Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 301 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 301 »iiiiiiiiiiiiiiiiiiuiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 1 Leopoldstädter Volks-Kino I S —" W| tt»**1»«**™»3««« 7«_Ttliphdn W-»».Q«M S s Ab 16. Juni taglich in S Erst- und Allein- 5 auffuhrung für den E II. Bezirk der schönste 3 Film des Jahres 5 3 Vortfallungan: VA V<«, 7*10. Sonntag ab 4 Uhr | norm bezeichnet werden könnte; will nicht glauben, daß der assimilatorische Teil der deutschen Judenheit die Entwicklungsgesetze falsch beurteilt habe. Vielmehr will er, daß die deutschen Juden alle Kräfte anspannen, „um den neugewordenen Nationalgeist in Deutschland nicht in alle Ewigkeit identisch sein zu lassen mit Judenfeindschaft und Juden aus Schluß". Aber es scheint bei den jüdischen Frontsoldaten das Bewußtsein zu dämmern, daß ein solches Bemühen nicht viel Erfolg verspreche. (Bedeutet doch bei allen Kulturvölkern dieser neugewordene deutsche Nationalgeist nichts änderes als brutalsten, systematisch durchzuführenden Pogromantisemitismus, Ausrottung des jüdischen Menschen im deutschen Nationalstaat.) Denn Herr Dr. Freund fügt resigniert hinzu: „Wenn unsere Bemühungen scheitern sollten, dann ist Immer noch Zeit, in der Entrechtung etwas Unabänderliches zu sehen." Nichts von nationaler Aufrichtung, von judischer Solidarität, von jüdischer Schicksalsverbundenheit, nichts vom Entschluß, bei allem Verfechten der Staatsbürger- Hohen Gleichberechtigung das Volkhafte zu betonen! Ein schmerzliches Geständnis: . „Der Schnitt, der heute zwischen Juden, und Nicht¬ Juden in Deutschland gelegt wurde, zerreißt die Grundlagen unserer Normalexistenz." Und ein Oeffnen des verstaubten Fensters: „Juden, die sich national als Juden fühlen, werden T von diesem Schnitt gar nicht oder weniger getroffen/* Schließlich, mit der letzten Kraft eines Desperados, für einige Augenblicke noch einem verlorenen Weltbild nachzusinnen, stammelt der Geist, der sich bisher in der »Abwehr" erschöpfte: „Um für die Masse deutscher Juden gesunde Lebensverhältnisse zu schaffen, ist die Neugewinnung des Anschlusses an die deutsche Umwelt nötig." Und fast ebenso resigniert wie der Kollege von der liberalen Fakultät: „Der andere Weg wäre die restlose Nationalisierung alles jüdischen Daseins. Dieser Weg ist aber erst möglich, wenn jedes nationale Zusammenhangsgefühl deutscher Juden mit dem deutschen Element verlorengegangen ist." Was sonst noch der Führer der jüdischen Frontsoldaten Deutschlands zu sagen hat, gehört in das Gebiet einer Phraseologie, die zwar den liberalen Bequemlichkeitsstandpunkt aufgegeben, aber noch nicht einmal den Anschluß an den Typ des jüdische Werte konservierenden Ghettojuden gefunden hat. Der Standpunkt der starren Trennungsorthodoxie, der Agudas-Jisroel-Organisation, wird nicht überraschen. Hu* gesohäftsftihrender Vorsitzender Rabbiner Dr. Plnchas Cohn (Berlin) beruft sich bei seiner Ablehnung einer Kulturautonomie für die Juden Deutschlands hauptsächlich auf religiöse Momente, auf ihre Selbständigkeit, die bei einer Art „Zwangseinheit" sehr leicht verlorengehen könnte, läßt sich dabei aber bei der — sagen wir — Entgleisung ertappen, wie wir sie bei der Aguda jedes Landes anzutreffen gewohnt sind, nämlich bei einer politischen Korruption, die stets zugunsten der Staatsmacht und gegen die jüdischen Interessen ausschlägt. Die Orthodoxie zieht nära- | lieh „politisch die Forderung, daß sie den Gedanken eitler I jüdischnationalen Kurie rundweg ablehnt", Und erklärt weiter: „Denn denkbar wäre die Sache doch nur in Verbindung mit