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Die neue Welt · 1933-08-04 · Heft 308 (4.8.1933) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 308 (4.8.1933)
Date
1933-08-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 308 DIE NEUE WELT Seite 3 Sprache konnte sich im Land zur Geltung bringen. Die arabisch-ägyptischen Ansiedler blieben Fremde im Land, ohne ein heimatliches Gefühl für Palästina. Ihre Nachkommen blieben Nomaden bis auf den heutigen Tag, weil sie sich als Fremde mit dem Boden nicht verknüpfen konnten. Die Kreuzfahrer, die mit Feuer und Schwert das Land beherrschten, sind spurlos versohwunden. Trotz der langen Herrschaft der Türken in Palästina bürgerten sich ihre Sprache und Kultur daselbst nicht ein. Sie alle konnten im Wandel der vielen Jahrhunderte dem Lande seinen hebräischen Charakter nicht nehmen. Es gab keine einheimische Bevölkerung, dier ein seelisch-patriotisches Interesse am Lande gehabt hätte. Aus Palästina konnte wieder etwas werden, wenn es von dem Volke, das einzig dort in der Scholle wurzelt, nämlich dem jüdischen, bearbeitet würde. Das gewaltsam verdrängte Judäa sammelte sich in der Galuth, erhielt von hier neue Kräfte. In verschiedenen Ländern wurden Männer vom göttlichen Geist inspiriert. Moses Heß entwickelte in Deutschland in seiner Schrift „Rom und Jerusalem" den palästinensischen Staatsgedanken. Leo Pinsker erweckte in Rußland den unter zaristischer Herrschaft schmachtenden Juden durch die „Autoemanzipation" den jüdischen Volksgedanken. Diese beiden Gedanken fanden in Theodor Herzls „Judenstaat" ihre Vereinigung. Ohne Judenstaat bleiben wir Objekt, durch ihn werden wir Subjekt der Geschichte. Von uns hängt es ab, ob die Klagemauer eine Ruine bleiben oder der Grundstein eines neuen Tempels werden soll, ob Tischa b'Aw Nationaltrauertag bleiben soll oder der Tag der kommenden Erlösung. die Boykottiefung HftIer*Deut§chIaiid§ In der Vorwoche trat der konservative Parlamentär Locker-Lampson, ein ehemaliger Minister, auf einer öffentlichen Versammlung in London als Hauptredner gegen Hitler-Deutschland auf. Locker-Lampson, der als guter Kenner der deutschen Verhältnisse gilt und Verfasser eines preisgekrönten Werkes über Deutschland ist, wandte sich in überaus heftiger Weise gegen Deutschland und forderte dessen moralische und wirtschaftliche Isolierung. Er sagte: „Das britische Weltreich muß sich an die Seite der unglücklichen deutschen Juden stellen. Das englische Volk war immer freiheitsliebend, selbst dann, wenn seine Regierung es nicht war. Tausende von Engländern verzichteten seinerzeit auf den Zucker, um gegen die Sklavenarbeit zu protestieren. Und nun wollen wir auf die deutschen Waren verzichten. Wir protestieren gegen diese altertümlichste Formvon Tyrannei, welche die Welt jemals gekannt hat. Aber sanfte Worte werden die deutsche Regierung nicht milde stimmen. Ich empfehle deshalb den Boykott dieses deutschen Staatswesens. Nie werde ich .einen Tropfen. deutschen Bieres trinken oder auf einem deutschen Schiffe oder gar nach Deutschland reisen,.solange diese gegenwärtige Behandlung der Juden andauert. Ich war nach dem Krieg auf Seiten Deutschlands, intimer bemüht um eine anständige Behandlung dieses Volkes. Ich war dafür, daß man ihm verlorene Gebiete und seine Armee zurückgebe. Aber jetzt bin ich Gegner der deutschen Aufrüstung und der Gewährung auch nur eines Morgen Landes, und zwar wegen der Art und Weise, wie Deutschland eine hilflose Minorität in seiner Mitte, behandelt." Alle Vorzüge eines Hotels, Alle Bequemlichkeit einer Pension finden Sie. in der Hotel-Pension Wien I, Ktirntntrstraße 33. Central Stephen Wi§e in Europa