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Die neue Welt · 1933-06-16 · Heft 301 (16.6.1933) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 301 (16.6.1933)
Date
1933-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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PnH 35 Groschen Jahrgang 7 Freftag, den M. Jimtf 1^9 vft(* . r^VtV etA*teV,V «v» BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50. vierteljährig S4.20, ganzjährig S16.—; Polen monatlich Zloty 2.—.vierteljährig Zlotyö.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteliährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—: Schweiz und die übr igen Län der monatlich Schweizer Francs USO/vierteliährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion ü. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, 7 el. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag REVU E Braune Bomben — Role Pfeile Nationalsozialistischer Terror in Oesterreich - Dank der Sozialdemokratie an die luden - Eine gute Lehre Nachdem es den Nationalsozialisten bisher in Oesterreich nicht gelungen Ist, auf legalem Wege zur Macht zu gelangen; versuchen sie verzweifelte Mittel. Mit Revolver und Bomben soll die Bevölkerung, welche noch zu einem großen Teile der „Gleichschaltung" mit Hitler-Deutschland widerstrebt, erst in Panikstimmung versetzt und dann gefügig gemacht werden. Jeden Tag ein blutiger Ueberfall, ein Bombenattentat, ein Mord. So lautet das Programm, das getreulich ausgeführt wird. Selbstverständlich ist man auch den Juden gegenüber von der Arbeit der Worte zur Arbeit der Taten übergegangen. Man begnügt sich nicht mehr mit der Verfolgung durch , SILLERS CA FE-GARTEN Wien h Schwederiplatz 3-4 wwetoeeeeeeBttaeeeseeexeeeeeeeeeeMee'weeeecewei Wort und Schrift, mit der Boykotthetze, die wahrlich schon genug jüdische, Opfer geschaffen hat. Man ist zum Bomben- und Mordanschlag übergegangen. Jüdische Geschäfte werden in die Luft gesprengt und mit ihnen; die Inhaber, von jüdischen. Gästen besuchte Lokale mit Bomben belegt. Schon gibt es jüdische Ermordete , -.. •, , Die um ihr Schicksal und das Schicksal des Landes besorgte * österreichische Ji^denschaft tut das, was durch die; Xage /geböten" ist; Sie fordert energisches Eingreifen der Behörden mit allen zur ^erfüg|ing stehenden Mitteln. Angesichts des Umstandes, daß die derzeitige Regierung ehrlich und entschlossen gegen die braune Mordgefahr kämpft, begrüßt sie die Maßnahmen der Regierung und Ist bemüht, die Regierung zu stützen. Wer versteht das nicht? Wer kann die österreichischen Juden deswegen verurteilen? Wer, außer den Hakenkreuzlern, kann deshalb die Juden' verhöhnen und bschimpfen? " Die ö s ter r e i c h i seh e S o z ialdemokratri e tut es!"In den Tagen der Hakenkreuzgef ähr ist diese 'Partei nicht nur bemüht, von dpn. Juden abzurücken, sondern greift die Juden in hämischer Weise an. In sozialdemokratischen Versammlungen und Zeitungen gibt es täglich Ausfälle gegen die „jüdische Bourgeoisie", gegen die „jüdische Journalistik" etc. Daß diese Ausfälle in der mit antisemitischer Spannung überladenen Atmosphäre besonders bösartig wirken müssen, ist klar. Einige Proben: In der Diskussion mit einer Wiener Tageszeitung bedient sich das sozialdemokratische Zentralorgan „Arbeiter-Zeitung" folgender Ausdrücke: „Die jüngste und auffälligste Einreihung in den * Troß der Trabantenblätter ist beim „Tag" erfolgt, der früher einmal ein ehrlich demokratisches Blatt war, aber schon seit einiger Zeit deutliche Zeichen des Wandels zur Feigheit erkennen ließ. Sie hat ihn nun ganz gepackt: der „österreichische Mensch", der keine Rassenprüfung kennt und darum, Gott beirate, kein Arier zu sein braucht, hat hier seine geistige Heimstätte gefunden und nur noch im Feuilleton jüdelt es ganz leise von intellektuellen v Rebellen." In einem der letzten Leitartikel der „Arbeiter- Zeitung" heißt es mit Bezug auf Wiener Blätter, welche nach den Mordtaten der Braunen Schutzmaßnahmen der Regierung forderten und begrüßten: „Sie erniedrigen den Kampf gegen den Nationalfaschismus, der ein Kampf für die Freiheit des deutschen Volkes, ein