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Die neue Welt · 1933-05-05 · Heft 295 (5.5.1933) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 295 (5.5.1933)
Date
1933-05-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite« DIE NEUE WELT Nr. 295 Satzungen des Minderheitsrechtes für die österreichischen Juden sind eindeutig und umfassend. Sie gestalten die Lage der österreichischen Judenschaft unendlich günstiger als die Lage der unglücklichen Judenschaft Deutschlands, welche ohne politischen, internationalen Schutz dasteht, abgeschnitten vom Wege zum Völkerbunde und den gutgewillten Kulturmächten. Die österreichische Judenschaft braucht nicht einen der vielen grausamen Eingriffe in das» Staatsbürgerrecht, denen die Juden Deutschlands heute wehrlos preisgegeben sind, widerstandslos Uber sich ergehen zu lassen. Sie kann sich auf das jüdische Minderheitsrecht, auf ein vom Völkerbunde und allen Kulturnationen garantiertes Recht berufen. * Wem verdanken die österreichischen Juden dieses kostbare Recht und diesen völkerrechtlichen Schutz? Den Führern der jüdischnationalen Bewegung In Oesterreich, den Männern, die, ungeachtet aller Anfeindungen und zahlenmäßigen Niederlagen, unbeirrt für den jüdischnationalen Oedanken, für eine unabhängige jüdische Politik eingetreten sind. Den Männern, die auch heute die „Jüdische Volkspartei Oesterreichs" führen und für die Vereinigung aller jüdischen Elemente in diesem Lager arbeiten. Sie waren es, die nach dem Umsturz im Herbst 1918 die verängstigte, führerlose Judenschaft organisierten, den »Jüdischen Natiorialrat für Oesterreich" geschaffen und als Sendlinge . dieser jüdischen .Volksvertretung —- im Vereine, mit der national organisierten Judenschaft, der ganzen Welt — bei den Siegermächten dfe Aufnahme/ und Festlegung der Rechte aller Minderheiten, also auch der jüdischen M i' n d e r h e i t s r e c h t e, in den TFiledenverträgen und im Statut des Völkerbundes durchgesetzt haben. .. Diese Arbeit, deren Segen für die bedrohte Jude'nschaft Oesterreichs heute nicht genug hoch eingeschätzt werden kann, war den schwersten Störungen von jüdischer Seite her ausgesetzt. Die im liberalen und sozialdemokratischen Läger organisierten jüdischen Elemente aller. Schattierungen kämpften in ihrer Verblendung mit allen Mitteln — auch mit dem unlauteren Mittel der Denunziation — gegen das Streben nach jüdischem Menschheitsrecht. Sie sprachen von Reaktion, von der Rückkehr ins Ghetto, vom Verrat am Vaterland. Sie verschmähten es nicht, einen Schwindel mit Worten aufzuführen, indem sie Minderheitsrecht als „gemindertes Recht" herstellten, wo es doch vermehrtes, gesichertes Recht Ist.' Kein Vorwurf war ihnen zu niedrig, kein Einwand zu schlecht. Sie schreckten nicht davor zurück, sich hinter fremde Parteien zu stellen und diese gegen die Jüdischnationalen aufzuhetzen, nicht jüdische' Proklamationen gegen das jüdische Minderheitsrecht zu provozieren. Glücklicherweise versagten ihre bösartigen und verständnislosen Bemühungen. Das Minderheitsrecht für die Juden Oesterreichs steht unverrückbar da, festgelegt im Friedensvertrag, im Statut des Völkerbundes und damit unverrückbar verankert im österreichischen Staatsgrundgesetz. * Ohne Zustimmung des Völkerbundrates kann eine noch so große antisemitische Majorität nichts daran ändern. Jeder Versuch nach reichsdeutschem Muster berechtigt und verpflichtet