Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 314 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Beitel DIE NEÜT5 WEM Mr. 314 CafS-Pension „Daheim Ü Telephon 82, Inhaber Dir. E. Gunst. Pension ab S 10.-. Täglich 9*Uhr*Tce. ftb 9 Uhr abends Konz rt (Treftpu,:kt der jüdischen Oeselischalt). Oute jüdische Küche Auskunft; Wien R-13-0 21 Jenem ausländischen Staatsmann ab, der die gegenwärtigen Machthaber Deutschlands „tolle Hunde" nannte, und sie lehnt es ab, sich mit dem von internationalen Kapazitäten verfaßten Braunbuch zu beschäftigen, da die Urheber dieses Braunbuchs ihr, der „Reichspost", weltanschaulich fernstünden. Welch infernalische Objektivität! Aber Melchetts Unterredung mit dem Bundeskanzler Dollfuß — auch das vielleicht eine Greuellegende, die man nicht weitergeben darf? Bei der „Reichspost" bleibt man nicht stehen. Während die reichsdeutschen Nazi-Troglodyten ihren Pogrom-Antisemitismus in den Schein einer Weltanschauung stellen, macht man sich's bei uns bequemer. Hier kommt man mit alpenländischer Drahtgitterborniertheit aus. Die nunmehr verbotenen Naziblätter „Kampf" und „Kampfruf" haben im christlichsozialen „Wiener Montagsblatt" ihre Fortsetzung gefunden — in österreichischer Mundart. Trotz ihrer notorischen Versuche, in Oesterreich nach Wegfegung der heutigen Regierenden ein Hitler-Regime zu etablieren, werden die deutschen Machthaber von den christlichsozialen, vaterländischen und nationalständischen Fronten immer noch „Volksgenossen, Brüder und Kampfgefährten" genannt, in Erinnerung an des Weltkriegs Stahlbad, nach dem sich diese Volksgenossen, Brüder und Kampfgefährten wieder inbrünstig sehnen. Das „Wiener Montagsblatt" verhöhnt die Resolutionen der Arbeiterinternationale, die u. a. feststellen, daß der durch gewissenlose Demagogie geschürte Rassenhaß sogar Teile der Arbeiterschaft anstecke, und freut sich, den Antisemitismus auch in den Arbeiterkreisen feststellen zu können. Ein anderes neu erscheinendes Blatt „Der Stürmer" (Nr. 1 des Jahrgangs 1 vom . 19. August 1933).. überschüttet die österreichische Bevölkerung mit den borniertesten antisemiti- 0chen Parolen, vom Wunsch beseelt, unter diesen Parolen auch die eine, die „Mir wem kan Hitler brauchen" heißt, an den Mann zu bringen. Wir rufen nicht nach dem Staatsanwalt. Wir wissen, daß man "hierzulande ■ mit Hoheitsmitteln dem Uebel bösartiger Vcfdummung nicht beikommt.. Aber wir versagen uns nicht die Bemerkung, daß Oesterreich, das doch bekanntlich leben will, mehr für sich tun kann, wenn es die Besuche von Persönlichkeiten ä la Lord Melchett forciert, als wenn es in Nationalsozialismus, made in Austria, macht. Das tut nicht gut. Das kann nicht gut tun. Melchett und Dollfuß scheint uns ein beruhigenderes Kopfpolstermuster als die Legende „von einer Zusammenarbeit der Nationalsozialisten mit bodenständigen Kreisen und deutschen Parteien", dem Wunschtraum der „Rcichspost". „Geduld ist auch in der Politik eine konstruktive Kraft", schreibt die „Reichspost" im Zusammenhang mit der von ihr erwarteten Austriasierung des Hakenkreuzes. Auch wir nationalen Juden schätzen diese Geduld. Aber geduldig sein heißt nicht, untätig sein. Wenn der Herbst kommt, hieß es, werde er ein gereinigtes Oesterreich sehen. Lord Melchett, der nationale Jude, hat dem Bundeskanzler, Dollfuß spontan seine Wirtschaftskräfte