Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 315 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 315 Tribüne Sonderbare Palästina-Wanderer Die Redaktion erhielt nachstehende Zuschrift: „Wien, am 16. September. Geehrte Redaktion! Die Wiener Tagepresse brachte vor zwei Tagen in großer Aufmachung eine Meldung aus Palästina, wonach der Wiener Nervenspezialist Dozent Dr. Martin Pappenheim nach der Judenstadt Tel-Awiw berufen wurde, um dort das erste palästinensische Nervenheilinstitut einzurichten und zu leiten. Diese Berufung des Herrn Dr. Pappenheim ist ein arger Mißgriff. Herr Dr. Pappen he im hat die Jüdische Gemeinschaft verlassen. Es gibt viele, viele hervorragende jüdische Nervenspezialisten in Deutschland, Oesterreich und sonst in Europa, treue Söhne Ihres Volkes, die Verfolgung und Zurücksetzung um ihres Judentums Willen auf sich genommen haben. Sie würden freudigen Herzens einer Berufung ins jüdische Land folgen. So aber müssen sie zurückstehen und erleben, daß «olche vorgezogen werden, welche die in höchster Not sich befindende jüdische Gemeinschaft treulos verlassen haben. Spielen Charakter und Nationalstolz gar keine Rolle beim Aufbau Palästinas? Wird daa jüdische Nationalheim für treue Juden oder für Täuflinge und Austrittsjuden gebaut? Herzleid und Beschämung überkamen mich, als ich die Nachricht las. Ich bitte Sie, geehrte Redaktion, diesen Brief zu veröffentlichen, weil ich der Ansicht bin, daß Ihr Blatt verpflichtet ist, da einzugreifen. Hochachtend Dr. S. M." * Bemerkung der Red. Wir haben festgestellt, daß Herr Dr. Pappenheim tatsächlich schon vor langer Zeit aus dem Judentum ausgetreten ist. Er gehört der Judengemeinde nicht an. Ob er getauft oder konfessionslos Ist, konnte nicht eruiert werden. Der Protest des Einsenders Ist berechtigt und wird an die zuständigen Stellen weitergeleitet, Vom „Wissenschaftlichen Klub" in Wien Folgende Zuschrift ist uns zugekommen: Der Wiener „Wissenschaftliche Klub" war bisher eine Stätte, an welcher Nichtjuden und Juden sachlich und einträchtig gute. Kulturarbeit geleistet haben. Im Verzeichnisse der Gründer und Förderer dieser vornehm und vorbildlich arbeitenden Vereinigung stößt man auf viele jüdische Namen besten Klanges. Nun hat sich ein Vorfall ereignet, der es fraglich erscheinen läßt, ob der bisherige gedeihliche Zustand erhalten werden wird. Derfrühere Polizeipräsident von Wien, Herr Brandl, hat um Aufnahme in den Klub gebeten. Herr Brandl Ist ein" prononcierter Führer der österreichischen Häkenkreuzler und ha^ den Hitler-Herren in Berlin seine Aufwartung gemacht. Er wurde deswegen auch von der Regierung Dollfuß Uber Nacht seines Postens enthoben. Das Ansuchen Herrn Brandis stieß begreiflicherweise auf den Widerstand der jüdischen Mitglieder in der Leitung und im Plenum, welche Verwahrung dagegen einlegten, daß der Vertreter einer Richtung, welche die Juden ausrotten will,- in ihren Klub aufgenommen werde. Aber der gerechte Protest der jüdischen Mitglieder hat nichts genützt und die Leitung des Klubs, der sich der Mehrheit nach aus hohen Staatsbeamten und Professoren zusammensetzt, hat Herrn Brandl aufgenommen. Dieser Vorfall wirkt Uber den Rahmen des Klubs hinaus und verdient, der ©Öffentlichkeit bekanntgegeben zu werden. Lady Erleigh zum Judentum übergetreten Aus