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Die neue Welt · 1933-05-19 · Heft 297 (19.5.1933) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 297 (19.5.1933)
Date
1933-05-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 2Ö7 finden lnT£L*AWIW, AchadHaamStr.32 Im neu«rftltn«t«A das europäisch geführte Haus mit allen Bequemlichkeiten. In ruhiger Lage im Zentrum der Stadt gelegen. Out und modern eingerichtete Zimmer mit fliesendem Wasser. Großer schattiger Önrten mit Liegestühlen. Wiener Küche. Aufmerksame Bedienung. Leitung: Philipp Gtünbaum (früher Berlin) & David Kirschbaum (Venedig. Villa „Margherita"; Breslau, „Lessing-Loge"). Tribüne Müssen sich die Juaen das gefallen lassen? — Die Julius Mein! A. G. stellt grundsätzlich keine Juden an Unsere Redaktion erhielt folgende Zuschrift: Wien, am 15. Mai 1933. — Sehr geehrte Redaktion! In Ihrem Blatte finden sich häufig Berichte Uber die politische und wirtschaftliche Verfolgung der Juden. Die meisten dieser Berichte beziehen sich auf das Ausland. Aber bei uns in Oesterreich liegen genügend Fälle der Boykottierung von Juden vor. Viele Unternehmungen in Oesterreich, welche große Geschäfte mit Juden machen und an ihnen verdienen, stellen grundsätzlich keine Juden an. Sollen wir Juden uns das gefallen lassen? Sollen wir gar nichts für unsere jüdischen Angestellten, welche dem größten Elend ausgesetzt sind, tun? Gibt es nicht genug jüdische Kaufleute? Müssen wir zu Firmen gehen, welche Juden als Angestellte ausschließen? Ich möchte hier auf den Fall der Kaffee- und Teefirma Julius Meinl verweisen. Die Firma hat ungefähr hundert Filialen in Wien, darunter solche, deren Kundschaft zu neunzig Prozent aus Juden besteht. Unter den vielen Angestellten und Verkäufern findet sich aber nicht ein einziger Jude. Müssen wir uns Juden das gefallen lassen? Ich habe mich indirekt über die Verhältnisse bei der Firma erkundigt und erfahren, daß jedes Gesuch eines Juden abgelehnt wird. Man hat mir allerdings gesagt, daß der Generaldirektor ein Jude sein soll. Das ist doch aber kein Trost. Dann ist die Sache noch ärger. Es gibt in Wien genug jüdische Geschäfte und christliche Geschäfte, welche nicht antisemitisch sind, wo man gute Waren bekommt. Man ist in unserer großen Stadt wirklich nicht auf eine Firma angewiesen, welche die jüdischen Angestellten boykottiert. Wer unsere armen, arbeitslosen jungen Menschen ausschließt, braucht auch nicht unser Geld! Ich bitte Sie um Veröffentlichung dieser; Zeilen, und zeichne hochachtungsvoll B. F. * .'; 1 :■ ' Bemerkung der Redaktion. Die im vor- | liegenden Schreiben angeführte Tatsache,:; daß die,-Firma in.ihren ^zahlreichen Filialen . keine Juden beschäftigt^ istimoit'Es ist auch richtig, daß sie zahlreiche Juden zu (ihren Kunden zählt. In manchen Bezirken, wie z.B. in der Leopoldstadt und Brigittenau, ist die Kundschaft fast ausschließlich jüdisch. Der Generaldirektor Dr. Kurt -Schechner ist, wie man uns mitteilte, ein gebürtiger Gzernowitzer Jude, aber schon längst getauft. Das fügt; sich in das Bild der Firma, denn getaufte Juden sind nicht selten Ueber-Antisemiten. Wir bringen diese im jüdischen Interesse wertvolle Zuschrift gerne. Die Situation der Judenschaft ist zu ernst und die Lage der jüdischen Angestellten- und Kaufmannschaft zu traurig, als daß man dort auf Gegenwehr verzichten sollte, wo eine solche noch möglich ist. Die Entrüstung des Schreibers ist begreiflich und seine Anregung beherzigenswert. Er hat durchaus recht, wenn er sagt: Wer den jüdischen Menschen nicht will, der soll auch kein jüdisches Geld bekommen. ..«...