und seine Beziehungen in England und Palästina angeboten.., Oesterreich, das Freunde braucht, könnte von, diesem freundschaftlichen Angebot Gebrauch machen. Denn Lord Melchett ist nicht etwa ein präsumptiver „Bundesleiter"; er ist aber auch kein Hausjud. Herr Dr. Dollfuß wird in unseren Reihen vergeblich einen Hausjuden suchen. Seine Begegnung mit Lord Melchett hätte nicht unter den Scheffel gestellt werden müssen. Oder haben das die neuen vaterländischen Belange verlangt? Es -herbstelt. Man munkelt nicht mehr. -Man weiß schon. Denn man merkt mit Erstaunen, daß die Hand, die nach dem ihr hingeworfenen Rettungsseil greifen sollte, sich rasch noch, zum Faschistengruß reckt-/:. . o. r. I MSCH$f& AMCkMANN eiSAjSfMrHST^ «"£N 1 f.„.» Deufsdtlaftfl vor einem Pogrom ♦ ♦ ♦ Wir haben wiederholt Warriuhgbriefe und erschütternde Hilferufe aus Deutschland veröffentlicht, in welchen berichtet wird, daß. in Deutschland ein Po g r o in auf Juden, in g e w ä 11 i g e n D i m e ns.i onen vorbereitet wird. .Einer'. •der:.l^^ett;*^r^te^'' von einem arischen Fabriksdirektor aus Deutschland herrührend, enthüllte die politischen HmtergrUnde des entsetzlichen Vorhabens.. Der. nachfolgende Bericht, der uns aus zuverlässigster . deutscher Quelle auf dem Umwege über eine westliche a Hauptstadt zugegangen ist, enthält die Bestätigung und nähere Ausführung dieses Berichtes, Der Umstand» daß. zwei voneinander ganz unabhängige Stellen übereinstimmend berichten,, spricht eindeutig. Der, uns zugegangene Bericht lautet: Hierin Deutschland erwartet man in den nächsten Wochen eine heftige Yerschärfu n g der antisemitischen Aktionen. Die innerpojitische, Lage in Deutschland ist durch starke Machtkämpfe innerhalb der regierenden Schicht charakterisiert. Besondere Schwierigkeiten macht der Regierung die braune Armee, die SA., die nun einmal für den Bürgerkrieg erzogen wurde und sich kaum in einen friedlichen Aufbau einordnen läßt. Eine besondere Rivalität besteht zwischen der Reichswehr und der, Parteiarmee, die. man langsam auch in die wichtigsten.. Positionen der. bewaffneten Macht hineinschieben will. Als störend hat sich erwiesen, daß man aus Konkurrenzgründen gegen den Marxismus dem Volk so lange den Sozialismus gepredigt hat, daß ein Zurückweichen in die Formen privatwirtschaftlicher Oekonomie bei den Parteimassen kein Verständnis findet. Es ist in den letzten Wochen häufig vorgekommen, daß bewährte Führer der Nazi-Gewerkschaften ins Gefängnis gesperrt wurden, weil sie die Versprechungen ihrer Fuhrer tatsächlich durchführen wollten. Der stärkste Faktor der permanenten Revolution in Deutschland ist die SA., die zum größten Teil aus proletarischen Elementen, zum Teil ehemaligen Kommunisten besteht. Außerdem ist allgemein bekannt, daß die kommunistische Partei außerordentlich geschickt in allen maßgeblichen Institutionen der Nazi-Herrschaft ihre Funktionäre hineingebracht hat und daß besonders die SA. weitgehend für eine proletarische Revolution zu haben ist Unter diesen Umständen entsteht für die deutsche iiegierung die Frage, ob ein Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft, eine Existenzfrage der „Nationalen Revo« lutlon", möglich Ist, solange die SA. In Form von Einzelaktionen jede Gesundung verhindert. Heute erscheint schon vielen maßgeblichen Führern der Nazipartei als einziger Au s w e g die