Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 317 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE. WELT Nr. 317 Minderheitsfragen in möglichst weitem Silin 2U interpretieren. Er erinnerte an'die Stellungnahme des Rates gegenüber der bekannten Petition Be'rnheim und an dessen Konstatierung, daß die deutsche Judengesetzgebung im Gegensatz zu den Prinzipien der Minoritätenverträge stehe. Er berief sich auf den Beschluß der Vollversammlung aus dem Jahre 1922, wonach auch die nicht durch Minderheitsverträge gebundenen Staaten sich verpflichten sollten, gegenüber ihren Minoritäten auf dem Gebiete der Rasse, der Sprache oder der Religion denselben Grad von Gerechtigkeit und Toleranz anzuwenden, wie er in den Verträgen vorgesehen ist. Er richtete an die deutsche Delegation die Frage, wie das Deutsche Reich die Gesetzgebung mit" diesen Verträgen und Prinzipien in Einklang bringe. Er sagte, es bedürfe keines Kommentars, wenn man bedenke, daß in dem Artikel 67 der deutsch-polnischen Konvention, den er wörtlich zitierte, Deutschland bestimmte Verpflichtungen übernommen hat, darunter die Anerkenntnis, daß alle deutschen Staatsangehörigen vor dem Gesetze gleich sind, daß alle ohne Unterschied der Sprache, Rasse oder Religion dieselben bürgerlichen und politischen Rechte genießen, insbesondere bezüglich der ' Zulassung zu Öffentlichen Aemtern und der Ausübung der verschiedenen Berufe und Gewerbe. t Die Darlegungen des französischen Senators wurden mit demselben starken Beifall aufgenommen wie die darauffolgenden des schwedischen Außenministers Sädler. Dieser erklärte, die Gen er alis'.ierung des Minderheitenschutzes stelle sich jetzt besonders dringlich durch die Diskriminierung der Juden in Deutschland dar. Der Völkerbund könne sich dabei. nicht desinteressieren. Die 1922, aufgestellten Prinzipien stellten eine moralische Verpflichtung dar. Der schwedische Außenminister empfahl, den Entschluß von 192 2 von neuem zu bestätigen und zu erwägen,, wie man die Prinzipien in juristische Bindungenumwandelnkönnte. Der polnische Vertreter Racz^riski beantragte die Einsetzung einer Studibnkommission über die Frage der Schaffung einer internationalen Konvention zur Garantie der Minderheitenrechte. .... . * Die Frage der Rechte der Juden wird auch in Oesterreich dringend. Trotz der gewiß begrüßenswerten, im Maiabgegebenen Erklärung des. Kanzlers Dollfuß, daß die derzeitige Regierung die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden nicht anzutasten gedenkt, kann die Sorge .um die Sicherung, der; jüdischen Rechte in., Oesterreich nicht zurückgedrängt werden. Die Richtung,... in welcher die Anbahnung der Sicherung zu erfolgen, hat,, ist durch ,eine jüngst, erfolgte Erklärung des Vize-: kanzlers Fey bestimmt. In dieser Erklärung sagt der Vizekanzler, daß, wenn die Judenfrage zur Diskussion gestellt werden sollte, er eine Lösung nur darin sehe, die Juden als nationale Minderheit, mit allen Minoritätsrechten ausgestattet, zu betrachten. Hoffentlich wird die Österreichische Judenschaft die - Lehre aus 1 den Vorgängen in Deutschland "und Genf zu ziehen verstehen. Die in der Jüdischen Volkspartei Oesterreichs national organisierten Juden haben den richtigen Weg bereits eingeschlagen. Es ist zu hoffen, daß auch die anderen Juden rechtzeitig den Anschluß an sie 'finden! - Es Ist höchste Zeit. Ein Erfolg judisdi* nationaler Politik Aus Breslau: Der Regierungspräsident in Oppeln teilt unter der Ueberschrift „Anwendung der Genfer Konvention auf die jüdische Minderheit im oberschlesischen Abstimmungsgebiet" amtlich folgendes mit: „In oberschlesischen