Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 314 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 314 DIE NEUE WELT SetteS X; JU OENST AASPARTEI Mittwoch, den SO« September 1983, Va9 Uhr abends, im Hotel „Bayrischer Hol", II, Taborstraße 39 Gegenstand: Das Programm der Judenstaatspartei Referenten: Fritz Richter, Dr. S. Wolf Freie Aussprach e! jüdischen Minderheiten für den sofortigen Beschluß der Nichtbeteiligung am Minderheitenkongreß war. * Bei den verschiedentlichen Tagungen der europäischen Minderheiten wurde stets versucht, die 'Diskussion über judenfeindliche Tendenzen in einzelnen europäischen Ländern zu verhindern. In der Mehrzahl ist dies auch gelungen. Daher kann schon der vorstehende Kompromiß-Beschluß als Fortschritt in gewisser Hinsicht angesprochen werden. Vorläufig muß allerdings abgewartet werden, ob das Präsidium des Minderheitenkongresses die Bedingungen der jüdischen Minoritäten akzeptieren wird. Zur Untersuchung der Mordaffäre Arlosoroff Die nunmehr fast drei Monate andauernde gerichtliche Untersuchung gegen die des Mordes an Dr. Arlosoroff verdächtigten Revisionisten Stavsky, Rosenblatt und Achi Meir wurde nach mehreren Unterbrechungen wieder aufgenommen. Die J. T. A. meldet aus Jaffa: Am 5. September nahm der Vorsitzende des Jaffaer Gerichtes, Richter Bodilly, die Verhandlungen im Vorverfahren gegen die im Zusammenhang mit der Ermordung Dr. Arlosoroffs verhafteten jugendlichen Revisionisten wieder auf. Der Verhandlung wohnte zum erstenmal auch der Vater Abraham Stavskys bei. Es wurden einige von der Anklagebehörde neu geführte Zeugen, unter ihnen der Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff, einvernommen. Bürgermeister Dizengoff berichtete ausführlich über die Unterredung, die er mit Dr. Arlosoroff nach dem Attentat im Hadassah-Hospital hatte. Der Zeuge Mosche W i e s e r sagte aus, er habe am Mordabend, als er mit einem Freund am Strande saß, plötzlich ein Licht aufblitzen gesehen und einen Schuß gehört. Als er an die Stelle, an der der Schuß gefallen war, eilte, um Hilfe zu leisten, habe er Dr. Arlosoroff schwer verletzt gefunden. Später habe er noch einen Schuß gehört und einen Mann auf einem Hügel beim arabischen Friedhof bemerkt. Auf die Frage des Richters, ob es möglich gewesen sei, den Mann in der Dunkelheit zu erkennen, erklärte der Zeuge, er habe nach Wochen Stavsky an seiner Haltung als den Mann erkannt, den er damals beim arabischen Friedhof gesehen habe. Als nächster Zeuge wurde der jüdische Polizeibeamte Tennenbaum einvernommen. Er erklärte, er habe durch einen Versuch festgestellt, daß es möglich sei, nachts am Strande von Tel-Awiw Personen zu erkennen. Ferner teilte er mit, er habe Notizbücher aufgefunden, die Protokolle über Sitzungen der Ortsgruppe Kfar Saba des Bethar enthalten. Aus dem Protokoll Nr. 2 gehe hervor, daß Rosenblatt am Tage des Mordes an einer Versammlung der Ortsgruppe teilgenommen hat. Drei Seiten aus dem Protokoll sind herausgerissen. In einem Protokoll, das die Polizei für gefälscht hält, sind die Namen der Teilnehmer angegeben, während in den übrigen Protokollen keine Namen erwähnt werden. Rosenblatt erklärte dies damit, daß die Anführung der Namen der Teilnehmer an der einen Sitzung wegen der bevorstehenden Wahlen in der Ortsgruppe notwendig war. Der Zeuge verlas dann „Zehn Gebote", die der Beschuldigte Achi Meir zusammengestellt hat und in denen es u. a. heißt, einer, der in räuberischer