Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 314 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2711613-2711899-2711936--3927-2717347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 314 DIE NEUE WELT Seite T RUNDSCHAU Mussolnrii Zeitung für den Judenstaat Als einzige Lösung. In einem Artikel, welcher der Besprechung der Judenhetze in Deutschland und des Prager Zionisten- Jcongresses gewidmet ist, schreibt die Zeitung des Ministerpräsidenten Mussolini, „Popolo d'Italia": „Die deutsche Reichsregierung sollte den auswandernden Juden gestatten, wenigstens einen Teil ihres Vermögens mitzunehmen. Für die Judenfrage gibt es nur eine Lösung: den judischen Staat in Palästina. In den Erklärungen von Prag Ist klar verkündet worden: Dos Judentum stellt nicht lediglich eine Religion dar, sondern ein Volk. Die Frage dieses Volkes drängt immer mehr nach einer vollständigen Losung!" Da ergibt sich eine tragikomische Situation. Der nichtjüdische italienische Regierungsjournalist sieht — Wie übrigens alle Nichtjuden — im Zionismus das Streben nach dem Judenstaat und glaubt diese Ansicht mit Hinweis auf den Prager Zionistenkongreß besonders hervorheben zu müssen. Beim Durchlesen der Protokolle dieses Kongresses würden seine Augen sehr, sehr groß werden, denn er würde da geschrieben finden, daß der Zionistenkongreß das in einer Resolution der Judenstaatspartei enthaltene Bekenntnis zum Judenstaate abgelehnt hat! Er würde erstaunt sein. Aber nicht nur das. Er würde sich voll Enttäuschung und Verachtung von einer jüdischen Organisation abwenden, die hinter dem großen, heiligen Titel des Zionismus politische und kulturelle Kleinkrämerei betreibt, die nicht den Mut aufbringt, das zu fordern, was heute die ganze Kulturwelt als selbstverständliches Recht der Juden ansieht, den' Judenstaat in Palästina. Zionismus ohne Judenstaats-Idee! Eine hohle Sache. Die Masse der Juden und Nichtjuden wird das nie begreifen. England weist e aus Der Hitler-Hölle sind ungefähr 50.000 Juden entronnen. Die meisten von ihnen versuchen, soweit die Umstände es erlauben, durch Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ein Teil von ihnen wird von Hilfskomitees über Wasser gehalten. Wie dem auch sei — bis auf ungefähr 6000 Juden, die das jüdische Palästina bei sich aufgenommen hat und zu verwurzeln bestrebt ist, machen die der Hitler-Hölle Entronnenen das Emigrantenelend mit. Auch nach England sind ein paar Dutzend Juden geflüchtet. Im demokratischen England geht's ihnen gut, sollte mau meinen ... „News Chronicle" meldet unter dem 81. August: Dem Ortsrichter von Old Street (London) Wurden drei Juden vorgeführt, die sich in England ohne Erlaubnis aufhalten und, wie aus ihren Aeußerungen hervorgeht, aus Deutschland geflüchtet sind. Die britische Polizei stellt den Antrag, sie auszuweisen, und der Richter Mr. Herbert Metcalfe erklärt, es sei unbillig, von den britischen Steuerzahlern zu verlangen, daß sie die Kosten für die ausländischen Häftlinge aufbringen. Urteil: Der Richter bestimmt, daß sie zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und dann ausgewiesen werden. Die Mandatarmacht schließt die Tore Palästinas, des jüdischen Nationalheims, und weist anderseits jüdische Emigranten aus England aus. Die Kosten der Häftlinge sind zu hoch. Aber aus Palästina schleppt die britische Verwaltung hunderttausende Pfund jüdischer Steuergelder jährlich. Wie sagen doch unsere Linken und ihre Anhänger: ..Die Lage Istbefriedigend..." Wie das Hakenkreuz fälscht In der Vorwoche ging