Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 300 (9.6.1933)
- Date
- 1933-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711899-2711922--3751-2717157- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 300 DIE NEUE WELT Seite 3 UUM ANN, RINK & C9 Internationale Spedition SPEZIflLUERKEHR HACH PALflSTIFtA Uebersiedlungen und Gütertransporte WIEN IV, FLOR AG ASSE 7 TEt. U-44^0-73 nicht von sich Vorschläge dazu machen und ihre Ansicht über diese Frage bekanntgeben. Das scheitert wohl teilweise daran, daß nicht einmal in dieser Lebensfrage der deutschen Judenheit eine Einheitsfront besteht und jeder kleine und kleinste Kreis glaubt, seine Vereinssuppe kochen zu müssen. Das hängt auch davon ab, wer die deutsche Judenheit in der kommenden Zeit führt. Wenn die deutschen Juden heute sich nach neuen Führern sehnen, dann nicht deshalb, weil die alten versagt haben, sondern einzig und allein deshalb, weil die vergangene Geheration — und sie führt fast restlos die deutsche Judenheit — sich nicht in die Lage der Jungen versetzen kann. Dieses Blatt und mit ihm alle Zionisten wollen die Einheitsfront im Zionismus. Man kann diese Frage nur dann entscheiden, wenn man sfch vorher über die andere Frage klar geworden ist, daß von der halben Million Juden, die heute sich in Deutschland befinden, vermutlich der größte Teil weiter in Deutschland leben muß, weil kein Land diese Menschenmassen aufnehmen kann und die Wirtschaftslage auch in den meisten anderen Ländern katastrophal ist. Was soll, bürgerlich gesehen, aus den deutschen Juden werden? Auswandern kann nur eine Minderheit. Sollen die anderen sich als nationale Minderheit dem Völkerbund unterstellen lassen? Das hätte im Augenblick manches für sich. Denken wir aber daran, daß die anderen nationalen Minderheiten ihre Regierungen und Vertreter im. Völkerbund und im Völkerbundsrat haben, die sich ihrer annehmen. Wo aber sitzt dort der jüdische Vertreter? Und wer kennt den Ewigkeitswert des Völkerbundes? Also, wenn die Stellung als Minderheit von der Mehrheit der deutschen Juden abgelehnt wird und nur eine verhältnismäßig kleine Gruppe sich für sie entscheiden dürfte, dann bleibt nur eines übrig: da anzufangen, wo Mendelssohn und Ries er vor 150 Jahren begonnen haben, nämlich den Kampf um die staatsbürgerliche Gleichberechtigung wieder voll aufnehmen und wieder führen. Denn darüber sollen wir uns klar sein: nach dieser Zeit kommt wieder eine andere Zeit. Es wird wieder Christen geben, die auch in Deutschland zu denken vermögen. Wenn auch die Blütezeit des Liberalismus dahin ist, eine Zeit, in der die Menschenrechte wieder Geltung haben werden, wird dieser Zeit folgen müssen. Palästina wäre eine Lösung, könnte man heute allen Juden sagen: Ihr, oder die Hälfte von euch, könnet nach Palästina, Existenzmöglichkeiten sind vorhanden. Ich kann mir nicht denken, daß verantwortungsbewußte Zionisten so sprechen werden. Solange Palästina nur wenigen offensteht, so lange werden die Juden in den anderen Ländern Staatsbürgerrechte haben müssen, so lange werden sie einen Kampf um ihre staatsbürgerliche und wirtschaftliche Existenz im deutschen Volke führen müssen. Dieser Kampf beginnt jetzt in Deutschland und es ist zu hoffen, daß die deutschen Zionisten erkennen, daß sie in diesem Kampfe mithelfen müssen. Daneben bleibt es jedem einzelnen überlassen, mehr oder weniger begeistert, für die Schaffung einer nationaljüdischen Heimstätte in Palästina zu