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Die neue Welt · 1933-05-26 · Heft 298 (26.5.1933) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 298 (26.5.1933)
Date
1933-05-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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DIE NEUE WELT Nr. 298 Seite 2 An alle absolvierten zionistischen Akademiker Donnerstag, am 1. Juni 1983, halb 9 Uhr abends, findet im Saale des Cafe Arkaden, I., Universitätsstraße 3» ein großer Vortrag mit Diskussion statt. Tagesordnung: Die Maßnahmen zur Abwehr der die Judenschaft bedrohenden Gefahren. Referenten: Oberbaurat Ing. Robert Stricker nnd Rechtsanwalt Dr. Oskar Grün bäum. Der Ring der Alt-Herren-Verbände der zionistischen Verbindungen veranstaltet diesen Vortrag und lädt alle seine Mitglieder sowie alle anderen zionistischen absolvierten Akademiker höflichst und drlngendst ein, zu erscheinen und zu dieser brennend gewordenen Frage Stellung zu nehmen. Für die Exekutive des Alt-Herren-Ringes: Ing. R. Stricker, Dr. O. Grünbaum, Ak. M. L. A. Robitschek. Taschengeld mitgeben, wenn wir sie loswerden können. Soll ich Tausende deutschblutiger Menschen vernichten lassen, damit alle Juden geschützt arbei t e n, leben und prassen können, während ein MillionenvoIk verhungert, verzweifelt und dem Bolschewismus zum, Opfer fällt? Da werden viele, die das Gras wachsen hörten, enttäuscht. Aber es ist so besser. Man soll wissen, woran man Ist. Legenden, die geeignet sind, die Wachsamkeit der Juden abzuschwächen und das Gewissen der Welt zu betäuben* sind gefährlich. Die staatsbürgerliche Stellung des deutschen Juden . Die staatsbürgerliche Stellung, des deutschen Juden sjqil in den-, nächsten Wochen von den,.,maßgebenden Sielen, entschieden forden. Die ersten Vorschläge liegen bereits vor; .wenn sie. auch unverbindlich sind, so hissen sie. doch darauf schließen, . wie sich die gegenwärtigen Machthaber die endgültige Lösung der Juden vorstellen. Wenn auch die deutsche Judenheit nicht gefragt werden wird, so wäre doch eine einheitliche jüdische Stellungnahme, erforderlich. Es geht nun darum, wer hier führen soll, wer das Recht zu haben glaubt, im Namen der deutschen Judenheit zu sprechen. Das Hamburger „Israelitische Familienblatt" widmet diesem Problem einige Aufsätze aus der Feder von Männern, denen es tatsächlich am Herzen liegt. Man muß aber leider feststellen, daß trotz einzelner Einsichten die Grundhaltung dieser Männer eine entscheidende Wandlung der-deutschen Juden nicht erwarten läßt. Auf. der einen Seite fühlt man, daß es „so nicht weiter" geht,, daß „Kommissionen; und »Deputationen, Vorstände und Ausschüsse sich weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart als besonders geeignet /erwiesen haben, jüdische Angelegenheiten zu fördern". Auf der anderen Seite erkennt man, daß die Ideologie des. Liberalismus „Schiffbruch erlitten hat und in dieser Form wahrscheinlich nie wiederkehren wird". All das sind theoretische Auseinandersetzungen. Da aber voraussichtlich eine halbe Million Juden in Deutschland weiterhin zu leben verurteilt ist, gilt es, hier klar zu sehen. „If icht ( in der Verteidigung verlorener Positionen kann die Zukunft der deutschen Juden, liegen, sondern in der geistigen Erringung neuer Möglichkeiten für die staatsbürgerliche Existenz der deutschen Juden . . . Eine Einheitsfront ohne wirkliche Einheit im Denken und Handeln ist zwecklos." Das schreibt ein liberaler Jude. Und er verlangt weiters, daß heute andere an die Führersteile gehören und die bisheriget) Führer die Konsequenzen selbst zu ziehen lfaben. ... Eine Einheitsfront! Kann diese eine andere sein als eine.zionistische? Hat die palästinensische Wirklichkeit keinen Eindruck auf die