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Die neue Welt · 1933-09-20 · Heft 315 (20.9.1933) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 315 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 315 DIE NEUE WELT Seite 5 Palästina ■ Gesellschafftsreise 24. Oktober bis 13. November 1933 Reichhaltiges Reiseprogramm. Haifa-Besuch während der feierlichen Hafeneröffnung Außerordentlich billige Preise Auskünfte und Anmeldungen in der Reiseu. Verkehrs-Gesellschaft, Wien i, Rotenturmstiaße 20 (I, Fleischmarkt 1), Tel. R-24-5-25 (Palästina-Abteilung) AgudaAgent Hitlers i'n Warschau Aus Warschau wird gemeldet: Donnerstag, den 14. September, hatten die orthodoxen Kreise unserer Stadt einen „geehrten" Gast: Es erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel der orthodoxe Gemeinderabbiner von Berlin, Dr. Hildesheimer, welcher die Gemeindeführer bat, sich mit ihm zu einer wichtigen Beratung zusammenzusetzen. Obwohl die Herren sogleich verstanden, was der Berliner Gast wünsche und weshalb er nach Warschau gekommen sei, wollte man ihn doch nicht vor den Kopf stoßen und tatsächlich versammelten sich Freitag, den 15. September, einige orthodoxe Mitglieder der Gemeinde mit dem Präsidenten Masur an der Spitze, um dem Wunsch Dr. Hildesheimers zu entsprechen. Die Beratung fand selbstverständlich bei geschlossenen Türen statt. Dr. Hildesheimer begann nach einer kurzen Einleitung vom Boykott zu reden, den die jüdische Welt gegen Hitler-Deutschland proklamiert habe, und vom Cherem (Bannfluch), der erst gegen die mit deutschen Waren Handel treibenden jüdischen Kaufleute ausgesprochen werden soll. Natürlich machte der Führer der deutschen Aguda auf die „Gefahr" aufmerksam, die den deutschen Juden bevorstehe, und drückte sogar die Befürchtung aus, er selbst könne verhaftet werden, wenn der Cherem tatsächlich zustande kommen sollte. Die versammelten Warschauer Gemeindeführer antworteten dem agudistischen Hitler-Agenten sehr höflich, daß der Boykott gegen Hitler-Deutschland solange aufrechtbleiben werde, solange das nationalsozialistische Regime die deutschen Juden peinige und das Judentum der Welt zu erniedrigen versuchen werde. Der orthodoxe Rabbiner Dr. Hildesheimer versuchte, weiter mit der „Angst vor der Zukunft" zu argumentieren, aber er bekam eine ebenso würdige wie entschiedene Antwort. Damit endete die erste Zusammenkunft mit Hitlers Abgesandten. Selbstverständlich hat er, wie wir erfahren, von Warschau noch nicht Abschied genommen. Er hat „Auf Wiedersehen" gesagt und dem deutschen Gesandten eine Visite gemacht, um von ihm weitere Instruktionen entgegenzunehmen. Von Warschau beabsichtigt Dr. Hildesheimer einige Städte Polens zu besuchen, wo er weiter für seine „Mission" tätig sein will. Ohne Zweifel wird die polnische Judenheit dem Hitler-Agenten auch weiterhin den Rücken kehren und sich mit ihm in keinerlei Verhandlungen einlassen. der Boykottfroist — ein Verbredien Von Meir Großmann Auf dem Zionistenkongreß, mehr noch hinter den Kulissen, hat sich ein stilles Drama abgespielt: Innerhalb der strammen, streng-disziplinierten Ärbeiterfraktion ist eine Meuterei ausgebrochen. Ein großer Teil der Arbeiterdelegierten, die im Saal gesessen und ihre Stimme automatisch bloß ,>fttr" oder-„gegen" abgegeben haben, erkannten plötzlich, daß man sie in einen Sumpf hinabführe. Die Presse hat bloß die Spaltung in der Frage des „Hebräisch" bemerkt. Jene, die in den Kommissionen saßen und nähere Beobachtungen