Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 294 (28.4.1933)
- Date
- 1933-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Aleppo 1× ep/1047811
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- Ukraine 1× ep/1001131
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 294 des Mandats „A" übernommen hatten, mußten sie sich schnell davon überzeugen, daß Syrien von verschiedenen Stämme», Völkern und Bassen mit verschiedenen Tendenzen bevölkert ist. Teilweise, um die nationalen Bestrebungen zu befriedigen, hauptsächlich aber, um die Administration zu erleichtern, haben sie das Land in vier Staaten eingeteilt: 1. Syrien, 2. Alaouites, 3. DjebelDruze, 4. die Bepublik Libanon. Die drei ersten Staaten werden außer von fran xösischen Kommissären von ratgebenden Organen regiert, die von dem französischen Kommissär ernannt sind. Libanon, der am meisten entwickelte Teil Syriens, wird von einem selbstgewählten gesetzgebenden Senat regiert. Der Senat wird auf Grund einer sehr strengen Wahlzensur und durch das Zweistufenwahlsystem gewählt und ergibt folgendes Bild: 10 Maroniten, 4 Ortho doxe, 2 Griechisch-Katholischc, 2 Drusen, 11 Mohammc daner (davon 5 Schihiten), 1 Jude. Diese Aufstellung gibt uns ein genaues Bild über die Zustände, die sogar im Libanon herrschten, dem am besten entwickelten und Zivilisierten sowie völkisch am wenigsten bunten Staate des Orients. Man muß anerkennen, daß die Teilung Syriens durch Frankreich In vier Staaten die nationalen Be strebungen und die lokalen Interessen befriedigt hat. Es ist gelungen, eine Ordnung zu schaffen, die nur im Jahre 1925 durch den Aufstand der Drusen gestört wurde Wenn man über ein Land spricht, seine Entwick hing verstehen will und sein politisches und gesellschaftliches Leben zu beschreiben versucht, muß man nicht nur seine Verfassung und seine politischen Institutionen stu dieren, sondern den Zusammenhang dieser politischen Organe mit dem Volke selbst. Man muß zu erfassen ver suchen, bis zu welchem Punkte diese Staatsorgane der Volkspsychologie entsprechen. Dazu muß man die Pro gramme der politischen Parteien studieren, die immer freiwillige Institutionen sind und mit der Volkstendenz konform gehen. Diese Methoden sind im Orient ungültig. Dort existieren fast keine Parteien mit politischen Programmen. Ein reicher Scheik, ein Effendi mit großem Einfluß vereinigen Menschen um sich, die unter sich durch lokale, ökonomische, stammbewußte, religiöse oder ganz einfach ehrgeizige Interessen verbunden sind. Auf dem Boden von Syrien gibt es keine einzige Partei, die einen allgemein syrischen Charakter trägt. In jedem Staate Syriens gibt es Parteien, die ihre lokalen Interessen verteidigen. So haben bei den letzten Wahlen in Aleppo 24 und in Damaskus 31 Parteien für sich Propaganda ge trieben. Die einflußreichste Partei ist die von Soubchey Bey Byrkass, dem ehemaligen Premierminister von Syrien. Diese Gruppe steht in scharfer Opposition zu der panarabischen Bewegung und erklärt, daß die Syrier nicht arabischen Ursprungs sind und mit den Arabern nichts gemeinsam haben. Diese Partei orientiert sich nach Frankreich. Die Partei von Sakkar Na am Bey el Saalany, dem ehemaligen syrischen Finanzminister, vereinigt die Großgrundbesitzer, orientiert sich nach der Türkei und strebt eine Vereinigung mit dem Irak an, der noch nicht erschlossen ist. Die Partei vqn Ibrahim Bey ist gegen den Panarabismus gerichtet und verteidigt die Industrialisierung Syriens. Die Partei von Tag el Din el Hussein! vereinigt die Großgrundbesitzer, verteidigt die Idee des Panarabismus und ist bestrebt, eine arabische Konföderation von Hedschas, Nedschd, Irak, Syrien, Transjordanien und Palästina zu gründen. Wenn man die arabischen Parteien studiert, sieht man, daß die Idee des Panarabismus immer von den Großgrundbesitzern verteidigt wird. Sie nehmen den Europäern gegenüber eine negative Stellung ein und orientieren sich nach der Türkei. Später werden wir die "Ursachen dieser Erscheinung behandeln. Wir werden jetzt zu der Beschreibung des neuen Mitgliedes des Völkerbundes — des Irak — übergehen. Irak ist das ärmste, das völkisch bunteste und das am wenigsten entwickelte Land unter den Ländern, die uns Im Orient interessieren. 