deutschen Juden gemacht? Dem deutschen Zionismus obliegt hier eine große Abgabe.; , . i Antisemiten/ aber keine Barbaren ... Ein führender Nationalsozialist erklärte in einem Vprtrag: „Wir Nationalsozialisten sind Antisemiten, aber keine Barbaren. Die Art, wie wir das Judentum in. Deutschland ausmerzen, entspricht völlig der Kulturhöhe, auf dej wir uns befinden . . . Im übrigen", so unr gefähr schloß der Uakenkreuzler, „ist Deutschland ein Rechtsstaat und nichts geschieht bei uns ohne gesetzliche Grundlage." . , . Dem Herrn Antisemiten zu beweisen, daß die' nationalsozialistischen Maßnahmen gegen die deutschen Juden die Grenze der Barbarei überschritten haben, ist eine sehr einfache Sache. Gilt doch der Abscheu der Kulturwelt nicht dem In Deutschland - seit langem beheimateten Antisemitismus, sondern gerade dem barbarischen Wüten des Hakenkreuzes. Im übrigen ist es den zum Hungertod verurteilten Juden gleichgültig, ob ihnen die gesetzlich befugte oder private Faust den Bissen Brot vom^Mund wegreißt. Aber auch da» mit der Kulturhöhe stimmt nicht, wenn man den Aeußerungen des Literaturforschers Dr. A. M. W a g n e r glauben will, die dieser unabhängige Geist an den Internationalen P. E. N.-Klub gerichtet hat. In dieser Kundgebung heißt es nämlich In bezog auf die hakenkreuzlerische Kultur-Ueberhebung und die Phrasen von Verjudung: „Wahrheit ist die, daß die Juden sichtbar geholfen haben, den Lebensboden der Bildung Uberhaupt wieder zu lockern. Ohne sie hätten wir anfangs des '20. Jahrhunderts kaum noch von einem geistigen Leben in Deutschland sprechen können ... In jüdischen Häusern, mehr als sonst, hängen gute Bilder, in jüdischen Häusern, mehr als sonst, werden gute Bücher gelesen . . . Gegenwärtig ist die Pflege des geistigen Lebens in Deutschland zu einem beträchtlichen Teil in jüdischen Händen) so daß es manchmal aussieht, als wollte das deutsche Volk diesen ihm unwichtigen Teil seines Daseins den Juden überlassen." ,. Das also ist die Verjudung, von der die Hakenkreuzler, die Hüter des deutschen geistigen Besitzes» sprechen. Antisemiten, aber keine Barbaren . . . Wie dem auch sei: Nichts ist gewonnen, wenn nicht die deutschen Juden sich, wie wir es schon öfter ausgeführt haben, auf eine völlige Umkehr besinnen. wmmmmmmmmmmmitomK*mmmmBmmmmmmmmmmmmmm*mmmm Das jwtisdie Versailles Da Deutschland nicht nur gleichgeschaltet, sondern auch abgesperrt ist, wissen 65 Millionen deutscher Männer und Frauen nicht, was in Deutschland und außerhalb Deutschlands vorgeht. Die sozialistische Presse wurde abgewürgt, die hakenkreuzlerische bekommt ihre Parolen von. Goering. und Göbbels. Man kann sich also jetzt nur noch an die Deklaration der Deutschnationalen und ihrer Blätter halten, vornehmlich an das Hauptorgan, die „Deutsche AUgemeino Zeitung" (D. A. Z.), die, yon sioh mit Recht behaupten kann, daß sie „in schweren und gefährlichen Tagen .einen anerkannten Beweis für das Bekenntnis, zur eigenen Meinung erbracht" habe. Ihr Chefredakteur konstatiert einen Tag vor der Hitler-Rede: „Ein Stimmungsumschwung gegen Deutschland in den angelsächsischen Ländern und auch jenseits des Ozeans ist nicht zu verkennen. Die Presse der letzten Wochen liefert dafür niederschmetternde Beweise . . . Die drei einflußreichsten Berater des. Präsidenten Roosevelt sind.jüdischen Stammes . < . Der wirtschaftliche, und. politische Schaden, den die, Haltung der maßgebendsten amerikanischen, Zeitungen den deutschen Interessen zugefügt hat, ist unermeßlich." Es ist das ein Eingeständnis, daß man - in solcher Präzision von einem Koalitionspartner Hitlers nicht erwartet hat. Ein Eingeständnis aber, das die Ursache des politisch-moralischen Debakels- •— im Gegensatz zur angelsächsischen Beurteilungin Deutschlands außenpoliti^ - '; Dumpf er,Druck lasie^ufi Deutschland. Das Haken- - .....