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Die neue Welt · 1933-06-16 · Heft 301 (16.6.1933) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 301 (16.6.1933)
Date
1933-06-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seit* 4 DIE NEUE WELT Nr. 301 JÜDISCHE VOLKSPARTEI ÖSTERREICHS Dienstag, den 20. Juni 1933. 7,9 Uhr abends In Hans Krasnltzky« „Marlenaftlen", Wien XIV, Reindorfgasae 3 GROSSER VORTRAGSABEND »Die Vorgänge in Deutfdiland und die ofterreidufdienJuden« Referenten: Oberbaurat Ing. Robert STRICKER / Dr. Oskar QRONBÄUM an st alt zu verwehren." Der Antrag wurde1 mit allen gegen drei Stimmen angenommen. Aus Wiesbaden wird berichtet: Das Kurgeschäft ist in diesem Jahre bisher weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben . . . Es ist daher im Interesse der Kurindustrie zu begrüßen, daß Magistrat, Kurdirektion und die nationalsozialistische Kreisleitung in einem Aufruf an alle in Frage kommenden Stellen des In- und Auslandes bekanntgeben, daß die Heilquellen und sonstigen Heilmittel Wiesbadens auch unter der neuen Regierung allen Heilung- und Erholungsuchenden aus allen Ländern nach wie vor ungehindert zur Verfügung stehen, daß Ruhe und Ordnung niemals hier gestört waren. Es heißt weiter: „Die für die Verwaltung Wiesbadens maßgebenden Stellen sind sich voll der Verpflichtung bewußt, die ihnen sowohl der Bevölkerung wie den auswärtigen Gästen gegenüber obliegt, und verbürgen allen, die zum dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt nach Wiesbaden kommen, gleichgültig, welcher Konfession und Einstellung, einen ungestörten, sicheren und angenehmen Aufenthalt." AsphaltvLfteratui* und Pogromangst Der reichsdeutsche Propagandaminister Röbbels hat es bekanntlich sehr scharf auf alles, was jüdischer Geist produziert und veröffentlicht. Er nennt diese Produkte Asphalt-Literatur. Kein Jude hat im heutigen Deutschland die Chance, in den Augen der nationalsozialistischen Partei Gnade zu finden. Kein Jude? Das ist Uebertreibung. Herr J. Trachtenberg (er schreibt sich nicht Jakob, sondern Jakow, also ein jüdischer Jude) veröffentlicht in seinem Verlag ein Buch, das den Titel trägt „Die Greuelpropaganda ist eine Lügenpropaganda — sagen die deutschen Jüdein seTbst", und den Zweck hat, zu beweisen, daß die deutschen Juden selbst... von ihrer Unterdrückung nichts wissen. Der Mann mit dem Vornamen eines unserer Erzväter erzählt die Geschichte vom zerbrochenen Topf: „Erstens hat es keine Judenverfolgungen gegeben; zweitens nur vereinzelte; drittens, wenn vereinzelt, dann von der Regierung verurteilt." Und er fügt noch ^Ine v i e r t e Pointe, die entscheidendste, binzu: Wenn verurteilt, dann bat man überhaupt von einem Topf, das heißt von Judenverfolgungen, nicht zu reden. Jüdische Organisationen, Interessentengruppen, die jüdischen Frontsoldaten, Rabbiner, jüdische Warenhausbesitzer, jüdische Banklers kommen zu Wort. Aber nicht nur diese allein. Zu den Mitarbeitern des Ostjuden Trachtenberg zählen auch die Herren Hitler, Papen, Neurath, Göring, Göbbels usw., lauter Mitarbeiter also eines Juden buchs, Befürworter der Judenpest. Sie alle, die Rabbiner sowohl wie die Helden des Dritten Reiches, erklären, daß „alle diese Berichte in Ihrer Gesamtheit gemeine Lügen sind"! Diese» Buch wird nicht eingestampft, nicht ver brannt, nicht auf die schwarze Liste gesetzt. Die Namen Tietz, Ludwig Freund, Oscar . Wassermann, Max Naumann dürfen Schulter an Schulter mit denen der Haken kreuzf ührer stehen... Asphalt-Literatur? Keine