40 Prozent der Bevölkerung leben noch im primitivsten Nomadenzustand. Die kultivierte Fläche beträgt 1,5 Prozent, davon gehören 70 Prozent den Effendis. Außer den Arabern wohnen im Irak noch 19 Völker und Stämme, die größtenteils Nomaden und Nichtsemlten sind. In religiöser Hinsicht teilt sich die Bevölkerung in mehrere Kasten und Kirchen. So ist die christliche Religion außer von Katholiken, Orthodoxen, Maroniten, Gregorianern, Griechisch - Katholischen, Uniaten, Baptisten, Protestanten aller Tendenzen noch durch die Jakobiten, Nestorlanen usw. vertreten. Die mohammedanische Religion ist außer den zwei Hauptlehren (Schiiten und Suniten) noch durch die Jesiden, Sobejeu, Babiten, Senussy, die fanatischen Wahabiten usw. vertreten. Das ist das äußere Bild dieses neuen Mitgliedes des Völkerbundes, der von heute an für den Frieden der gangen Welt kämpfen muß. Es gibt hier kein politisches Leben. Hier herrscht ein ewiger und blutiger Kampf der Nomaden unter sich, zwischen Nomaden und Seßhaften, zwischen Stämmen und Religionen, Frieden und Ordnung sind nur auf die englischen Bajonette gestützt. Nirgends braucht England •lue so große Garnison zu halten wie im Irak* Aber trotzdem glaubt England, daß es die Aufgaben, die ihm durch das Mandat auferlegt worden sind, erfüllt habe, und führt den Irak als „unabhängigen" Staat in die Reihen des Völkerbundes ein. England hat mit der Regierung Sr. Majestät des Königs von Irak einen Vertrag unterschrieben. Laut diesem Vertrag wird Irak pro forma als unabhängiger Staat mit eigenen Ministern erklärt, faktisch aber steht Irak in noch größerer Abhängigkeit zu England als vorher, und in Wirklichkeit sind es die englischen Ratgeber der arabischen Minister, welche regieren. Dieser Vertrag ist für beide Seiten vorteilhaft: Die seßhafte Bevölkerung von Irak braucht den Schutz Englands im Lande wegen der Nomaden und außerhalb des Landes wegen der Wahabiten. England aber verstärkt dadurch seinen Einfluß und seine Macht im Orient. (Schlußartikel folgt.; Inleres§anle§ aus der palästinensischem Bevölkerungsstatistik Juden aus 50 Ländern mit 33 verschiedenen Sprachen — G0 Sprachen und Mundarten in Palästina — Kein Frauenüberschuß — Eheschließungen und -Scheidungen Wie aus den soeben veröffentlichten bevölkerungsstatistischen Tabellen, die auf Grund der im Jahre 1931 durchgeführten Volkszählung zusammengestellt wurden, hervorgeht, ist Palästina ein wahrer „Schmelztopf" für die Juden aus aller Welt. Die heute in Palästina lebenden Juden sind aus nicht weniger als fünfzig verschiedenen Ländern eingewandert. Als „aus keinem Lande stammend" werden in den Tabellen neun Juden angegeben. Diese wurden nämlich auf hoher See geboren. Unter anderem gibt es jetzt in Palästina Juden, die in China, Abessynien, im Hedschas, in Zypern, Indien, Afrika, Algerien, Marokko, Tripolis, Tunis und im Irak, auf verschiedenen griechischen Inseln, in Persien, Syrien, Aegypten, im Yemen, in der Türkei, in Buchara und in Transjordanien geboren wurden. Die von gewissen arabischen Kreisen immer wieder aufgestellte Behauptung, in Transjordanien hätten niemals Juden gelebt, hat sich somit als unrichtig erwiesen. Die europäischen Länder, aus denen Juden nach Palästina eingewandert sind, sind Oesterreich, Belgien, Bulgarien, die Tschechoslowakei, Danzig, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Gibraltar, Griechenland, Holland, Italien, Lettland, Litauen, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, Schweden, die