Absicht töte, sei ein Mörder, Mord an und für sich aber sei kein Verbrechen. Die Bibel gebe dafür genügend Beispiele. Hierauf wurde der Polizeiinspektor Goffer vom Jaffaer Gericht einvernommen. Inspektor Goffer verlas weitere Auszüge aus dem Notizbuch des vor kurzem unter dem Verdacht der Mitschuld an der Ermordung Dr. Arlosoroffs vor Gericht gestellten Schriftleiters des revisionistischen Wochenblattes „Chasit Haam" Abba Achi Meir. In einer dieser Aufzeichnungen heißt es, die Histadruth Haowdim^ der allgemeine jüdische Arbeiterverband Palästinas, müsse gewaltsam zertrümmert werden, denn seine Mitglieder seien schlimmer als die Araber, in einer anderen wird der Wunsch geäußert, es mögen eine Million Juden in Polen hingemetzelt werden, damit die polnischen Juden erkennen, daß sie im Ghetto leben. Beim Kreuzverhör gab Polizeiinspektor Goffer zu, daß diese Bemerkungen unter Anführungszeichen standen und daß möglicherweise Achi Meir sie als Aeußerungen, die er von anderen gehört hat, wiedergegeben habe. Ein zweiter Zeuge, der Polizeioffizier Schiff, sagte aus, er habe, als er Stavsky verhaftete, an dessen Daumen eine Kratzwunde festgestellt, die sich Stavsky zugezogen haben dürfte, als er den Stacheldrahtzaun, der den in der Nähe der Mordstelle gelegenen mohammedanischen Friedhof umgibt, überkletterte. Die Wundmale entsprächen den Spitzen des Stacheldrahtes. Abraham Stavsky brachte den Wunsch zum Ausdruck, daß der Gerichtshof einen Lokalaugenschein auf dem mohammedanischen Friedhof vornehme, um festzustellen, ob die Narben an seiner Hand darauf schließen lassen, daß er sich an diesem Stacheldraht verletzt hat. Der Vorsitzende gab dem Verlangen Stavskys statt und vertagte die Verhandlung zwecks Vornahme des Lokalaugenscheins. * Zu diesen Berichten ist zu bemerken, daß bisher nurdieBelastungszeugen einvernommen wurden. »JÜDISCHE ELTERN tm Kauft Sdiulbfidier für eure Kinder nur in der JUdiichon Buchhandlung Hermann Tlldiner ECKE Taborstr*!l2 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen - auch antiquarisch - zu sehr mäßigen Preisen Spesenfreie Zusendung überallhin Verzeichnisse kostenlosl Für Auskünfte: Tel. R-41-4-20 Diese Vorgangsweise entspricht dem in Palästina geltenden englischen Rechte. Ohne dem Urteile vorzugreifen zu wollen, ist doch festzustellen, daß die bisherigen Untersuchungen kein für den objektiven Beobachter überzeugendes Material gegen die Verdächtigen zutage gefördert haben. Meldtet! und Dollfuß Man munkelt ... Munkeln bezeichnet in der österreichischen Terminologie einen Informationsgrad, der so hoch ist wie Gewißheit, nur daß ihm die Authentizität fehlt. Unbeschadet dessen munkelt man bis hinauf in die „höchsten Kreise". Man munkelt beispielsweise, daß es dem österreichischen Regierungschef seit einigen Wochen gelungen sei, den Versuch einer Fühlungnahme mit dem Präsidenten der Wiener Judengemeinde zu umgehen, ja sogar diesen Status aufrechtzuerhalten. Dort, wo man munkelt, wird der Charakter des Angriffs liebenswürdig. Man kann einem aus blauen Augen lächelnden Politiker wirklich nicht gram sein ... Aber es gibt eine Grenze, wo das Munkeln einem realen Tatbestand Platz macht. Auch die österreichische Politik muß sich solch einer Naturerscheinung fügen. Das Werben um die Seelen der Kultur-Kunden- und Kaufwelt gebietet ihr, weltanschauliche Hemmungen zugunsten vorteilbringender Handelsverträge und sonstiger Geschäfte zurückzustellen. Bundeskanzler