Spur. Der Topf wurde zwar zerbrochen» aber es hat keinen gegeben. Die „Pra ger Presse" schließt ihr Referat über Trachtenbergs Sammlung der. Aufgeforderten: „Und so etwas übersetzt sich der Verlag Trachtenberg ins Englische und Französische, droht mit weiteren Uebersetzungen und meint, die Welt sei des Lesens unkundig. Etwas so Kindliches ist seit dem 5. März aus Deutschland nicht in die Welt gegangen Wenn ich Herr Göbbels wäre, ich ließe Herrn Trachtenberg eine Tracht — natürlich moralischer — Zurechtweisungen verabreichen. Denn kein eklatanterer Be weis von der Richtigkeit der sogenannten Greuelpropaganda wurde bisher geliefert als diese Z u s eh r i f t e n auf Aufforderung, aus denen Porgromangst geradezu zum Himmel schreit," , Werden die Hohenzollern gleichgeschaltet? Man schreibt uns: Unlängst wußten die Tagesblätter zu berichten, daß man in Deutschland darangeht, allen jüdischen Familien, die unter der Monarchie geadelt wurden, den Adel zu entziehen. Ferner soll auch allen jenen Adelsfamilien das Adelsprädikat genommen werden, die jemals jüdisches Blut in sich aufgenommen haben. Nun habe ich seinerzeit in ' Ihrem Blatte auf den Ausspruch eines der Führer des Hakenkreuzlertums, Theodor Fritsch, aufmerksam gemacht, wonach er beim Anblick des zweitjüngsten Sohnes Wilhelms II. sich geäußert hat: „Ich kann mir nicht helfen,' er sieht aus wie ein Judenjunge", und ergänzend hinzufügte, daß er nach dem Kriegt von den Wirkungen des Koburgerbiutes auf. r die,*hohenzollern erfuhr, und, er verstand nun erst den ,Sinn .von- Bismarck.s Worten in, bezüg auf die' &alseriri'; Auguste 'Viktoria': „Diese e n'g-; 1 i s c h' e S/tu t e~ hat uns 'die ganze Rasse ver-. dorben!" - . . Wir sind nun sehr gespaäirit darauf, ob die Nazis folgerichtig die Hohenzollern aller Würden entkleiden werden. Das würde doch für die Erhaltung der „Deutschblütigkeit" notwendig sein. Rabbiner Professor Dr. Bernhard Templer.- Zwei Fragen* Nadi innen und nadi außen ♦ ♦ ♦ Falsch aufgezäumt — Oasselbe Stück/ nur anders inszeniert Von unserem engUschen Berichterstatter Dr. H. Rosenblum (London) /. .. Itlui hat im Hotel Astor eine Konferenz der amerikanischen Sektion der Jewish Agency unter dem Vorsitz von Cyrus Adler stattgefunden. Die Konferenz hat sich mit dem kritischen Zustand des deutschen Judentums und mit dem verstärkten Einwanderungadrang der jüdischen Bevölkerung Polens und Amerikas beschäftigt. Es wurde einstimmig eine Resolution angenommen, welche die folgenden vier Punkte enthält: 1. Die Palästina-Regierung muß dafür sorgen, daß die verfolgte Judenheit in größerem Maße als bisher nach Palästina einwandern kann; %. die Mandatarmaoht muß ein internationales Programm einer 'jüdischen Massencinwanderung nach Palästina aufstellen, das in Ueberclnstimmung mit jenen Maßnahmen stehen soll, welche der Völkerbund seinerzeit bei der Repatriierung der griechischen und armenischen Elemente angewendet hat; S. der Völkerbund muß eine Kommission bestimmen, die die Ausführung des Planes betreffs der jüdischen Masseneinwanderung auf sich zu nehmen hat; 4. die amerikanische Regierung hat an der Aufstellung und Ausführung dieses Planes aktiven Anteil zu nehmen, Alle werde» hier mit Arbeit versorgt: Die Palästina- Regierung, die Mandatarmacht, der Völkerbund, die amerikanische Regierung... In diesem Sinn ist die Resolution gut. Eines aber haben die Urheber dieser Resolution vergessen, und das ist — die zionistische Exekut i v e oder — wenn man die zweite Bezeichnung