Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 299 (2.6.1933)
- Date
- 1933-06-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 299 DIE NEUE WELT Seite 5 Zusammenschluß? In der Mai-Nummer des Gemeindeblattes der jüdischen Gemeinde zu Berlin beleuchtet Dr. Artur Lilienthal die Läge der deutschen Judenheit, wie sie sich infolge der Ausschaltung der Juden aus weiten Gebieten des deutschen Gemeinschaftslebens gestaltet hat, und weist auf die große Fülle der Aufgaben hin, die von der Judenheit Deutschlands ohne Unterschied der Richtung in gemeinsamer Arbelt gelöst werden müssen, um die durch die Maßnahmen der letzten Zeit erschütterten Existenzen zu retten und der von der höheren Schulbildung größtenteils ausgeschlossenen jüdi~ sehen Jugend einen Weg zu neuen Zukunftsmöglichkeiten zu eröffnen. In diesem Zusammenhang kenzeichnet Dr. Lilienthal folgendermaßen den in der deutschen Judenheit sich immer stärker geltend machenden Zug nach Einigung und einheitlicher Willensbildung. Ein enger Zusammenschluß, schreibt Dr. Lilienthal, ist die spontane Reaktion auf die Erlebnisse der jüngsten Zeit. Austritte aus der Gemeinschaft sind so gut wie verschwunden. Wer geglaubt hat, der Gemeinschaft den Rücken kehren zu können, kehrt zu ihr zurück; und wo bisher innerhalb des deutschen Judentums Zersplitterung und gegenseitige Befehdung herschten, tritt an ihre Stelle die Einheit. Das deutsche Judentum hat heute eine einheitliche Vertretung, die Jahre eingehender Verhandlungen nicht zustande gebracht hatten. Hinter der Reichsvertretung stehen die großen jüdischen Verbände, die die lebendigen Kräfte des deutschen Judentums verkörpern, stehen der Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Zionistische Vereinigung für Deutschland, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Durch ihren Präsidenten, Dr. Baeck, ist die Reichsvertretung gerade jetzt aussichtsvoll bestrebt, diese großen politischen Gruppen des deutschen Judentums auf eine einheitliche Linie des Handelns festzulegen, das in der Reichsvertretung verwirklicht werden soll. Die Führer der deutschen Juden stehen vor der schweren Aufgabe, in irgend einer Weise die deutschen Juden zu einer Neugestaltung ihrer Verhältnisse innerhalb der veränderten Gesamtlage des deutschen Judentums zu führen. Es ist noch zu früh, Um sagen zu können, welches endgültig unsere Lage innerhalb des deutschen Volkes und Staates sein wird. Eins» aber ist schon jetzt sicher: Zurückgestoßen von der Mitarbeit an den allgemeinen deutschen Dingen, wird das deutsche Judentum sich stärker als je auf seine Eigenart besinnen müssen.!K " Unter dem fürchterlichen* Drucke der Hakenkreuzbewegung- — und leider n u r unter diesem Drücke — ist ein - ä u ß. e r 1 i c h e r Zusammenschluß des deutschen Judentums erfolgt. Aber man möge sich über die Tragweite dieser Erscheinung keiner Täuschung hingeben. Wenn der äußer liehe Zusammenschluß nicht zum innerlichen wird, hat er wenig oder gar keinen Wert. Die Konstatierung, daß; jetzt unter den deutschen Juden die Austritte und Taufen selten geworden sind, ist nicht geeignet, Stolz und Freude hervorzurufen. Jetzt, wo. Taufe , und Austritt keine Vorteile mehr bieten! Wenn jetzt von Besinnung auf die jüdische „Eigenart" gesprochen wird, so ist zu bedenken, daß der Centrai-Verein und der Bund jüdischer Frontsoldaten Deutschlands noch vor wenigen Wochen das Bestehen einer jüdischen Eigenart (welche über das gemeinsame Gebetbuch hinausreicht) entrüstet bestritten und sich restlos zur deutschnationalen Eigenart bekannt haben, auf weiche „Eigenart4.' haben sich denn diese Elemente über Nacht festgelegt? . . ' Wenn es nicht ein Bekenntnis zum. jüdischen Volks turne, wenn nicht das vom Zionismus mit aller Deutlichkeit geprägte Bekenntnis zur jüdischen einheitlichen Nation ist, dann hat es keinen dauernden Wert. Dann bleibt der Zusammenschluß ein rein äußerlicher und wird bald sein Ende finden. Er wird einige Aktionen philanthropischer Natur