Unterstellung dieser also gebildeten Minorität unter den Schutz des Völkerbundes, und dann würde eine Geschlossenheit Deutschlands gegenüber dem Völkerbund nicht mehr bestehen." ■ Wie sehr die Orthodoxie, die Trennungsorthodoxie, an der Geschlossenheit Deutschlands interessiert ist! Die Geschlossenheit desJudentums liegt ihr weniger am Herzen. Den Fußtritt empfangend, bettelt sie beim Puritz um Gnade! Die Perspektiven im Aspekt einer grundlegenden Erkenntnis der jüdischen Dinge zeichnet der Präsident der nationaljttdischen „Jüdischen Volkspartei", der gewesene Vorstand der Berliner Judengemeinde, Georg Kareski, Was seine Stellungnahme von der des liberalassimilatorisch-orthodoxen Kreises unterscheidet, ist sowohl die geistig-seelische Haltung wie die einer Neuordnung dienenden Vorschläge. Er schickt voraus, daß die Notwendigkeit der Neuorientierung innerhalb des zionistischen Kreises weit geringer ist als bei den anderen jüdischen Gruppen, da für den Zionisten „vieles, was das nationale Deutschland als Leitmotiv verkündete, nur eine Bestätigung seiner eigenen ... Erkenntnise bildet" und umreißt die zwei Aufgaben für die in Deutschland weiterlebenden und für die eine neue Aufbaumöglichkeit suchenden Juden. Die erste Gruppe wird gezwungen sein, den Bechtsentscheid des deutschen Volkes, das wahrscheinlich durch eine jüdischnationale Autonomie die. Emanzipatlönsperlbde für die Juden abschließen wird," widerspruchslos aufzunehmen. Die zweite wird sich dem wirtschaftlichen Problem desNeuaufbaus Herz- und Frauenhellbad TATZMANNSDORF (B 9 I n d) Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäure-Sprudelbader. Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Auskünfte und Piospekte; Kurdirektion oder Kurkonmission, Bad Tatzmannadorf, Burgenland, und in allen Fremdenverkehrbüros, sowie bei derOesterr. Anzeigen-Oes., A.Q., Wien I, Brandstätte?. Zwei rituelle Restaurants, darunter eines orthodox. widmen müssen, einer Aufgabe auf weite Sicht in den Grenzen Deutschlands. Die weiteren Ausführungen Kareskis seien wörtlich wiedergegeben: „Nicht in demselben Maße auf weite Sicht abgestellt, aber doch für die nächsten Jahre von höchster Bedeutung ist das zweite große Hauptproblem: die jüdische Wanderung. Die Erfahrungen der letzten Wochen mit ihrer vielfach köpf- und sinnlosen Auswanderung haben gelehrt, wie es unter gar keinen Umständen gemacht werden darf. Die sinnlose Verschleuderung jüdischer Werte, wie sie vielfach erfolgte, ist ein Luxus, den unsere veramte Gemeinschaft sich' nicht leisten kann. Der Zustand, in dem viele Tausende aus Deutschland fortgegangener Juden sich im Ausländ befinden, ■ is& -'frotos bewundernswerter Leistungen jüdischer Bruderhilfe ein geradezu bejammernswerter. Jetzt rächt' Sich, daß die Indolenz weiter Kreise des deutschen Judentums Jahrzehnte hinduroh verhindert hat, daß Palästina nicht nur das Heim des jüdischen Volkes, sondern auch die tatsächliche Unterkunftsstätte für die jüdischen Menschen, die ihrer bedürfen, geworden ist und die vorhanden gewesen wäre, wenn Theodor Herzls Ruf offene Herzen gefunden hätte. Was versäumt wurde, ist in vollem Umfang nicht wieder gutzumachen. Allen denen aber, die sich noch einen Best von Unvoreingenommenheit bewahrt haben, müßten wenigstens die letzten Wochen klargemacht haben, wie sinnlos die Fahrkarte ist, die man armen Menschen in die Hand drückt, und die sie in ein anderes Land bringt, , in dem sie sich auch Union der Zionisten-Revisionisten Oesterreichs Mittwoch, d«n 21. Juni 19*3, 7,9 Uhr abends, im JfftJnt, II. Untere Augartenstr. 