Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 315 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 315 Den Hungertod vor Augen Von Ben Zion Katz (Tel-Awiw) Juden der ganzen Welt müssen helfen! Ich bin zum Prager Kongreß mit dem Zweck gekommen, von der schrecklichen Lage der Juden in Sowjetrußland Kenntnis zu geben, wo die Gefahr des Hungertodes für hunderttausende jüdische Seelen besteht. Ich bin als Delegierter der jüdisch-russischen Kommission von Tel-Awiw gekommen, welche sich mit den. jüdischen Angelegenheiten Sowjetrußlands beschäftigt. An der Kommission beteiligen sich jüdische Persönlichkeiten ohne Unterschied der Partei. An der Spitze der Kommission stehen der Oberrabbiner von Palästina Kook und Chaim Nachman Bia 1 ik. Unsere Kommission hat damit gerechnet, daß Ch. N. Bialiks Anwesenheit auf dem Kongreß die Frage vom toten Punkt wegbringen werde. Bialik selbst besitzt eine Reihe von Briefen naher Bekannter, die in Rußland verblieben sind. Er weiß, wie schrecklich die Hungersnot in der Ukraine wütet unter den zehntausenden jüdischen Familien. Die Leiden des russischen Judentums gleichen fürwahr nicht der Katastrophe der deutschen Juden. Die Leiden in Rußland sind anderer Art. Es gibt dort Verzweiflung nicht für die Juden allein. In Rußland besteht kein spezielles System der Verfolgung nur gegen Juden, aber wenn ein Mensch schreckliche Hüngerqualen leidet, dann ist es für ihn eine sehr karge Genugtuung, daß er nicht aus Antisemitismus stirbt. In dieser Hinsicht ist die Lage unserer Brüder in Rußland tausendmal beklagenswerter als die unserer Brüder in Deutschland. Aber Bialik ist erkrankt und nicht zum Kongreß gekommen. Er hat an den Präsidenten des Kongresses Leo Motzkin einen Brief geschickt, in welchem er die schreckliche Lage der Juden in der Ukraine schildert, und ihn aufmerksam macht, daß man sich nicht auf die Hilfe für das deutsche Judentum beschränken dürfe. Laut Bialiks Meinung ist die Frage des russischen Judentums viel härter und dringender. Aber der Präsident des Kongresses Leo Motzkin hat keine Möglichkeit gefunden, die russisch-jüdische Frage, wie es sich gebührt hätte, auf die Tagesordnung des Kongresses zu stellen. Proteste gegen die Verfolgung. des Zionismus und des Hebräischen in Sowjetrußland sind jetzt nicht zeitgemäß. Sie machen übrigens keinen Eindruck mehr. Wir haben jetzt an Sowjetrußland zwei dringende Forderungen zu stellen, welche seitens des palästinensischen Komitees telegraphisch dem Kongreß übermittelt wurden. Der Text des Telegramms lautete: „Suchet Mittel, diejenigen zu retten, die in Sowjetrußland vor Hunger sterben. Dringende Geldhilfe ist nötig. Wendet euch mit einem Auf ruf an die Juden der ganzen Welt. Setzet durch, daß man erlaube, den Verwandten Nahrungsmittel ohne hohe Einfuhrabgabe zu schicken, wie auch, daß man alle „Lischenzes" (Menschen ohne Wahlrecht) ohne Faßgebuhr in fremder Valuta herauslasse. Unser Vertreter Ben-Zion Katz wird euch unseren Standpunkt erklären." Das Telegramm war von . Oberrabbiner Kook, Aronsöhn, Usiel und Bürgermeister Dizengoff unterfertigt. Aber weder Bialiks Brief noch das iVorstehende Telegramm wurden'von der;Kongreßtribüne herab vorgelesen. Ich wandte mich mehrmals an Leo Motzkin, er möge wenigstens eine kleine Kommission für russische Angelegenheiten bestimmen, vielleicht daß man einen Rat, einen Plan finden könnte. Aber er sagte achselzuckend: „Sie sehen doch, daß man hier gar nichts 'zustande. bringen, kann." Tatsächlich war die Stimmung auf dem Kongreß so, daß man nichts durchbesprechen konnte.. Aber dann muß es eben eine andere Tribüne geben: Die jüdische Presse, die jüdische Gesellschaft.. Ich muß zugeben, daß man die Meldungen nicht berücksichtigen darf, wonach heuer in Rußland ein gesegnetes Jahr sein wird. Es ist möglich, daß ob der „gut geratenen Ernte" Rußland Nahrungsmittel ausführen Palä§tma«Rei§ende FINDEN IN TEL.AVIV T8 hatarkonstr. ERSTKLASSIG MODERNES HAUS AM MEER MI1 ALLEM KOMFORT. SCHATTIGEM GARTEN VORZÜGLICHER UNGARI¬ SCHER KÜCHE, STRENGE MÄSSIGEN PREISEN Hotel-Pension ,tiAT.RIMMON' Inh.: Frau Dr. Lea Vadas wird, um fremde Valuta zu bekommen, auch wird vielleicht mehr Brot sein für die Arbeiter in den wichtigsten Industrieunternehmungen. Vielleicht werden auch die Bauern für sich mehr Brot haben als im Vorjahr, aber für die Juden in den kleinen Städtchen ist die Gefahr des Hungertodes nicht kleiner geworden. Wir wissen wohl, daß die Sowjetregierung den jüdischen Interessen zuliebe ihre Politik nicht ändern wird, aber jene oben erwähnten zwei Forderungen haben nichts mit der großen Politik zu tun. Jeder Mensch versteht, daß man von armen, hungrigen Menschen nicht einen fünfmal so hohen Preis verlangen kann, wie Sowjetrußland ihn von der „satten Bourgeoisie" des Auslandes verlangt. Der „Torgsin" (staatliche Wareneinkaufsstelle) ist ein ausgesprochener Räuber, der vom armen, ausgehungerten Sowjetbürger Preise verlangt, die fünfmal höher sind als die Weltmarktpreise. Dazu kommt noch ein fürchterliches Uebel. Die armen Menschen werden ohne „Auskaufgeld" von Verwandten in fremder Valuta nicht aus dem Land gelassen. Palästina allein könnte tausende arme jüdische Seelen aus Sowjetrußland aufnehmen und ihnen Arbeit geben. Aber es ist unmöglich, für sie, die Ueberzähligen in Sowjetrußland, das Lösegeld zu bezahlen. Nichtsdestoweniger müssen wir um jeden Preis helfen. In Palästina besteht ein Beschluß seitens der führenden Persönlichkeiten, wonach jeder Jude sich verpflichtet, für die hungernden Brüder in Sowjetrußland.'ein Prozent seines Einkommens zu geben.. Viele geben dort mehr. Aber was kann das kleine Palästina leisten? Wenn die ganze jüdische Welt, sogar bei den heutigen elenden Verhältnissen, das täte, was Palästina leistet, könnte viel geholfen werden. Die Juden aller Länder müssen eine Rettungsaktion organisieren. Alle müssen zusammenarbeiten. Das hat nichts mit Politik zu tun. Vorwärts! Ohne Verzug an die Arbeit! Ein ungarischer Theologe über die jüdische Basse Aus Budapest: Der römisch-katholische Weltpriester Dr. Ladislaus Ajthay,^emer. Theologieprofessor, hat vor kurzem unter dem Titel „Judenspiege 1" eine Schrift veröffentlicht, die im Hinblick auf die Aktualität des Ra^enprobiems.,starkes Aufsehen erregt; Der Verfasser sclb^^ von Forschungen in den Bij^othek^n;zu Rom, Jerusalem und Budapest uüd weist^erie Blutmischungen auf, die sich im Laufe der Jahrhunderte in der Bevölkerung aller Kontinente vollzogen haben. In drei Gruppen sind alle jene urkundlich nachgewiesenen in- und ausländischen Familien aufgezählt, die im Laufe der Zeit zu einem oder beiden Elternteilen, jüdische Ahnen aufzuweisen haben. In der Reihe dieser Familien und Namensträger finden sich außerordentlich zahlreich solche, die es zu den höchsten Ehren gebracht haben. Bis zu den