Ueber die letzten Erklärungen des englischen Kolonialministers Der amerikanische Zionistenführer Stephen Wise fst in der vorigen Woche in London eingetroffen und wird sich Mitte August nach Prag begeben. Stephen Wise, der Präsident des jüdisch-amerikanischen Kongresses, hat gegen die im Unterhaus von Cunliffe-Lister gemachten Erklärungen schärfstens Stellung genommen und sich folgendermaßen geäußert: „Mit einem Gefühl tiefster Enttäuschung liest man die Hede, die der Kolonialminister im Unterhaus gehalten hat. Die geplante Anleihe soll hauptsächlich für die „landlos gemachten" Araber verwendet werden. Welch klägliches Ende einer großen Hoffnung! Der French- Be rieht ist wahrscheinlich schon zum Gesetz für das Kolonialamt geworden. Dieser irreführende, falsche Bericht konstruiert einen fiktiven juridischen Zustand sogenannter landlos gemachter Araber, deren Zahl unter 1000 beträgt Wenn dies auch nicht ausdrücklich gesagt wird, so wird der jüdischen Kolonisation nur minimale Sorgfalt gewidmet. Schon die Terminologie des Berichts fst schwer beleidigend: Von den Arabern wird stets als von den Söhnen oder Eigentümern des Bodens gesprochen, von den Juden als von — Immigranten. Solch eine Bezeichnung ist nicht vereinbar mit dem Begriff eines Jüdischen Nationalheims. Unsere Hoffnung muß darauf gerichtet sein, daß durch die vereinigte Anstrengung des jüdischen Volkes und des Völkerbundes die englische Regierung gezwungen wird, die volle Verantwortung für die Erfüllung des Palästina-Mandats zu Ubernehmen. Man kann hotten, daß die jüngsten Erklärungen von Sir John Simson und andere bezüglich der Lage der deutschen Juden und der Niederlassung einer möglichst großen Zahl deutscher Juden in Palästina schneller verwirklicht werden als der Inhalt der letzten Rede von Philio Cunliffe- Lister." Wie man erfährt, wird Dr. Stephen Wise in Paris und Genf Referate über die Probleme halten, die mit der Lage der Juden in Deutschland in Verbindung stehen. Dr. Mautners Sanatorien Waldsanatorium Perchtoldadorl bei Wien Schönste Lage im Wienerwald, direkte Autobusverbimlung von Wien I. Altvatersanatorium Frelwaldau-Orälenberg, CS. R- Prachtvollste Höhenanlage, in beiden Sanatorien alle Kurbehelfe für innere, Nerven- und Stoffwechselkrankheiten, Erholungsbedürftige etc. Modernster Komfort, Zeitgemäß reduzierte Preise österreichische Judenfrage wird aktuell Wien, 3. August. Es sieht aus, als hätten die österreichischen Juden — die dem Zionismus fernstehenden — nun endlich erkannt, daß es auch hierzulande eine Judenfrage gibt: Wenn sie nicht in so krasser, drängender Weise auftrete wie etwa in Deutschland, dann sei dies teils dem toleranteren Gemüt des Oesterreichers, teils dem glücklicheren Schichtungsverhältnis zwischen Ariern und „Nichtariern" zuzuschreiben. Diese allgemeine, teils psychologische, teils sozialpolitische Feststellung hat in letzter Zeit eine harte Probe auf ihren Wahrheitsgehalt mitgemacht. Wir haben erst in der Vorwoche Gelegenheit gehabt, die etwas unklare Gangart der bauembündlerischen Christlichsozialen zu betrachten und in einem Leitaufsatz „Auf Kosten der österreichischen Juden" gewisse — sagen wir — unfreundliche Akte gegen die österreichische Judenheit festzustellen. Es geschah dies im Zusammenhang mit der Forderung der lueger-antisemitischen Blätter „Bauernbündler" und „Neuigkeits-Welt-Blatt", (Wien), einen vermeintlichen „übermächtigen jüdischen Einfluß" durch Einführung eines sogenannten Numerus clauses für akademische und freie Berufe einzudämmen. Der aus der Provinz kommende und in der Hauptstadt weitergeführte Vorstoß gegen einen Teil der österreichischen Staatsbürger fand