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Die neue Welt · 1933-05-26 · Heft 298 (26.5.1933) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 298 (26.5.1933)
Date
1933-05-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 298 DIE NEUE WELT ein ebenso einfaches wie allerdings unmögliches Verfahren. Aber dieses Verfahren wurde geübt und hatte den materiellen, seelischen und sozialen Zusammenbruch von 600.000 Juden zur Folge. Das jüdische Versailles des deutschen Hakenkreuzes machte die Juden zu Minderwertigen, zu Parias, zu — Besiegten, die „also immer die Schuld an Auseinandersetzungen" tragen. Es gehört ein blasphemischer Mut dazu, vor dem Forum einer Kulturwelt die sogenannte Versailler Schuldlüge für die Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und der Entente verantwortlich zu machen, ohne angesichts der eigenen, jüdischen Sehuldltige zu erröten. Hitlers Stimmungsmache darf über die jüdische Wunde in Deutschland nicht hinwegtäuschen. Jede Sekunde des Schweigens kann den gegenwärtigen Zustand sanktionieren. Die Völker, in ihre Sorgen verstrickt, haben die Gewohnheit, allzu rasch zu vergessen. Zwar liegen, wiederum von angelsächsischer Seite, warnende Gutachten vor. Lloyd George sprach in einer Versammlung das Wort vom fair play für 600.000 Juden, und Mac Donald gab in seiner Antwort auf Boosevelts Botschaft zu verstehen, „daß die rein innere Verwaltung Deutschland des Vertrauens entkleiden wird und es um die Hilfe bringt". Aber es liegt an uns Juden allein, das Konto mit dem Hakenkreuz zu bereinigen — ehe sich die Welt an das schauerliche Unglück gewöhnt hat und darüber zur Tagesordnung Ubergeht. o. r. Das Hakenkreuz in der Schweiz Bericht unseres Schweizer Korrespondenten. Man muß die Resultate der Agitation der Hitler- Agenten in der Schweiz gewiß nicht überschätzen, aber sie verdienen doch größte Aufmerksamkeit. In der Schweiz herrschten schon seit langem nicht mehr jene politische Buhe und Ausgeglichenheit, welche dieses Land zum Hort der Demokratie gemacht haben. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und bisher unbekannte Anzeichen der wirtschaftlichen Verelendung einerseits und die Treibereien gewisser mit Moskau in Verbindung stehender Elemente anderseits, ferner die Mehrung von Fällen wirtschaftlicher und politischer Korruption haben insbesondere den schwer leidenden Schweizer Mittelstand in ganz ungewohnte Aufregung versetzt. Daß er in dieser Gemütsverfassung leicht geneigt ist, Hinweisen auf „Schuldige und Verräter" gerne Gehör zu schenken, ist begreiflich. Und hier setzt die Agitation der Hitler-Agenten wirksam ein. Man hat wohl bis jetzt in der Schweiz keine/ große, das Land umspannende Hakenkreuz-Organisation gebildet, aber unter dem Ttel „Frönten" kleinere Parti&gebilde geschaffen, welche samt und sonders unter relchsdeutschem Einflüsse stehen und scharf antisemitisch sind. Die bedenklichste Gründung dieser Art ist die „Neue Front", welche —- auch ein bisher in der Schweiz unerhörter Fall — unter der Fuhrung eines Obersten der Schweizer Armee namens Sonderegger steht. Oberst Sonderegger bezeichnet mehr oder minder versteckt die Schweizer Juden als die Träger der Korruption und des Bolschewismus, wobei ihm die Tätigkeit gewisser linksradikaler, sozialdemokratischer und kommunistischer jüdischer Führer die Hetze gegen das jüdische Element unleugbar erleichtert. Die Abwehrtätigkeit demokratischer und jüdischer Kreise richtet sich jetzt vornehmlich gegen Oberst Sonderegger. * Die „Baseler Nationalzeitung" veröffentlicht einen Protest von tausend jüdischen Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten der Schweizer Armee gegen die von Oberst Sonderegger, dem Gründer der sogenannten „Neuen Front", in letzter Zeit betriebene heftige judenfeindliche Propaganda. In der Erklärung heißt es: Im Namen von tausend Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten jüdischen Glaubens stellen wir fest: Wir Juden haben unsere Pflicht gegenüber dem Vaterland Während unserer Dienstzeit wie alle anderen erfüllt und erfüllen weiterhin unsere Pflicht gegenüber dem Staate ebenso wie alle guten Schweizer. Wir gehören zu 90 Prozent dem Mittelstand an und werden wie alle anderen von der Krise betroffen. Warum will man die 15.000 bis 18.000 Juden der Schweiz zum Sttndenbock machen? Sind die Eigentümer der großen Brauereien, der großen Fleischkonzerne, die Eigentümer von Migros, Jelmoli, Globus und Union Ölten, Juden? Sind die