höchsten Spitzen weltlicher Geltung steigt diese „jüdische" Blutsverwandtschaft,- da der Verfaser auch von den italienischen, griechischen, preußischen Köhigsfamilien, vom Hause Habsburg, Bonaparte, Romanow nachweisen will, daß sie in ihrer Ahnenreihe jüdisches Blut rollen haben. Als Priester; weist Dr. Ajthay schließlich darauf hin, daß die Apostel und Evangelisten mit dem heiligen Petrus an der Spitze, dessen Hirtenstab das jeweilige Oberhaupt der katholischen Kirche für ewige Zeiten führt, aus den Reihen der Juden hervorgegangen sind. Zwei Juden Mitglieder der holländischen Völkerbunddelegation Aus Amsterdam: Der holländischen Delegation zu der 14. Tagung des Völkerbundrates, die demnächst in Genf eröffnet wird, gehören auch zwei Juden, und zwar das Mitglied des Staatsrates Dr. J. Limburg und der ehemalige Vizepräsident des Rates von Holländisch- Indien, Professor Dr. E. M o r e s c o, an. Der Chofez Chaim gestorben Am 14. September ist in Radin (Polen) der „Baal Chofez Chaim", Rabbi Israel Meir Hakohen, im Alter von 93 Jahren gestorben. Das Begräbnis fand am 17. September in Radin statt. Der „Baal Chofez Chaim", wie er im Hinblick auf sein großes Werk über jüdisches Leben, das seinen Ruhm begründet hatte, im Volksmund allgemein genannt wurde, genoß bei der orthodoxen Judenheit der ganzen Welt höchstes Ansehen. Von jüdischen Organisationen schloß sich der Chofez Chaim bloß der Agudas Jisroel, zu deren rabbinischem Rat er gehörte, an. Das Hilfswerk für die deutschen Juden Aus London: Die Sammlung für die deutschen Juden, die in England veranstaltet wurde, hat bisher 200.000 Pfund eingebracht. Die Hälfte hievon wird auf folgende Weise in Palästina investiert werden: 30.000 Pfund für Häuserbau für Einwanderer in Städten und Kolonien, 20.000 Pfund für Ausbildung und Transport der Einwanderer, 7500 Pfund für Aufnahme deutscher Professoren an die hebräische Universität. Ungefähr 20.000 Pfund werden dem Keren Hajessod überwiese», mit Rücksicht darauf, daß er in diesem Jahre auf seine Üblichen Sammlungen in England versiebtet hat. AUS PALÄSTINA Zusammenstoß zwischen Revisionisten und Mitgliedern der linken Arbeiterorganisation in Palästina Aus Jerusalem: In Chedera ist es zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Mitgliedern der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation Histadruth Haowdim und Revisionisten gekommen, bei dem fünf Personen verletzt wurden. Unter den Verletzten befindet sich auch der vor kurzem nach Palästina gekonv« mene Schriftleiter der in Wien erscheinenden revisionistischen Zeitung „Der Judenstaat" Dr. Glück er. Ein: Mädchen wurde verletzt. In der Kolonie herrscht noch immer eine gespannte Lage und hie und da kommt es zu vereinzelten Angriffen politischer Gegner aufeinander. Im allgemeinen jedoch beherrscht die Polizei die Lage. 51 tschechoslowakische Juden zur Landung in Palästina nicht zugelassen Aus Jerusalem: 51 Juden aus der Tschechoslowakei wurde die Landimg in den Häfen Jaffa und Haifa nicht gestattet. Die Behörden erklärten, sie hätten Grund zur Annahme, daß die Reisenden, die im Besitze von Touristenvisen waren, entgegen den Einwanderungsbestimmungen sich dauernd im Lande niederlassen wollten. Die Wiener jüdischen Studenten müssen es bezahlen .. Aus Haifa: Wie bekannt, ist der Hafen von Haifa bereits in Verwendung. Trotzdem wurden die Wiener jüdischen Studenten, die Freitag, den 