wirken und zu opfern. Sie muß vorhanden sein, sie bleibt aber aus räumlichen und politischen Gründen leider nur eine Teillösung. i~ Bemerkung der Redaktion. Der Verfasser glaubt nicht an den Zionismus, glaubt nicht an Palästina, glaubt nicht an den Völkerbund. Dafür glaubt eranMendelssohn und an Rieser, glaubt daran, daß die kommenden Generationen wieder einen letzten Endes hoffnungslosen Kampf aufnehmen und treu bei einem Judentum ausharren werden, das ihnen, wenn sie nicht national und zionistisch eingestellt sind, nichts bietet. Der Verfasser hat vorläufig aus den Vorgängen in Deutschland einerseits und im Weltjudentum anderseits wenig gelernt. Die Erkenntnis von dem mächtigen jüdischen Werden in Palästina hat ihn nicht einmal gestreift. Die verstaubte Welt Mendelssohns und Riesers ist seine Welt geblieben. Was muß noch kommen, damit diese Augen sehend werden? Raslere dich £HFf Mfi besser! Hin IHww die einzige schwedlsohe Weltmarke BAD GLEICHENBERG 300 Meter Steiermark KUR ZEIT MAI BIS OKTOBER. Berühmte Hellquellen, natürlich-kohlensaure Bäder, Inhalatorien, pneumatische Kammern usw. Hervorragende Erfolge bei Katarrhen / Asthma / Emphysem / Hersleiden Schönster Erholungsaufenthalt. Volle Pension ab 8 S. Auskünfte und Prospekte Mattoni-Ungar, Wien, I., Jasomirgottstraße 4, sowie alle' Reisebüros. Jüdische Volk§parfei Oesterreichs Die Organisierung der einzelnen Bezirksgruppen ist in Angriff genommen worden und erfordert regste Mitarbeit! Die Mitglieder der einzelnen Bezirke werden ersucht, sich zu dieser Arbeit unverzüglich zur Verfügung zu stellen und dies dem Sekretariat der „Jüdischen Volkspartei", Wien, II., Untere Augartenstraße 38 (Tel. A-45-6-84), bekanntzugeben. Partelenverkehr, Auskünfte usw. täglich von 10 bis 14 Uhr. * Der heutigen Auflage für Oesterreich liegen Bei« trittserklärungen der „Jüdischen Volkspartei Oesterreichs" bei. Alle diejenigen, die bisher den Beitritt zur „Jüdischen Volkspartei Oesterreichs" noch nicht vollzogen haben, mögen die Karten gefertigt an das Sekretariat einsenden. Grenadierviertel eine Razzia vorgenommen, die der Fahndung nach Hehlernestern, steckbrieflich gesuchten Personen und unangemeldet in Berlin sich aufhaltenden, Ausländern diente. Verschlossene Wohnungen und andere Räume wurden von besonderen mit allen erforderlichen Werkzeugen ausgerüsteten Kommandos gewaltsam geöffnet. Die „Berliner illustrierte Nachtausgabe" bringt eine genaue Schilderung des Hergangs, in der es u. a. heißt: Im Hause Grenadierstraße 1 war eine Wohnung als Privatsynagoge eingerichtet worden. Die Kerzen brannten noch, und mehrere Mitglieder dieser jüdischen Sekte hatten sich dahin geflüchtet, vielleicht, weil sie glaubten, dort vor der Polizei sicher zu sein. In diesem Raum entdeckte man zwei verschlossene Blechkassetten, die nach Angabe der Hausbewohner bereits vor sieben Jahren dort abgegeben worden waren. Als man sie öffnete, fand man darin alte außer Kurs gesetzte Silbermünzen und Wertpapiere. Bei einem Priyatrabbinerin der Grenadierstraße 14, der schon seit Jahren Wohlfahrtsunterstützung bezogen hatte, wurden, unter Wäsche versteckt, fünf Dollarnoten, 11 Reichsmark und ein Sparkassenbuch über 2500 Mark gefunden. In Kellerverschlägen und auf Böden beschlagnahmten die Beamten kostbare Lederkoffer, Pakete mit Kleidungsstücken, Kassetten mit Schmucksachen, goldene Uhren und große Ballen Stoffe. Verschiedene Personen hatten sich auf Hausböden und in anderen Verstecken verborgen, sie wurden aber ausfindig gemacht und festgenommen. Zunächst hatte man etwa 60 Personen zwangsgestellt, von ihnen wurde aber ein . großer Teil nach kurzem Verhör wieder entlassen. 