anwenden will — die Exekutive der Jewish Agency mit Arbelt zu versehen. Ich befürchte, daß gerade dieser fünfte Punkt die Hauptsache ist. Denn, bevor die palästinensische Administration den ersten Schritt unternimmt, um uns entgegenzukommen, und bevor die Mandatarmaoht beginnt, über den Plan nachzudenken, und bevor der Völkerbund Nachforschungen anzustellen und die amerikanische Regierung Anteil zu nehmen beginnt, muß die % i o n 1 s 1lsche Exekutive mit ihrem detaillierten prinzipiellen, fachmännischen Plan einer Masseneinwanderung kommen. Es ist gar wenig, wenn Herr Arlosoroff in Warschau daran erinnert, daß er kürzlich eine Broschüre betreffs einer internationalen Anleihe für Palästina veröffentlicht habe und daß solch eine Anleihe jetzt nützlich sein könne. Es ist wenig, wenn Dr. Weizmann für einen neuen Fonds sammelt. Es ist auch wenig, wenn die zionistische Exekutive Manifeste ob 4er schlechten Lage der deutschen Opfer und betreffs der Aufgaben des öffentlichen' Gewissens herausgibt. All das ist nicht schlecht, aber es ist wenig, sehr wenig im Verhältnis zur jüdischen Katastrophe, die sich vor unseren -Augen abspielt. Es muß der konstruktive Plan kommen, der dem Völkerbund und den Regierungen vorgelegt werden soll, ein Plan, der die Einwanderung von einer halben Million Juden Im Verlauf der nächsten paar Jahre ermöglichen soll — ohne den geradezu beleidigenden Zertiflkatenzwang und auf beiden Selten des Jordans. Nur solch ein Plan kann und wird dIe Antwort auf die drückende jüdische Weltnot sein. Nur solch ein Plan kann den Grundstein für eine Jüdische Weltbewegung, für eine internationale Diskussion, für die politische Aktivmachung unserer Freunde in London, Washington und Genf bilden. Ich erfahre, daß der englische Kolonialministerin einem Gespräch mit einem führenden Mitglied der zionistischen Exekutive die Frage gerade bezüglich dieses Planes gestellt bat. JSr bat gesagt; Unsere Absichten sind gut, Ihre zionistischen Bemühungen sind gewiß gut, aber — wo ist der konkrete Plan der zionistischen Leitung? Wie stellt Ihr, Ztonlsten, euch die praktische Lösung des Problems vor, das jetzt Vor uns allen steht? Niemand weiß es. Die zionistische Exekutive am wenigsten. Darum besteht die Frage: Vermag der Völkerbund unsere Nöte und Wünsche besser zu kennen als wir selber? MacDonald, Snowden, Thomas und Henderson gehören zn den Begründern und Wegweisern der britischen Arbeiterpartei: MacDonald hat sie nicht nur mit» begründet, er hat ihr auch vierzig lange und schwere Jahre seines Lebens gewidmet. Er zusammen mit seiner verstorbenen Frau haben sich zeitlebens in lebendige Fahnen verwandelt,' in Symbole der britischen Labour-Bewegung. Und Snowden. Er ist alt und grau geworden in der Labour-Bewegung, der er durch seine nationalökonomischen Schriften Namen und Glanz verliehen hat. Und welter — der Stolz der britischen Parlamentarier Thörn a s,. der es durch seine Fähigkeit vom einfachen Eisenbahnarbeiter bis zum höchsten Rang in seiner Partei gebracht hat! Und Henderson, der langjährige Führer und erste Außenminister der englischen Arbeiterschaft, ihr ständiger Repräsentant in der Internationale, ein Mensch, dessen Name innig verknüpft ist mit Arbeiterbewegung! Eigentlich ist das die Elite der Arbeiterbewegung in England. Die englische Arbeiterschaft ist schon seit langem in jedermanns Bewußtsein mit diesen Namen verbunden. Man konnte meinen, daß ebendiese Namen keine Macht der Welt von der englischen Arbeiterschaft loslösen könnte, von