Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 295 (5.5.1933)
- Date
- 1933-05-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 295 mHE NEUE WELT Seite 5 Wie ein Ni'ditjude die Dinge sieht Die psydiologisdien Ursachen der jüdischen Krise Von Mario B. Bertoochl Ein nichtjttdlscher Wissenschaft ler stellt der „Neuen Weit" nachstehende Abhandlung zur Verfügung. Er kommt bei der Betrachtung der heutigen jüdischen Lage zu Schlüssen, die siofi mit zionistischer Betrachtungsweise decken. Kein fühlender Mensch kann an dem tragischen Schicksal der deutschen Juden achtlos vorübergehen. Der wirtschaftliche und moralische Vernichtungs kämpf eines großen Volkes gegen eine verschwin dende Minorität von etwa 600.000 Menschen ist bedrückend. Wer nicht ganz im Banne der antisemitischen Ideologie befangen ist, empfindet die Größe dieser Katastrophe, die nicht nur die deutschen Juden, sondern auch das Judentum der ganzen Welt betroffen hat. Es scheint mir von größter Wichtigkeit, vor allem die psychologischen Ursachen Idarzustellen, die den Judenhaß zu solch wütender Verfolgungswut an wachsen ließen. Nur so können wir auch hoffen, den Weg zu finden, der die wirksamste Bekämpfung einer Den kungsart ermöglicht, die an das finsterste Mittelalter erinnert. Ich habe versucht, vom Standpunkt des Psychologen aus das jüdische Problem zu analysie ren. Ich darf mich hiebei als vollkommen objektiv betrachten, da ich weder Jude noch Antisemit bin. Ich bin Italiener. Nach dem Grundsätze Mussolinis kennen wir nur gute und schlechte Bürger. Das jüdische Volk hat im Verlaufe seiner viel tausendjährigen Geschichte immer wieder Perioden der brutalsten, physischen und psychischen Bedrückung mit gemacht. Die Jüdenverfolgun g e n, wie sie heute in Deutschland betrieben werden, sind ein Bückfall in längst überwunden geglaubte, mittelalterliche Zeiten. Aber wenn wir die psychologische Situation des Judentums betrachten, so müssen wir leider feststellen, daß sie heute ungünstiger und gefahrvoller für den Bestand des Judentums ist als je zuvor. Wann immer das Judentum in früheren Jahrzehnten bedrängt oder verfolgt .vordenwar, immer stand es — im Gegensatz zu heute — seinen Gegnern geeint und enge verbunden gegenüber. Diese Einheit und Einigkeit war die Quelle, aus der immer wieder die Kraft zur Verteidigung erfloß. Die Juden waren durch die ständigen Verfolgungen gezwungen worden, sich, zumindest innerlich, zu einer engen jüdischen Gemeinschaft, zu einer V o 1 k s b r u d e rschaft, zusammenzuschließen. Ihr Zusammenhalten ist ja direkt sprichwörtlich geworden. Ihr erzwungenes Zusammenleben im Ghetto war nicht nur aufgezwungene Beschränkung, sondern auch Schutz. Es schuf gleichsam jüdische Festungen, welche die Juden immer in den Stand setzten, ihre Widerstandskraft zu erneuern und ihre Lebensinteressen geschlossen und erfolgreich zu verteidigen. Die. Kraft und Stärke des Zusammenschlusses wirkten fort, noch lange, nachdem man die Tore des Ghettos geöffnet hatte. Das Judentum repräsentierte bis zu Kriegsausbruch eine gewisse Macht. Keine Macht zwar, die sich auf der Leistung des einzelnen aufbaute, der sie als Gelehrter, als Kaufmann, als Arzt, als Künstler vollbrachte. Fast auf jedem Gebiete geistiger und schaffender Arbeit wirkten jüdische Männer führend. Durch die fortwährenden Behinderungen und Verfolgungen war der Jude durch Jahrhunderte hindurch gezwungen gewesen, seine intellektuellen Kräfte bis zu einer gewissen Virtuosität zu üben und zu