Schweiz, Ungarn, Großbritannien, Sowjetrußland und Jugoslawien, somit fast alle europäischen Länder. Auch aus Australien sind einige Dutzend Juden, aus den Vereinigten Staaten 672, aus Kanada 58 und aus Südamerika 101 Juden nach Palästina gekommen. Die stärkste jüdische Einwanderung erfolgte aus Polen. Die Volkszählung stellt 35.776 in Palästina lebende Juden, die aus Polen gebürtig sind, fest. Das zweitstärkste Auswanderungsland ist Sowjetrußland mit 27.354 Juden, dann folgen Rumänien mit 5011, Litauen mit 3861, Lettland mit 1280, Bulgarien mit 1268, Griechenland mit 1233 und Deutschland mit 1181 Juden. Von den außereuropäischen Ländern steht der Yemen mit 5085 Juden an erster Stelle, dann folgen der Irak mit 4028, Persien mit 2238 und Marokko mit 1283 Juden. Nicht weniger als60verschiedeneSprachen und Mundarten werden gegenwärtig in Palästina gesprochen, davon 38 Sprachen von Juden. Besonders bemerkenswert ist, daß 85 Juden Altaramäisch, die Targum"-Sprache, als Muttersprache angegeben haben. Ein Jude bezeichnete einen alten finnischen Dialekt als seine Sprache. Zwei Juden haben sich zur hindustanischen Muttersprache bekannt. Die Volkszählung hat auch der vielfach verbreiteten Legende, in Palästina kämen sieben Frauen auf je einen Mann, ein Ende gemacht. Die Geburten- und Ehestatistik zeigt, daß es in Palästina ungefähr ebensoviele Frauen wie Männer unter den Juden gibt. Von der in der Volkszählung festgestellten Zahl von 175.000 Juden entfallen 88.000 auf Männer und über 86.000 auf Frauen. In Tel-Awiw kamen auf je 1000 Männer 1055, in Jerusalem 977 und in Haifa 864 Frauen. Vier Juden und neun Jüdinnen hatten im Alter von unter IS Jahren geheiratet. Die Zahl geschiedener Frauen berug 582, die geschiedener Männer 322. Die meisten Ehescheidungen wurden in Tel-Awiw vorgenommen. Auffallend ist die große Zahl von Witwen gegenüber verwitweten Männern. Es gibt unter den palästinensischen Juden etwa fünfmal mehr Witwen als Witwer. So standen in Tel-Awiw 2676 Witwen nur 501 Witwer gegenüber. Noch größer ist der zahlenmäßige Unterschied in Jerusalem, wo es laut der Volkszählung von 1931 501 Witwer und 3080 Witwen gab. Ein Kuriosum bildet die perzentuelle Bevölkerungszunahme der Juden In einzelnen Städten. Während der durchschnittliche Bevölkerungszuwachs der Juden gegenüber dem Bevölkerungsstand bei der vorletzten, Im Jahre 1922 durchgeführten Volkszählung 108 Prozent beträgt, erreicht er in Jericho 3950 Prozent. Die Zahl der dortigen Juden ist von 6 im Jahre 1922 auf 243 im Jahre 1931 gestiegen. In Bethlehem ist der Zuwachs gleich 2000 Prozent (2 Juden im Jahre 1922 gegen 42 im Jahre 1931). Andererseits hat die jüdische Bevölkerung in Hebron seit den Unruhen des Jahres 1929 und ebenso'in Nablus (Sichern) beträchtlich abgenommen. Soll Amerika Sowjet* rußland anerkennen? Der jüdische Standpunkt New York, Mitte April. Vom Tag an, da F. D. Roosevelt zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, ist in der sowjetrussischen Presse mit größter Intensität die Frage der Anerkennung Sowjetrußlands durch U. S. A. diskutiert worden — eine Lebensfrage für die sowjetrussischen Machthaber, zumal die Chancen langfristiger Kredite seitens des nationalsozialistischen Deutschland und eines verstimmten England sehr gering sind. Die sowjetrussische Regierung, so führt der bekannte jüdische Publizist Benzion Katz im „Jewish Morning Journal" aus, würde jetzt gerne dem russischen Judentum Konzessionen machen, um die Sympathien des amerikanischen Judentums zu gewinnen. Es ist interessant, festzustellen, wie sich die Mehr« heit der russischen Juden zur Anerkennung Sowjetrußlands durch Amerika verhält. Es gibt viele Juden in Sowjetrußland, denen die jüdischen Interessen fremd sind und die sich als echte sowjetrussische Bürger zählen. Es sind dies die Kommunisten und die ihnen Nahestehenden. Es gibt einen größeren