die Kulturnationen zum Eingreifen. .1 Das beste Gesetz, der beste Vertrag ist nur Papier, wenn nicht entschlossene Menschen hinter ihm stehen. Für die österreichische Judenschaft kann dieses Gesetz Iinen.dl ich viel, die Rettung vor ■ dem Schicksal der unglücklichen Judenschaft Deutschlands bedeuten — oder nichts. Wenn Teile der österreichischen Judenschaft, wie bisher, auf eine eigene polltische jüdische Organisation verzichten, nichtjüdischer oder entjudeter Führung nachlaufen,: Bich als «Liberale oder Sozialdemokrat nichtjüdischem Befehl unterstellen, dann wird das schönste jüdische Miderheitsrecht wertlos. Die Menschen, welche dieses wertvolle Recht bekämpft, verhöhnt und denunziert haben, bringen nicht die Kraft und den Willen auf, dieses Recht vor den Regierungen Oesterreichs und der Mächte des Völkerbundes zu vertreten. Sie sind nicht frei, sie müssen auf fremden Befehl — schweigen und werden schweigen. Fähig und entschlossen, dieses Recht der österreichischen Judenschaft mit Hingabe aller Kräfte zu vertreten, sind nur jene Männer, die es seinerzeit erkämpft und dann immer betont haben, die Führer der „Jüdischen Volkspartei Oesterreichs". Das TJebergreifen der Methoden Hitler-Deutschlands auf Oesterreich würde nicht nur ein Unglück für die Juden dieses Landes bedeuten, sondern erhöhte Gefahr für das Weltjudentum. Der österreichische Jude, der durch seinen Anschluß an die Jüdische Volkspartei der Gefahr des Uebergreifens wirksam begegnet, schützt nicht nur sich, seine Familie und seine Landsleute, er schützt das Gesamtjudentum. AUS DEUTSCHLAND Minister Dr. Goebbels erklärt die Jaden als Feinde Wie aus Köln berichtet wifd, erklärte Reichspröpagandaminister Dr. Goebbels in seiner dort gehaltenen Rede über die Aufgaben der Presse: „Wir sehen die Juden als uns er e Feinde an; aber wir haben Milde walten lassen, die das Judentum gar nicht verdient hat. Wenn es heute glaubt, daß diese Milde nur Schwäche sei, dann müßte es schnell anders belehrt werden. Der Boykott hat, obwohl er nur einen Tag währte, bewiesen, daß es keine Schwäche ist. Denn das ganze Volk hat es mitgemacht und das Volk hat' auch damit bewiesen, daß es mit der Regierung durch dick und dünn geht." Man errichtet Scheiterhaufen Wie die Berliner Zeitungen melden, hat der Ausschuß für die Säuberung der Berliner Stadtbibliothek den Bezirken und ihren Büchereien eine Anzahl von Listen zugehen lassen, in denen die „volksfremde und marxistische Literatur" genannt ist, auf deren Ausmerzung es ankäme; weiter wurden Listen über die wichtigsten Bücher fertiggestellt, die für die, Auffüllung der entstandenen Lücken am geeignetsten seni sollen. Ein Teil der aus den Büchereien ausgeschiedenen Bücher soll zusammengetragen und öffentlich, verbrannt werden. Der Termin, für dieses Autodafewird später bekanntgegeben. , , In der Stadtbibliothek des größten Berliner Bezirkes, Kreuzberg, sind von dem kommissarischen neuen Leiter 2500 Bücher ausgemerzt worden. Diese Bücher sollen in der nächsten Zeit auf dem Belle-Alliance-, Platz verbrannt werden. Es fallen darunter, entsprechend den Richtlinien des Zentralausschusses, Werke von Dr. Hodann, Magnus Hirschfeld, Rosa Luxemburg, Emfl Ludwig, Alfred Kerr u. a. Erist ^konsequent!; , . Das in München erscheinende^ einen. ultra-raesentheore tischen und antisemitischen- Standpunkt 'vertretende Blatt „Lude ri d o r f f s V Olk s w a