• Zum Tode der Frau Selma Kurz Ein Leser schreibt uns: De mortuis nil nisi bene! Nichts soll anläßlich des Todes der weltberühmten Sängerin gesagt werden, wo doch so viel zu sagen wäre, um den grotesken Irrsinn unserer Zeit, die Früchte der Seelenverkrüppelung aufzuzeigen. Nur eine Wiener Zeitung sei wörtlich zitiert! („Oesterr. Volkszeitung", 12. Mai 1933.) Im ersten Absatz des Abschiedsartikels liest man: „Eine schwarze Fahne am Hause Löwelstraße 8, hinter dem Volksgarten zeigt das Haus an, in dem Selma Kurz-Halban ihr Leben ausgehaucht hat und nun aufgebahrt ist. Die Leiche der Künstlerin ruht unter Blüten; zweigen. Zwei Klosterfrauen knien am Fußende der Bahre." Zwanzig Zeilen ungefähr weiter ist zu lesen: „Selma Kurz wurde in Bielitz von dem Oberkantor Ignaz Goldmann entdeckt. Sie wurde als junges Mädchen von Verwandten zu Herrn Goldmann geführt, damit er ihre Ausbildung für den Tempelchor übernehme. Der Oberkantor erkannte nach kurzer Prüfung die ganz außerordentliche Begabung des Mädchens und erklärte, es könne keine Rede davon sein, dieses einzigartige Talent als Chorsängerin heranzuziehen. Wenige Tage später fuhr Goldraann mit Selma Kurz nach Teschen zu dem ihm befreundeten Superintendenten Haase, einem hervorragenden Musiker, und stellte ihm Selma Kurz vor ... Oberkantor Goldmann fuhr mit Selma Kurz nach Wien usw. usw. Oberkantor Ignaz Goldmann lebt heute noch hochbetagt in Bielitz, seine | Tochter Frau Dora Manberg ist als Gesangmeisterin in Wien tätig." Bemerkung der Redaktion: Ergänzend sei bemerkt, daß der Jüdische Frauenverein in Bielitz die Kosten der Ausbildung der Selma Kurz, Tochter einer armen jüdischen Händlerin, bestritten hat. Selma Kurz war mit dem bekannten Frauenarzt Prof. Halban, der vor seiner Taufe Blumenstock hieß und aus Galizien stammt, verheiratet. Italien als Kongreßfand Ein Leser aus der Tschechoslowakei schreibt uns: Ich war vor kurzem in Italien und konnte beobachten, daß der Vorschlag des Oberrabbiners von Abbazia, Dr. Stern, den nächsten Zionistenkongreß in Italien abzuhalten, von allen Zeitungen des Landes herzlichst begrüßt wurde. Immer und immer wieder bringen die Blätter Zuschriften aus Leserki*eisen, welche dartun, daß die Ziohisten in Italien des freundlichen Empfanges sicher wären. Die bekannt judenfreundliche Einstellung der Italiener, die Schönheit ihres herrlichen Landes, ihr höchst entwickelter Schiffs- und Bahnverkehr und nicht zuletzt die Büligkeit Italiens machen gerade in dieser Zeit politischer Höchstspannung den Vorschlag, den Zionistenkongreß in einer italienischen Stadt abzuhalten, sehr berücksichtigenswert. Dr. M. K. Für die jüdische Massen* kolonisation in Palästina und Transjordanien Revisionistische Forderungen im New-Yorker Radio Die Zionisten-Revisionisten waren bisher die einzige Gruppe in der zionistischen Bewegung, welche unbeirrt und unablässig die Forderung nach einer Massenkolonisation in Palästina erhoben und verfochten haben. Diese Forderung wurde von den anderen zionistischen Gruppen, welche sich zum „Kleinzionismus" bekannten, als „utopistisch" verschrien und bekämpft. Man hielt dem revisionistischen Verlangen nach Massenkolonisation und Judenstaat, dem Herzl-Zionismus, ein anderes „besseres" Palästina entgegen. Palästina als „geistiges Zentrum", als „sozialistische Mustersiedlung". Ein >Vorgehen, das auch der britischen Palästina-Regierung den Vorwand für rücksichtslose, mandatswidrige Bje s e. h r ä n k u n g der jüdischen Einwanderung lief erte. Ipie Entwicklung' Palästinas und die wachsende Judennot haben endlich den Kleinzionismus mit sseinen.