London: Lady Erleigh,. die Schwiegertochter LordReadings und Schwester Lord Melchetta, ist in derselben liberalen Synagoge, in der ihr Bruder vor kurzem in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen wurde, zum Judentum Ubergetreten. Die Uebertrlttazeremonie fand, im engsten Kreise der Angehörigen statt. Lady Erleigh wurde im Kloster erzogen, ihre Trauung 'mit Viscount Erleigh fand in der Kirche statt, obwohl dieser niemals aus dem Judentum ausgetreten war. NÄCHSTE PALASTINA REISE Mit dem neuerbduten Lloyd-Dampfer „C m I item" Abfahrt von Wien SO* Oktober 1933 ♦ Preis von 8 39$ aufwärts Arrangement und ReUeteltung Frau Berta Taubes - Auskünfte: Relieböro Marienbrücke (Palästinadienst, Wien I, Rotenturmetraße 26, Tel. R-24-2-86, tijlloh von 10 bis 1 Ubr AUS DEUTSCHLAND Pranger und Boykott Die „Hessische Volkswacht" meldet aus Kassel: „Der Jude Walter L1 e b e r g. Lessingstraße 18, der Sohn eines der Mitarbeiter der Metallwerke Lieberg & Co., Dettenhausen, hat ein Verhältnis mit einem Christenmädel Jandy aus der Uhlandstraße. Die Mutter des Mädchens unternimmt nichts gegen das Verhältnis, sondern duldet es. Das .Christen'-Mädchen stellt sich auf den Standpunkt, daß auch die Regierung ihnen das Verhältnis nicht verbieten könne. Um der Bevölkerung diese sauberen Leutchen zu zeigen und ihnen das Verwerfliche ihrer Gesinnung klar zu machen, führten SS.-Pioniere den Juden, sein Verhältnis und die Mutter durch die Straßen Kassels." — Bin ähnlicher Fall hat sich am Sonnabend, dem 26. August, wie die „Oberhessische Zeitung" berichtet, in Marburg a. L. zugetragen. Auch ein Boykott auf ruf wird von der Darmstädter nationalsozialistischen „Hessischen Landeszeitung" veröffentlicht Der von der nationalsozialistischen Landesleitung Hessens gezeichnete Aufruf lautet: „Noch immer müssen wir die Feststellung machen, daß Parteimitglieder in den hiesigen jüdischen Geschäften ihre Einkäufe machen. Wir weisen nochmals.auf die. parteiamtlichen Verordnungen hin, die ausdrücklich besagen, daß kein Parteimitglied in einem jüdischen Geschäft kaufen darf. Wer trotzdem dabei betroffen öder wer auch'nur in irgendeine* Verbindung zu diesen Geschäften steht, wird aus der Partei ausgeschlossen und als nationaler Schädling behandelt werden." . Die Jadenfrage im deutschen Geschichtsunterricht Aus Berlin: In dem soeben in zweiter Auflage erschienenen Buch des Studienrats Dr. Karl Zimmermann „Deutsche Geschichte als Rassenschicksal", das vom Verlag als „ein wichtiges Nachschlagewerk für den künftigen Geschichtsunterricht" bezeichnet wird, ist vom Judentum als einer „verhängnisvollsten artfremden Geistesmacht" die Rede. Die von ihm ausgehende „zersetzende und zerstörende Kraft" wird eingebend geschildert. Die „C. V.-Zeitung" weist darauf hin, daß nach den' vom Reichsministerium des Innern herausgegebenen Richtlinien für den Geschichtsunterricht von einer,Herabsetzung fremder Rassen grundsätzlich abzusehen sei und bringt den Wunsch zum Ausdruck, daß diese Richtlinien auch auf die Behandlung* des Judentums' in den Schulbüchern Anwendung finden mögen. Juden sollen die Stuttgarter Theater nicht mehr besuchen Aus Stuttgart: Den jüdischen Abonnenten der Landestheater in Stuttgart wurde schriftlich mitgeteilt, daß sie von einem ferneren Besuch der Theater absehen möchten. Zur