Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 296 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 296 DIE NEUE WELT Seite 3 Was England für die heutigen Macht haber Deutschlands empfindet Lloyd George in der Bibelgesellschaft — Lord Greys Bekenntnis — Die moralische Kraft der britischen Sympathie — Die jüdischen Massen wollen nach Palästina Unter den Erscheinungen, die angesichts der schrankenlosen und systematischen Judenverfolgungen in Deutschland an die Oberfläche traten, ist die eine, der Ausdruck des Abscheus und die Sympathie für das jüdische Volk, wohl die hervorstechendste. Man denke bloß an die antihakenkreuzlerischen Demonstrationen in fast allen Kulturstaaten, man vergegenwärtige sich die Beden, die im englischen Unterhaus von den großen Politikern des britischen Imperiums über den nationalsozialistischen Geist gehalten wurden. Immer noch zittert der Eindruck dieser Enunziationen nach. Aber man ist noch nicht zu Ende. Die öffentliche Meinung der Kulturwelt denkt nicht daran, über den gegenwärtigen Zustand in Deutschland zur Tagesordnung überzugehen oder ihn von nun ab als normal zu betrachten. Wiederum haben englische Staatsmänner Worte von tiefer Wirkung und Resonanz gesprochen. Wie aus London berichtet wird, hat Lloyd George auf einer Tagung der britischen und ausländischen Bibelgesellschaften eine Ansprache gehalten, in der er sich mit der Verfolgung der Juden in Deutschland befaßte und an alle Länder der Christenheit den Appell richtete, der großen Leistungen des Judentums für die allgemeine Kultur eingedenk zu sein. Es waren die Worte eines Mannes, der diese Leistungen, wenn nirgends anderswo, so im Kähmen des britischen Weltreiches sehen und einschätzen kann und ebenso gewillt ist, jedem Volk, das es verdient, fair play zuzubilligen. Ich wünschte, sagte Lloyd George, jedes Land der Christenheit wäre eingedenk eines Satzes aus der Bibel, in dem es heißt, das Heil käme von den Juden. Die Bibel ist nicht der einzige Beitrag der Juden zur allgemeinen Kultur, aber sie ist ihr größter Beitrag; und sie ist gleichzeitig der größte Beitrag, den irgendeine Basse jemals zur Zivilisation beigesteuert hat. Gegenwärtig sind die Juden in einem der größten Länder der Christenheit schwerer Zurücksetzung ausgesetzt, die ihren Ursprung in einem seiner Träger nicht würdigen Gefühl des Neides hat. Die Zurücksetzung der Juden ist für Deutschland und die Welt ein Unglück. Deutschland gewinnt nichts durch sie, niemand wird durch sie etwas gewinnen. Aus Haß hat man noch nie Nutzen gezogen. Haß trifft den, von dem er ausgeht, stärker als den, gegen den er gerichtet ist. Lloyd Georges Worte waren, wie jeder objektive Beurteiler feststellen kann, von großer Zurückhaltung getragen, mit den Reden im Unterhaus verglichen geradezu milde. Eindeutiger, präziser und auf das Verhältnis Englands zu Hitler-Deutschland näher eingehend war die Rede, die kürzlich im Rat der liberalen Partei dessen Vorsitzender, der ehemalige Außenminister Lord G r e y, hielt. Bekanntlich hat die deutsche Regierung beim englischen Außenamt gegen die Reden im englischen Unterhaus Protest eingelegt. Wie man weiß, warf England den Hakenkreuz-Protest in den Papierkorb. Und Lord Grey erklärte eingangs seiner Rede, daß er den deutschen Vorgängen gegenüber dieselbe Haltung einnehme, wie sie das Unterhaus in der Deutschland-Debatte bekundet habe. Der ganze Zug der deutschen Politik und ihre Mentalität widerstrebe der öffentlichen Meinung Englands, die nach dem Kriege unzweifelhaft mit Deutschland vielfach sympathisierte. Plötzlich kommen nun diese Angriffe auf die Juden, aus denen zu ersehen sei, daß Deutschland ihnen gegenüber nichteinmalToleranz üben wolle. Nach dem Krieg seien die Bestrebungen der englischen Politiker dahin gegangen, eine friedliche Atmosphäre zwischen England und Deutschland zu schaffen, die heutige Situation aber habe das Empfinden der Allgemeinheit in England schwer enttäuscht. Noch vor wenigen Monaten hätte eine Rede, wie sie Sir Austen Chamberlain jüngst im Unterhaus gehalten habe, nicht jene allge- ■■■■■■■■■HHHiMHHHHBHMMHnMMMHMaMHHaHiBM Pro(e§tversammlungen in Palästina gegen die Beschränkung der Arbeiters einwanderung In ganz Palästina haben öffentliche und Vereinsversammlungen stattgefunden, in