1. September, mit der „Dacia" in Haifa eingetroffen sind, nicht direkt zum Hafen, sondern mit Booten ans Land gebracht. Für diesen überflüssigen Transport mußte jeder Student 7 Piaster bezahlen. Die anderen Reisenden konnten direkt vom, Schiff ans Land steigen. Hiezu bemerkt die Zeitung „Haarez", daß dies wahrscheinlich als Vergütung an die arabischen Bootsbesitzer gelten sollte, welche Beschwerde darüber führen, daß der neue Hafen ihre Existenz untergraben habe. Wie ausgerechnet Wiener Studenten dazu kommen, den Arabern Tribut leisten zu müssen, ist allerdings nicht ganz klar. Der katholische Patriarch Palästinas gegen die Pächterschutzverordnung Aus Jerusalem: Der katholische Patriarch in Jerusalem Msgr. Barlassina hat in einem Schreiben an die Palästina-Regierung diese auf die Mängel der neuen Pächterschutzverordnung aufmerksam gemacht. Nach Ansicht des Patriarchen wird durch die neue Verordnung weder die. Stellung der G r u n d b.e s i t z e r, noch die der Pächter verbessert. Die Pächterschutzverordnung ist eine hauptsächlich gegen den Bodenkauf durch Juden gerichtete Maßnahme der Palästina-Regierung. Monsignore Barlassinä ist als Gegner des Zionismus und der jüdischen Kolonisation bekannt. Wenn er sich gegen die Verordnung wendet, so ist damit der Beweis erbracht, daß wirtschaftliche Behinderung der Juden in Palästina letzten Endes auch die nichtjüdische Bevölkerung schwer trifft. Aber die derzeitige Palästina-Regierung ist oft mehr darauf bedächt, die Juden zu stören, als dem Lande zu nützen. 41 Absolventen der Ackerbauschule Mikveh Israel Aus Jerusalem: Wie aus dem soeben veröffentlichten Bericht der Ackerbauschule in Mikveh Israel hervorgeht, haben am 29. August d. J. 41 Absolventen der Schule Abgangszeugnisse erhalten. Zollgrenze Transjordanien—Palästina Aus Jerusalem: Die Regierung in „Rabath- Ammon" hat in Chamath-Geder, an der Grenze Transjordaniens und Palästinas, ein Zollamt errichtet, um einen Ueberblick über die Warenmengen, die nach Transjordanien geschickt werden, zu gewinnen. Für diesen Zewck wird ein halbes Prozent vom Werte der; Waren als Zoll eingehoben. Transjordanien für und gegen die Beschlüsse des Zionistenkongresses Aus Jerusalem: Aus „Babath-Ammon" erhielt; der „Haarez" von seinem Sonderberichterstatter die Mit* teilung, daß die Beschlüsse des Zionistenkongresses in' Prag bezüglich Transjordaniens bei den Gegnern der Besiedlung Transjordaniens durch die Zionisten Sturm und Protest hervorgerufen haben. Die Besitzer von Bqden hingegen, welche die Einwanderung der Juden nach' Transjordanien wünschen, haben diese Beschlüsse mit großer Zufriedenheit aufgenommen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß bei einer diesbezüglichen Volksabstimmung in Transjordanien eine üfc »rwiegende Mehrheit zugunsten der gemeinsamen Arbeit mit den Juden zustande kommend würde. Ständiges Handelsmuseum »n Tel-Awiw Aus Tel-Awiw: Nach Beendigung der Feierlichkeiten anläßlich des 25jährigen Jubiläums der Stadt Tel- Awiw wird auf dem Boden der Levante-Messe ein stabiles Handelsmuseum errichtet werden. Es wird dies das einzige Museum dieser Art im nahen und mittleren Orient sein. Es wird die Aufgabe einer stabilen Mustermesse erfüllen und den Händlern des Orients Gelegenheit geben, in ununterbrochene Verbindung mit den Zentralen de's Handels und der Industrie zu gelangen. Die Ausstellung wird nach Branchen geordnet fttia.