Errichtung der Theater wurden einst beträchtliche Spenden von Juden angenommen. Wieder ein jüdisches Opfer Aus Berlin: Im Alter von 43 Jahren ist der Rittergutsbesitzer Rudolf Moese, einer der tatkräftigsten Förderer der Bewegung zur RÜcksiedlung deutscher Juden aufs Land, gestorben. Rittergutsbesitzer Mosse war ein Neffe des bekannten Zeitungsverlegers Rudolf Mosse. Im Weltkrieg war er um -seiner militärischen Leistung willen zum Oberleutnant befördert und mit dem Eisernen Kreuz I. und H. Klasse, dem bayrischen Militäryerdienstkreuz und . dem goldenen Verwundetenabzeichen -— er war fünfmal verwundet worden — ausgezeichnet worden. * So berichten die deutschen Zeltungen. Ergänzend ist mitzuteilen, daß der kerngesunde Mann vor einiger Zelt von S.-A.-Leuten verschleppt wurde. Lange Zeit konnte die Familie von seinem Aufenthalt und Schicksal nichts erfahren. Vor einigen Tagen wurde sie behördlich verständigt, daß Mosse einem „Autounfall" zum Opfer gefallen sei. Die Leiche wurde der Familie in einem ver« {siegelten Sarg übergeben. Die Oeffnung des Sarges wurde untersagt. Die Ausschaltung jüdischer Aerzte abgeschlossen Aus Berlin: In einer Mitteilung des VDZ.-Büroa über das Inkrafttreten des Abkommens zwischen dem Hartmann-Bund und dem Verband der privaten Krankenversicherungen Uber die Ausschaltung nichtarischer Aerzte und die Einstellung der Rückerstattung von Beträgen für Behandlungen durch nichtarische Aerzte nach dem 1. September wird erklärt, die Ausschaltung nichtarischer Aerzte aus dem deutschen Aerztestand sei nunmehr im wesentlichen abgeschlossen. Eine einheitliche Zulassungsordnung zum Aerztestand für das ganze Reich sei aber erst nach Errichtung der Reiehsftrstekammer zu erwarten. Arierparagraph in der evangelischen Landeskirche in Preußen Aus Berlin: Auf der Tagung der altpreußischen Generalsynode wurde gemäß dem vor einiger Zeit von. der Provinzialsynode für Brandenburg gefaßten Beschluß die Einführung des Arierparagraphen für Geist? Hohe und Beamte der kirchlichen Verwal? tung in der evangelischen Landeskirche Preußens be« schlössen. Das sogenannte Beamtengesetz, das den Arierparagraphen enthält, bestimmt in $ 1: „Als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung darf nur berufen werden, „wer die für seine Laufbahn vorgeschriebene Vorbildung besitzt und rückhaltslos für den nationalen Staat und die deutsche evangelische Kirche eintritt. Wer nichtarischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher und Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche und Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nichtarischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften des Reichsgesetzes". Nach § 3 können Geistliche und Beamte, die nach ihrer bisherigen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat und die deutsche evangelische Kirche eintreten, in den Ruhestand versetzt werden. Ebenso sind Geistliche oder Beamte, die nichtarischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet sind, in den Ruhestand zu versetzen. Namens der Gruppe „Evangelium und Kirche" gab der Präsident der westfälischen Synode Koch eine Erklärung ab, in der u. a. gesagt wird, bei der Beschlußfassung Uber das Beamtengesetz, das die Grundsätze des staatlichen Beamtenrechtes auf die Kirche Übertrage, entstehe die Frage, ob