^beschränkten Zielen, dieses Zerrbild des wahren JüoiJ^nujs'^;in den-Hintergrund gedrängt und die revisionistischen Forderungen in den :Jßttelpunkty jüdisch Ttäbhtehs;".. gestellt Ein Beispiel Mefür ^jiildi^d^r vor: einigen Tagen; durch das N e w Y Q*r k$^T^a '^oP verbreitete Palästina:- Vortrag '.'des'-; Richte^ Jl:^rijamin v G rie e n s p a n. Aus New York wird berichtet: In einem durch die New Yorker Run d f u n kstation verbreiteten Vortrag stellt der Richter Benjamin I. Greenspan die Forderung nach stärkerer Berücksichtigung der Möglichkeiten für eine großzügige J u de nkolonisation in Palästina und Transjordanien als Mittel zur Lösung der Judenfrage auf. Richter Greenspan schilderte einleitend den Eindruck der in Deutschland gegen die Juden ergriffenen Maßnahmen auf die zivilisierte Welt und betonte, daß hinsichtlich der vollständigen* Billigung der antisemitischen Forderuhgen durch die gegenwärtige deutsche Regierung und ihrer tatkräftigen Mitwirkung bei der Verwirklichung des antisemitischen Programms keinerlei Zweifel bestehen könne. Die so erfolgte Aufrollung der Judenfrage mache ein Eingreifen der Juden Amerikas und anderer Länder in positivem Sinne erforderlich. Aus Kreisen, die nur eine sehr begrenzte Kenntnis von den statistisch nachgewiesenen Entwicklungsmöglichkeiten Palästinas haben, könne man oft hören, daß Palästina für einen im Hinblick auf die tragische Lage der jüdischen Bevölkerung in Europa zu entwerfenden umfassenden Rettungsplan nicht in Betracht komme. Demgegenüber müsse darauf hingewiesen werden, daß hervorragende Fachleute eine Aufnahmefähigkeit Palästinas für zwei bis drei Millionen Juden festgestellt haben. Außerdem gäbe es in dem östlich von Palästina gelegenen Trans- Jordanien, das bis zU seiner willkürlichen L o st r.e n n u h g im Jahre 1922 stets als integrierender Teil Palästinas betrachtet wurde, Raum für weitere Hillionen von Neueinwanderern, wobei besonders berücksichtigt werden müsse, daß der Boden Transjordaniens noch fruchtbarer sei als der Palästinas. „Es ist die Zeit gekommen", erklärte Richter Greenspan, „da das jüdische Volk und die Welt an eine großzügige Einwanderung von Juden nach Palästina denken müssen und nicht an eine unbedeutende Jahreseinwanderung von 2000 bis 5000 Seelen, Das jüdische Problem ist zu umfangreich und zu dringend, als daß es durch ein derart spärliches Einsickern von Juden in das einzige ihnen eine Zufluchtsstätte! .bietende Land gelöst werden könnte. Wenn man Sich mit.der Judenfrage ernsthaft befaßt, dann muß man erkennen, daß es für Hunderttausende von Juden in verschiedenen europäischen Ländern keine , wirtschaftliche Zukunftsmöglichkeit mehr gibt. Aus dem wirtschaftlichen, sozialen, politischen Leben und sogar aus dem Erziehungswesen verdrängt, stehen Tausende von Juden vor der Gefahr vollständigen Untergangs. Um sie vor solchem Schicksal zu retten, fordern wir mehr Raum in Palästina für die jüdisch«! Einwanderun g." Antisemiten, Assunilanten und andere Narren Von Dr. Israel Zwi Kann er Was sie von jüdischer Literatur wissen Als ich in einer Buchhandlung nach Judalcia verlangte, brachte man mir Bücher, die den Sozialist mos und die Freimaurer behandelten. Als ich in einer anderen Buchhandlung einen Kommentar zur Bibel kaufen wollte, sagte mir der Buchhändler: „Ich muß erst nachsehen, jedenfalls kann Ich Ihnen schon jetzt sagen, daß ich das vielverlangte Zauberbuch Koheleth nicht besitze." In einem lateinisch-deutschen Wörterbuch aus dem 18. Jahrundert las ich unter „Talmud": Talmud ist ein Werk der Juden, in dem sich viele gotteslästerliche und ungereimte Dinge befinden. Was sie vom Zionismus und der hebräischen Sprache wissen Als ich einen Studienkollegen an der Universität fragte, ob seine Eltern Zionlsten seien, antwortete er; „Ja, sie hören sehr gerne den Jehuda Ehrenkranz" (den bekannten Rezitator jüdischer Stücke). Die Mutter eines Schülers, die sich bei mir Uber, ihren Sohn beklagen wollte, leitete ihre Rede folgendermaßen ein: „Sie verstehen doch ein bißchen Hebräisch?'