trainieren . Das feste und innige Zusammenhalten der jüdischen Menschen, ihr enger Zusammenschluß zu großen und kleinen Gemeinschaften gestalteten das Judentum zu einer bedeutenden geistigen und wirtschaftlichen Macht. Anders sieht es heute aus. Ein großer Teil des Judentums ist innerlich zerrissen, uneinig, unsicher und — entmutigt. Das jüdische Selbstbewußtsein ist geschwunden, damit Selbstvertrauen und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die alte Einigkeit ist dabin, ein großer Teil der Juden versucht sich anderen nationalen oder sozialen Gemeinschaften anzuschließen. . Schon während des letzten Krieges konnten wir deutliche Zeichen des beginnenden Versagens sehen. Und von da ab können wir den raschen Abstieg der jüdischen Macht und Weltgeltung beobachten. Die Ursachen hiefür liegen zum großen Teil in der geänderten psychologischen Einstellung des Juden zum Judentum und zu seiner Umwelt. Der Antisemitismus ist zum großen Teil die Folge einer veränderten Einstellung des Juden zu den Ihn umgebenden Völkern, das Ergebnis des wachsenden . Assimilationsstrebens im Judentu m. Wir können fast auf den Tag genau beobachten, daß das Aufflammen der antisemitischen Bewegungen mit den Versuchen der Juden zur Assimilation einsetzte. Diese Neigung zur Angleichung, die Sucht zur Ableugnung jüdischer Art und Eigenart ist die Folge einer Erscheinung, die wir Psychologen als »jüdisches Minderwertigkeitsgefühl4' bezeichnen müssen. Erst dieses Assimilationsstreben hat das Mißtrauen und den Widerstand der anderen Völker erweckt, die sich gegen das Eindringen der Juden in ihre Kultursphäre verteidigen zu müssen glauben. So hat der Wunsch, nicht als Jude zu leben, die jüdische Einigkeit zerstört und die Abwehr der anderen Völker gesteigert. Hand in Hand damit ging die Zersetzung des Judentums durch das soziale Problem. Bis vor wenigen Jahrzehnten sah man eine vollständige Einigkeit zwischen armen, proletarischen und bürgerlichen Juden, ja brüderliche gegenseitige Unterstützung. Alle fühlten sich zuerst als Juden. Dieses enge Band wurde durch das Bestreben der Juden zur Assimilation gelockert. Schon vor dem Weltkriege zeigte sich immer deutlicher die Kluft, die der soziale Krieg zwischen besitzenden und besitzlosen Klassen im Judentum eröffnet hat. Der proletarische, sozialistische Jude dachte und fühlte solidarisch und eng verbunden mit dem christlichen Proletarier. Er begann gemeinsam mit diesem auf dem Boden der Politik den gehen muß. Der jüdische Mensch muß in die Gemellischaftzurückgeführt werden, die allein ihm innerlichen und äußerlichen Schutz gewähren kann. Die psychologische Situation, die ihn zur Flucht aus derselben veranlaßte, das jüdische Minderwertigkeitsgefühl, muß bekämpft, das Selbstvertrauen und der Lebensmut des jüdischen Menschen gehoben werden. Hiezu gibt es nur einen Weg: eine gründliche psychologische Bearbeitung der jüdischen Massen. So wie bei einer Neurosebehandlung, muß auch hier ein Symptom nach dem anderen aufgedeckt werden, durch Aufklärung und Aufdeckung das Minderwertigkeitsgefühl behoben werden. Der Augenblick ist günstig. Auch die schlechtesten Dingo haben, wie ein italienisches Sprichwort sagt, ihre guten Seiten. Die Tage der jüdischen Not haben das Selbstbewußtsein der jüdischen Massen gehoben und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. Durch zielbewußte Arbeit wird es gelingen, das verlorengegangene jüdische Selbstvertrauen wieder herzustellen, die enge Volksverbundenheit