durch die Weltpresse die Nachricht, daß die englische Regierung 1000 Einreisezertifikate nach Palästina für jüdische Arbeiter aus Deutschland erteilt habe. Es ist dies eine Nachricht, die so recht die jüdische Situation in der Galuth beleuchtet — 1000 Zertifikate, wenn auch nur ein Tropfen auf einen glühenden Stein, so doch der Ausdruck eines unwiderstehlichen Muß. Der „Völkische Beobachter", für den Adolf Hitler verantwortlich ist, versieht die obige Meldung mit folgender Bemerkung: „Hoffentlich versteht die Mandatsregierung unter „Arbeiter" nicht Handarbeiter; denn sonst könnte sie wohl lange warten auf Ihre tausend lieben Gäste." Das Hitler-Blatt, das ganz gut Bescheid weiß über die Bereitschaft vieler tausender Juden, als Arbeiter nach Palästina zu gehen, verfälscht die Wahrheit: Es schafft ' neue „Protokolle". Es will die Wahrheit der jüdischen Regenerationsbewegung um jeden Preis leugnen und ihre Phrasen vom Parasitentum der jüdischen Rasse aufrechterhalten, um eine — ethische Begründung ihres Antisemitismus xn Händen zu haben. Diese verleumderische Auffassung und Propaganda gibt dem Hitlerismus auch die Basis für die hakenkreuzlerische Lösung der deutschen Judenfrage. Ein zweites Beispiel aus geistigem Bereich: Der bekannt? jüdische Großmeister Rudolf Spielmann (Wien) führte in einem Turnier eine Schachpartie gegen den Deutschen Post (Berlin) in genialer Weise zu Ende. Der Schluß der Partie mutete wie eine Endspielstudie an. Kürzlich brachte die gleichgeschaltete Deutsche Schachzeitung diese Studie zum Abdruck, allerdings mit einer kleinen Veränderung: Nicht der Jude Spielmann siegte, sondern der Arier Post! Und die Schachmeister, und ftcnachspieler aller Kulturländer schütteln ihre Köpfe ,., Ein Antisemit gegen HftlerfDeutsdiland Houston Chamberlain, der Autor des Buches „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts", hat bekanntlich die Grundlagen zum deutschen Antisemitismus gelegt. Er war es, der den Rassebegriff als Wertbegriff schuf, der die germanische Auserwähltheit als Völkerschicksal bezeichnete. Seine Freundschaft zum Haus Wahnfried (Bayreuth — Wagner) ließ ihn auch persönlich teilhaben am praktischen Antisemitismus. Bald als Dilettant durchschaut, blieb er nichtsdestoweniger Herold der germanischen Uebermenschen-Rasse. Sein englischer Kollege, der Katholik Hilaire Bel- 1 o c, fand mit seinem Buch „Die Juden" große Aufmerksamkeit in der angelsächsischen Welt; diese aber hielt sich mehr an das Literarische der Schrift, so daß die politischen Folgen ausblieben. Natürlich nahmen die Deutschen die antisemitische Schrift mit Freuden auf. Insbesondere war es der Theologe Theodor Häcker (Befürworter des Geistes von Karl Kraus), der für die Verbreitung der antisemitischen Ideologie Hilaire Bellocs sorgte. Zwei Seelen haben einander gefunden. Aber gemach! Plötzlich erfährt man, daß Hilaire Belloc in der englisch-katholischen Zeitschrift „The Univers" sich zu der Art, wie Deutschland bei sich die Judenfrage lösen will, sehr ablehnend verhält. Ja, mehr noch. Der Antisemit Belloc fordert zum Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland auf. Sonderbar, daß ein Antisemit gegen die praktische Betätigung antisemitischer Dogmen Stellung nimmt. Hitler-Deutschland hat also nicht einmal bei seinesgleichen Glück. Das neue palästinensische Gemeindegesetz Ein Schlag gegen die Juden — Vorbereitung des Parlaments mit arabischer Majorität Während die Majorität auf dem Prager Zionistenkongreß Zeit und Kraft der Organisation in der Hetze um den