Schweizer Juden nicht schon früher Schweizer gewesen als diejenigen, die heute den Antisemitismus propagieren? Die Schweizer Juden weisen die gegen sie gerichteten Angriffe zurück. * Auf der letzten Sitzung des Zentralvorstandes der freisinnig-demokratischen Partei der Schweiz erklärte Schulratspräsident Prof. Dr. A. Bonn (Zürich), daß die verhetzende Tätigkeit der „Fronten" von reichsdeutscher Seite moralisch und mit Geldmitteln inauguriert und gefördert wird. Er sagte? „Die deutschen Ereignisse haben mich mehr als je davon überzeugt, daß das schönste Gut des Menschen, die Freiheit, nur in der Demokratie erhalten werden kann. Die Judenhetze ist eines der traurigsten Beispiele der Verhetzung des schweizerischen Gemüts durch fcusländische Einflüsse. , ALLEIN AUFFÜHRl R0TENTUIWKIN0 TEf.RJ910ftR2915^ W*,iWow ,0ER ERSTE GROSSE MUSIKAUSCHE ENÖIISCHE FILM BRIGITTE HELM^JOSEPH SCHILDKRAUT mnctuome im^lm wC(i ninPolr^ '^Vm! I ■ M ^ZIGeUNER-PR i^^gT Jß MIT SEINEM GROS^ RODE STEPHAN BERÜHMTESTEN <S ~ PRIMAS OER WELT^f GROSSEN ORCHESTER Redakteur Flückiger (St. Gallen) forderte den geistigen Heimatschutz für die Schweiz gegen die deutschen Einflüsse und teilte mit, daß Oberst Sonderegger verhindert wurde, in St. Gallon zu sprechen. Würdelos sei das Liebäugeln katholisch-konservativer Journalisten mit den Fronten und dem Hitlertum. * * In der „Neuen Schweiz", Organ für geistige und wirtschaftliche Erneuerung (Nr. 7 vom 12. Mai), schreibt einer der Führer der Mittelstandsbewegung, Ben6 Sonderegger (Zürich): „Die Judenhetze ist eine latente Gefahr: Hier die aufgepeitschten Leidenschaften einer wirtschaftlich verkauften und verratenen Bevölkerung, dort die WirtschaftsfUhrer in ratloser Beklemmung; beide bereit, einen Sündenbock zu suchen und verantwortlich zu machen, was sie von sich aus nicht zu bessern oder ändern vermögen. Braucht es wirklich eine empörte Masse, um die sofortige Ausschaltung jener Schädlinge der Volkswirtschaft zu erwirken, die ihrem ganzen Wesen nach nicht in die Struktur unserer schweizerischen Wirtschaft passen? Müssen verantwortungslose Elemente einen von unten und oben genährten Judenhaß vorschieben, um alle jene Elemente aus unserer Volkswirtschaft herauszuschmeißen, welche als Juden, Christen und Atheisten das Gut des Volkes erraffen, verprassen, vernichten und mißbrauchen? Wollen wir Juden hängen, nur damit jene sitzen bleiben können, die in unerträglicher Blasiertheit die fehlgeschlagenen Mittel einer angeblichen Sanierung immer noch als richtig preisen, und müssen wir nach Sttndenböcken nur unter den Juden fahnden, wenn unsere Institutionen von jedermann mißbraucht werden können? Die Tatsache, daß die Wirtschaft der Roslere dich besser! die fiintfgV schwedische Weltmarke Nachkriegszeit auf den Schultern eines Führergeschlechtes ruht, das dieser Last nicht gewachsen war, darf nicht dazu führen, daß der Stolz der Geschichte eines Jahrhunderts, die Freiheit, in der Kloake einer gehässigen Hetze endet." * Der Bundesrat hat eine Verordnung erlassen, wonach das Tragen jeglicher Parteiuniform und Kleidungsstücke, die die Zugehörigkeit zu einer Partei bekunden verboten wird. Auch das Anlegen und Zurschautragen von Abzeichen in- und ausländischer Parteiorganisationen wird verboten. Zuwider« handlungen werden mit Geldstrafen bis zu 1000 Franken und im Wiederholungsfalle bis zu sechs Monaten Gefängnis bestraft werden. * Die Schweizer Juden protestieren Aus Basel: In Basel fand eine außerordentliche Delegiertenversammlung des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes, an der über hundert Delegierte der schweizerischen Gemeinden teilnahmen, statt. Präsident Jules Dreyfus-Brodsky erklärte, der Gemeindebund werde angesichts der antisemitischenAgitationinder Schweiz vor neue, über die Pflichten einer Repräsentativbehörde hinausgehende Aufgaben gestellt, und gab seiner Sympathie mit den Juden in Deutschland Ausdruck, deren Schicksal von den Juden der benachtbarten Schweiz aufmerksam verfolgt werde. An die von den Herren Dr. Charles Bollag (Zürich) in deutscher und Charles Bicard-Biel in französischer Sprache erstatteten Berichte über die antisemitische Bewegung in der Schweiz schloß sich eine lebhafte Aussprache, in der auch grundsätzliche Fragen jüdischer Weltanschauung berührt wurden. Dem Zentralkomitee wurden auf Antrag von Gemeinderat Saly Mayer (St. Gallen) einstimmig besondere Vollmachten für die Abwehrarbeit erteilt. Neben einer Reihe von Beschlüssen technischer