der Juden wieder aufzurichten und die jüdische Gemeinschaft einer besseren Zukunft zuzuführen, unter der Devise: „Einer für alle, alle für einen." ioiCLuMM] „ach wie »o, Kärntnerstraße 45 Neu! W Sl Gl-GOLD TW Ecke Krugerstraße 2 Katalog gratis t Heu! Krieg gegen den bürgerlichen Juden, den Kapitalisten, zu führen. Innerhalb von wenigen Jahren standen sich die Fronten des Kapitals und des Proletariats in erbitterter Feindschaft gegenüber. Auf beiden Seiten waren es Juden, die in führender Stellung den Kampf leiteten. Wir sehen, daß im Grunde der große Kampf gegen die wirtschaftlich herrschende Klasse des Bürgertums und damit gegen das wirtschaftlich stark interessierte Judentum nicht von den Ariern ausgeht, sondern von den eigenen jüdischen Volksgenossen, die sich zu Führern im sozialen Kampf gemacht hatten. All dies wurde dann von Judengegnern auf ziemlich geschickte Weise ausgenützt und zu einer großen Volksbewegung gestaltet, um den endgültigen Schlag gegen das Judentum zu führen. Ich habe hier versucht, die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, historisch gesehen, zu schildern. Ich möchte aber die Gründe für diese'Entwicklung'auch psychologisch beleuchten. Anlaß zu dieser Wandlung in der inneren Stellung war das Minderwertigkeitsgefühl vieler Juden. Diese Minderwertigkeitsgefühle haben den Juden durch Jahrtausende hindurch angespornt und zu immer größeren Leistungen befähigt. Und dieses überkompensierte Minderwertigskeitgefühl war es auch — das heute den Juden zur Flucht aus der Gemeinschaft und damit zur Schwächung seiner Position verleitet. Als individualpsychologischer Berater habe ich Gelegenheit gehabt, in die Seelen vieler, vieler jüdischer Bürger Einblick zu nehmen. Alle diese Leute litten — ohne es zuzugeben, oft auch ohne es zu wissen — unter Lebensschwierigkeiten, an einer in Fachkreisen sogenannten „jüdischen Neurose". Das ist nun kein klinischer Fachausdruck, sondern die übliche Bezeichnung eines Krankheitsbildes, welches für viele jüdische Patienten charakteristisch ist. Die jüdische Neurose entstammt einem Minderwertigkeitsgefühl, das der Jude als Jude empfindet. Wenn wir jetzt das jüdische Volk als Masse analysieren, so sehen wir, daß es als Folge der fortwährenden Demütigungen und Herabsetzungen (trotz dem Bewußtsein seiner Tüchtigkeit) an Minderwertigkeitsgefühlen leidet. Der unausgesetzte Kampf mit den Schwierigkeiten des Lebens, die täglichen Behinderungen als Folge des Judentums, Kindheitserinnerungen an Behinderungen in der Schule und auf der Straße und viele andere Herabsetzungen und Kränkungen erzeugten bei vielen Juden so starke Minderwertigkeitsgefühle, daß sie, um dem Lebenskampf auszuweichen, in die Krankheit, das heißt in die Neurose, flüchteten. Ein großer Teil, die sachlich Eingestellten und die Glücklicheren, haben eben dieses Minderwertigkeitsgefühl zum seelischen Motor für besonders gesteigerte Leistungen gemacht. Es sind das jene Juden, welche durch eisernen Fleiß im Studium ihre Intelligenz, ihren Erfindungsgeist und die Nützlichkeit ihres Daseins Uberhaupt dokumentieren wollen. Wir sehen diese Ueberkompensatlon der Mlnderwertigkeitskeitsgefühle auf sachlicher Basis bei Juden, welche große Kaufleute, berühmte Aerzte, Gelehrte und Schriftsteller werden. Hingegen bemerken wir bei anderen, daß sie durch die Erziehung und andere Niederlagen im Leben ihre Minderwertigkeitsgefühle als Juden auf unsachlicher Basis überkompensieren, indem sie ihr Judentum verleugnen, sieh