34 Personen aber, darunter neun Frauen, mußten den Weg zum Polizeipräsidium antreten. Soweit sie sich nicht ausweisen konnten, wurden sie dem Erkennungsdienst zugeführt, andere, die keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland besaßen, wurden der Politischen Polizei übergeben. Die Helden vom Verband nationaldeutscher Juden Wie der „Berliner Börsen-Courier" mitteilt, hat der Verband nationaldeutscher Juden in einem Telegramm an den Generalsekretär des Völkerbundes gegen die M i n d e r h e i t e n b e s c h w e r de Bernheims protestiert und diesem das Recht abgesprochen, im Namen der oberschlesischen Juden aufzutreten. Die in Oberschlesien alteingesessenen Juden, heißt es in dem Telegramm, lehnen es, wie die deutschgesinnten Juden überhaupt, mit Entrüstung ab, als nationale Minderheit betrachtet zu werden. „Auf Messen und Märkten sind Juden radikal auszumerzen" Aus Berlin: Wie das „Pößnecker Händ* lerblatt", das offizielle Organ des Verbandes deutscher Händler, Schausteller und Marktreisender, der seinen Sitz in Dresden hat, mitteilt, erklärte auf einer Gautagung des Reichsverbandes ambulanter Gewerbetreibender der Gauführer im Verlauf einer Debatte über die künftige Zulassung jüdischer Händler und Gewerbetreibender zu den deutschen Messen und Märkten, die Juden müßten aus Messen und Märkten radikal ausgemerzt werden. Inzwischen ist bekanntgeworden, daß die vom Reichsverband gewünschten Grundsätze schon jetzt auf vielen deutschen Kleinmessen und Kleinmärkten praktisch zur Anwendung kommen. So wurde einer jüdischen Händlerin, die seit längerer Zeit für eine Bude auf dem Konstanzer Markt vorgemerkt war, vom Stadtrentamt in Konstanz der Bescheid erteilt, die Bude könne nur nichtjüdischen Bewerbern zugewiesen werden. Der städtische Marktmeister in Darmstadt antwortete auf eine Bewerbung: „An jüdisch e Händler dürfen zu den hiesigen Messen kein« Pläfrze abgegeben werden."~ In Frankfurt AUS DEUTSCHLAND „Fort mit den jüdisdien Aerzten" Das „Großberliner Aerzteblatt" bringt folgenden Aufruf des Kommissärs im Provinzialverband der Aerzte der Provinz Brandenburg und Grenzmark Reichstagsabgeordneter Dr. Ruppin: V „Fort mit den jüdischen Aerzten! — Die völlige Entfernung der Juden aus den akademischen Berufen notwendig. Die freien akademischen Berufe, insbesondere die Aerzte, kommen mit weitesten Kreisen der Bevölkerung in persönliche Berührung und nehmen als Aerzte ihren Patienten gegenüber eine Vertrauensstellung ein, die ihnen Einfluß auf die Denkweise dieser Kreise einräumt. Der Provinzialvorstand der Aerzte Brandenburgs hält es daher in unserem völkischen Staat für undenkbar, daß ein Jude die Möglichkeit behält, das Gift jüdischen Denkens auf diesem Wege auszustreuen. Durch die Ueberjudung ist tmstreitbar die frühere ideale Berufsauffassung in weiten Kreisen der freien Berufe dem jüdischen Geschäftsgeist bereits gewichen. Dieser Geist muß aus unserem Aerztestand ausgetilgt und jede Möglichkeit seiner Wiederkehr beseitigt werden. Mit schärfsten Mitteln ist die Korruption, soweit sie schon eingedrungen ist, auszurotten. Wir deutschen Aerzte fordern daher Ausschluß aller Juden von der ärztlichen Behandlung deutscher Volksgenossen, weil der Jude die Inkarnation d'er Lüge und des Betruges