Mord an Dr. Arlosoroff und mutlosem Herumreden um die deutsche Judenfrage verzettelt hat, haben die Gegner des Zionismus in der britischen Palästina- Regierung einen gefährlichen Vorstoß gegen die Judenschaft Palästinas unternommen. Aus Jerusalem wird gemeldet: ' „Die Palästina-Regierung hat den Entwurf zur Verordnung über die Verwaltung der Gemeinden in Palästina veröffentlicht. In dem Entwurf sind eine Reihe der von öffentlichen Körperschaften Palästinas' vorgeschlagenen Maßnahmen, durch die die bisherige Regierungskontrolle über die Stadtverwaltungen gemildert wird, enthalten. Anderseits ist vorgesehen, daß r Personen, die nicht palästinensische Landesbürger sind, vom Gemeindewahlrecht ausgeschlossen bleiben. Diese Bestimmung wirkt sich gegenüber der jüdischen Bevölkerung, unter der sich viele seit langem in Palästina ansässige Personen, die aber die Landesbürgerschaft nicht besitzen, befinden, sehr ungünstig aus. Ein offizielles Kommunique erklärt, diese Verordnung bedeute den ersten Schritt' auf dem Wege zu einer lokalen Autonomie." Diese Verordnung besagt, daß der Einfluß der Juden in den städtischen Gemeinden, und zwar auch in solchen, wo sie die Mehrheit bilden, ganz schwinden wird. Sie bedeutet, daß die Juden im jüdischen Nationalheim als geduldete oder nichtgeduldete „Zugereiste" behandelt werden sollen. Denn es war bisher für einen großen Teil der Judenschaft in Palästina — man schätzt fünfzig Prozent — unmöglich, die Staatsbürgerschaft anzustreben. Wenn diese Verordnung als erster Schritt zur lokalen Autonomie bezeichnet wird, kann man sich eine Vorstellung davon machen, was diese Autonomie den Juden bringen wird. Aber hinter dieser Meldung steckt eine noch viel gefährlichere Sache. Die Palästina-Regierung hat wiederholt erklärt, zuletzt vor dem englischen Unterhause und der Madatskommission des Völkerbundes, daß sofort nach Vollendung des Gemeindegesetzes an die Errichtung des Parlaments in Palästina, selbstverständlich mit arabischer Majorität, geschritten werden wird. Daß die Einrichtung eines solchen Parlaments ein vernichtender Schlag gegen das jüdische Aufbauwerk wäre, ist klar. Ist die Zionistische Organisation dieser überaus gefährlichen Lage gewachsen? Leider kann diese Frage nicht bejaht werden. Sie hat in Prag eine Leitung gewählt, die nicht gewillt ist, einen Kampf auf politischem Gebiet gegen die Palästina-Regierung zu führen, ohne hartnäckigen Kampf aber ist eine Rettung der Situation nicht möglich. Die Saat, welche der traurige Prager Zionistenkongreß gewählt hat, geht auf. Die ägyptische Regierung gegen den Boykott deutscher Waren , Am 30. August überreichte die' deutsche Regierung einen Protest gegen den von ägyptischen Juden propagierten Boykott deutscher Waren. Eine große ägyptische Zeitung brachte nun folgende Unterredung mit dem Minister des Aeußeren über diese Angelegenheit: Der Minister erklärte,, daß gleich zu Be* ginn : der Boykottbewegung seitens der Juden. und der Hetzpropaganda der Deutschen gegen die Juden die Regierung einflußreiche Leute der beiden Lager eingeladen und ihnen zu verstehen gegeben habe, daß in Aegypten kein Platz sei für ihre politischen Austragungen. Eine Zeitlang blieb es auch ruhig:. Später erneuerte sich aber die Boykottbewegung seitens der Juden, worauf die deutsche Regierung aufmerksam machte. Der Minister meinte nun, daß man zwar keinen Menschen daran hindern könne, PalasrinasReisende FINDEN IN TEL.AVIV 78 HATARKONSTR. ERSTKLASSIG MODERNES HAUS AM MEER MIT. ALLEM KOMFOR1 SCHATTIGEM GARTEN