allerorten Beachtung. Auch die ausländische Presse, die im allgemeinn eine ausge- Roslere dich besser! die einzige schwedische Weltmarke zeichnete Spürnase für politische Wetterveränderungen besitzt, verzeichnete dieses Symptom mit merklichem Nachdruck. Vor allem aber waren es Oesterreicher, nicht mindergute Patrioten wie die Christlichsozialen de3 „Neuigkeits-Welt-Blattes", die -r wie diese Zeitung selbst eingesteht — sachlich die Forderung des Bauernbundes nach einem Numerus clausus behandelten, was aus mehreren Zuschriften im „Neuigkeits-Welt-Blatt" ersichtlich ist. Der „Bauernbündler" reagiert auf die Bemerkungen der Wiener Presse mit der Ausrede, daß seine Numerusclausus-Forderung bösartig ausgelegt worden sei, da die Christlichsozialen einen rüden hakenkreuzlerischen Antisemitismus ablehnen, erklärt aber weiter, es gehe nicht an, „daß unsere christlichen Akademiker im Anwalts- oder Arztensberuf kaum mehr unterkommen können, weil übera 11 die Juden sitzen." Und als ob diese Anschauung ein Stichwort gewesen wäre, folgte ihm die Tathandlung auf dem Fuße: Die Maßnahmen gegen die jüdischen Aerzte in den staatlichen Wiener Spitälern. Verzeichnen wir ganz nüchtern und sachlich, wie es der Angelegenheit zukommt und wie wir sie auch weiterhin gehandhabt haben wollen, die Situation. Das Ministerium für soziale Verwaltung, das sich seit kurzer Zeit Agenden der Spitalsdirektorien zugelegt hat, stellt keine jüdischen Aerzte mehr in den Fondsspitälern an und befördert unter Bruch des Dienstvertrages die noch unbezahlten jüdischen Aerzte nicht mehr zu Sekundarärzten. Die den Juden zukommenden Stellen werden jetzt ausschließlich mit arischen Aerzten besetzt, auch wenn die Dauer ihrer Dienstzeit den bisher gewohnten Anforderungen nicht entspricht. So wurden beispielsweise im Allgemeinen Krankenhaus bei der Ernennung von Sekundarärztinnen 24 Aerzte, sämtliche Juden, im Wiedener Krankenhaus bei Ernennung zum Aspiranten 16 jüdische Anwärter übergangen. Das Blatt der braunen Groß deutschen, „Wiener Neueste Nachrichten", versucht diese nackten Tatsachen dadurch zu verwischen, daß es das Vorhandensein von 23 jüdischen Aerzten unter 26 als empörende, reformbedürftige Erscheinung hinstellt, vergißt aber wohlweislich, zu erwähnen, daß mit Ausnahme zweier Fondsspitäler jüdische Aerzte überhaupt nicht mehr unterkommen — nach schwerer entbehrungsreicher Aspirantenpraxis, die sie ohne Entgelt und ohne Chance eines Stipendiums absolvieren. Die sachliche Behandlung dieses Gegenstandes bringt es mit sich, daß wir zunächst zwei Zuschriften, die das christlichsoziale „Neuigkeits-Welt-Blatt" im Zusammenhang mit der Numerus-clausus-Forderung erhielt, im wesentlichen wiedergeben. Der Einsender, ein arischer Wiener Bürger, berührt erst die politische Frage, indem er bemerkt: „Man konnte bisher dieser Frage deshalb nicht nähertreten, weil man, solange eine demokratisches Wahlrecht Geltung hatte, von allen Seiten, von der christlichsozialen Partei, der sozialdemokratischen Partei und vom Schober-Block gleichermaßen gehofft hatte, jüdische Stimmen zu erhalten. Deshalb hat man es auf allen Seiten zu verhindern gewußt, daß sich die Juden in Oesterreich eine aufrechte nationaljüdische Vertretung schaffen konnten." Nun tritt der Einsender an den Kern der jüdischösterreichischen Situation heran: „Es entspricht wohl dem Grundsatz der Ritterlichkeit, ein Volk, das pauschalier „gründliche Maßnahmen" gegen sich verschuldet haben soll, zu Wort kommen zu lassen, wenn man an solche Maßnahmen denkt. Vor allem ist es notwendig, einen Irrtum festzuhalten. Es ist richtig, daß die Juden in freien Berufen (Arzt, Rechtsanwalt, Journalist) einen