* „Ja." „Was soll ich Ihnen sagen, er macht mir das Bestemm." Als ich dem getauften Industriellen H....r das neue Palästina beschrieb, empfand er Scham und gestand, daß er zur Zeit der ,Hepp-Hepp'-Ruf e zur Taufe geschritten sei, heute aber, zur Zeit einer jüdischen Renaissance, gerne zum Judentum zurückkehren würde. Nachdem er mir verschiedene Brocken aus dem Jargon, wie „Sechel", „nebbich" u. dgl. m. aufgetischt hatte, um mir zu „beweisen", daß in ihm noch jüdisches Blut fließe, drückte ihn noch ein Wort, das er anscheinend noch nicht anwenden konnte. Endlich war die Zeit für dieses Wort gekommen; ich erklärte ihm, was die Chaluzim geleistet haben, worauf er bemerkte: „Ich verstehe das gar nicht, daß es heute noch so — meschuggene Idealisten gibt." Wie sie die Jugend erziehen Ein Schüler warf in meiner Gegenwart seinem Vater, der. ihn zum Tefillinlegen ermahnte,, vojr, daß er selbst schon lange nicht bete. Hierauf bemerkte der Vater, sich entschuldigend: „Wissen Sie, ich habe in einer Jeschiwah gelernt, bin nach Wien gekommen, habe mich zivilisiert, kultiviert und habe selbstverständlich auch aufgehört, Tefillin zu legen." Wie ihre Enkel über sie lachen Zwei protestantische Kinder trafen zusammen. Die Eltern des einen waren konfessionslos, die Großeltern noch Juden. Sobald dieser vom anderen Knaben denselben Zustand auch in seiner Familie erfahren hatte, wandte er sich an. seinen Hofmeister und fragte ihn ganz naiv; j „Wieso kommt es, daß alle Großeltern Juden sind?" Welche Opfer sie dem Judentum bringen *Ein Getaufter erzählte, daß er wegen einer „jüdischen Sache" seinerzeit aus dem Gymnasium relegiert wurde. Er hatte sich nämlich zu Ostern Urlaub genommen, war aber statt in den Tempel zum Fußballplatz gegangen und dort vom Direktor seiner Anstalt betreten worden. — Armer Märtyrer! Wie sie ihre Zeitung gestalten In einer Wiener Zeitung findet man stets im politischen Teil Aufsätze, wie: „Judenstaatszionisten", In ihrem Uterarischen: „Der Dichter Ch. N. Bialik". In ihren amtlichen Verlautbarungen stellt sie an den Pranger: „Austritte aus dem Judentum." In einer anderen, ebenfalls in Wien erscheinenden jüdischen Zeitung findet man in den entsprechenden Spalten: Politischer Teil: „Toleranzpatent Kaiser Josefs H." Literarischer Teil: „Der Sozialdemokrat Eduard Bernstein trotz allem Jude." Amtliche Verlautbarung: „Beerdigungen." — Ich überlasse es dem Leser, die politische Zugehörigkeit der betreffenden Zeitungen zu erraten und festzustellen, welches Blatt sich mit den Toten und welches sich mit den Lebenden beschäftigt. In einem klassenkämpferischen Blatte wird auf Seite 1 die Schaffung einer jüdischen nationalen Heitö» statte in Palästina über alle Maßen gelobt,. während auf Seite 6 das Verlassen Biro Bidschans als eine „Flucht aus dem Paradies" bezeichnet wird. — Welch Wunden der Assimilation! Todesfall. Nach langem, schwerem Leiden ist Samstag, den 13. Mai, FrauRachel Advokat, die Mutter unserer alten Parteigenossen Simon Advokat, Israel David Advokat und Frau Anny Koffier im 66. Lebensjahre verschieden. Die Verstorbene war eine wahrhaft jüdisch© Frau, seltene Vorzüge zeichneten ihren Charakter au% Ehre ihrem Andenken!

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