r t eV».begrüßt die von der Reichsregierung erlassenen Gesetze zur Einschränkung des jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben, weist aber gleichzeitig die' Reichsregierung darauf hin, daß „der Schlüssel zur Verjuduhg und Entwurzelung des deutschen Volkes im Alten Testament und dessen Ausfluß und Propagandalehre im Neu e n T e s t.a m e n t'! liege. Die Zertrümmerung des marxistischen Geistes, wie sie von Reichsminister Göring im Berliner Sportpalast verkündet wurde, genüge nicht, denn auch das Christentum sei dem jüdischen Geist entspringe n. An dieser Tatsache werde die Reichsregierung nicht vorbeikönnen, wenn sie zur Vollendung der nationalen Revolution schreiten werde. : Wieder Professoren „beurlaubt" Der durch seine Untersuchungen über die Psychologie der frühen Kindheit weltberühmt gewordene Psychologe William Stern ist ersucht worden,. seine Vorlesungen an der Hamburger Universität einzustellen. Dasselbe „Ersuchen" wurde an einige andere Professoren, unter ihnen den die religiös-sozialistische Richtung vertretenden Eduard Heimann und den Historiker Richard Salomon, gerichtet. Der Neukantianer Professor Ernst Cassirer hat seine Vorlesungen aus eigenem Entschluß abgesagt. Der weltberühmte, Krebsforscher Professor Ferdinand Blumenthal hat den preußischen Kultusminister ersucht, ihn der. Leitung des Uniyersitätsinstituts für Krebsforschung an t der Berliner Charit^, zu entheben. Professor Blumenthal war am Berliner Krebsinstitut seit 1903 tätig. „Schwarze Listen" für die Berliner Volksbüchereien Den Berliner Bezirksbücherelen sind „Schwarze Listen" der auszuscheidenden Werke zugegangen. Von Werken der schönen Literatur werden u. a; die Bücher folgender Autoreh entfernt: Schalem Asch, Max Brod (ausgenommen „Tycho Brahe"), Hja Ehrenburg, Albert Ehrenstein,' Feuchtwanger, Schnitzler, Beer-Hofmann, Arnold und Stephan Zweig. Von wissenschaftlichen Werken die Bücher von Marx, Hugo Preuß, „Der neue Staat" von Walter Rathenau, Otto Bauers „Oesterreichische Revolution" u. v. a. Zahlreiche Rücktritte zum Judentum in Berlin Die Jüdische Gemeinde Berlin verlautbart: Im Gemeindebüro gehen täglich Briefe von Personen ein, die in früheren Jahren aus der Gemeinde oder aus dem Judentum ausgeschieden sind, und die jetzt ihren Wiedereintritt in die Gemeinde erklären. Unter diesen Briefen befinden sich auch solche sehr'bekannter Persönlichkeiten, die sich für ehrenamtliche Mitarbeit zur Verfügung stellen. Union dar Zioniiten-Revisionisten Oesterreichs Gruppe VI-V1II. Sitz: Ca« Helenenhof, VII, Stebenaterng. 42, Ecke Kircheng. Einladung zu dem am Montag, den 8. Mai 1933, 7,9 Uhr abends im Cafe Helenenhof, VII, Siebensterng. 42 stattfindenden Vortrag Dr. Nahum Samonsky Judennot, Palästina u. unser Judenstaats-Zioniamus Regiebeitrag 20 Groschen Gäste willkommen l Zuverlässiges u. pünktliches Erscheinen erbeten I Die Leitung. Alt*Herren*Iting Außerordentliche Vollversammlung! Am Donnerstag, den 11. Mai, 3/t8 Uhr abends findet In den Souterrainräumen des Arkaden-Cafö, Wien, I., Universitätsstraße 3, eine außerordentliche Vollversammlung des Ringes der Alt-Herren-Verbände der Zionistischen Verbindungen mit nachstehender Tagesordnung statt: 1. Neuwahl der Exekutive und Besprechung des Arbeitsprogramms. 