hohen Prozentsatz der Berufsangehörigen stellen, weil diese Berufe „frei" waren* Es ist aber ebenso Tatsache, daß die weitaus überwiegende Zahl der Berufsmöglichkeiten in Oesterreich (öffentliche Anstellungen aller Art, die ganze alpenländische Industrie, ein großer Teil der österreichischen Industrie überhaupt, die meisten Arbeiterbetriebe usw.) den Juden überhaupt nicht zugänglich ist, wie etwa, da der „Bauernbündler" diese Forderung gestellt hat, derBeruf desBauern!! Wenn man die Juden aus jenen Berufen verdrängen will, die ihnen offen stehen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man öffne den Juden alle Berufe und verteile sie möglichst gleichmäßig, oder man gestehe offen, daß man den Juden wie in Deutschland die Existenzmöglichkeit entziehen will." Ein ähnlicher Gedankengang und eine ähnliche Formulierung findet sich beim zweiten arischen Einsender: Wenn man sich schon mit der Einführung eines Numerus clausus vertraut machen soll (gegen den es ohnedies verschiedene Bedenken gibt), so muß dieser Numerus clausus gerechterweise auf alle Berufsgruppen ausgedehnt werden. Wenn man also die Juden zwingen will, im Anwalts-, Aerzte-, Zeitungsberuf sowie beim Studium nur mit dem ihnen zukommenden Prozentsatz vertreten zu sein, muß man. sie auch im gleichen Pi'ozentsatz zu Berufen zulassen, in welchen sie heute gar nicht oder nur in verschwindendem Verhältnis erscheinen. So müßte es nach Einführung des von Ihnen befürworteten Numerus clausus auch 5 Prozent Juden in der Richterschaft, Bundesheer, Polizei, Staatsbehörden, Magistrat usw. geben. Nicht Loyalität und Wohlwollen, sondern der anständige Entschluß, die Dinge in ihrer harten Realität zu erfassen und hinzustellen — das ist die' einzige Möglichkeit, das, was wir Judenfrage nennen, einer Lösung zuzuführen. Wir wollen keine Stimmungsmache und wir wollen auch keine Ueberleitung auf ein Gebiet, das außerhalb der dringenden und täglichen Interessen aller österreichischen Staatsbürger liegt. Aber eines müssen wir nochmals mit dem ganzen Gewicht moralischer und politischer Selbstachtung betonen: Es geht nicht an, daß die autoritativen Führer und Propagatoren des österreichischen Staatsgedankens nach der einen Front hin die vollste Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten als primäre Selbstverständlichkeit bezeichnen, nach der anderen Front Maßnahmen — wie eben im Fall der jüdischen Spitalsärzte — durchführen oder billigen, die das Prinzip der Gleichberechtigung leichterhand aufheben. Wir wollen nicht leugnen, daß da4 und dort in den freien akademischen Berufen das jüdische Element hypertrophisch erscheint. Aber die Gründe hiefür brauchen nicht klarer formuliert zu werden, als es in den vorhin 6, September bis 11, Oktober 1933 In Verbindung mit einer Mittelmeer« rundrahrt mit dem Lloyd-Dampfer „Vienna" Rückfahrt über Aegypten mit dem Lloyd-Dampfer „Helouan" Aufenthalt in: Palästina 15 Tage / Kairo 2 Tage / Konstantinopel 2 Tage / Athen 2 Tage / Rhodos 1 Tag / Venedig 1 Tag Genua 1 Tag Pauschalpreis von Wien bis Wien: Dampfer III. Klasse Spezial (vereinfachte II. Kl.), Eisenbahn II. Kl., gut blirgerl. Hotels u. fl ftCf) Verpflegung, Führung, Trinkgelder usw. tf I4jü." Bei Benützung der II. Schiffski. um S 350.- mehr Für Touristen, welche bloß Palästina besuchen, "3K Sonderfahrt um 11. Aujusti933 mit dem Lloyd-Dampfer „Adria" in der III. Klasse Spezial .statt Gesamtarrangement: Frau Berta Taubes Technische Durchführung; Reisebüro „MarienbrücHe" (Palästinadienst), Wien I, Roienturmstraße 26, Tel. R-24-2-86 u.R-24-2-87 Auskünfte täglich / Prospekte'gratis

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