Auflösung der SA. Man will nun folgendes Verfahren anwenden: Durch die Reden auf dem Nürnberger Parteitag, durch eine verstärkte Agitation und durch die Behauptung, der Aufbau des „deutschen Sozialismus" sei durch die Juden verhindert Vörden, wird in den Massen der Parteiarraee eine akute Pogromstimmung erzeugt. Man will nun In einigen Wochen den bewaffneten Banden die Straße freigeben, d. h. die Polizei zurückziehen, sp daß tatsächlich mit einem furch tbarpn Pogrom zu rechnen ist. Nach einigen Tagen wird die, Polizei und die SS. (dies ist die Offizierstruppe der Partei) eingesetzt und die SA. aufgelöst. Die; Regierung verspricht sich davon Verschiedenes: Einerseits ist man .die - revolutionäre SA. los, i andererseits kann man vor dem Aulande sagen, daß man keine Pogrome dulde, und schließlich hat man doch die Wut des enttäuschten Volkes auf die Juden abgelenkt. Dieser bestialische Plan stammt von Goebbeis. Er hat sich inzwischen die Zustimmung fast aller leitenden' Parteiinstänzen gesichert. Lediglich Hitler selbst und sein Stellvertreter Heß sind gegen diesen Plan, •natürlich nicht aus Rücksicht fauf die Juden, ' flo'ndern weiif die5 SÄ. 'Äaa einzige machtpöHtifcche Instrument der Partei isjfe 'das sie gegen; die Rivalen Reichswehr und Stahlt ■ Die Antwort auf die taktische Frage, ob man die SA. schön opfern kann", oder auf sie' noch nicht verzichten darf, wird darüber entscheiden, ob in den nächsten Wochen sich in Deutschland ' schwere J j'u d e np o g r o m e ereignen worden oder nicht. Das deutche Judentum wendet sich an die Juden des Auslandes und an die im Völkerbund vertretenen Kultur Staaten sowie die amerikanische Union mit der Forderung,.rechtzeitig die nötigen Schritte zu unternehmen, um ein furchtbares Blutbad unter den deutschen Juden zu verhindern. * Wie der Pogrom technisch vorbereitet wird, geht aus nachstehender Mitteilung über einen Vorfall in Berlin hervor,' der' uns von zuverlässiger Seite direkt übergeben wurde. Man ersieht ans ihr, In Welch raffinierter Art bei der Verhetzung zu Werke gegangen wird. Die Mitteilung lautet: „Vor drei Wochen riegelte ein Trupp Von S.-A.- Leuten die meist von Ostjuden bewohnte Grenadierstraße in Berlin ab. Aus den Häusern wurden besonders jüdisch aussehende Menschen in typischer Tracht hervorgeholt. Man gab ihnen Stöcke in die Hand und nötigte sie unter schwersten Drohungen, auf die SA.- Leute loszuschlagen und „Hitler verrecke!" zu schreien. Dahn stellte man Aufnahmeapparate für Tonfilm auf. und nahm die Szenen ab. Es ist klar, daß diese erlogenen Filme in einem gegebenen Jedoah'Kol Genaueste und zuverlässigste Auskünfte Uber Geschäftsgründung, Bodenkäufe, Vermittlungen, Einwanderung, Ausfindimg von Verwandten und dergleichen erteilt unter Einsendung der Gebühren von S 4:50 an Moses u. Ptachje, Tel«Awiw, Angio Palestine Bank Konto Nr. 30270. Briefe zu. richten an Leitner, Tel-Awlw, P. O. B. 169. Momente überall in Deutschland vorgeführt werden sollen, um die Wut gegen die Juden ins Unermeßliche zu steigern." * Von der „F r e c h h e 11" und „Gewalttätigkeit," der Juden wird aber auch in den Erlässen der Regierung immer aufreizender gesprochen. So gibt der Landespolizeipräsident von Hessen durch die Staatspressestelle folgende Warnung bekannt: „Die Meldungen mehren sich, daß in zahlreichen .Plätzen in Hessen die Juden beginnen, die