denen gegen die Verkleinerung derArbeiterschedule durch die Palästinaregierung Protest erhoben wurde. Eine in Jerusalem abgehaltene Massenversammlung, die vom Jerusalemer jüdischen Arbeiterrat einberufen worden war, faßte eine Entschließung, in der gesagt wird, die Versammlung protestiere gegen die Ungerechtigkeit der Regierung gegenüber der jüdischen Arbeitereinwanderung. Das Land im allgemeinen und die jüdischen Unternehmungen im besonderen benötigten dringend einen großen Arbeiterzustrom. Massen von Juden in der Diaspora, die unter wirtschaftlicher Not und antisemitischer Bedrückung leiden, dringen auf ihr Recht, nach Palästina einzuwandern, und gerade in dieser Zeit habe die Regierung die Einwanderung beschränkt, sie enthalte so deutschen Juden eine Zufluchtstätte vor, lege der jüdischen Entwicklung in Palästina ein schweres Hindernis in den Weg und gefährde die Stellung der jüdischen Arbeit. Die Versammlung richte an die jüdischen Massen die Aufforderung, sich in einem mächtigen Ruf nach Oeffnung der Tore des Landes zu Vereinigen. In der Laemel-Schule zu Jerusalem fand ein großes revisionistisches Protestmeeting statt. Eine Versammlung der Allgemeinen Zionisten wurde in Tel-Awiw abgehalten, Ansprachen hielten Dr. Mossinsohn und Suprasky. In Haifa wurde eine Massenversammlung im Amphitheater abgehalten. Die hebräische Presse weist darauf hin, daß sogar das als sehr rigoros bekannte Einwanderungsamt der Regierung diesmal die Erteilung von 7000 Zertifikaten vorgeschlagen hat. Die Blätter geben auch ihrem Erstaunen darüber Ausdruck, daß die Regierung die Herabsetzung der Zahl angeforderter Zertifikate gerade zu einer Zeit vorgenommen bat, da der Minister für die Kolonien, der als Freund des jüdischen Aufbauwerkos gilt, und Dr. Chaim Weizmann in Palästina weilten. meine Zustimmung gefunden, die ihr tatsächlich zuteil geworden sei. Was ihn, Lord Grey, betreffe, so schließe er sich dem, was Sir Austen gesagt und das ganze Unterhaus bekräftigt habe, an. Man könne nicht Konzessionen machen und dauernd die Hand zum Frieden ausstrecken, wenn diese Geste nicht erwidert werde. England wünsche Frieden, es scheine aber, daß man zu einem Punkt gekommen sei, bei dem die britische Regierung sich auf den Völkerbund verlassen und für die Aufrechterhaltung der Verträge eintreten müsse. Dies sei das einzige Mittel, den Frieden zwischen den Nationen aufrechtzuerhalten. Wer die zurückhaltende Art der englischen Staatsmänner und ihren Sinn für „Stil" kennt, weiß, daß die Reden von Lloyd George und Lord Grey Faustschläge gegen die heutigen Machthaber Deutschlands bedeuten. Besonders bemerkenswert ist in der Rede Lord Greys der Hinweis auf den Völkerbund und die Aufrechterhaltung der Verträge. Das jüdische Volk hat mit einhelliger Genugtuung die Sympathiebezeugungen der britischen Staatsmänner entgegengenommen, vornehmlich jene Stellen, welche besagen, daß die Worte der Redner das Empfinden der öffentlichen Meinung Englands ausdrücken; Roslere dich besser! die einzige schwedische Weltmarke nicht minder auch jene, die auf den Völkerbund hinweisen. Niemand wird den Wert solcher Enunziationen bestreiten. Niemand wird deren moralische Kraft bezweifeln. Nichtsdestoweniger haben die Millionen Juden in der Welt, die heute mehr denn je im jüdischen Palästina die einzige Hoffnung des Volkes sehen, Ursache, ein aktives Bemühen seitens der öffentlichen Meinung Englands, seitens der britischen Regierung, zu erwarten. Männern, die solch offenes Bekenntnis für die Freiheit der Völker, den Völkerbund und die geschlossenen Verträge ablegen, obliegt es, auf alle Umstände hinzuweisen, die diesen Faktoren hindernd im Weg stehen. Es wäre ein mehr als platonisches Bemühen, wenn die öffentliche Meinung Englands von der britischen Administration Palästinas die Durchführung der Verträge fordern würde, die im Sinne der Wiederaufrichtung des jüdischen Nationalheims geschlossen wurden. B a 1 f o u r- Deklaration und Mandat sind die Pfeiler, auf denen die zionistischen Anstrengungen und das Vertrauen des jüdischen Volkes zu England beruhen. Gerade das Schicksal der deutschen Judenheit ist wiederum ein Fingerzeig für die abnormale Situation, in der sich das jüdische Volk befndet. „Oeffnet die Tore Palästinas für die jüdischen