Kampf gegen die Knechtung der deutschen Arbeit und der deutschen Kultur durch eine barbarische Diktatur, ist, indem 'sie ihq nur als einen Kampf um den Schutz der Juden führen. Sie entwerten ihren Kampf gegen, den Nationalf aschismus, indem sie sich mit jedem anderen Faschismus verbünden, wenn er nur nicht antisemitisch ist. Sie führen den Kampf gegen den Nationalfaschismus nicht im Namen der Demokratie, sondern nur aus dem Interesse der jüdischen Bourgeoisie." Auf dieser Linie haben sich die österreichischenJ Sozialdemokraten glücklich mit den Hakenkreuzlern gefunden. Regt euch nicht auf! Es geht ja nur um die „jUdische Bourgeoisie«! Daß durch die Boykotthetze «lex Nationalsozialisten und ihre Greueltaten Tausende jüdische Angestellte und Arbeiter dem Verhungern preisgegeben werden, daß neben den Leichen ermordeter „jüdischer Bourgeois" schwer verletzte und verstümmelte Arbeiter liegen, bekümmert das sozialdemokratische Organ wenig, Es geht nur um die jüdische Bourgeoisie. Schon früher hat dieses Organ immer Neigung an den Tag gelegt, sich vom Verdachte der „Jüdischkeit" zu befreien. Als auf den österreichischen Hochschulen jüdische Studenten und Studentinnen grausam mißhandelt wurden, da hatte die „Arbeiter-Zeitung" geschrieben: „Genossen! Kümmert euch nicht um diese Vorgänge! Es geht nur um die „jüdische Bourgeoisie". Es ist nur ein Kampf zwischen Hakenkreuzlern und Hakennäslern!" Nur rasch die Juden abschütteln und die Juden '"verhöhnen, wenn sie um Leben und Existenz kämpfen. So hat es die „Arbeiter-Zeitung" in harmloseren Tagen geübt Wegen arbeitsfreien Feiertages erscheint diese Nummer verspätet. und ist auch in den schrecklichsten Zeiten dieser Tendenz treu geblieben. Die österreichischen Juden haben in überwiegender Majorität der österreichischen Sozialdemokratie blinde Gefolgschaft geleistet, ihr bis zur Selbstverleugnung gedient. Sie haben die ganze Feindschaft, welche die Politik dieser einst in Oesterreich allmächtigen Partei hervorgerufen hat, auf sich genommen, von den Erfolgen dieser Partei wenig genossen. Vergebens waren die Bemühungen von jüdischnationaler Seite her, die österreichischen Juden zu einer selbständigen, ehrlich-jüdischen Politik zu bewegen, den Schutz jüdischer Interessen jüdischen Händen anzuvertrauen. Alles lief mit geschlossenen Augen ins sozialdemokratische Lager hinein. Und da machte die österreichische Sozialdemokratie keinen Unterschied. Jüdische Kaufleute, Fabrikanten, Bankdirektoren, Professoren, Millionäre — alles hat sie gefressen. In den guten Tagen. Jetzt, in den Tagen höchster Gefahr, rückt man von den Juden ab und sagt: Es geht ja nur um die jüdische Bourgeoisie! Ein guter Dank und eine gute Lehre für alle Juden, nicht nur für die österreichischen. Was wird mit den deutschen Juden ge§diehen! Vier nebiilose Deutungen und ein praktischer Vorsdilag , . Ueber die Lösung der, deutschen Jij^eiifjr^g^herrsjcht in Deutschland selbst keine einheitliche Meinung. Entsprechend den weltanschaulich verschiedenen Richtungen, werden auf verschiedene Weise Lösungen angestrebt oder angedeutet, die erkennen lassen, daß man von einer Einheitlichkeit der Auffassung sehr weit ent» fernt ist. Der Komplex der Probleme ist umfangreich. Aus diescm: Grunde schon und aus dem Bemühen, heraus, die Möglichkeit einer Annäherung der divergierenden Meinungen nicht vorübergehen zu lassen, hat das in . gewissem Sinne unparteiische „Hamburger Israelitische Familienblatt" Vertreter von fünf Richtungen zu Worte kommen lassen. Der Führer des liberalen Judentums in Deutschland, Heinrich Stern, stellt an die Spitze seiner Betrachtungen — wie nicht anders zu erwarten — die These, daß für das liberale Judentum selbst heute der Begriff der eigenen Nationalität der deutschen Juden indiskutabel sei; die liberalen Juden hätten „immer die jüdische Gemeinschaft um den Kreis der Religion herum gruppiert" und alles das Volkstum Betreffende an Deutschland gehängt. Herr Stern spürt, daß die Deutschen gerade der Trennung im Nationalen wegen die heutige Judenpolitik machen; er weiß, daß er um das Nationale nicht herumkommen kann, er ist sich dessen