Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 307 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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' Seite! DIE NEUE WELT N>, 307 BADGA/TEIN Europas stärkste radioaktive Alpentherme, 1083 Meter. 18 Qnellen, 47° C Naturwärme. 360 Liter pro Minute |b H Alter8be80hwerden — Vorzeitiges Altern — Alle Nervenleiden — Gicht — Rheuma — Blasenleiden — Nierensteine H Moderne Hotels und Kurhäuser zu mäßigen Preisen — Thermalbad In Jedem Hause ■ Für Ruhe und Erholung wird gebürgt I Prospekte durch J Kurkommtasfon Bodgaateln_oder_ Karlsbad, MUhlbrunntlraQe 3 m KURHOTEL BRISTOL j|| wmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammm^mmmmmmmmm^mmmmmmmmmm^^ MÄljige Preise / Telephon 173 RUNDSCHAU Wenn der Anti§emBti§mus erloschen wird ♦ ♦ ♦ Aus Berlin wird gemeldet: Der vor 42 Jahren von 535 christlichen Männern der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur, des Handels und der Industrie gegründete „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat vor einigen Tagen seine Auflösung beschlossen. Anläßlich seiner Gründung hatte der Verein einen Aufruf erlassen, in dem betont wurde, daß den Initiatoren des Vereins der Kampf gegen den Antisemitismus als Ehrensache gelte. Dieser Kampf sollte nicht einmal in erster Linie für Juden und Judentum, sondern zur Verteidigung der Ehre deutscher Staatsbürge r, die sich durch den damals herrschenden Stöckerschen Antisemitismus abgestoßen fühlten, geführt werden. Die Auflösung des Vereins sollte erfolgen, wenn einmal der Antisemitismus erloschen sein würde. Jetzt hat sich der Verein aufgelöst, weil seine Weiterarbeit unmöglich geworden ist. * Es liegt eine wilde Ironie in diesem Geschehnis, und wenn die Zeit nicht allzu traurig wäre, könnte man heiter gestimmt werden. Die Herren Gründer, die es gewiß sehr gut meinten, glaubten, dem Judenhaß, einer mit Elementargewalt wirkenden weltgeschichtlichen Erscheinung, auf statutenmäßigem Wege ein Ende bereiten zu können. — „Wenn der Antisemitismus erloschen sein wird...". 42 Jahre Vereinsbestand. 42 Jahre Selbsttäuschung simpelster Art. Tausende und tausende Reden, Artikel und Broschüren, in welchen den Antisemiten nachgewiesen wurde, wie dumm und schlecht sie sind. Reden, Artikel und Sohriften, die den Juden Entzücken bereiteten und die Adressaten, die Herren Antisemiten, nie erreichten. 42 Jahre Kampf gegen den Antisemitismus, mit dem Resultate, daß der „bekämpfte" Antisemitismus in ungeahnte Höhe und Breite'gedieh. Zur Rettung der deut§chen ' Wir haben in einer Reihe von Aufsätzen die Situation der deutschen Judenheit (die seelische, moralische, politische und materielle) dargelegt und die Vorschläge wiedergegeben, die von deutscher und außerdeutscher Seite bezüglich der Rettung der deutschen Juden gemacht wurden. Wie bekannt, mußten viele Tausende emigrieren, einen Teil hat das jüdische Palästina aufgenommen. Aber die schwere Gefahr der Vernichtung bleibt nach wie vor bestehen. Der bekannte Publizist und Politiker Prof. Georg Bernhard, der jetzt im Exil in Frankreich lebt, beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Gefahr und kommt in einem Aufsatz („Das neue Tagebuch", Paris) zu folgender Schlußfolgerung: „Es muß spätestens bis zum Herbst daran gegangen werden, eine internationale Aktion einzuleiten, die zunächst einmal dafür sorgt, daß das, was noch an Vermögen der Juden in Deutschland ist, allen denjenigen erhalten bleibt, die herausgehen müssen oder die nach späteren internationalen Abmachungen ausgesiedelt werden sollen. Schon dabei handelt es sich um ein Vermögen von einigen Milliarden. Darüber hinaus