Natur wurde folgende Resolution gefaßt: „Der außerordentliche Delegiertentag des Schweizer Israelit. Gemeindebundes als Vertretung der Schweizer jüdischen Gemeinden und damit des gesamten schweizerischen Judentums hat mit tiefem Bedauern Kenntnis genommen von den verhetzenden Angriffen gegen das schweizerische Judentum, die insbesondere in letzter Zeit in öffentlichen Versammlungen, Vorträgen und teilweise in der Presse zutage treten. Die Vertreter des schweizerischen Judentums legen hiedurch feierliche Verwahrung ein gegen die Angriffe auf die staatsbürgerlichen Rechte der Schweizer Juden. Oberstes verfassungsmäßiges Recht ist die Gleichheit des Bürgers vor dem Gesetz.1 Dieses Grundrecht ist der Inbegriff der Demokratie. Die antisemitische Bewegung ist daher unschweizerisch und undemokratisch. Die Schweizer Juden lehnen es ab, für die der« zeitge Wirtschaftskrisis verantwortlich gemacht zu werden. Als Bestandteil des schweizerischen Volkskörpers leiden sie in gleicher Weise unter der wirtschaftlichen Depression wie alle anderen Mitbürger. » Der außerordentliche Delegiertentag appelliert an den gesunden Sinn des Schweizervolkes und hofft zuversichtlich, daß, wie bis anhin, der Friede und die öffentliche Ordnung nicht mit Schlagworten und Verhetzungen In unserem Vaterlande gestört werden können." AUS DEUTSCHLAND Auch Rothschild wird „gleichgeschaltet" — Bote Marke als gelber Fleck Aus Frankfurt a. M.: Der Direktor der Freiherrlich Carl von Rothschildschen Bibliothek, Dr. Kirchner, nimmt gegenwärtig mit einer Kommission, der u. a. auch Bibliothekar Dr. Beer angehört, die Entfernung von Büchern jüdischer Autoren und Werken der marxistischen Literatur aus den städtischen Bibliotheken vor. Die aus den Ausleihbeständen ausgeschiedenen Werke werden in je einem Exemplar unter Verschluß als Archivbestand für Forschungszwecke zurückgestellt. Bei der Rothschildschen Bibliothek, deren Bestände nicht für die breiten Volksmassen bestimmt sind, sollen die bei den Volksbüchereien gesperrten Werke in den allgemeinen Beständen verbleiben. Sie sind jedoch durch eine rote Marke gekennzeichnet und werden nur an solche Personen ausgegeben, die den Nachweis erbringen, daß sie sie für wissenschaftliche Zwecke benötigen. Jeder Bauer muß deutschen Blutes sein Aus Berlin: Wie bereits berichtet, wurde im preußischen Justizministerium ein neues Gesetz Über die Ausdehnung des Erbhof recht es (Anerbenrecht) auf ganz Preußen entworfen, in dem vorgesehen ist, daß der jeweilige Besitzer des unteilbaren Erbhofes, der „Bauer", deutschen Blutes sein müsse. Der betreffende Paragraph des neuen Gesetzes, das nunmehr im vollständigen Wortlaut vorliegt, besagt: „Einen Erbhof kann als Bauer nur besitzen, wer deutscher Staatsbürger und deutschen Blutes ist, Deutschen Blutes ist nicht, wer unter seinen Vorfahren im Mannesstamm oder wer unter seinen übrigen Vorfahren bis ins vierte Glied eine Person jüdi- I! scher oder farbiger Herkunft'hat. Deutschen Blutes im Sinne dieses Gesetzes ist aber selbstverständlich jeder Germane. Eine in Zukunft erfolgende Eheschließung mit einer Person nichtdeutschen Blutes macht die Nachkommen dauernd unfähig, als Besitzer eines Erbhofes Bauer zu sein." — Im Vorwort zu dem neuen Gesetzentwurf über das Erbhof recht heißt es: „Die unablösbare Verbundenheit von Blut und Boden ist die unerläßliche Voraussetzung für das gesunde Leben eines Volkes." Keine Schulgeldermäßigung für jüdische Schüler Aus Berlin: Der Berliner Magistrat hat beschlossen, daß Schulgeldermäßigung vom 1. Oktober 1933 ab für Schüler und Schülerinnen, die von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammen, nicht gewährt wird, solange ihre Anzahl über den Beteiligungssatz der Juden an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches hinausgeht. Ausschaltung von Büchern jüdischer Autoren aus dem deutschen Buchhandel Aus Leipzig: Der Gesamtvorstand des Börsenvereines der deutschen Buchhändler zu Leipzig macht bekannt: „Zu den zahlreichen uns aus allen Teilen des Reiches zugehenden Meldungen über bereits erfolgte oder in Aussicht gestellte Beschlagnahme von Büchern in den Sortimentsbuchhandlungen teilen wir folgendes mit: Wir haben Verhandlungen mit den zentralen Regierungsstellen aufgenommen, um eine einheitliche Regelung für die jetzt aus dem Vertrieb auszuschaltenden Werke herbeizuführen. Bis zu dieser Regelung ist allen Sondermaßnahmen gegenüber. a«f

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