Dr. Dollfuß hat solche politische Seminarübungen mit Virtuosität Rasiere dich besser! Hirn die einzige schwedische Weltmarke praktiziert und der demokratischen Republik Oesterreich die Sympathien zum Herd gebracht, um dessen Glut man uns beneidet. Die Reisen nach England waren nicht von Pappe. Sie eröffneten den Fernstehenden den Horizont weltbürgerlicher Innenpolitik. Und sogar die Reisen nach dem Rom des Papstes und des Duce befürworteten das Rezept des „kleineren Uebels". Das Hühnchen, das gewisse außerhalb aller vaterländischen Fronten liegende Kreise mit der Regierung wegen judenunfreundlicher Akte rupfen wollten, ist ihnen zwischen den Beinen durch. Die Frage der Besetzung medizinischer Positionen und der erschwerten Inskription „ausländischer" Studenten schläft immer noch den Sommerschlaf, obwohl es bedenklich herbstelt. Aber das aktuelle Problem: die wirtschaftliche Konsolidierung Oesterreichs, um es gegen das schleichende Gift des Hitlerismus immun zu machen — dieses aktuelle Problem steht selbstverständlich nach wie vor an der Tagesordnung. Der Patient muß gesund gemacht werden, auch wenn es den Aerzten ihr ganzes Vermögen kosten sollte.. Die Sympathien, um die Dr. Dollfuß für die österreichische Republik warb, stellten sich tatsächlich ein. Auch einzelne Persönlichkeiten interessieren sich für Oesterreich. So beispielsweise der englische Lord Henry Melchett, der sogar Oesterreich, bzw. dessen Kanzler besucht haben soll. Soll? Was soll dieses „Soll" bedeuten? Munkelt man? Nein. Diesmal ist man über das Stadium des Munkelns hinaus. Lord Henry Melchett hat den österreichischen Bundeskanzler tatsächlich besucht — nicht allein, sondern in Begleitung des englischen Gesandten Mr. Selby. Die österreichische Presse hat von diesem interessanten Besuch keine Kenntnis genommen und keine Kenntnis gegeben. Der österreichische Blätterwald, der beim leisesten Flügelschlag des subalternsten Regierungsfunktionärs demütig erbebt, hat das außerordentliche Ereignis dieses Besuches nicht einmal in Nonpareille- Lettern dem lüsternen Leser serviert. Die amtliche Korrespondenz, die etwa den — Wasserstandsbericht für mitteilenswert hält, gerät in beredtes Schweigen. Schließlich ist doch der englische Gesandte — der englische Gesandte1 und Lord Henry Melchett nicht irgendein beliebiger Kommerzialrat, dem ein Tete-ä-tete mit einem Regierungschef der Güter höchstes bedeutet. Lord Melchett gehört als Vorsitzender des britischen Chemical Trust zu den führenden Wirtschaftsmännern der Welt und solchen Männern liegt es gewiß nicht, „Aufwartung zu machen". Aber auch das, worüber Lord Melchett in Anwesenheit des englischen Gesandten Mr. Selby mit Bundeskanzler Dr. Dollfuß sprach, gehört nicht auf die letzte Seite. Lord Melchett kennt Oesterreichs Nöte und' er hat sich darüber Gedanken gemacht. Er will helfen. Er hat den Chef der österreichischen Regierung seiner Mithilfe beim Wirtschaftsaufbau Oesterreichs versichert, darauf hinweisend, daß er sowohl seine englischen Landsleute wie auch das neue Palästina für die Aufnahme österreichischer Waren interessieren werde, und die Versicherung eines Mannes vom Rang des jungen, tatkräftigen, einflußreichen Melchett ist zweifellos nicht weniger eskomptefähig als die Zusagen beamteter Ausländer. Aber Lord Melchett ist noch etwas anderes. Lord Melchett ist der Ehrenpräsident des jüdischen Weltsportbundes „M a k k a b i", er ist nationaler Jude und Freund des