Städten im Abstimmungsgebiet sind von Stadtverordnetenversammlungen im März und April d. J. Beschlüsse, gefaßt worden, die eine wirtschaftliche Schlechterstellung der jüdischen Bevölkerung gegenüber der nichtjüdischen zum Gegenstand haben. Die Magistrate der betreffenden Städte sind diesen Beschlüssen nicht beigetreten, weil sie gegen das Genfer Abkommen vom 15. März 1922 verstoßen. Die Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlungen entbehren somit ohne weiteres der rechtlichen Wirksamkeit. Sie werden demgemäß auch von den Stadtverordnetenversammlungen in der Praxis nicht angewandt werden." Darüber hinaus hat der Herr Minister des Innern darauf hingewiesen, daß die Magistrate solchen Beschlüssen, die gegen das Recht des Genfer Abkommens verstoßen, auch in Zukunft ihre Genehmigung zu versagen haben." * Das mutet wie ein Wunder an! Die Hitler-Regierung setzt sich für die wirtschaftliche Gleichberechtigung eines gewissen Teiles ihrer jüdischen Bürger ein und weist die Behörden an, dafür zu sorgen, daß nichts unternommen Werde, was gegen die Gleichberechtigung verstößt. Wie ist das zustande gekommen? Den Juden in Oberschlesien wurden seinerzeit nationale Minderheitsrechte zuerkannt wie den Polen. Sofort nach dem Umstürze haben es jüdischnationale' Politiker, vor' allem der Präsident der Jüdischen Partei in der Tschecho-- Slowakei, Dr. Emil Margulies, unternommen, die Hitler-Regierung wegen' Verletzung der Minoritätsrechte beim Völkerbunde anzuklagen. Sie haben erreicht, daß der Völkerbund ein Machtwort gesprochen hat, dem sich die Hitler-Regierung widerwillig, aber doch fügt. Den Juden im anderen Deutschland mag es weh ums Herz sein, wenn sie. diese Kunde hören. Haben sie doch, selbst in der Zeit, des Abschlusses der Friedensverträge es^ah-, gelehnt,, die jüdi$Qhna(;ionale „Forderung nach „Minderheitsrechten für-die .Juden, zu unterstützen. Sje erklärten, Deutsche und mir ''• r^eiitecj^ z;iijj|eü},'' die.. Jkefnen* Schutz vor ihrer Regierung «brauchen-.-, Die . Folge, war,, .daß dqn^ Völkerbünde die Handhabe.. genommen ist, sich der verfolgten Juden in Deutschland so' anzunehmen, wie er es IflNOPROORAMME 1% DIESER WOCHE SCHWEDEN-KINO „Die schwimmende Stadt" Beginn Wochentags '1,5, 7, 7.10 Uhr, Sonntags ab 3 Uhr Uber jüdischnationale Forderung jetzt in Oberschlesien tun konnte. Eisik Torczyner gestorben Dieser Tage starb im Alter von über 70 Jahren Eisik Torczyner, ein Mahn, der zu den populärsten Figuren des jüdischen Wien gehörte. Er gehörte dem Freundeskreis um Theodor Herzl an und war Vorkämpfer des1 Zionismus in Wien. Es gab keine zionistische Aktion, an der er nicht opferwillig und führend Anteil nahm. Schon in jungen Jahren nahm der aus dem Osten kommende Mann Anteil an der jüdischen Renaissancebewegung, die ihn zuerst mit der jüdischen Literatur und Bühne, später mit der hebräischen Bewegung zusammenführte. Der Verstorbene verstand es, durch seine Energie und Intelligenz einen Kreis kulturbeflissener Juden um sich 'zu sammeln und im eigenen Haus der jüdischen Freiheitsbewegung zu dienen. Seine Söhne, N a h u m (Führer der belgischen Zionisten) und Harry (Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem) setzen die Tradition des verstorbenen Vaters fort, dem ein ehrendes Andenken in allen jüdischen und zionistischen Kreisen gesichert ist. Aus Rumänien Aus Bukarest: Für Anfang Oktober ist in Bukarest eine antisemitische Massenkundgebung angekündigt, an der 50.000 uniformierte Eisengardisten teilnehmen sollen. In den Kreisen der jüdischen Bevölkerung hat die Ankündigung dieser Veranstaltung Beunruhigung hervorgerufen. Vertreter