2. Referat des Herrn Oberbaurates Ing. Robert Stricker über die innen- und außerpolitisohe Situation. Geladen sind alle Alten Herren der Hochschul-(Ferlal-) Verbindungen und des K. J. V. Wegen der umfangreichen Tagesordnung müssen wir pünktlich beginnen. F. d. p. A. Dr. Paul Stern, Ak. M. Leo A. Robitschek. Weitere Beurlaubungenvon Hochschulprofessoren Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat Kultusminister Rust bis zur endgültigen Entscheidung auf Grund des Beamtengesetzes eine große Anzahl von Professoren, vorwiegend solche jüdischer'Abstammung, an' den Universitäten Frankfurt a. M., Marburg, Göttingen, Königsberg und Kiel sowie an verschiedenen Handels- und Kunsthoch- Schulen beurlaubt. Weitere Beurlaubungen sollen folgen. Unter den Beurlaubten befindet sich auch Professor Gotthold Weil, der früher die Orientalische Abteilung der Berliner Staatsbibliothek leitete; Professor Weil ist Mitglied des Kuratoriums der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und des akademischen Rates der Universität Jerusalem. Keine Immatrikulation jüdischer Studenten in . Hamburg Aus Hamburg: An der Hamburger Universität werden bis zur gesetzlichen Regelung dieser Frage Immatrikulationen von Studenten nichtarischer Abstammung nicht vorgenommen. Auch die Dozentenfrage ist in Hamburg noch nicht geregelt. Eine Anzahl Von jüdischen Professoren ist aufgefordert worden, iljre Vorlesungen für das Sömmersemester abzusagen. Juden werden als medizinische Gutachter nicht zugelassen Aus Karlsruhe: Die Pressestelle des badischen Staatsministeriums teilt mit: Bei der Landesversicherungsanstalt Baden und den badischen Oberversicherungs¬ und Versicherungsämtern sind künftig nach einer Verordnung des Sonderkommissars für das Gesundheitswesen in Baden nichtarische Medizinalpersonen im Sinne des Abs. II der Ersten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes „die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums betreffend" zur Gutachtertätigkeit nicht mehr zugelassen. Diese Verordnung kann sinngemäß im Erstverfahren unberücksichtigt bleiben, wenn es sich um die Begutachtung ebenfalls nichtarischer Personen handelt. Jüdische Volkspartei Oesterreichs Aufruf! Das gegenwärtige Regime in Deutschland setzt die Aktion zur vollständigen Entrechtung der Juden hemmungslos* fort. Der Grundsatz der richterlichen Unabhängigkeit, der Unabsetzbarkeit und Unversetzbarkeit der Richter, das Fundament jedes Rechtsstaates Und' -selbstverständliche Voraussetzung einer objektiven Rechtsprechung, wurde nunmehr beseitigt. Diese Maßnahme wurde unter anderem in der klaren Absicht getroffen, die Juden auch auf dem Gebiete des privaten Rechtes des Schutzes der Gesetz e zu berauben, Die Geltendmachung Vermögens- oder sonstiger privatrechtlioher Ansprüche im Wege reichsdeutscher Gerichte erscheint auf Grund dieser Tatsache überaus erschwert, wenn nicht gar unmöglich. Alle österreichischen Juden, die sich durch diese Regierungsmaßnahme in Deutschland in ihren Rechten betroffen fühlen oder eine Benachteiligung bereits erfahren haben, werden hiemit in ihrem Interesse eingeladen, alle Vorfälle und Umstände, die sich aus Anlaß der Verfolgung ihrer Ansprüche ergeben und auch in Hinkunft ergeben können, womöglich mit einer genauen Sachverhaltsdarstellung der Rechtsschutzstelle aer Jüdischen Volkspartei bekanntzugeben, Jüdische Volkspartei, Wien, II,, Untere Augarteustraße 38. Geschäftsstunden: Jeden Dienstag von 7 bis halb 9 Uhff

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