ist. Ferner fordern wir eine strafrechtliche Bestimmung, die Vergehen und Verbrechen, die mit der Vertrauensstellung der freien Berufe zusammenhängen, mit Zuchthaus und sofortiger Entziehung der Berufsausübungserlaubnis bestraft. Wir Aerzte fordern alle national-völkischen Berufsorganisationen des Deutschen Reiches auf, sich unserer Förderung anzuschließen." Hierzu schreibt die „Deutsche Allgemeine Zeitung": Zwecklose Uebertreibungen dieser Art, die man in Deutschland nicht ganz ernst nimmt, werden von der . deutschfeindlichen Propaganda der Franzosen und Pol£n bis ins fernste Ausland verbreitet und sind geeignet, die Außenpolitik der nationalen Regierung schwer zu " schadigen. t ••; Die „Frankfurter Zeitung" schreibt, nachdem sie einleitend bemerkt hat, es seien Anzeichen dafür vorhanden, daß die Sorglosigkeit, mit der man im ersten Staäium der nationalen Revolution dem Antisemitismus die; Zügel schießen ließ, einer etwas besonneneren Betrachtung Platz zu machen beginne, daß aber der Aufruf' Dr. Ruppins zeige, welch schwere stimmungsms}ßigen Hindernisse in weiten Volkskreisen zu überwinden seien. Wir verzichten darauf, n diesen Aufruf näher zu charakterisieren, denn Herr Dr. Ruppin hat ihn durch die Art, wie er hier spricht, bereits selbst charakterisiert. Wir können uns nicht denken, daß im heutigen Stadium maßgebliche Stellen wirklich derartige wilde Aeußerungen für nützlich halten; ganz abgesehen davon, daß die Hunderttausenden, die jüdischen Aerzten ihre Gesundheit oder ihr Leben verdanken, schwerlich bisher die Beobachtung gemacht haben, daß ihre Wohltäter Inkarnation der Lüge und des Betruges seien. * Die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände hat in einem Schreiben an den R e i c h skommissär der ärztlichen Spitzenverbände gegen diese alles Maß überschreitende Verunglimpfung entschieden Verwahrung eingelegt und darauf hingewiesen, daß diese Art des Kampfes gerade mit dem Wesen des ärztlichen Berufsstandes besonders unvereinbar sei. Am Kurfurotendamni und im Grenadi'ervi'ertel Oskar Wassermann — gleichgeschaltet Die jüdischen Mitglieder des Vorstandes der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft Oskar Wassermann und Kommerzienrat Dr. phil. h. c. Theodor Frank haben dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft mitgeteilt, daß sie ihr Vertragsverhältnis über den 31. Dezember 1933 hinaus nicht fortzusetzen wünschen. .* Direktor Oskar Wassermann, der allmächtige Direktor der großen Deutschen Bank, gehört zu den sympathischen Erscheinungen im deutschen Judentum. Seiner politischen Einstellung nach Assimilationsjude, hat er doch für das zionistische Werk in Palästina großzügig gearbeitet und selbst namhafte Opfer gebracht. Allerdings hat seine Haltung nach dem Umstürze in Deutschland peinliche Verwunderung erregt. Er hat in der amerikanischen Presse Aeußerungen kursieren lassen, welche sonderbar anmuten mußten. So hatte er betont, daß er für seine Person nichts vom Antisemitismus spüre und seine gesellschaftlichen Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt nach wie vor die besten seien. Jetzt hat auch ihn das Schicksal ereilt. Die „besten gesellschaftlichen Beziehungen" haben dem mächtigen Wirtschaftsführer schließlich nichts genützt. Großrazzia im Berliner Grenadierviertel Unter Leitung des Polizeipräsidenten von Lev e t z o w wurde in dem hauptsächlich von armer b s 14 ü d i's c h e r. B e v ö l k e ruVg bewohnten-Berliner -