Teil von Juden, die genau so wie zahlreiche Nichtjuden eine feindliche Einstellung zur Sowjetmacht haben und darum von einer Anerkennung Sowjetrußlands durch Amerika nicht erbaut wären. Aber es sind in Sowjetrußland auch Juden vorhanden, die noch allgemein-jüdische Interessen im Sinne haben und daher regen Anteil an der Frage nehmen, ob es besser oder schlimmer für die Juden wäre, wenn Sowjetrußland anerkannt werden sollte. Eine geschlossene jüdische Meinung existiert in Rußland nicht, weil das Judentum zermürbt ist. Immerhin aber lassen sich zwei Strömungen konstatieren, über die Benzion Katz nach den Ausführungen zweier russischer Juden berichtet. * Beide Personen, mit denen Benzion Katz lange und intensive Gespräche hatte, bestätigen die Tatsachen, die über Sowjetrußland erzählt werden. Verschieden sind nur die Meinungen über die Stimmung bei den Juden bezüglich der Frage: Soll das Weltjudentum einen moralischen Kampf, für die Anerkennung Sowje.trußlands oder gegen sie führen? Der sich für Sowjetrußland einsetzte, ist eine aus der Vorkriegszeit bekannte jüdische Persönlichkeit mit warmem jüdischem Herzen und tiefer Bildung. Sein Bangen und seine .Sorge gelten allein der Zukunft der russischen Juden und nur darin liegt sein positive Beziehung zu Sowjetrußland. Er ist der Meinung, das Judentum solle, wenn es vermöge, in der Welt eine Stimmung für die Anerkennung Sowjetrußlands von allen Seiten machen. Denn ein plötzlicher Zusammenbruch der Sowjetmacht wie einst des Zarismus bedeute eine große Gefahr für die rund drei Millionen Juden. Ich war, erzählt die erwähnte Persönlichkeit, in der Ukraine zur Zeit, da die Bolschewiken den Banden von Denikin und Petljura weichen mußten. Meine Meinung geht dahin, daß der Fünfjahrplan Rußland ökonomisch nicht retten wird und, daß die Gefahr einer Gegenrevolution besteht. Denn gegen 150 Millionen ankämpfen und sie vor Hunger bewahren, ist keine leichte Sache. Darum hängt das Damoklesschwert auch über den Köpfen der Juden. Der Antisemitismus, der noch in den Herzen der russischen Bauern und Kleinbürger zurückgeblieben ist, kann bei Ausbruch einer Konterrevolution für das russische Judentum verhängnisvoll werden. Man tröstet sich damit, daß in Sowjetrußland eine neue Jugend herangewachsen ist, deren Antisemitismus weniger gefährlich ist, weil er keine Tradition hat und darum im Falle eines Umsturzes die Juden an dieser Jugend eine Stütze finden können. Die Hoffnung auf eine Evolution, auf eine normale Entwicklung ist sehr gering. Wenn ein zweiter und dritter Fünfjahrplan mißlingt, dann kann die Konterrevolution ausbrechen und tausende jüdische Opfer kosten. Noch immer glaubt man dann, daß die Juden das „Oel" für die Räder der einstigen russischen Revolution seien und darum bei einem Umsturz mehr leiden müssen als die anderen. Aber je weiter dieser Tag entfernt ist, desto besser für die Juden. Das heranwachsende Geschlecht ist für die Juden günstiger als das alte. Von diesem Standpunkt aus ist es notwendig, daß Sowjetrußland allseits anerkannt werde. * Die zweite Persönlichkeit ist anderer Ansicht. Sie leugnet nicht, daß der Antisemitismus bei den Sowjetrussen vorhanden ist und daß bei einem Sturz der Sowjetmacht eine wirkliche Gefahr für die Juden besteht. Aber seiner Meinung nach gibt es in Sowjetrußland eine große Anzahl Juden, welche der Ansicht sind, daß eine radikale Aenderung unter Gefahren besser ist als die Lage, in der sich die jüdischen Massen jetzt befinden. Viele sehen dem Tod ruhig ins Auge. Das Leben ist ihnen gleichgültig geworden. Der Hungertod erscheint ihnen nicht anders als der Tod im Pogrom. Im übrigen hoffen viele, daß im Falle eines Umsturzes sich die Aktionen nicht gegen die Juden, sondern gegen die Kommunisten wenden werden. Andererseits aber versteht jeder national gesinnt« Jude, daß ^«in Pogrom, kerne Verfolgung eia§ «o greßt