aber wird es die Sorge der gesamten Judenheit in der Welt sein müssen, dafür einzutreten, daß die deutschen Juden ein Forum finden, vor dem sie ihre Schadenersatzansprüche gegen das Reich auf Grund der Handlungen der heutigen Regierung geltend machen können. Schon alles das, was durch die der deutschen Reichsverfassung widersprechenden Gesetze und Verordnungen geschehen ist, die Entlassung tausender jüdischer Beamter und Angestellter, die Streichung der Advokaten, die Brotlosmachung der Aerzte, Schauspieler und Künstler, ist nicht nur ein Bruch der Reichsverfassung und ein Verstoß gegen die Zivilisation, sondern es ist ein Verbrechen gegen die göttlichen Grundgesetze jeder Rechtsordnung, die in der ganzen Welt gelten. Beinahe noch schlimmer ist, was unter der Oberfläche sich vollzog: Die Vernichtung der Substanzwerte durch Boykott, die Verschleuderung der Vermögen durch schmarotzende Kommissäre und alles ähnliche von dieser Art begründet Schadenersatzansprüche. Und zwar gilt dabei nicht nur der Schaden, der den derzeitigen Besitzern und den derzeitigen Beamten, Angestellten und Arbeitern erwächst, es geht ja schließlich auch darum, daß deren Kinder auf das schwerste geschädigt werden. Der Einwand kann nicht gelten, daß hier ein politisches Regime sich gegen seine politischen Gegner wehrt. Der Grund der Verfolgung ist die Religion, die Rasse, die Abstammung. Der Erfolg ist ungerechtfertigte Bereicherung. Die Summe, um die es sich endgültig hier handeln wird, ist vorläufig nicht auszurechnen. Sie wird ungeheuer, selbst wenn jede Ziffer gewägt, geprüft und aufs äußerste reduziert wird, Aber im Prinzip muß dieser Anspruch schon heute angemeldet werden. Denn das deutsche Volk muß wissen, daß es für jeden Schaden, den es durch seine Regierung anrichten läßt, in vollem Umfange haftbar gemacht wird. Die Herren in Berlin mögen beschlagnahmen, konfiszieren, vernichten soviel sie wollen. Es wird jeder Bruchteil eines Pfennigs mit Zins und Zinsenzinsen von ihnen zurückverlangt werden. Sie sollen nicht glauben, daß sie aus den Taschen der Juden schließlich aus den Taschen der anderen Völker es sich gut sein lassen können. Vor dem Weltgewissen haben diese Menschen keine Furcht, wenn es sich nicht materiell in einem Judenprozeß auswirkt." Bekanntlich steht das deutsche Judenproblem auf der Tagesordnung des 18. Zionistenkongresses' in Prag. Daß hier entscheidende Entschlüsse gefaßt werden müssen, und zwar zionistische und nicht „erweiterte" Agency-Entschlüsse, dürfte jedem klar sein. Nach dem sogenannten „Vertagen" der jüdischen Weltwirtschaftskonferenz unter Führung des Lord Melchett, wo dunkle Kräfte den offiziellen Warenboykott gegen Deutschland vorläufig verhinderten, müssen wir mit besonderer Aufmerksamkeit die Versuche etwaiger Sabotage der deutschen Judenfrage auf dem Zionistenkongfeß in Prag verfolgen. Zweierlei Politik Vorige' Woche gab es im britischen Unterhaus eine Palästina-Debatte, innerhalb welcher der Kolonialminister Sir Philip Cunliff e-Lister eine Erklärung bezüglich der Richtlinien der englichen Palästina-Politik abgab. Jeder Zionist weiß, daß der Palästina-Aufbau weltpolitisch 1 auf dem Mandat beruht. Auch der Kolonialminister gibt vor, es zu wissen, d. h. er muß sich den Anschein geben, daß das Mandat keinen Fetzen Papier für England bedeute. Und darum sagte er in der Debatte u. a. folgendes: „Das Mandat wird' absolut fair verwaltet. Seine Verwaltung liegt in der Hand eines Mannes, des High Commissioners, zu dem alle, sowohl Juden als auch Araber, absolutes Vertrauen haben, dem sie im Lauf der Zeit nicht nur Vertrauen, sondern auch Liebe entgegengebracht haben." Diese