der jüdischen Organisationen haben sich an die Regierung mit dem Ersuchen gewandt, entsprechende Sicherungsmaßnahmen für den Fall zu treffen, daß diese Kundgebung, die leicht zu Ruhestörungen führen könnte, zugelassen werden sollte. Gleichzeitig machten die jüdischen Vertreter die Regierung auf die intensive antisemitische Propaganda in den deutschen Kolonien Südbessarabiens aufmerksam. Die Vertreter der Regierung haben eine Untersuchung der von den; jüdischen Delegationen mitgeteilten Tatbestände zugesagt. ... In einem Brief an den Ministerpräsidenten Doktor Alexander Vaida-Voevod hat der jüdische Abgeordnete Mischu Weiß m ann darauf hingewiesen, daß an die Behörden und Schulen ein Zirkular ergangen ist, , in dem diese aufgefordert werden, bei Anstellungen der „e t h n i s c h e n" Zusammensetzung der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Abg. Weißmann kündigt an, daß et* diese verfassungswidrige Maßnahme, die offenbar eine Folge , des ersten derartigen * ' Vom"' Ministerpräsidenten'' selbst an die B an k e n gerichteten 'Rundschreibens ist, in der kommenden Session des rumänischen Parlaments zur Sprache bringen wird. Das auch an Privatschülen versandte Zirkular ziele offenbar auf die Einführung eines Numerus clausus in allen Anstellungskategorien ab. ' * Aus Czernowitz: Dieser Tage fand in Radautz ein von 900 Delegierten beschickter Kongreß ' der antisemitischen Cuzisten-Partei ganz Rumäniens statt. ' Die Führer der Bewegung, die Professoren Cuza Vater und Söhn und der bekannte cuzistische Abgeordnete Robu hielten aufreizende antisemitische Reden. Zwei Begebenheiten Von M. Ussischkin.*) Es sind acht Jahre her, daß ich von Jerusalem nach Jaffa fuhr. Ein trüber Tag, wolkig und regnerisch, stand über dem Land. Ich saß allein im Abteil, blickte vom Fenster , auf die ausgedehnten Felder hinaus, die von den Menschen, mit ergebener Liebe bearbeitet wurden, auf daß sie ihnen Brot geben. Traurige Gedanken befielen mich: Wo ,sind meine Brüder? Wo sind diejenigen unseres Volkes, die hier arbeiten sollen? Warum vergeht Jahr um Jahr, Kongresse, Tagungen, Reden, Bücher — und hier hat sich fast nichts geändert . . .? Und plötzlich freudiger Lärm. Töne jugendlichen Gesanges und lebhafte Gespräche, halb hebräisch, halb russisch — Station Ludd. Eine Schar jugendlicher Arbeiter ist mit großer und lauter Lebhaftigkeit eingestiegen. Sie erblickten mich — und mit einem Male wurde es still, sie nahmen, unweit von mir Platz und sprachen leise. Unter ihnen gab es ein Mädchen von ungefähr 23 Jahren, hoch und mager, die Augen sahen schwarz und funkelnd drein. Alles, an ihr war Leben und Bewegung. Das Haar war kurz geschnitten — der Typus der russisch-sozialistischen Studentin. Sie sprach hebräisch, aber mit großer Anstrengung und mit peinlichen Slavismen. Ich näherte mich der Gesellschaft und wir kamen ins Gespräch miteinander. Zuerst kurze, abgebrochene Sätze. E.s sah aus, als bildete diese Gruppe eine Welt für sich und als würde der Eintritt für Außenstehende- Schwierigkeiten machen. Allmählich wurde die Unterhaltung offenherziger und man sprach über alle Dinge und Sorgen des täglichen Lebens. Alle arbeiten in einer Siedlung des Nationalfonds. Die Probleme sind bekannt: der Kolonist und die Arbeiter, die Nationalisierung des Bodens, das Privateigentum, die kollektivistische und die individualistische Arbeit — und *) Aus der demnächst in hebräischer Sprache erscheinenden Schrift „Sefer Ussischkin". auch ihre Anschauungen sind. bekannt. Alles ist klarr fest, eisenhart . . . Und jenes junge Mädchen spricht, mit Begeisterung in (kurzen, knappen Sätzen: „Es wird so sein . .'