38 VORTRAG Gegenstand: Unser sozialeg Programm Instruktorenkurs Referent: Dr. S. Wolf Regiebeitrag 20g m nicht ernähren körinen, und daß jetzt wenigstens noch der Versuch gemacht werden müßte, einer möglichst großen Anzahl deutscher Juden auf dem historischen Boden unseres Volkes die Möglichkeit zu einem neuen Auf bau zn geben. Auch dazu gehört nicht nur der gute Wille des einzelnen, sondern die Jüdische Führung. .. Dazu gehört nicht bloß eine planvolle Leitung der Aus- . Wanderung, sondern mindestens ebensosehr eine Transf erlern n;g jüdischer Vermögenswerte aus Deutschland, um sie in den Dienst planmäßigen Aufbaues neuen jüdischen Lebens zu stellen." - Kareski macht diesbezüglich einen Vorschlag: „Das geht selbstverständlich nur im Einverständnis mit der deutschen Regierung. Dieses Einverständnis wird zu erhalten sein, wenn deutsche Interessen nicht geschädigt werden. Ich sehe Möglichkeiten, die eine solche Schädigung deutscher Interessen nicht nur vermeiden, sondern die sogar hochbedeutsame Vorteile für die deutsche Wirtschaft' herbeiführen können. Ich sehe aber nicht diejenigen jüdischen Stellen, die die Entschlußkraft^ und den Willen haben, dieses für die jüdische Emigration entscheidende Bedeutung besitzende Problem irt Angriff zu nehmen. Kostbare Wochen sind in dieser Hinsicht bereits versäumt, lind jeder Tag der Verzögerung vergrößert den Schaden, der bei uns entsteht."; Diesem Vorschlage gegenüber sind allerdings Bedenken am Platze. Den nationalsozialistischen Machthabern Deutschlands die Liquidation der jüdischen Verm ö gen und deren Uebprleitung. nach Palästina zu Übe'*- lassen, bzW. die für die' Palästiri&iWanderung fr"e 1 ge geheneh Vermögen durch deutsche Warentransporte nach Palästina zu kompensieren,, diesen übrigens auch vom Mitglied der Zionistischen Exekutive Dr. Arlps.orof f gemachten — Vorschlag in die Wirklichkeit umsetzen hieße, den heutigen Zustand als R e c h t s z u s tand anerkennen. Auch hier muß der Völkerbund eingreifen. Es muß gelingen, die Kompetenz des Völkerbundrates auch für den Modus der Judenauswanderung aus Deutschland zu gewinnen, zumal sogar die deutsche Presse nicht mehr daran zweifeit („Frankf. Ztg." vom 28. Mal)» daß anschließend an die Bernheira-Beschwerde die gesamte derzeitige Judenfrage in Deutschland im Völkerbundsrate zur Diskussion gelangen wird. Werbet toniie Jüdische Volkspartei Österreichs! jüdische Nationalfahne Von Dr. Israel Zwi Kann er (Wien) „Eine Fahne, was ist das?" schreibt Herzl in einem Brief an den skeptischen Wohltätigkeitsjuden Baron Hirsch: „Eine Stange mit einem Fetzen Tuch? — Nein, mein Herr, eine Fahne ist mehr als das. Mit einer Fahne fuhrt man die Menschen, wohin man will, selbst in das gelobte Land. Für eine Fahne leben und sterben sie; es Ist sogar das einzige, wofür sie in Massen zu sterben bereit sind, wenn man sie dazu erzieht." Eine Abhandlung Uber die Geschichte der jüdischen Nationalfahne existiert noch nicht und ist auch in keiner Enzyklopädie zu finden. Eines Tages war die blauweiße Fahne da, kein Mensch weiß, woher sie kam, kein Buch kündet ihre Geschichte. Aber schon ranken sich Sagen um ihre Herkunft. Als jüdische Embleme galten seit jeher Terapelraotive, Menorah,. Gesetzestafel, Priesterabzeichen und Magen David. Vielleicht ist das Wort Magen David aus Magen Dalld entstanden. Dalld erinnert an die Dreieckform des griechischen Kapitalbuchstaben Delta. Der Zionssterti, der Magen David, Ist also ein Sechseck mit an allen Seiten aufgepfropften Deltas. Auch der kabbalistische Baum bildet in seiner Grundform ein Sechseck. Das Sechseck selbst Ist entstanden aus der Form, die die beiden Daumen und beiden Zeigefinger