren und äußeren Autorität. Wohl in Vorahnung der kommenden Dinge hat die Majorität des Kongresses „scharfe Disziplinarbeschlüsse" gefaßt, welche unbotmäßige Elemente mit „Strafen" und „Ausschluß" bedrohen. Was wollen diese papierenen Bestimmungen, hinter denen keine wirkliche Autorität steht, angesichts dieser Flut des Mißtrauens besagen? Die bestehenden Parteien im Zionismus — linke, rechte und mittlere — haben die Kraft verloren, eine Leitung zu bilden, die auch nur notdürftig die Organisation zusammenhalten könnte. Und doch fragen sie in naiver Unbekümmertheit: JÜDISCHE ELTERN m Kauft Sdiulbüdier für eure Kinder nur in der Jüdischen Buchhandlung Hermann Tudiner ECKETaborstr.52 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen Spesenfrei« Zusendung überallhin Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R-41-4-20 „Wozu noch eine Partei im Zionismus? Sindwirnicht genug? Wozu die neue Jüdenstaatspartei?" * Gerade in einer Zeit des mächtigen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwunges in Palästina hat Zermürbung die zionistische Organisation befallen und bedroht im entscheidenden Augenblicke das Aufbauwerk. Die Ursache dieser Erscheinung liegt nicht im Menschenmaterial. Die jüdischen und zionistischen Menschen von heute sind gewiß nicht schlechter und nicht besser als in den Zeiten Herzls und in den dreißig Jahren nach Herzl. Aber sie lebten damals in einer zionistischen Organisation, deren Geist die jüdischen Tugenden, vor allem die Fähigkeit zur Hingabe an ein großes Ideal, zur Entfaltung brachte. Sie leben heute in einer Organisation, deren Geist zu schwach und klein ist, als daß er Eigensucht und Streitsucht der Menschen und Gruppen niederhalten könnte. Denn der Geist Theodor Herzls ist von dieser Organisation und ihren Parteien gewichen. Herzl verkündete den alles Jüdische umfassenden Gedanken vom Judenstaat. Er gab dem jüdischen Volke ein Ideal, das ganze Hingabe erfordert, neben dem Sonderwünsche jeder Art an Bedeutung verlieren. Die Allgewalt dieses Ideals konnte Elemente vereinen, die bis dahin unvereinbar schienen. Der erste Kongreß gab Zeugnis von dieser Allgewalt. Westjuden und Ostjuden, Sozialisten und Orthodoxe, Menschen kamen zusammen, die bisher nur Verachtung und tötliche Feindschaft für einander übrig hatten; Menschen, die früher nur danach trachteten, einander Böses anzutun, bemühten sich plötzlich eifrig darum, ihr Verhalten so zu gestalten, daß einer den anderen nicht verletze, nicht abhalte vom Dienst für das große Ideal. Diesen von der Größe des Ideals bezwungenen Menschen gab Herzl dann die freieste und demokratischeste aller Organisationen, die Zionistische Weltorganisation, auf einer Bekenntnisformel aufgebaut, frei von allen Disziplinparagraphen" und „Strafbestimmungen". Der unwiderstehliche Zwang der Idee machte den Zwang durch Paragraphen überflüssig. Und diese scheinbar lose Organisation hielt den schlechtesten Zeiten stand, den Zeiten, da in Palästina' nur einige hundert Juden arbeiteten, da im Lande die antizionistische türkische Regierung absolut herrschte, da ein jüdisches Palästina als Ausgeburt der ausschweifendsten Phantasie eingeschätzt wurde. Damals erwies sich die Organisation als unerschütterlich. Heute, da das jüdische Palästina Wirklichkeit zu werden beginnt, wankt die Organisation so, daß Zerfall droht. Sie wankt, weil die Parteien im Zionismus von tragenden Grundsätzen, Judenstaat und demokratische Organisation, die Theodor Herzl gelegt hat, abgewichen sind und damit jeden Halt verloren haben. Die Arbeiterpartei verleugnet den Judenstaatsgedanken, sieht in der Errichtung eines sozialistischen, jüdisch-arabischen Gemeinwesens das Ziel. Der Zionismus scheint ihr nur dann wichtig, wenn er sozialistisch ist. Sie ist klassenkämpferisch, will von Freiheit in der Organisation und in Palästina nichts wissen und der Judenheit ein gesellschaftliches System aufzwingen. Es ist klar, daß eine solche Partei wohl einmal einen Wahlsieg erringen, aber den Zionismus nicht tragen und führen kann. Während die Arbeiterpartei die Diktatur einer Klasse im Zionismus etablieren will, sind die Revisionisten bemüht, die Diktatur von Personen hineinzutragen, das „Führerprinzip", mit all den Attributen, als da sind: Verherrlichung von Personen, Stellung von Personen vor die Idee, Kadavergehorsam, Anbetung der Gewalt, Drill zu blindem Gehorsam usw. Der Revisionismus von heute ist vom Herzischen Gedanken der freien, demokratischen Organisation abgewichen. Er repräsentiert jetzt das widersinnige, aussichtslose Bemühen, ein System, das in bestehenden Staaten mit realen Machtmitteln möglich ist, auf die freie, jüdische Gemeinschaft zu übertragen. Er will eine „Macht ergreifen", die njeht da ist. Auch er kann den Zionismus nicht tragen und führen. Daß die Partei der „Allgemeinen Zionisten" versagt, braucht nicht mehr bewiesen zu werden. Jahrelang hat sie regiert und die Organisation ist immer schwächer geworden. Sie hat mit den Linken und Rechten die Sünden geteilt, die Idee vom Judenstaat verleugnet, den Staatszionismus gegen Büro- und Sammelzionismus eingetauscht und ruhig mitangesehen, wie die Jugend über rechts und links vom Zionismus weggegangen ist. Dieser Kongreß hat eklatant bewiesen, daß sie nicht führen kann. Braucht der Zionismus eine neue Partei? Angesichts der traurigen Entwicklung kann diese Frage nicht verneint werden. Der Zionismus braucht Erneuerung durch eine Partei, welche sich von all den verhängnisvollen Irrungen der bestehenden freimacht und ihn zu den Grundsätzen Theodor Herzls zurückführt. Genug der kläglichen Versuche, den Zionismus kleiner und. billig«*