Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 303 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit* 4 BOB NBÜE WELT Nr. 303 BAOGA/TEIN Europas stärkste radioaktive Alpentherme, 1083 Meter. 18 Quellen, 47» C Naturwärme. 330 Liter pro Minute Att^bssotiwerds» — Vtftsttlges Altem — Alle Nervenleiden - Bloht - Rheuma — Blasenleiden — Nierensteine Mederns Hotels und Kurhäuser 20 mttllgan Preisen - Thermalbad in jedem Hause Für Ruhe und Erholung wird gebürgt! Prospekte dnroh Kurkommlulon BadgfMtaln oder Karlsbad, MOhlUrunntlrafte) 3 auaasi WfW TW%%Mä\WW PH1 C*T*4f\Y anaaai Zentrale, lOnnid-ruhläe Lage "WD JLVUIUTlw 1 Erl* DHU 1 vJU'WD Thermalbadar/FllsBendesWaaser^ «■HMasausaaasaaaHnaaaaaHaiBHaaaaa^ M*$I#ePreise / Teephou 179 RUNDSCHAU Verlorene Illusionen Viele Judfctt, die keine zionistische Erziehung genossen haben, glaubten und glauben auch heilte noch» der Antisemitismus habe darin seinen Grund, daß die nicht jüdische Welt Uber die guten Eigenschalten und die großen Leistungen der einzelnen Juden nicht genügend unterrichtet sei. Sie ziehen daraus die Folgerung, daß die unermüdliche Aufzahlung jüdischer Outtaten den Antisemitismus zum Schwinden bringen könne. Eine Illusion, der das Geschehen In Deutschland ein augenfäl Bges Ende bereitet hat Aus Mannheim wird uns berichtet: In unserer Stadt stand bis vor kurzem das Denkmal für den jüdischen Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank. Zu Kriegsbeginn, im Herbst 1014, hatte sich Frank, ohne dienstpflichtig zu sein, freiwillig an die Front gemeldet, rückte als einfacher Soldat ein, bekam schon nach kurzer Zeit für besondere Leistungen die höchste Auszeichnung, die einem Frontsoldaten zuteil werden kann. Wiederum nach kurzer Zelt fiel der jüdische Frontsoldat Frank den Heldentot. Sein Andenken wurde durch die Errichtung eines Denkmals geehrt. Und dieses Denkmal nun, wurde1 kürzlich von nationalsozialistischen Mannheimern besudelt und dadurch zum Gegenstand einer aufgeregten Diskussion gemacht. Der Bürgermeister, dem der Schutz der städtischen Denkmäler anvertraut war, kümmerte sich nicht viel um die Ehre des gefallenen jüdischen Helden: er ließ, um sich „Scherereien" zu ersparen, Franks Denkmal abtragen. Zuerst sein Blut fürs Vaterland vergießen und dann, nach seinem Tode, besudelt zu werden — JüdehSchicksal im hakenkreuzlerischen Deutschland. - < « . -• .""..'•* In einer mitteldeutschen Stadt. Am 1. April, dem historischen Boykotttag gegen die deutschen Juden, trat ein S. Ä.-Männ vor ein jüdisches Geschäft« um es als solches durch ein Zeichen zu stigmatisieren. Der jüdische Kaufmann versuchte, der Gewalttat zu entrinnen, indem er durch Dokumente auf die fast 300jährige Seßhaftigkeit seiner Familie in Deutschland hinwies und damit seine Bodens tändig k ei t erhärten wollte. Aber der S. A.