Zionismus, tätiger Mitbauer am jüdischen Nationalheim Palästina und schließlich im gegenwärtigen Zeitpunkt — gleich allen Kulturmenschen der Welt — Verabscheuer des organisierten Rowdytums, das über Deutschland die Nilpferdpeitsche schwingt. Man hat gemunkelt, daß Lord Melchett, der vom gastlichen Prager Zionistenkongreß kam, den Schlüssel des englischen Gesandten Selby benützte, um ins Bundeskanzlerpalais zu kommen. Man hat gemunkelt. Aber wie dem auch gewesen sein mag — Lord Melchetts Unterhaltung mit Dr. Dollfuß lag auf der Linie der österreichischen Politik, die durch Besserung der Wirtschaft eine Besserung der Gemüter erzielen will. Der nationale Jude und Wirtschaftsführer Melchett hat sich erbötig gemacht, im britischen Imperium diese Tendenz zu popularisieren, und der Dank vom Hause Oesterreich bestand darin, daß die amtliche Pressestelle seine guten Absichten ignorierte — obwohl ihr bekannt sein mußte, daß der britische Außenminister die ersten Berichte seines neuen Wiener Gesandten, eben jenes Seiby, über die wirtschaftliche Unterstützung Oesterreichs durch England abverlangt habe. Aber der österreichischen Oeffentlichkeit wurden die Pourparlers zwischen dem Bundeskanzler Dr. Dollfuß und dem englisch-jüdischen Wirtschaftsführer Lord Melchett unterschlagen. Man kann wieder munkeln. Die österreichische Presse hat andere Sorgen. Sie hat die Aufgabe, ihr« Leser mit den Machinationen der schon seit langem eingestellten, daher nicht mehr existenten Hakenkreuzpartei und mit den von der Regierung angewendeten Remedurmitteln zu beliefern. Die Regierung hat den Mut zu dem Geständnis aufgebracht, daß sie dem „hochverräterischen Treiben der österreichischen Nationalsozialisten" bis zur letzten Grenze der Geduld zugesehen und die bestialischen Schreie des Hakenkreuzmobs „Juda, verrecke" erst dann gehört habe, bis sie sich zu Bombengetöse verdichteten. Die tauben Ohren brachten es mit sich, daß die staatlichen Schutzorgane auch Binden vor den Augen trugen, nicht etwa im Zeichen der blinden Justitia, sondern mit der deutlich erkennbaren Absicht, nichts zu sehen. Aber es war zu spät. Die aus Deutschland importierte Schande ging über Stadt und Land. Man mußte ihrer Herr werden, wollte man vermeiden, daß sie sich an den verschiedenen vaterländischen und nationalständischen Fronten einniste. Die Gefahr bestand darin, daß man etwa versuchen werde, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Man munkelte wieder. Während einzelne österreichische Kreise das restlose Vertilgen des Naziungeistes forderten, wollten andere wieder sich mit dem Ziehen der Giftzähne begnügen und gerade diese weniger Radikalen schienen die Oberhand gewinnen zu wollen. Die „Reichspost" insbesondere sowie die Land- und Bauernbündler redeten einem Plüsch-Nationalsozialismus auf christlich-germanischer Grundlage das Wort. In einem Zeitpunkt, da die Dollfuß-Regierung so tut, als hätte sie dem österreichischen Hakenkreuzlertum den Garaus gemacht, behandelt die „Reichspost" ihn immer noch als Machtfaktor. Sie zitiert mit Wohlbehagen die neue getarnte Zeitichrift „Ostmark", die Gott sei Dank von der Gleichschaltung abrücke, sich „für eine Verständigung zwischen allen bodenständigen Kreisen und deutschen Parteien in Oesterreich" ausspreche und den Kampf gegen das „parasitäre Judentum" verlange. Die „Reichspost", das Organ des christlichsozialen Regierungsflügels, geht aber noch weiter. Sie wendet sich z. B. mit Abscheu yott