....es. muß so sein . .. . So werden wir es er-, neuern ... so werden wir bauen!" Woher, sie komme? Aus Rußland. Die Tochter reicher Eltern. Sie verr ließ das bequeme Leben im Elternhaus und machte einen Pflegerinnenkurs. Schon sechs Jahre ist sie im Lande.' Sie lebt in Not, sie ist nicht gesund, aber das macht nichts. Sie hat schon mehrmals Fieber gehabt und hat weitergearbeitet. Sie arbeitet mit rastloser Liebe. Zuerst war sie in Galil und jetzt lebt sie schon das dritte Jahr bei Ludd. „Haben Sie das Land gesehen? Gefällt es Ihnen?" „Ja, gewiß. Ich habe das Land durchquert, die Länge und die Breite. Es gibt allerorts Platz für Arbeit und Aufbau. Die größten Möglichkeiten für uns." „Gefällt Ihnen Jerusalem?" fragte ich sie. „Jerusalem?" antwortete sie. „Dort war ich nicht." „Wie ist das möglich?" rief ich erregt aus. „Sehr einfach. Für Ruinen von Gebäuden und Ruinen von Menschen habe ich nichts übrig. Wir gehen einem neuen Leben entgegen. Die Kolonien und die Arbeit, das sind unsere Heiligtümer. Die sind unser Leben. Für die änderen die Vergangenheit — die Zukunft für uns! Hingäbe "und Aufopferung für die Zukunft, nur für die Zukunft!" Sie sprach mit Feuer, mit Selbstbewußtsein und mit hartem Mut. Darauf Schweigen. Ich antwortete nichts, trat ans Fenster, blickte auf die - ausgedehnten Felder hinaus. Der Abend brach herein. * Einige Tage später begegnete ich in den Straßen von Tel-Awiw einem jungen Mädchen, einer Bekannten aus Südrußland. Sie war Studentin der Naturwissenschaften. Vor einem. Jahre hatte sie Rußland verlassen und war nach Palästina gekommen, um Landwirtschaft und Bodenbebauung kennenzulernen. Ihr Aeußeres und die Art ihres Gebarens — der" Typus eines einfachen jüdischen Mädchens der vergangenen Generation mit dem Motto: „Der Würde einer jüdischen Tochter ziemt die Zurückgezogenheit", sprach ein dem biblischen nahes Hebräisch, zwar nicht-sehr zungenfertig, aber wohl überlegend jedes Wort und bescheiden'. Arbeiten und Lernen — das sollte der Inhalt ihres Lebens sein. Sie bereiste das Land, sie sah viele Kolonien, sie sammelte Material über Pflanzen und Bäume und besuchte auch für. kurze Zeit die Städte des Landes. Ich fragte sie: „Sind Sie mit dem, was Sie hier, gesehen haben, zufrieden?" „Wie schön ist das Land! Wieviel kann man hier lernen!" „Und die Menschen, die Arbeit, die Einteilung, wie gefällt Ihnen das?" „Wie käme ich dazu, über diese Dinge zu urteilen?, Das darf ich nicht." „Und wie finden Sie Jerusalem?" „Jerusalem?" fragt sie errötend, „Jerusalem kenne ich noch nicht." „Auch Sie? Wieso denn?" fragte ich erregt/ „Erlauben Sie mir, darauf nicht zu antwortendes' ist mir sehr peinlich." Ich beharrte auf meinem Wunsche. Einen Äugen-' blick lang schwieg sie, dann begann sie mit scheuer, Ver-i schämter Stimme, in der ein starkes Gefühl zitterte, zu' sprechen: j „ich bin dieses unendlichen Glückes, die Hauptstadt; unseres Landes zu sehen, noch nicht wert. Jenes Jerusalem,, das Lehre und Licht für alle Völker der Welt gespendet hat. Was hab' ich denn für mein Volk, für mein Land geleistet, um solchen Glückes würdig zu sein? Ich bereite! mich erst vor für ein Leben, das unserem Volk und unserem Land vollends gewidmet sein soll. Ich will' lernen, viel lernen, ich will arbeiten, viel arbeiten . . . Und wenn, ich ein Körnchen bringen werde, einen S,tein zum, Bau unseres Heiligtums, wenn auch ich das getan haben werde/ dann will ich zu Fuß nach Jerusalem gehen und! erschauernd seine Steine küssen . . ." ' Sie schwieg. Tränen traten ihr in die Augen. Auel»; ich sagte nichts und ging meiner Wegt. "