anstellten, sahen ein anderes, eindrucksvolleres Bild: Die wachsende Aufregung wegen der Stellung der eigenen Partei in der Angelegenheit des Kampfes mit Deutschland. Plötzlich sind alle Fesseln der Parteidisziplin zerbrochen worden; das Blut hat sich empört; der gesunde Instinkt hat Flügel bekommen. Worte waren zu hören, die wie ein bitterer Protest gegen die aalglatten Worte der Führer Berl Katzenelson oder Ben Gurion klangen. Die Galuth- Delegierten, von denen jetzt ein Teil an der Spitze der Boykottbewegung steht, sind scharf gegen die politischen Führer der palästinensischen Arbeiterschaft losgegangen, die plötzlich jene in Schutz nahmen, welche das berüchtigte Abkommen mit Deutschland getroffen haben. Aber auf alle ihre gerechten Einwände erhielten die Galuth-Delegierten immer wieder eine Antwort — eine ruhige, sichere, selbstverständliche Antwort: Primat, Primat Palästinas! Wie eine Peitsche schlugen diese Worte ein, die man wichtig und bedeutend klingen ließ, und mit derselben Peitsche trieb man in ein Loch das Gewissen von Menschen, welche instinktiv erfühlten, daß da eine Schändlichkeit zu Lasten der Interessen des ganzen jüdischen Volkes getan wird. In der Fraktion selbst waren noch bittere Worte zu hören, aber im Plenum stimmte man mit denen, die auf der Bühne standen und die Regie führten. Man bat in die Lippen gebissen — und gestimmt. Die Herren Katzenelson und Ben Gurion haben ihren Willen durchgesetzt. Die deutsche Frage wurde ganz einfach zum Ersticken gebracht. Das unselig-berühmte „Abkommen" wurde vom Kongreß nicht zurückgewiesen, aber eine Menge Arbeiterdelegierte — mindestens die ehrlichsten — sind nach Hause zurück mit einer tiefen Wunde im Herzen. Ich befürchte, daß eben die Angelegenheit des „Primats" Palästinas über den „Primat" des ganzen jüdischen Volkes und seiner Interessen der Arbeiterpartei teuer zu stehen kommen wird. Der Riß von Prag wird Bich vertiefen. Es ist nioht der erste „Primat", der eine Partei zerrissen hat; * Vor einigen Jahren schrieb ich einen Artikel, worin ich voraussagte, daß es einmal zu einem Konflikt zwischen dem Jischuw, der jüdischen Bevölkerung von Palästina und der Welt judenheit kommen werde. Ich trat damals gegen den Gedanken auf, dem Waad L'eumi (Jüd. Nationalrat in Palästina) die politische Führung des Zionismus zu Ubergeben. Es war ein wahnwitziger Plan, die Zionistische Organisation durch Stärkung des Waad L'eumi zu brechen. Wie immer in solchen Fällen, bat man sofort eine ganze Theorie aufgestellt. Der Jischuw, hat; man kalkuliert, ist besser informiert; er versteht die Fragen gründlicher; er ist kampffähiger und vertritt die „echten" Interessen des Zionismus. Deswegen soll der Waad L'eumi in Genf und in London eine politische Repräsentanz schaffen. Der Gedanke war in höherem Grade gefährlich; :jals lächerlich;: er war direkt antizionistisch und mehr von der Feindschaft gegen die Zionistische Organisation diktiert als von der Liebe und Achtung für den Jischuw. Schade, daß ich den Artikel nicht zur Hand habe. Denn ich könnte jetzt ganz einfach Stellen daraus zitieren, die sehr aktuell klingen würden. Ich habe behauptet, es könne eine Zeit kommen, da die tagtäglichen, direkten, eigentlichen Interessen des Jischuw, d. h. der palästinensischen Juden, nicht mehr im Einklang, ja sogar im Gegensatz stehen könnten zu den größeren, historischen, politischen Interessen des Weltjudentums, wie sie im Zionismus ausgedrückt sind. Ich habe Beispiele zitiert: Parlament, Einwanderung, Zollpolitik! Man kann von Menschen nicht verlangen, daß sie ständig im Kampf stehen und Märtyrer sind. Es ist darob eine Situation möglich, wo der Jischuw auf Kompromisse eingehen wird, die ihm von seinen eigenen Interessen diktiert werden, während sich der Zionismus um der Interessen des ganzen Volkes willen eben diesen Kompromissen entgegenstellen wird. Ja, mehr noch: Das Weltjudentum wird sogar für gewisse Interessen einiger Schichten des Jischuws Opfer bringen. Daher ist die Folge — schrieb ich —, daß sich die politische Führung des Zionismus stets in den Händen der Zionistischen Weltorganisation befinden muß. Sie darf nicht örtlich begrenzt sein; sie muß sich über die Bedürfnisse und Stimmungen des Augenblicks zu erheben vermögen. Ich habe ständig den Gedanken bekämpft, daß die Zionistische Exekutive nach Palästina gebracht werde. Im Gegenteil, ich habe es für ein Unglück gehalten, weil dies allmählich zu einer Verengung unseres politischen Fernblicks geführt hätte. * ■ Daß ich und die ebenso Denkenden recht hatten, davon habe ich mich auf dem Prager Kongreß überzeugt. Was. haben wir davon, daß die Herren Katzenelson und Ben Gurion mit palästinensischer Luft vollgesogen sind und die unzähligen Details der palästinensischen Verhältnisse kennen! Sie sehen nioht Über vier Ellen hinaus! Sie sind kurzsichtig und engherzigkleinlich. Für sie stecken alle Interessen im Jischuw von heute. Sie sind bereit, eine Theorie zu konstruieren, wonach die Interessen des Jischuws höher stehen als die Nöte des ganzen jüdischen Volkes. Sie sind bereit, zugunsten 200.000 Pfund, die nach Palästina hinübergebracht werden sollen, die Interessen und den Kampf aufzugeben, den ein ganzes Volk, 16 Millionen Juden, jetzt mit Deutschland führen. Wenn man mit Argumenten und Beweisen kommt; wenn man an ihren nationaljüdischen Instinkt appelliert; wenn man davor warnt, mit den jüdischen Gefühlen zu spielen, erhält man die geringschätzige Antwort: „Demagogie!" Und wenn das noch au wenig ist, stellt man sich GRAMME DIESiR WOCHE SCHWEDEN - KINO!ÄÄ M In einem anderen Land4' Beginn Wochentags 5, 7, V. 1° Uhr. Sonntags ab 3 Uhr auf die Hinterfüße und protzt mit der Hartnäckigkeit als einer Tugend, ausrufend: Für uns gibt es einen Primat, den Primat von Palästina und vom Palästina-Auf bau! Natürlich könnte man beweisen, daß der Urgrund dieses Primats, den man als einen heiligen hinstellen will, ein ganz einfacher, alltäglicher, banaler Egoismus ist, daß das Abkommen mit der Hitler-Regierung gerade von der sozialdemokratischen, auf Gewinn berechneten Pflanzungsgesellschaft „Jachin" verlangt wurde, die einer anderen kapitalistischen Pflanzungsgesellschaft einen Schlag versetzen und ein Geschäft wegnehmen wollte, aber das zu beweisen, hat keinen Sinn. Die Arbeiterpartei ist seit langem schon eine Interessen -Gemeinschaft im vollsten Sinne des Wortes. Seit Jahren schon gibt sie sich mit Kleinigkeiten ab. Vielleicht ist das gut und gesund, aber es ist klar, daß man eben diesen Händen nicht unser Schicksal und insbesondere unsere Politik anvertrauen kann. Wo endet da schließlich der „Primat"? Heute verschleudert man jüdische Interessen wegen 200.000 Pfund von selten deutscher Juden; morgen wegen 800.000 Kisten Orangen; übermorgen wegen des Einfuhrzolls im Vorzugstarif! Schwer ist der Anfang. Wenn man aber einmal begonnen hat, gibt's keinen Halt mehr ... Natürlich darf man nicht so grobklötzige Fragen stellen, wie etwa „Wer ist