Erklärung des britischen Kolonialministers (im Unterhaus am 14. Juli abgegeben) kann, soweit sie sich auf die Juden bezieht, wohl nur auf Grund zahlreicher Tatsachen abgegeben worden sein. Von außen besehen — mit Recht, Denn vor allem die plästinensische Presse der Linken war es, die sich nicht genug tun konnte in der Hervorhebung der Loyalität des Oberkommissärs Sir Wauchope und seines Verständnisses für die zionistischen Aspirationen. Sir Wauchope sah, hieß es, sehr oft die Herren der erweiterten Agency bei sich zum Tee, wo alle Probleme des jüdischen Jischuv die wohlwollendste Beachtung fanden. Sir Wauchope — ein reizender, liebenswürdiger, guter Oberkommissär! Als solcher kann er natürlich im werdenden Judenstaat nicht außeracht gelassen werden. Bei jeder Gelegenheit muß er dabei sein. Aus Jerusalem wird also unter dem 11. Juli berichtet: „High Commissioner Sir Arthur W a u c h op e empfing dieser Tage den Bürgermeister von Tel-Awiw Meir Dizengoff, der ihm über die Vorbereitungen zur Levante-Messe und Ausstellung 1934, über die der High Commissioner das Patronat übernommen hat, Bericht erstattete. Die nächste Levante-Ausstellung wird dadurch ein besonderes Gepräge erhalten, daß sie mit dem 25jährigen Jubiläum der Stadt Tel-Awiw zusammenfällt. Für die Errichtung von Ausstellungsbauten sind 50.000 Pfund vorgesehen. Das erste Gebäude, das auf dem Ausstellungsgelände errichtet werden soll, wird der Pavillon der britischen Industrie sein." Der Pavillon der britischen Industrie aus Dankbarkeit für die Mandatarmacht und deren Vertreter Sir Wauchqpe, der mit dem soeben erschienenen French-Be-, rieht (siehe Veröffentlichung dieses Berichtes an einer anderen Stelle der heutigen Nummer) einverstanden ist, ja ihn sogar befürwortet! Der Kolonialminister hat scheinbar recht. Die Juden bringen Vertrauen, ja Liebe dem Oberkommissär entgegen, der sich bei ihnen mit dem French-Bericht, welcher die Unterdrückung der jüdischen Kolonisation beinhaltet, revanchiert. Und die Araber? Die arabische Politik? Auch diesbezüglich liegt eine Meldung aus Jerusalem vor: „Am 8. Juli wurde in Jerusalem die arabischpalästinensische Ausstellung eröffnet. Entsprechend der von der arabischen Exekutive Palästinas vor kurzem beschlossenen Politik der Non-Cooperation mit der Regierung und den übrigen offiziellen Körperschaften wurden weder die -Mitglieder der Palästina-Regierung, noch der Vorstand der Gemeinde Jerusalem zur Ausstellung eingeladen. Auch an jüdische Journalisten sind keine Einladungen ergangen, nicht einmal an die EIN NEUES HERZL Dr. Tulo Nüssen Watt: B U P H Mit erstmaliger Veröffentlichung von Archiv-Dokumenten aus dem Leben und Wirken von Theodor Herzl. Bertha und Arthur Oundaccar Baron von Suttner, Hein Ich üraf Coudenhove Kalergi, Kanonikus Rohling u. anderen Zeitgenossen, mit zahlreichen Bildern u. Handschriftproben u. mit einem Qeleitwort von Blanche Dugdale-Baltour, 200 Seiten, brosch. S5.~ Reiiihold-Verlas, Wien IX. töffliclignsse 3 mmmm^^mmmmi^^mmKmmmBmmmKmmmmmmmmmmKmmmm!» „Palestine Post", die die einzige englische Tageszeitung in Palästina und den' Nachbarländern ist. Ein jüdischer Journalist, der die Ausstellung sehen wollte, wurde abgewiesen." Aus diesem Bericht ist Vertrauen und Liebe zum Oberkommissär arabischerseits nicht zu ersehen. Die Araber machen eben in Palästina eine andere Politik als die Juden. Unsere zionistischen Führer sind zur Palästina»- Regierung so „brav" wie die arabischen Führer „schlimm" sind. Dafür sorgt die englische Regierung für den „Schutz" der Araber vor der jüdischen Gefahr!" Wessen Politik die bessere, aussichtsreichere ist, die „brave" Politik