VORZÜGLICHER UNGARI¬ SCHER KÜCHE, STRENGE MASSIGEN PREISEN Hotel-Pension ,GAT*RIMMON' Inh,: Frau Dr. Lea Vadas Ware zu kaufen, wo es ihm beliebe, aber jede Sacht habe schließlich ihre Grenzen. Denn jetzt hat die Boykottbewegung eine andere Form angenommen als das erste Mal, und die Regierung sei gezwungen zu intervenieren, um die öffentliche Sicherheit zu schützen. Der Minister erzählte auch, daß der deutsche Botschafter in Kairo persönlich den Protest der deutschen Regierung überreicht habe und daß ihm erklärt worden sei, daß die ägyptische Regierung nichts gegen ausländische Juden, die durch die Kapitulation geschützt seien, unternehmen könne. Die Araber gründen faschistische Parteien In den Intelligenzkreisen der arabischen Jugend im Irak macht sich eine starke Agitation bemerkbar, die darauf hinzielt, eine politische Partei unter dem Namen „Partei der nationalen Verteidigung" zu gründen, deren Ziele dieselben sein sollen wie die der natinalsozialistischen Partei in Deutschland. Eine Abordnung, bestehend aus Parlamentsabgeordneten, Ingenieuren und Aerzten, hatte mit dem Minister des Innern eine Zusammenkunft und ersuchte ihn um die Erlaubnis zur Gründung dieser Partei. Der Minister erklärte sich bereit, jede nationale Tätigkeit zu unterstützen, die den Zweck hat, da3 Nationalgefühl zu stärken. * Der „Bund der nationalen Arbeit" in Damaskus bemüht sich, eine Konferenz einzuberufen, an welcher sich Delegierte aus den. meisten arabischen Ländern beteiligen sollen. Da jedoch die syrische Regierung Schwierigkeiten bereitet, wurde vorläufig der Zeitpunkt der Zusammenkunft verschoben. Unter den Mitgliedern des Bundes ist ein lebhaftes Bestreben, der Organisation einen faschistischen Charakter zu geben. Es ist ein Komitee gewählt worden, welches die italienischen und deutschen faschistischen Einrichtungen studieren soll, um den arabischen Faschismus, dessen Abzeichen ein grünes Hemd werden soll, danach aufzubauen. Das Ziel dieser Partei ist, den Grundstein zu einem großen arabischen Königreich zu legen. Coty sagt sich vom Antisemitismus los Aus Genf: Der bekannte französische Parfümeriefabrikant und Zeitungsherausgeber Frangois Coty, in dessen Blättern seit Jahren eine intensive judenfeindliche Propaganda betrieben wird, hat an die Jüdische Gemeinde Genf ein aufsehenerregendes Telegramm gerichtet, in dem er erklärte, daß er sich vom Antisemitismus lossage. Coty verlangt, daß sein Telegramm von der Tribüne der Jüdischen Weltkonferenz verlesen werde. Die Leitung der Jüdischen Weltkonferenz hat zu diesem Ersuchen Cotys k< ---» Stellung genommen. Der Schritt Cotys erinnert an die Erklärung Henry Fords im Juli 1927, in der er mitteilte, daß er seinen Antisemitismus aufgegeben habe und für das den Juden angetane Unrecht vor aller Welt Abbitte leiste. Antisemitismus in Bagdad Die englische Zeitung „Sunday Reffry" berichtet, daß die Mehrzahl der Araber im Irak eine antijüdische Agitation entfaltet, die der Verfolgungen Hitlers ähnlich scheint. Die jüdische Gemeinde, die dort seit Nebukadnezars Zeiten ansässig ist, wurde in letzter Zeit von Zeitungen und in öffentlichen Versammlungen angegriffen. Es gibt zahlreiche Ueberfälle, die die Polizei nicht hindert. Auch sind bereits Brandstiftungen und dte Tötung eines Juden in den Straßen von Bagdad vorgekommen. IflNOPROGRAMME im DIESER WOCHE SCHWEDEN - KINO "ffit« 7 Roglaaeure, IQ Stare ■'dBBb .Wenn ich Millionär wäre' Auf der.Bühne persönlich: Armin Berg M Lioh«n oh na Ende l I Beginn Wochentags */45, 7, y#10 Uhr, Sonntags Ab 3 Ufer