gebotene Zurückhaltung außer acht zu lassen. Freche Aeußerungen gegen den nationalsozialistischen Staat und gegen einzelne Nationalsozialistenz, Versuche, sich deutschen Mädchen zu nähern und dergleichen — verursachen berechtigte Erregung in der deutschen Bevökerung. Die politische Polizei ist hierdurch genötigt, die Schuldigen oder solche bekannte Juden, gegen die sich die Erregung richten könnte, in ' Polizeihaft zu nehmen, wie diefl im Schutzbezirk der Polizeidirektiön Worms heute wieder der Fall gewesen ist. Allen Juden wird deshalb wiederholt dringend geraten, ' die selbstverständliche Zurückhaltung und die richtigen Formen zu wahren und ihre jüdischen Volksgenossen zu dem gleichen Verhalten zu veranlassen." Am gleichen Tage erschien in Worms folgender Polizeibericht: „Am 26. August wurde durch die Staatspolizeisteile in Worms und Umgebung eine größere Anzahl Juden in Polizeihaft genommen und dem Konzentrationslager Osthofen zugeführt. Diese Maßnahme war zur Abwehr notwendig, weil sich das Judentum in (letzter Zeit ih h e raus f-o* d-eir, Uder W e I s e g:e g e n den Staat und seine Einrichtungen benahm. So ist es u. a. in der Nähe von Worms vorgekommen, daß Jude n z w e l S A. - M ä u n e r i n U n.iform angepöbelt und .geschlagen haben. Ferner haben sich Juden erlaubt, durch herausfordernde Redensarten den nationalsozialistischen Staat verächtlich zu machen. In letzter Zeit wurde auch wiederholt festgestellt, daß Juden sich an christlichen Mädchen in sittlicher Beziehung vergangen haben. Die Polizeidirektion warnt letztmals vor unüberlegten Handlungen gegenüber dem Staat und seinen Einrichtungen. Im Wiederholungsfalle muß bei solchen Entartungen zu noch schärferen Maßnahmen gegriffen werden." Der Wormser Polizeibericht meldet ferner: i,Trotz verschiedener Warnungen hat schon wieder ein hiesiger jüdischer Händler versucht, sich in anstößiger Weise einem christlichen Mädchen zu nähern. Der Betreffende wurde, wie verschiedene seiner Rassengenossen, dem Konzentrationslager Osthofen zugeführt. Ferner Würden sieben Personen in das Konzentrationslager eingewiesen, weil sie versuchten, den Staat und dessen Organe und Einrichtungen verächtlich zu machen." Wie aus B e n s h e im mitgeteilt wird, wurde ein dortiger jüdischer Einwohner in das Konzentrationslager Osthofen gebracht, well er den Hitler-Gruß durch eine beleidigende Glossierung herabgewürdigt habe. Man braucht wohl nicht näher auszuführen, daß den deutschen Juden heute nichts fernerliegt, als aufreizende Handlungen zu begehen, SA.-Leute zu schlagen, Hitler zu beschimpfen usw. Mit teuflichen Lügen werden die Not und Enttäuschung erleidenden Massen in Deutschland zur Baserei gegen die Juden gebracht. Es Ist leider nur allzu klar, welcher Zweck damit angestrebt wird.'— Die Welt soll es wissen! Keine Pressekarten für militärische Theaterreferenten im Mannheimer Nationaltheater Aus Mannheim: Der Theaterausschuß hat beschlossen, nichtarischen Presseberichterstattern den freien Eintritt in das Nationaltheater nicht mehr zu gestatten. Durch diese Verfügung wird die Tätigkeit jüdiseber Theaterreferenten praktisch unterbunden, da es den Berichterstattern nicht möglich ist, von den niedrigen Honoraren, die die Zeitungen heute noch für Kunstreferate zu zahlen in der Lage sind, auch noch die Kosten dej Theaterbesuches zu bestreite».