Uberdauern, mehr nicht. Dessen „sollen auch jene Zionisten eingedenk sein^ die den Wert solcher gelegentlich geschlossener Nbtgemeinschaften zu überschätzen geneigt sind, und Kräfte für sje verwenden, welche besser der zionistischen, nationaljüdischen Arbeit gewidmet werden sollten. An dieser Stelle seien die Worte Ma$ Nordau.s, der den heute erfolgten Zusammbruch der assimilatorischen Judenemanzipation: immer vorausgesagt hat, in Erinnerung gebracht; „Der eine Funkt, der die Möglichkeit einer Verständigung zwischen Zionisten und hicht-zionistischen Juden wahrscheinlich für immer ausschließt, ist die Frage der IJIIIIllllllllIlllllllllllllllllllllllllllllltlltlllltlllllllllllllllllllllJLf 1 Pnifistinn-Reisentie I s die sich in Tritt! aufhalten, 5 s . finden eine erstklassige, S vorzügliche -ws-KUch« s zu mäßigen Preisen s 5. m IS. 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Assimilation und Zionismus sind unvereinbar. Ein dauernder und für die jüdische Gesellschaft wertvoller Zusammenschluß ist nur auf nationaler Basis möglich. Alles andere ist Flickwerk, das nur kurz zusammenhält. Sie sind toll geworden*** Abwehr gegen die „Volksgifte" In einer Anzahl deutscher Zeitungen veröffentlicht der Sachverständige für Rassef orschung beim Reichsministerium des Innern Dr. Achim Gercke unter der Uebers'chrift „Arzt und Judenfrage" einen Artikel, in dem u. a. erklärt wird, die Judenfrage sei ein völkisches Problem, mit dem der Arzt sich ernsthaft befassen und dessen anzustrebende Lösung ein Teil der Abwehr gegen die Volksgifte sein müsse. Die Assimilation der Juden scheiterte nach Dr. Gercke daran, daß zwischen deutschem und jüdischem Volkstum grenzenlose Fremdheit bestehe. Bei solcher Fremdheit zeige der Versuch einer Mischung, folgende Ergebnisse: entweder er mißglücke völlig (Kinderlosigkeit) oder er mißglücke im Geistigen (Blödsinnigkeit, seelische Zerrissenheit) oder im Körperlichen (Entartungserscheinungen besonders in sexueller Hinsicht). Dr. Gercke behauptet, daß diese Merkmale bei solchen Mißchungsyers^che^ .tfttsächjiÄhi deutlich auftreten. J, ü d i* a öh6'r B1 ii t e i n*a c h IaV «re i*e i n e n fc h t w i e d e r gutzumachende T a t sache. Deshalb müsse man in jedem Einzelfalle vor einer. Mischehe warnen, und zwar Cafe Central / ÄÄWJ£ iendezvous der Sport-, Theaterwelt, aller Fremden die Anlegung von gelben Büchern. In diesen gelben Büchern werden die unter Fremdenrecht gestellten Juden geführt. Weiterhin aber auch die ursprünglich' deutschen Familien, die durch Mischehen zu jüdischen geworden sind. Dieses Judenamt hat aus Kirchbüchern, die — nicht nur früher, sondern auch' jetzt noch häufigen — Judentaufen festzustellen und die unter falscher Flagge segelnden Juden ihrer Volksgemeinde wieder zurückzugeben. Fernerhin sind sämtliche Deutsche gezwungen, vor ihrer Eheschließung dem Rasseamt und dem Judenamt genaue Angaben über Herkunft usw. anzugeben, so daß von beiden Aemtern die Rassenfrage geklärt und die Eheschließung zugelassen werden kann. Auch eine Mischehe kann zugelassen werden, denn in Liebesfragen wird ein Gesetz allein keine Vorschriften machen, aber nur unter der Bedingung, daß der betreffende Volksgenosse nach Eheschluß mit einem fremdvölkisehen, in unserem Falle also jüdischen, Ehegatten der Volksgemeinschaft der fremdvölkische'n Ehegatten fortan angehört, desgleichen die Nachkommenschaft. Rückwärtsgesehen gelten also die aus deutschjüdischen Mischehen < stammenden Menschen, gleich welcher Religion, als Juden und müssen als Juden in den Gelbbüchern geführt werden." Sterilisierung Fremdrassiger Aus Berlin: Im Organ des Verbandes der Aerzte Deutschlands (Hartmann-Bund) fordert Medizinalrat Dr. L. Vellguth ein Gesetz, durch das die Sterilisierung von Minderwertigen als zulässig erklärt werden soll. Zu den Minderwertigen rechnet Dr. Vellguth folgende Gruppen: 1. Schwachsinnige, 2. Geisteskranke, 3. Epileptiker, 4. Unsoziale (Kriminelle), 5. Taubstumme, 6. körperliche