-Mann zerstörte die Illusion des Juden. „Dreihundert Jahre auf deutschen Boden? Genug! Und jetzt erst recht hinaus!" Die Berufung auf Erbelngesessenheit half nichts. Wiederum wurde eine Illusion zerstört, ging eine Illusion verloren. Nationalsozialistische Lösungsversuche zur Judenfrage Der Propagandist des deutschen Natlonalaozlallsmus und Herausgeber des „Deutschen Volkstums" Dr. Wilhelm Stapel schreibt im Gegensatz zu •mderen führenden Nationalsozialisten, die eine Organisierung der Juden in Deutschland ablehnen, in einem ausführlichen Aufsatz folgendes; „Nicht als Individuen, sondern nur als organisierte Gemeinschaft werden die Juden in einem ständisch organisierten Deutschland existieren können." Das ist allerdings keine offizielle Stimme. Die offiziellen Maßnahmen haben, wie alle Welt weiß, die jüdischen Staatsbürger aus Aemtern, Berufen und Wirtschaftszweigen ausgeschaltet. Aber, und auch das weiß alle Welt, irgendwo muß den Juden Deutschlands doch eine Lebensmöglichkeit gegeben werden, denn selbst der extremste Verfechter der deutschen Judenemigration ist sich darüber klar, daß immer noch ein paar hunderttausend Juden in Deutschland werden zurückbleiben und sich Irgendwie werden eingliedern müssen. Stapel bat — er behauptet dies übrigens auch vom Nationalsozialismus — Verständnis für den Zionismus und erwartet,. daß ein Judengesetz die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden korporativ regeln könne. Andere Führer, wie Dr. G e r c k e, der Sachverständige für Rassenforschung, ist der Meinung, daß die Judenfrage eher durch eine internationale Be» gelang (nicht nur für Deutachland, sondern für die Welt) gelöst werden könne — durch Kolonisierung jüd> apher Massen auf einem Territorium, wobei die XJeber* tftoltr mit Staatihilfe in ihren bisherigen Vaterländern vorher zu landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen umgeschichtet werden sollen. Bin dritter Führer, der Hochschullehrer. Karbach, verlangt, daß der Staat die Verantwortung für das Schicksal der deutsch-jüdischen Bevölkerung Ubernehme, indem er für die notwendig gewordene Berufsumschichtung Sorge trage und keine and.er.en Maßnahmen zur V0rb6sserung der Lage der Juden zulasse. Alle die hier erwähnten nationalsozialistischen Theoretiker schalten die Judenschaft selbst von der Mitbestimmung ihres weiteren Schicksals, aus, Ein erheblicher Teil der deutschen Juden will „als treuer deutscher Staatsbürger" immer noch „am Neuaufbau des deutschen Vaterlandes" teilnehmen. Aber k o n k r e t e Vorschläge betreffs der Reorganisierung der jüdischen Staatsbürger sind bisher von keiner Seite gemacht worden. Die „Reichsvertretung der deutschen. Juden" wird sich entschließen müssen, ein Programm vorzulegen. Einen weiteren Aufschub verträgt die tragische Situation der deutschen Judenheit nicht. Die Hilfskomitees sind ja bloß ein temporäres Auskunftsmittel! Hebräische Sprache, nationaler Geist Die palästinensische Wirklichkeit hat mit der Legende, Hebräisch sei eine tote Sprache, Schluß gemacht. Hebräisch ist in Palästina nicht vielleicht nur die Sprache der Wissenschaft an der Universität, sondern auch die Sprache des täglichen Verkehrs, der Straße, des Kindes.. Das neue Palästina, schafft, sich in seiner, Sprache das VerständigungsjUMtnuia^n für alle seine Begriffe und Vorstellungen. In der Galuthi hat der Zionismus, als Renaissancegedanke und als Vorbereitung für das palästinensische Leben die hebräische Sprache in alle ihr zukommenden Würden eingesetzt., Und nun beginnen auch weitere jüdische kreise über dieses Phönomen nachzudenken .... ■ . In der „Hochschule für die. Wissenschaft, des Judentuma" in — Berlin haben die Hörer folgende Resolution ausgegeben: „Die Hörerschaft der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums beschließt, im Rahmen der pädagogischen Möglichkeiten die Vorlesungen in hebräischer Sprache abzuhalten." EIaC bemerkenswerte Entschließung! Sie bedeutet, daß; die jüdische Höchschuljugend ihre jüdische Ausbildung in; jüdischem Geist, also auch in der Sprache dieses Geistes gesichert haben will. Wie nicht anders zu erwarten, hat dieser schöne Entschluß in gewissen Kreisen Aufregung Verursacht und sogar die. Drohung, den Hörern die Stipendien zu entziehen. Aber es wird den Kuratoren dieser — übrigens liberalen — Hochschule nicht viel nützen. Sich intensiv mit dem Studium der hebräischen Sprache befassen zu wollen — das kann doch gewiß nicht tadelnswert sein, zumal seitens Rabblnats&nwärtern, die das Gefühl haben, daß auf dem Weg der nationalen Erziehung das hebräische Wort ein wichtiger Meilenstein ist. Juden ab Stimmvieh fürs — Sudetendeutsditum -Es ist' natürlich, daß. der Zusammenbruch der deutsch-jüdischen Assimilation, eine deutlich sichtbare Stärkung der national jüdischen Front und damit zugleich des zionistischen Aufbaugedankens gebracht hat;, ebenso spontan hervorbrechend wie die Boykottbewegung gegen das pogromantisemitische Hakenkreuz. Die. Juden beginnen ihre Situation in den Ländern, die sie bewohnen, zu erkennen» d. h. sich national als Judenzu fühlen und Ihre bisherige zweifelhafte oder gar an fremdes Volkstum gebundene Haltung zu erkennen. Das Judenproblem wird klarer. Die Versuche, es zu verdunkeln, scheitern. Unter den kritischen Stimmen, die das gleichgeschaltete „Berliner Tageblatt" in seiner Pflngstbeilage veröffentlichte, verdient die. 404 Prager Abgeordneten der Deutschen Arbeits- und WirtascbaitegemelnscbAft Dr. Franz Bacher besondere -Bedeutung. Dieser liberale Politiker, darauf bedacht, keinem seiner Wälder wehzutun, äußert Bloh ü. a.:? „Die Aufsätze (!) über die Juden In Deutschland wurden hiersulande In jüdischen und nlchtJUdischen Kreisen mit großem Interesse gelesen. Hier ist' man Überzeugt* daß die Entwicklung im Reich, was die ( Union der Zionisten- Revisionisten Oesterreichs Sonntag, den 2. Juli, findet um 11 Uhr im Helm, II., Untere Augartenstraße 88, eine dringende MITGLIEDER-VOLLVERSAMMLUNG statt, zu der alle Mitglieder unbedingt erscheinen müssen! Lösung der Judenfrage betrifft, noch keineswegs abgeschlossen ist. Nichtsdestoweniger, oder vielleicht gerade deshalb werden die Aeußerungen aus Deutschland über den gegenwärtigen Stand der Frage und iber die nächste, wahrscheinliche Gestaltung des Schicksals der Juden mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Erfolgt die Erörterung dieser aktuellen Probleme in ruhiger und objektiver, den Kern der Sache keineswegs verhüllender Form, so wird das Auslanddeutschtum den Wert solcher Diskussionen richtig einzuschätzen wissen." Nach dieser nichtssagenden Aeußertmg schreibt Bacher: „Daß auch im sudetendeutschen - Gebiet der Antisemitismus neuerlich zugenommen hat, kann-nicht In Abrede gestellt werden." - Eine richtige Beobachtung! Sonderbarerweise fährt Dr. Bacher fort: „Gleichzeitig hat sich eine gewisse Propaganda auf die sudetendeutschen Juden gestürzt, um sie dem deutschen Volkstum zu entfremden, indem sie eine für sie günstige Gelegenheit ausnützen zu können glaubt.'