- .....- •••»•'• •««.«siiy» liAjilvi \ i •'■ ",i ■ *'■* kreuz sucht nach einer Abkehr. Dk? Gleichschaltung im Innern wurde yoUzogen, die/ Gleichschaltung der öffentlichen Meinung z u g u n s t e n Deutschlands soll vollzogen werden. Da fällt das Wort Versailles. „Die Weltlage erfordert eine befreiende Tat. Versailles muß überwunden, eine neue Ordnung an seine Stelle gesetzt werden", schreibt die „D. A. Z." am Vorabend der Hitler-Rede. Verlassen wir für einen Augenblick die Tribüne weltpolitischer Aspekte. Sprechen wir vom Versailles Deutschlands. Mit kitschiger Emphase hat Hitler im Verlauf der letzten Jahre unzähligeraal verkündet, daß das Hakenkreuz das deutsche Volk wiederaufrichten wolle: durch „Reinigung" Deutschlands von den Juden; durch Brechung der Zinsknechtschaft; durch Zerreißung des Unmoralischen Ve'rsailler Vertrages; durch Regelung der Ostfragen. Im Mittelpunkt seiner Propaganda stand — neben d,er Judenfrage — die sogenan nte K r i e g s s c b> ut 1 d 1 ti g e, die der Ausgangspunkt aller Demütigungen und Erniedrigungen Deutschlands gewesen sei. Von allen Frogrammpünkten des Nationalsozialismus ist bloß der eine, und zwar 'gründlich und systematisch, die „Reinigung" Deutschlands voii' den Juden, durchgeführt worden. Die Kultur weit war entsetzt über die unmenschlichen Maßnahmen Hitler- Deutschlands gegen die jüdischen Staatsbürger und reagierte auf sie — in England, Frankreich, Amerika ... Deutschland war Isoliert, ja verfemt. Da kam die große Hitler-Rede im deutschen Reichstag. Wir wollen, wie bereits gesagt, auf deren weltpolitische Aspekte verzichten. Wir wollen bloß einzelne Stellen mit Tatsachen konfrontieren. ' V „Die Forderuug nach einer tatsächlich zum Ausdruck kommenden Gleichberechtigung ist eine Forderung der Moral, des Rechtes und der Vernunft . . . Geschichtlich kann die Disqualiflzierung eines großen Volkes nicht ewig aufrechterhalten werden, sondern muß einmal ein Ende finden . . . Das deutsche Volk wird bleiben genau wie das französische . . . Was sind die Erfolge einer vorübergehenden Unterdrückung eines 65-Millidnen-Volkes gegenüber der Gewalt dieser unumstößlichen Tatsache?" Man braucht in der Herstellung von Analogien nicht sehr bewandert zu sein, um die entsprechenden Bezüge auf das jüdische Schicksal in Deutschland zu finden. Hätte Hitler bei seinem Amtsantritt den Text seiner Reiohstagsrede u. a. auch auf die Juden Deutschlands angewendet, dann hätte er sich wahrscheinlich die Rede selbst ersparen können. „Es ist denkbar", heißt es weiter, „daß man Deutschland gegen jedes Recht und gegen jede Moral vergewaltigt. Aber es ist undenkbar und ausgeschlossen, daß ein solcher Akt von uns selbst durch eine Unterschrift Rechtsgültigkeit erhalten könnte." Was hören wir da aus dem Munde des national« sozialistischen Führers? Er spricht von Recht und Moral?, Von Vergewaltigung? Uns scheint, es wäre humaner voii ihm gewesen, Uber diese Dinge zu schweigen, statt Analogien zu provozieren. Analogien, die sein Programm und sein Tun noch gewalttätiger erscheinen lassen. Der deutsche Reichskanzler operiert aber nicht nur mit sittlichen Grundsätzen, er versucht auch, -.die ihm mißtrauenden Völker bei den Tränendrüsen zu packen. „Seit dem Tage der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles haben sich in unserem deutschen Volk — fast nur aus Not und Elend — 224.900 Menschen mit. freiem Willen das Leben genommen, Männer und Frauen, Greise und Kinder!" ' Sind vielleicht auch der Jude Ballin darunter, der Begründer der deutschen Handelsflotte, der' aus Schmerz über Deutschlands Niederlage zum Revolver griff, und vielleicht auch die jüdischen Aerzte, Juristen und Kaufleute, die ein Leben im Hakenkreuz-Deutschland nicht ertragen konnten? Darüber soll Herr Hitler Auskunft geben, Auskunft angesichts der ausländischen Staatenvertreter, die bei seiner Anti-VersaiUes-Proklamatiori am 17. Mai anwesend wären. Herr*.Hitler liefert auch sonst noch viel wertvolles Material. Er sagt — wieder in bezug auf Versailles: „Tatsächlich entschloß man sich, . teils aus Unkenntnis, teils .aus Leidenschaft und Haß, zu Lösungenv die den Keim neuer Konflikte schon in ihrer Unlogik und Unbilligkeit trugen." ./.7-..i-V:.'