Massen!" Das ist der Ruf, den wir heute aus dem Munde der britischen Staatsmänner zu hören wünschen. RICHARD ARLEN EDWARD G. ROBINSON LEILA BENNETT TIGER IN DEM FIRST- NATIONAL¬ FILM IN DEUTSCHER SPRACHE EIN ABENTEUERFILM, DER IN SENSATIONELLEN BILDERS ERSTMALIG PACKENDE KÄMPFE ZWISCHEN MENSCHEN UND „DEN 1IGERN DES MEERES" ZEIGT HAI /CALA IM KIBA-VERLEIH Max Liebermanns Austritt aus der Berliner Akademie der Künste Eine Berliner amtliche Meldung besagt, daß Doktor h. c. Max Liebermann, der im 85. Lebensjahre steht, seinen Austritt aus der Akademie der Künste erklärt hat. Der Brief, der den Austritt motiviert hat, lautet: Ich habe während meines langen Lebens mit allen meinen Kräften der deutschen Kunst zu dienen gesucht. Nach meiner Ueberzeugung hat Kunst weder mit Politik, noch mit Abstammung etwas zu tun. Ich kann der preußi-* sehen Akademie der Künste, deren ordentliches Mitglied ich seit mehr als 30 Jahren und deren Präsident ich durch zwölf Jahre gewesen bin, nicht länger angehören, da dieser mein Standpunkt keine Geltung mehr hat. Zugleich habe ich das mir verliehene Ehrenpräsidium der Akademie niedergelegt. Bekanntlich war Liebermanns letztes Porträt von Bedeutung das seines Altersgenossen Reichspräsidenten Hindenburg. Stellung zum Hitler-Terror in der Tschechoslowakei Aus Buätina (Karpathorußland) wird uns geschrieben: Am 17. April fand hier ein großes Fest zur Bewillkommnung des russisch-orthodoxen Bischofs statt. Bei diesem Anlaß hielt Herr Dr» N o v 6 k, einer der Hauptfunktionäre der hiesigen staatlichen Forstdomänen, die Empfangsrede, die sich durch ihr besonders hohes geistiges und sittliches Niveau auszeichnete. Dr. Noväk wandte sich gegen die Greueltaten der neuen deutschen Machthaber und sagte u. a.: „Gott sei Dank, daß die Zeiten, wo auch uns die Gefahr der Religionsbedrohung wie in Rußland oder in anderer Weise im hakenkreuz- Ierischen Deutschland erschreckte, schon lange vorbei sind. Solch eine Denkungsart ist in unserer demokratisch aufgebauten Republik unmöglich. Das hiesige Organ „Podkarpatske Hlasy' berichtet ausführlich Über diese, die Einstellung der tschechoslowakischen Katholiken und Russisch-Orthodoxen bezeichnende Kundgebung. Jüdische Aerzte und Rechtsanwälte nach Aegypten. Wie „Daily Telegraph" aus Kairo berichtet, hat die ägyptische Regierung beschlossen, 200 jüdischen Aerzten und Rechtsanwälten, die durch die Verhältnisse genötigt waren, Deutschland zu verlassen, die Erlaubnis zur Niederlassung und zur Ausübung ihres Berufs in Aegypten zu geben. Zentralhilfskomitee für deutsche Juden in Palästina. In Jerusalem wurde ein Zentralhilfskomitee der palästinensischen Judenheit für deutsche Juden gebildet. Dem Komitee gehören die Herren Ussischkin, Emanuel Neuman, Dr. Arlosoroff, Ben Zwi, Dr. Hantke, Mosche Smiliansky, Berl Katzenelson, der P. J. C. A.-Direktor Dr. Cohn und Eliahu Berligne an. Jüdische Studenten der Warschauer Universität. 1200 jüdische Studenten der Warschauer Universität, die die Studiengebühren für das zweite Quartal nicht erlegen konnten, wurden aus der Matrikelliste gestrichen. Die betroffenen Studenten stammen zumeist aus der Provinz. Die Warschauer jüdische Studentenorganisation hatte sich an die jüdische Gemeinde Warschau mit der Bitte um Gewährung einer Subvention von 30.000 Zloty zwecks Erlegung der fälligen Studiengebühren gewandt, hatte jedoch nur 2500 Zloty bekommen, die ausschließlich Studenten aus Warschau zugeteilt wurden. Der erste Präsident der Bulgarischen Zionisten« Organisation gestorben. In Plowdiw verstarb im Alter von 68 Jahren der Erste Präsident der Zionistischen Organisation Bulgariens, Pressiado Romano. Er war auch Mitbegründer der nationalen Minderheitsorganisation des bulgarischen Judentums und gehörte seit 1920 dem Zentralkonsistorium an. Besondere Verdienste hat er sich als Leiter des Nationalfonds erworben. mit den vorzügl Salonschitfen des Lloyd Triestino Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr Ferner: Wöchentliche ExpreäHnie nach Istanbul; wöchentliche Luxuseillinie nach Alexandrien; zweimal monatlich Luxuseülinie nach Bombay; monatliche ExpreMnie nach Ceylon, Singapore, Shanghai; Postumen nach der Levante, Schwarzes Meer, Indien, China, Japan Auskünfte: Lloyd TrlestiQO.Wi en l.HMneningßjei.u-^-i-ßo