taufen lassen oder die Flucht in die Neurose ergreifen. Wenn wir als letzte Ursache des Judenhasses und der augenblicklichen jüdischen Ohnmacht die Flucht des einzelnen aus der Gemeinschaft erkannt haben, wenn wir uns darüber klar geworden sind, daß das Anwachsen des Judenhasses durch eine falsche psychologische Einstellung des Juden zum Judentum und zu seiner Umwelt bedingt ist, dann haben wir auch den Weg gefunden, den man zur Bekämpfung der antisemitischen Flut und zur Sicherung der jüdischen Existenz Austro s Palästinensischer Wirtschaftsdienst Wirtschaftskalender Alle Auskünfte und Informationen, betreffend Palästina, Anbahnung von Geschäftsverbindungen, Beratung für Boden- und Bautransaktionen, Beratung in Speditions¬ und Keiseangeiegenheite?a besorgt der ehrenamtlich geleitete Austro-Palästinensische Wirtschaftsdienst, Wien, IX., Berggasse 16 (Handelsmuseum), von Montag bis Donnerstag, 4 bis 6 Uhr nachm. (Tel. A-17-5-40). * Zweiter Hebräisch-Kurs Der zweite Kurs wird von Herrn D. Z. Weinstein geleitet. Anmeldungen im Sekretariat des Austro- Palästinensischen Wirtschaftsdienstes, Wien, IX., Berggasse 16 (Handelsmuseum), Montag bis Donnerstag 4 bis 6 Uhr. nteressentert— zwecks Errichtung eines großen mechanischen Unternehmens in Palästina, mögen dies unter, Chiffre: „Ideal" an die Exp. d. Bl. bekannt geben. Dritte Studien- und Gesellschaftsreise des Austro- Palästinensischen Wirtschaftsdienstes nach Palästina 16. Mai bis 6. Juni 1933 Der große Erfolg, welchen die beiden Studien- und Gesellschaftsreisen des Austro-Palästinensischen Wirtschaftsdienstes aufzuweisen hatten, veranlassen diese Institutionen, schon im Monat Mai die dritte Palästina-Reise zu veranstalten. Wie bei den beiden ersten Reisen wird auch diesmal besonders dafür gesorgt sein, daß die Reiseteilnehmer das ganze Land und seine wirtschaftlichen Möglichkeiten kennenlernen. Das Arrangement dieser Reise wurde dem Reisebüro „Compass-Tours" übertragen, als Reiseleiterin wurde Frau Berta Taubes gewonnen, welche zum fünften Male Gesellschaftsreisen nach Palästina führen wird. Die Ueberfahrt erfolgt auch diesmal mit dem 36.000 Tonnen großen Ozeandampfer „Vulcania". Die luxuriöse H. Klasse dieses Dampfers wird als Touristenklasse geführt, wodurch es möglich wird, bei billigen Preisen komfortabel zu reisen. Im Anschluß an den Aufenthalt in Palästina kann Aegypten besucht werden. Die Rückreise erfolgt in diesem Falle mit dem Luxus-Expreßdampfer „Ausonia" in der H. Klasse. Der Preis für das ganze Arrangement von Wien bis Wien, alles inbegriffen, beträgt bei Benützung der II. Klasse S 1100.—, bzw. mit Aegypten S 1260.— (nach heutigen Kursen). Anmeldeschluß 4. Mai 1933. Auskünfte im Sekretariat des Austro-Palästinensischen Wirtschaftsdienstes, IX., Berggasse 16 (Handelsmuseura), von Montag bis Donnerstag, 4 bis 6 Uhr nachmittags, sowie bei „Compass-Tours", IX., Spitalgasse 3 (täglich von 9 bis 3 Uhr). j^dmeideraalon in Palästina Kompagnon mit Kapital von tücht. Herren- und Damenschneidermeister, der sich in Tel* Awiw etablieren will, gesucht. Zuschuften erbeten: Flasker, IX, Seegasse 13/26/ mündliche Auskunft von 18 bis 20 Uhr Bodenkauf in Palästina Dem Austro-Palästinensischen Wirtschaftsdienst stehen ausgezeichnete Informationen bezüglich des Ankaufs von Boden (für Bauzwecke, Orangenboden usw.) zur Verfügung. * Zur Errichtung einer Baumaterialienfabrik, deren Rentabilität nachweislich feststeht werden kapitalistische Teilbabsr gesucht. Auskünfte mjl