< ' tO V . •.;•••.>;>•*! üiy.-.^i.v.r :::'.:■-.'•■:•■( ';-?;( *>«ß,'i ,, ,i: ,A||S( U,nkenntius .und Leidenschaft? Nein,, Nur aus Haß. Aus ganz gemeinem Haß, der, wie jeder Haß, nicht einen Funken Logik und Billigkeit in sich trug. Hitlers Rede fand an einzelnen Stellen stürmischen Beifall. Kein Wunder. Denn er sprach sich so vieles, vom Herzen, das er bisher nur dem engen Kreis seiner Parteifreunde gesagt hatte. So z. B. war das Reichstagsauditorium von. folgendem Passus begeistert: „Es ist nicht weise, die wirtschaftlichen Lebensmöglichkeiten einem Volke zu .entziehen, ohue Rücksicht darauf, daß die davon . abhängige Bevölkerung darauf angewiesen ist, in diesem Gebiete weiterbin zu leben." ' ' '! .). Von wem spricht Herr. Hitler da? Vielleicht von den 600.000 deutschen Juden, denen er die Lebensmöglich? keiten entzogen hat, ohne Rücksicht darauf, daß sie darauf angewiesen sind (bis auf den Bruchteil der Geflüchteten), in Deutschland weiterhin zu leben? Es war naheliegend, daran zu denken. Oder hat gar der vom Hakenkreuz herbeigeführte Zustand der deutschen Juden ihm erst diesen fruchtbringenden Gedanken für das deutsche Volk gebraoht? „Es ist nicht weise", sagt Herr Hitler. Gewiß ist es nicht weise. Wenn aber nun Herr Hitler diese Erfahrungsehon aus dem Versailler Vertrag gezogen bat, was hat ihn veranlaßt, diese Erfahrung In bezug auf die jüdischen Staatsbürger unbenutzt zu Lassen? Mit dieser Frage kommen wir auf die entscheidende Pointe, auf jenen Pol, um den herum Herr Hitler alle seine Wünsche, Beschwerden, Drohungen wickelt, .auf den Versailler Vertrag,, der Deutschland mit der Schuld am Ausbruch des Krieges belastet, bzw. . mit dem Geist, der zum Krieg geführt, habe: . „Um die gesamten Maßnahmen dieses Ediktes zu motivieren, mußte Deutschland zqm Schuldigen gestempelt werden..Das ist ein ebenso einfaches, wie allerdings unmögliches Verfahren, in Zukunft wird also die Schuld an Auseinandersetzungen immer der Besiegte tragen, deun der Sieger hat ja immer die MögUchkeit, diese Feststellung einfach zu treffen." An keiner Stelle der gewiß nicht kurzen Rede des deutschen Reichskanzlers springt die Analogie mit dem jüdischen Schicksal in Deutschland mehr in die Augen. Um die gesamten Maßnahmen des Hakenkreuzes und der nationalsozialistischen Machthaber zu motivieren, mußte das Judentum zum Schuldigen gestempelt werden. Keine Lüge, keine Dummheit, .keine Gemeinheit, keine Fälschung wurde unterlassen, um 'den Juden Deutschlands uud denen außerhalb Deutschlands die Schuld am Unglück Deutschlands in "die Schuhe" zu schieben. Die Schuldlüge war das Mittel, mit dem der Hitlerismus den Haß der Massen gegen die Juden hervorrief, aufrührte und zur Explosion brachte. Das war, um in Hitlers Terminologie zu s^r«6lie% '».....................................................( SIEGM. KORNMEHL GRÖSSFLBISlHHAUiREI;: Zentrale: IX., Berggasse 19, Tel. A-17-3-99 u. A-16*9-34 Lieferant für Heilansta1\en JÄbtolh^enfU j; unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien Autosustalluitg kostsnlo» :: IX. B«rgg»i* 15 ✓ XVIII., W8hrlitg«rttr. 97! IM»MM»MMI>MM>MMMMMMMMMMM>MMMMM»

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