* Wer sind die, die sich „gestürzt" haben? Warum sagt Dr. Bacher nicht, wen er meint? Warum sagt Herr Dr. Bacher nicht, weshalb die Gelegenheit günstig ist? Er kann wohl nur die bösen Zionisten meinen, die den „deutschen" Juden die Folgen ihrer Assimilationswot am reichsdentschen Beispiel demonstrieren. Herr Doktor Bacher, der die tschechoslowakische und auch die reichsdeutsche Revolution verschlafen hat, operiert mit denselben Methoden wie die liberalen Juden Deutschlands s. A-., wenn erseiner Betrachtungen; folgendermaßen schließt: „Daß die1 sich mit dem Deutschtum und seinem Schicksal eng verbunden fühlenden und sich allen Anfeindungen zum Trotz als Deutsche bekennenden Juden das Schicksal ihrer Glaubensgenossen im Reich mit tiefster Teilnahme verfolgen, ist gewiß nicht schwer zu verstehen. Es gibt viele deutsche Juden in der Tschechoslowakei — sie zählen nicht nach Hunderten, sondern nach Tausenden —, die weiterjbln mit gei^ezu fanatischer Liebe an Ihrem Deutschtum hängen,' wiewohl sie das dhefühi haben, daß' ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Im Äuslanddeutschtum sind die deutschen Juden oder, richtiger gesagt, die jüdischen Deutschen ein Faktor, der keineswegs nur zahlenmäßig zu werten ist. Was sie für das Deutschtum; des betreffenden Landes bedeuten, wird verschieden beurteilt werden. Das hängt natürlich vielfach von der jeweiligen Stärke des Deutschtums ab, aber auch davon, in welchem Maße die Judeii sich in den Dienst der deutschen Sachte stellen." In den Dienst der deutschen Sache stellen! Deutsche Sache =r deutsche Wahlurne! Herr Dr. Bacher braucht die deutschen Judenstimmen wie einen Bissen Brot: Erstens wegen der Mandate und zweitens, 'weil im Falle des Rückganges der deutschen Stimmen unter 20 Prozent die Zweisprachigkeit der einzelnen Städte und Kreise gefährdet wäre. Die Juden also sollen das D e u t s o h t ü m in der tschechoslowakischen RepubUk erhalten helfen. Eine seltsame Zumutung, gar angesichts der reichsdeutschen Situation! Nein. Hundder tau send jüdische Fa m i Ii e n haben in der Republik Masaryks ein Bekenntnis zur jüdischen Nation abgelegt. Bei kommenden Wahlen wird sich idiese Zahl noch vergrößern. Juden als Stimmvieh für die „deutsche Sache", gar für das sogenannte Ausländsdeutschtum, gär für das —; Sudetendeutschtum, dieses Repertoirestück, verehrter Herr Abgeordneter» wird nicht mehr gespielt werden. Im Deutschen Waffenri'ng Das „Hamburger Tagblatt" meldet: Die Beauftragten der N; S. D. A. P. haben an den Vorort des Allgemeinen Deutschen Waffenrings, der die Zusammenfassung aller waffenstudentischen Verbände in Zukunft darstellen wird, folgende Mitteilung gelangen lassen: „Einem Wunsche des Herrn Reichskanzlers und Führers der N. S. D. A. P. folgend, teilen wir Ihnen Wodurch mit/ daß bei der Durchführung der Ehrengesetze des Allgemeinen Deutschen Waffenrings der A r i er- Paragraph in der aktiven Gliederung jedes Verbandes ohne Ausnahme, durchzuführen Ist, jedoch■■ ist bei dien Alte-Herren-«Verbänden in einzelnen Fällen, die von den einzelnen Verbandsleitungen geprüft und der Führung der Deutschen .Studentenschaft mitgeteilt wer» den, im Sinne des jf 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und der dazu ergangenen'Durch* führungsbestimmungen zu verfahren." * Üeber Verlangen des Herrn Hitler haben also au« Studentenverbindungen in Deutsehland alle Juden für