hier nicht der dritte Artikel des Glaubensbekenntnisses verletzt werde. Nach dieser Erklärung verließ die Gruppe „Evangelium und Kirche" geschlossen den Saal. Die Gesetzentwürfe wurden dann mit der erfordere liehen Zweidrittelmehrheit angenommen. Arierparagraph für Kirchenbeamte auch in Baden Aus Karlsruhe: Der badische evangelische Oberkirchenrat hat veranlaßt, daß das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums auf die staatlichen kirchlichen und rein kirchlichen Beamten Anwendung findet. Somit ist der Arierparagraph, wie ihn die altpreußische Generalsynode beschlossen hat, auch in der Landeskirche Badens eingeführt. Jüdische Externe zur Reifeprüfung nicht mehr zugelassen Aus Berlin: Der preußische Kultusminister hat verfügt, daß Nichtarler, die sich selbst auf das Abitürlentenexamen vorbereitet haben, sogenannte „Nicht- :Mftüler,'l künftig zur Reifeprüfung nicht mehr zuzulassen 'sind. Wer nito^ "ist, ergibt sich aus dem Berufsbeamtengesetz und den dazu ergangenen Richtlinien. Dlssidenten, die die arische Abstammung einwandfrei nachweisen, können einstweilen zur Nlchtschüler-Reifeprüfung auch weiterhin zugelassen werden. Durch einen Erlaß vom 7. August 1928 war auch das Neuhebräische als Ersatz für eine der beiden neueren .Fremdsprachen bei der Reifeprüfung als Nichtschüler zugelassen worden. Dieser Erlaß wird jetzt gleichzeitig vom Kultusminister wieder aufgehoben. Theodor Fritsch gestorben Aus Leipzig: Am 8. September ist in Gautzsch bei Leipzig der Gründer des „Hammerbundes" und des „H a m m e r v e r 1 a g e s", Theodor Fritsch, einer der Vorkämpfer des Antisemitismus in Deutschland, im Alter von 80 Jahren gestorben. Der von Fritsch gegründete Hammerverlag hat eine große Zahl antisemitischer Schriften, von denen sein „Handbuch der Judenfrage" die bekannteste ist, herausgegeben. Im Hammerverlag sind auch die sogenannten „Protokolle der Welsen von Zion" erschienen, die 1921 in der „Times" als Fälschung nachgewiesen wurden. Auch Fords, von ihm selbst später -zurückgezogenes Buch „Der internationale Jude" hatte der Hammerverlag mit gewissen Abänderungen in deutscher Uebersetzung herausgebracht. Flüchtlinge in Paris. Nach Mitteüungen der Pariser Polizeipräfektur halten sich zur Zeit insgesamt 5200 Flüchtlinge aus Deutschland in Paris auf, davon 160 Rechtsanwälte, 90 Künstler, 10 Bankiers, 80 Zahnärzte, 150 Aerzte und Chirurgen, 1080 Kaufleute, 370 Studenten, 60 Beamte und 160 Industrielle. Wieviele von ihnen Juden sind, ist nicht bekannt. Vor einigen Tagen wurden in ein Pariser jüdisches Restaurant Tränengasbomben geworfen. Von den Tätern fehlt jede Spur. Unsere geschätzten Leser werden auf die jüdische Buchhandlung Hermann Tuchner (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher, auch antiquarisch, zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Leihbibliothek eröffnet. 10 Groschen täglich. Keine Nebengebühren. Für Anfragen Telephon R-41-4-20. ß NEU ERSOHIENENI Utbrbucb der hebräischen Sprache »Sch'aleni« — »Frage midi« von leak Herz"erg Konwattionen mit feto der notwi ndigsten hebräischen w>»te aus de? tiigilchon Üben samt gram mal. Urbungen und einem nebräUeh-deutschen Wörtfrv ff icu.i«, in 20 Lektionen, üese Methode aum SeiUtunterrlcb Uftberall •rhflltllch. >>eU S 1.80 VERUM JOSEF »ELF, WIEN, '.. RaBENSTEIQ 3