wichtiger — 16,000.000 Juden der ganzen Welt oder 250.000 Juden vom künftigen nationalen Heim?" Aber wenn man zu euch mit der Pointe kommt, daß ein „Primat" von Palästina besteht, das höher ist als alles andere, wird man gezwungen, Klarheit zu schaffen. Wenn man uns schon heute, wo wir in Palästina bloß ein Häufchen Juden haben, vor solch ein Dilemma stellt, was wird später geschehen, wenn Palästina sich zu einer großen Gemeinschaft entwickelt haben wird? Man kann da leicht zu einer Theorie von Juden erster und zweiter Kategorie kommen. Warum denn nicht? Es kann sich da leicht ein Primat von Qualität Uber Quantität herausschälen, d. h. pal äst in e n s 1 s c h e Qualität über Galuth-Quantität. Bei solch einer Einstellung der Mapai (politische Partei der Arbeitergewerkschaft Palästinas) ist alles möglich. Wenn man die Boykottfront des ganzen jüdischen Volkes durchbrechen kann, wie es die Arbeiterpartei in Prag gemacht hat, kann man auch die Galuth in eine Art Kolonie des Jischuw verwandeln. Nein, das wird so nicht gehen. Man muß alte Wahrheiten und . sogar Banalitäten wiederholen. Wenn schon ein Primat, dann ist ein Primat für nationale Juden und um so mehr für Zionisten vorhanden: die Interessen, das Wohlergehen, das Glück des ganzen jüdischen Volkes, der. Ganzheit .über den Teil, der Mehrheit über die Minderheit. Es kann nicht anders sein. Wenn der Durchbruch des deutschen Boykotts dem ganzen jüdischen Volk Schaden bringt, so bringt er heute oder in Zukunft dem palästinensischen Jischuw Schaden. Vielleicht sieht man das'heute noch nicht. Wenn aber die Ausrottungspolitik der Hitler-Regierung nicht gebrochen werden wird und das Judentum der ganzen Welt Gefahr läuft, vernichtet zu werden, dann wird dieses unterminierte, zerbeulte Judentum nicht in der Lage sein, Palästina aufzubauen. Und ohne die Galuth wird Palästina eine Insel bleiben, nicht mehr als eine Insel, eine kleine, isolierte Insel. Der künftige Judenstaat muß eine starke, gesunde, einflußreiche Judenheit hinter sich haben — und nicht ein Wrack. Wir sehen voraus, in die Ferne, in die Zukunft. Die anderen sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die palästinensischen Arbeiter f röhnen einem kleinbürgerlichen, philisterhaften' Egoismus und haben den Sinn für die ganze Wirtschaft verloren. Galuth und Palästina sind heute noch ein Wirtschaftsgebiet. Gott sei Dank gibt es noch eine Zionistische Weltorganisation, wo das Weltjudentum noch einen bescheidenen Einfluß besitzt. Sonst wäre der politische Zionismus längst schon ein reiner Falästinismus geworden, d. h. provinziell, klein, eingeengt. Wahrlich, wenn jemand gestraft wird, wird er mit einem „Primat" verblendet. Das eben ist jetzt mit der Mapai, der palästinensischen Arbeiterpartei, geschehen. Die Palästina-Wanderer aus Polen Aus Warschau: Im ersten Halbjahr 1933 wurden durch das Warschauer Palästina-Amt 5340 Palästina- Auawanderer abgefertigt. Von diesen waren 3502 Zertifikatsinhaber, 322 Kapitalisten, 68 Handwerker mit einem Eigenvermögen von 250 Pfund, 480 Angehörige in Palästina ansässiger Juden, 140 Rückwanderer, 750 Touristen, 64 Schüler, 5 Angehörige freier Berufe mit einem Eigenvermögen von 500 Pfund und 3 Einwanderer mit im voraus gesichertem Einkommen in Palästina. Palästina-Reise des Compass Tours. Die Teilnehmer an der letzten Gesellschaftsreise des Compass Tours sind am 19. September wohlbehalten in Palästina ©im getroffen.

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