des segnenden Priesters miteinander bilden. Tatsächlich sind »n verschiedenen Zlonssternen alter Ex Llbrls die segnenden Prlesterbande eingezeichnet« — Der. Biebcnarwi^ iäucMer. (Menorah) wird als „Nor Tamld" (ewiges Licht) und daher als Symbol der Unsterblichkeit aufgefaßt. Andererseits war der Leuchter stets ein Symbol der Synagoge und demzufolge ein Symbol des Judentums überhaupt. Auf den Münzen des Simon Makkabäus tauchen die Abbildungen des E t h r o g (Zitrus Zitrone) und des L u 1 a b (Palme) auf, Vertreter echt palästinensischer Bodenerzeugnisse. — Ein beherrschendes Motiv ist auch der Sohofar, das Kriegshorn Israels. — Einige Stammhäuser levttischer Familien tragen noch heute Keloh und Kanne als Stammesabzeichen oberhalb des Tores ihres Wohnhauses (zum Beispiel in Eisenstadt). Wappen einzelner jüdischer Familien haben aber nichts mit nationalen Symbolen zu tun. Sie stammen vielmehr von äußeren Umständen her. So ließ zum Beispiel ein gewisser Oerf Berr sein Wappenschild, seinem Namen entsprechend, von einem stehenden Hirsch und Bären halten. Im alten Israel hatten je drei Stämme die gleiche Fahne. Auf der Fahne der Chowewe Zion waren die Zeichen der zwölf Stämme abgebildet. Diese Fahne wollte Herzl als Tempelf ahne gelten lassen. Er selbst trug sich mit der Idee, den gelben Schandfleck.des Mittelalters in ein ehrendes Judenzeichen umzuwandeln. Der gelbe Fleck hat seinen Ursprung In den Verordnungen des Kalifen Omar (634), daß die Ungläubigen durch eine Naht auf ihrem Kleid kenntlich sein sollten, und zwar die Juden durch eine gelbe, die Christen durch eine blaue, die Magier durch eine schwarze. Oft kleideten sich die Jüdinnen ganz gelb, damit das „Kalnzeiohen" nicht so sehr auffallen solle. — Später ließ Herzl die Idee des gelben Ehrenzeichens* fallen. Vielmehr dachte er sich unsere natloaale Flagge als «ine weiße Fahne mit sieben goldenen Sternen, Das weiße Feld bedeutet unser neues, reines Leben und die sieben Sterne: daß wir im Zeichen der Arbeit, des Siebenstundentages unsere Existenz begründen wollen. Aber als die Vertreter aller Länder am Kongreß versammelt waren, da wollte man gleichsam durch eine Chuppa (Traubaldachin) und einen Talles, mit seinen weißen und blauen Schaufäden, Gesamtisrael vereinigen* Und so entstand als Symbol der Wiedervereinigung ganz Israels nach zwei Jahrtausenden die blauweiße F.ahne als Nationalflagge. Diese Farben wurden gewählt, weil sie seit jeher als nationale Farben des Gebetraante 1 s mit der Volksseele verbunden waren. Auf dem ersten Zionlstenkongresse entfaltete Herzl vor den Juden die altneue Fahne, auf dem zweiten Zionlstenkongresse wurde diese Fahne auch von den Nicht Juden anerkannt, als die am Kongreßhaua vorbeidefilierenden Schweizer Ihre roten Banner mit dem weißen Kreuze vor der am Balkon flatternden blauweißen Judenfahne senkten und — zum erstenmal nach Jahrtausenden— „Hoch die Juden!" riefen. Herzl sagte, daß die Jugend imstande ist, für ein Symbol, für eine Fahne, für ein Fetzen Tuch zu sterben. Worin besteht die Macht der Fahne? Sie birgt in steh die Geschichte einer ganzen Ideologie. Ein großer Gedankenkreis findet in ihr den einfachsten Ausdruck. Und den Marxisten sei es gesagt, daß in der Geschichte nicht der Hunger und der Geschlechtstrieb die allein treibenden Motive sind. Ein Stück Tuch, eine Fahne! Wer von den Juden heute „Drei Pfeile" in seine Flagge stickt, den muß man wohl fragen: Ein Pfeil ist gegen die Reaktion, ein Pfeil gegen den Faschismus, ein Pfeil gegen den Kapitalismus geriohtet? Welchejp Ist gegen den Antisemitismus gerichtet, welcher dient de« *dteaJUtt*i£