jener Gruppe, mit welcher sie verwoben und verwachsen sind. Was passiert?. Die englische Arbeiterbewegung beschließt eines schönen Tages, von all diesen Namen A bschied zu nehmen, sie von der Parteileitung und sogar auch von der Partei auszuschließen... Weshalb? Warum? Ganz einfach': Sie haben begonnen, eine Politik zü führen, die dem Herrn X und dem Herrn Y In der Partei nicht paßt. MacDonald und seine Freunde, die Jahrzehn to auf das proletarische Roß gesetzt hatten, haben sich plötzlich aufs konservative Roß verlegt. Henderson, der jahrelang den sozialistischen Reiter favorisierte, gab schrittweise nach und begann mit dem Uberralen Nachbarn zu gehen. Worauf die Partei ohne jedes* Sentiment ihrem Führer „good by" sagte, Denn die englische Arbeiterpartei ist vor allem demokratisch, d. h. eine Partei, die nicht vergißt, daß es außer dem Respekt und der Treue zum Führer noch eine zweite. Kategorie gibt, vielleicht eine wichtigere, als die erste: Respekt und Treue zu sich selbst,, zu. .den ei g enen. Ideen.,und . Prinzipien. .Die Treue. zum Führer hält nur infolange an» als er m ei n e Meinungen, meine Gefühle und politischen, Wege vertritt. Hört: daß auf, hört, auch, die Treue auf, weil, Treue ohne gegen-. seitJge ideelle Harmonie Sklaven dien st ist. Die Labour-Partei hat beschlossen, bei ihren Ideen zu verbleiben und die Führer aufzugeben, als die Führer zu behalten^ und die Ideen aufzugeben. Die Führer selbst waren darüber nicht gar so sehr aufgeregt: Auch die Führer sind hier anders erzogen und halten nicht viel von einer Bewegung, die keine eigene Meinung und keine eigenen Prinzipien hat. Das eben ist die westeuropäische polltische, Schule, die in England ihre getreuesten Jünger gefunden hat. Die Masse ist hier bloß ein Organ zur Hervorbringung von Führern, ein blindes und stummes Werkzeug, das sein Stück Arbeit zu leisten und dann schlafen zu gehen hat.. Die Masse ist hier eine Gesellschaft denkender, fühlender, selbständiger Persönlichkeiten, die bloß dann schweigt, wenn alles in Ordnung ist, und würdig und sicher reagiert, wenn die Ordnung gestört wird. Nicht die „Masse", sondern die „public opinlon" (die öffentliche Meinung) ist da das herrschende Element. Dieser Charakter offenbart sich schon in der englischen Presse Uberhaupt: Was einen Ausländer in England überrascht, ist vor allem die Tatsache, daß sozialistische Blätter lange und getreue Berichte konservativer Reden bringen und konservative Blätter die stenographischen Berichte sozialistischer Reden abdrucken — beide fast ohne Kommentar. Es fragt sich: Hegen die Zeitungen gar keine Befürchtung, daß ihre Leser durch gegnerische Argumente beeinflußt werden? Die Antwort lautet: Der Leser ist hier keine „Masse'', die sich von einer guten Rede beeinflussen läßt. Man betrachtet hier den Leser als eine Persönlichkeit für sieb, die ihre Prinzipien und Anschauungen hat, und die ideologisch zu lest ist, als daß sie sieh durch das Zusammentreffen mit dem Gegner nervös machen lassen könnte. Weder in Rußland noch In Deutsehland ist solch ein System möglich — nur In einem Land mit politischer Kultur. Die Frage, die ich Im Zusammenhang damit stellen wolltet wendet sich an den Revisionismus: Wohin will sich die revisionistische Bewegung orientieren? Gegen den Osten oder den Westen? Legt die Bewegung ein klein ihre Verlobung zeigen im Namen beider Eltern an: Felicitas Swfowlcz Leipzig Seils Kontor Riga 1. Juni Schcwuoih 5593 6. Siwan

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