der Juden oder die „schlimme" Politik der Araber, das wird wohl die nächste Entwicklung im Nahen Orient ergeben. Abscheu und Entsetzen erfüllt jeden Juden, wenn böswillige F e i n d e die Anklage erheben, daß Juden, von religiösen, weltanschaulichen Motiven beeinflußt, Blut vergießen, morden. Ohne jeden zwingenden Beweis, ohne jede ordentliche und abgeschlossene Untersuchung einzelne Menschen und eine ganze menschliche Gemeinschaft des greulichsten Verbrechens zu beschuldigen! Welch moralischer Tiefstand, welche Barbarei! Wie ist so etwas möglich?! Leider ist so etwas möglich, und nicht nur bei Antisemiten, sondern auch bei Juden, bei Z i o n i s t e n. Als knapp vor den soeben durchgeführten Wahlen zum Zionistenkongreß der Zionistenführer Dr. Arlosoroff ermordet und ein Revisionist, Slawsky, als. der Tat verdächtig verhaftet wurde, haben es Zionisten über sich gebracht, diesen Tatbestand zum Wahlschlager zu machen, die Mordaffäre zur Wahlparole. Wochenlang sitzt Slawsky in Haft und bis heute hat die Polizei noch nicht genügend Material, um die Anklage vor dem Gericht zu erheben. Aber Zionisten schreien: „Der Jude Slawsky ist der Mörder und seine Freunde, die Revisionisten,: sind die Mordanstifter! Mit diesem Geschrei haben sie die Welt erfüllt. Alles, um Stimmen für sich zu ergattern. Um einen Gewinn an Stimmen haben sie menschliche und jüdische Würde in den Staub getreten, das Ansehen des Zionismus heillos befleckt. Und noch mehr! Nicht nur Jugendliche und exaltierte Elemente haben sich so versündigt. Bekannte Führer zionistischer Gruppen, linker und allgemeiner, haben an diesem unsäglich schmählichen Treiben in erster Reihe teilgenommen. So ist in der Wahlnummer des Blattes der Zionisten der Bukowina, „Ostjüdische Zeitung", ein vom Herausgeber der Zeitung, Dr. Mayer Ebner, gezeichneter Artikel zur Kongreßwahl zu finden, der auf der Mordaffäre aufgebaut ist und folgenden Passus (in Sperrdruck) enthält: „Ich rufe alle Leser der Bukowinaer Blätter zu Zeugen, daß ich unmittelbar nach dem Mord und nach dem Bekanntwerden der übrigens heute schon feststehenden Tatsachen, daß eine Gruppe von Revisionisten in PaläV stina diesen kalten Brudermord beschlossen und ausgeführt hat, den Führer der Revisionisten, Herrn Jabotinsky, keineswegs beschuldigt habe, daß er persönlich diesem Morde irgendwie nahe stehe, daß er aber geistig und moralisch für diese blutige Ausschreitung seiner Jünger verantwortlich sei... In der ganzen zionistIschen Welt sind aus der Feder der bekanntesten Zionisten noch viel schärfere Artikel erschienen." Herr Dr. Mayer Ebner ist kein verführter, exaltierter Junge, sondern ein Mann mit weißen Haaren, der an die vierzig Jahre im zionistischen Leben steht. Präsident der Aligemeinen Zionisten in der Bukowina ist er, Parlamentsmitglied, Präsident der Jüdischen Reichspartei Rumäniens usw. — und alter Rechtsanwalt, der wissen muß, was es heißt, vor gefälltem Urteil einen Mitmenschen und eine ganze Gruppe von Mitmenschen als Mörder und Mordanstifter hinzustellen. Ein Mann, mit diesen Würden beladen, ein Mann vom Rechtsfache begeht dieses Attentat gegen die Menschenwürde, gegen die Würde des Zionismus. V Und er rechtfertigt seine schmähliche Tat damit, daß „bekannteste Zionisten" genau so unwürdig handeln wie er. Mit tiefstem Schmerz muß festgestellt werden, "daß sich im Zionismus Demoralisation breitgemacht und die Bewegung vergiftet hat. Zionisten sind auf das Niveau der Blutlügner hinabgesunken. Vielleicht noch tiefer. Denn die antisemitischen Blutlügner wüten gegen den jüdischen „Feind". Diese aber gegen ihr jüriisohes, gegen ihr zionistisches Fleisch und Blut.