Schwächlinge (Tuberkulose), 7. Fremdrassige. Die Aufnahme der siebenten Gruppe in diese Reihe wird folgendermaßen begründet: „Die Einsickerung fremdrassigen Blutes in den OTTO KASERER'S Gaststätte »Für Jedermann« O, K, ■■■ihhhhmIbhI h Kärntnerstraße 61, Haltestelle der ßadener Elektrischen solle dies vor der Völksöffentlichkeit geschehen, damit die Warnung erzieherisch wirke. Möglicherweise könne man durch sorgfältige Auslese in einigen Generationen den jüdischen Bluteinschlag verdrängen. Dagegen bedeute der Vorschlag, „minderwertiges Blut verdauen zu wollen", ein Verbrechen am-Volkq, ijt Judenamt und „gelbe Bücher" In den Berliner deutschvölkischen „Deutschen Nachri'caten" ' begründet Gerhard „ Rudolph die deutschvölkische Forderung nach Errichtung eines besonderen „Judenamtes" und Anlage von sogenannten „gelben Büchern". Nach Zitierung eines Gesetzes aus dem Sachsenspiegel, das in Bezug auf die aus Ehen zwischen Sachsen und Wenden hervorgegangenen Kinder bestimmt: „Das Kind folgt stets der ärgeren Hand", wird ausgeführt: „Um eine grundlegende Aenderung im Verhältnis der Juden zum deutschen Volkstum zu erzielen, ist es notwendig, ein von der deutschvölkischen Freiheitsbewegung stets gefordertes Gesetz zu erlassen, in dem die Juden unter Fremdenrecht gestellt und weiterhin nicht mehr als deutsche Staatsbürger betrachtet werden. In Bezug auf die Eheschließung und die Kinderfrage regelt das oben genannte Wort aus dem Sachsenspiegel die Verhältnisse. Will jemand eine Ehe mit einem jüdischen Gatten eingeben, so verläßt er die deutsche Volksgemeinschaft und wird als Jude geführt, ebenso die aus dieser Ehe entspringenden Kinder. Dies Gesetz gilt aber nicht nur zukünftig, sondern hat auch rückwirkende Kraft. Es geht nicht an, daß — wie das Reichsschulgesetz, § 4, Absatz 8, will — Abkömmlinge aus Mischehen, wenn ein Eltemteil oder zwei Großeltern arischer Abkunft sind, sozusagen als Arier gelten können. Der Jude hat sich bewußt in unser Volk hineingefressen, um es völkisch zu zersetzen. Diese Zersetzung muß unerbittlich verbindert werden. Daher fordern wir Deutschvölkischen als ein Ziel des völkischen Staates die Schaffung eines Judenamtes und Organismus unseres Volkes wollen wir nach Möglichkeit verhindern. Juden, Neger, Mongolen und dergleichen Völker können also straffrei mit ihrem Willen sterilisiert werden, ganz gleich, ob sie gesund sind oder krank." Schließlich wird der Vorschlag gemacht, Fremdrassigen den Entschluß zu einer Sterilisation durch eine Prämie zu erleichtern, Jüdisdi^oli'tisdies aus Oesterreich Die Regierung Dollfuß führt einen aufreibenden Kampf, um Oesterreich vor der Hitler-Herrschaft zu bewahren und selbständig zu erhalten. Es bedarf wohl keiner näheren Erklärung, daß die österreichische .Judenschaft der Regierung dafür Dank und Anerkennung zollt« Es ist wohl selbstverständlich, daß in den Veröffentlichungen der „Jüdischen Volkspartei Oesterreichs", der von Tag zu Tag mächtiger werdenden nationalen politischen Organisation der österreichischen Juden, diese Stimmung zum Ausdruck kommt und der Regierung volle Unterstützung in ihrem Kampfe geboten wird. Weniger begreiflich ist, daß von gewisser jüdischer Seite versucht wird, der Volkspartei hiebet in den Rücken zu fallen. Aber es ist so. In der letzten öffentlichen Sitzung der Wiener Kultusgemeinde unternahmen die Vertreter der Poale Z i o n einen Vorstoß gegen die Politik der Volkpartei, und zwar in Form eines Angriffes gegen den Kultuspräsidenten Dr. Friedmann, welcher Mitglied der Leitung der Volkspartei ist und als solches Erklärungen der Partei unterfertigt hat. Sie legten Verwahrung dagegen ein, daß der Präsident sich „politisch" betätige (als ob ein Präsident der Gemeinde politisch geschlechtslos sein müßte*?, und verlangten die Feststellung, daß die sozialistischen Juden nicht hinter der Regierung Dollfuß stehen, obzwar Dr. Friedmann* so etwas nie behauptet hat. Eine Demoq.« stration voll innerer .Uowfthrheit! Wie alle östef»