bewußt, daß die Sympathien der Kulturvölker insbesondere heute dem volkhaft Jüdischen gelten. Nichtsdestoweniger lehnt er die in weiten Kreisen inaugurierte Autonomie ab und versteckt sich hinter einem Phrasengestammel, das schließlich in folgenden Passus ausartet: „Gerade vom Standpunkt des nationalsozialistischen Staates aus müßte dem Judentum die Möglichkeit gegeben werden, seine religiösen Aufgaben — religiöse und nationale Aufgaben gehören beim Judentum zusammen — in weitestem Umfang zu erfüllen," COMPASS TOURS WIEN NEW YORK PARIS IX, .Spitalgasse 3 Tel. B-42-5-38 Ferienreise -PALASTINA 11. JULI 1933 Alle W redaktionellen Teil befindlichen entgeltliches Notizen sind durch gia beigefügtes £ bezeichnet Daß bei solcher Einstellung das Gefühl seelischer V Not besonders stark sein muß, ist weiter nicht verwunderlich. . Auch der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (in seinem Wesen von uns schon genügend charakterisiert) ist sehend genug, um zu erkennen, daß der deutsche Boden für die auf ihm lebende Judenheit unsicher geworden ist. Der Rechtsvertreter dieser Organisation, Dr. Alfred Hirschberg, sieht die Möglichkeit eines Weiterlebens nicht in der Schaffung einer neuen Basis, nicht in einer Neuorientierung, sondern in der — Ueberbrückung. Wenn man seine Ausführungen liest, sucht man vergebens nach der Aufstellung einer Methode, die den deutschen Juden in ihrem Geburtsland das Leben möglich macht. Mit sachlichem Wohlwollen wollen wir zunächst einige Feststellungen Dr. Hirschbergs zitieren. Zunächst muß dieser gewiß bedächtige Zeuge bekennen: „Die Einzelgesetze, die die Regierung der nationalen Erhebung in den letzten Wochen erließ, haben.. die deutschen Juden dabei unter Ausnahmerecht gestellt ... Die Proletarisierung des deutschen Judentums ... verlangte nach Umstellung und "Umschichtung. Wenn die Gesetzgebung diesen Entwicklungs- und Umschichtungsprozeß beschleunigt hätte, so wäre... wenigstens Aufbruch zu gesunden Zuständen erwachsen... Jedenfalls ist... den deutschen Juden der Weg... versperrt. Es ist sehr verständlich, daß die fast restlose Einkreisung des jüdischen Menschen durch gesetzliche Maßnahmen und durch reale Tatsachen in sehr vielen Menschen... ein gewisses Angstgefühl aufkommen läßt, es könne uns binnen kurzem völlig der Lebensraum fehlen." In eine etwas klarere Sprache gebracht, bedeutet Dr. Hirschbergs Besorgnis nicht weniger als die Tatsache, daß der deutsche Jude keine Existenzchancen im Hakenkreuz-Deutschland mehr besitzt. Was soll also geschehen? Welcher Lösungsmöglichkeit soll man sich zuwenden? Der eine Vorschlag: Massenumsiedlung, müsse aus realpolitischen und — wie Doktor Hirschberg als Zentralvereinler meint — auch wegen der seelischen Verbundenheit der deutschen Juden mit seinem Heimatsraum aus Gefühlsgründen unterbleiben. Im übrigen könne Palästina, sagt Dr. Hirschberg, „auf lange Zeit nicht das Mutterland für jüdische Minderheiten bilden, die kulturell auf westeuropäischer Höhe (!) stehen". Der zweite Vorschlag, „innerhalb der deutschen Grenzen ein Eigendasein nach dem Vorbild und den Gesetzen nationaler Minderheiten" zu führen, paßt dem Zentralvereinler schon gar nicht. Es würde bedeuten, seine deutsche Position freiwillig aufgeben, einen Rechtszustand schaffen, der gleichbedeutend wäre mit dem Ende dessen, was „als deutsches Judentum geschichtlich war und geworden ist'. Was doch also? Die deutschen Assimilanten wissen, daß sie auf die innerpolitischen Entscheidungen keinen Einfluß gewinnen können, aber sie wissen nicht, daß es kein Zurück gibt im geschichtlichen Werden. Sie klammern sich an eine nebulose Besserung der deutschen Verhältnisse, an die Hoffnung, daß sich der heutige Zustand z u r ü c k e n t \v i c k e 1 n werde. Ihnen ist nicht zu helfen. Vielleicht ihren Kindern. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, unter seinem Wortführer Dr. Ludw'g Freund, will nicht glauben, daß der Zustand der Ausimhniebehand» lung und -Stellung der Ausdruck eines Verhältnisses zur .Umwelt sei, das bei allen Härten eigentlich nicht als at»

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