Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 294 (28.4.1933)
- Date
- 1933-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIB NEUE WELT Nr. 294 hat einen Kongreß auf den Winter verlegt, well er auf eine gute Nachricht aus Konstantinopel gewartet hat In dem Bat, den Kongreß auf einige Monate zu verschieben, liegt keinerlei Unglück oder Gefahr, zumal ernste Gründe für solch einen Schritt vorliegen. Wenn der 18. Kongreß bis zum Dezember 1983 aufgeschoben werden sollte, würde der Zionismus in Palästina nur davon profitieren. Weshalb? Weil man zu d i e s e m Kongreß nicht vorbereitet ist, zu solch einem Kongreß. Weder die zionistischen Massen noch die Zionistische Exekutive noch die Parteien. Jetzt, Ende April, hat man noch nicht mit der Schekelkampagne begonnen. In zwei Monaten kann man nicht viel leisten. Gewiß kann man ein paar hunderttausend Sehekel verkaufen, aber die breiten jüdischen Massen würden gar nicht erfaßt sein. In solch einer Zeit wie der jetzigen muß die Zionistische Organisation eine Anstrengung machen und nicht weniger.als 1 Million Mitglieder bekommen. Jetzt ist der Moment, wo man die Tore der Zionistischen Organisation breit öffnen muß. Es ist eine große Aufgabe und sie muß entsprechend durchgeführt werden. Das, was man jetzt für den Schekel tut, ist tote Routine, Kälte — ohne Funken von Begeisterung und Perspektiven. Fühlen denn die Herren von der Exekutive nicht, daß es für sie eine heikle Blamage,wäre, wenn man vor der Welt mit ein paar hunderttausend Schekaüm dastünde? Der Kongreß soll bis Dezember verlegt werden. Die gewonnenen Monate müssen dazu ausgenützt werden, daß die Zionistische Organisation wieder eine nationale Bewegung werde. Es sollen hunderttausende neue Menschen ihr beitreten. Es soll wieder zu Wort kommen der Schekel z ahler, der im Laufe der Zelt in Stimmvieh für die Parteien verwandelt worden ist. Und noch eins: Will man wieder einen Kongreß haben wie den letzten oder vorletzten, wo alle wichtigen Fragen im Morgengrauen des allerletzten Tages erledigt werden, nach einer schlaflosen Nacht und in müder, elegischer Stimmung? Jetzt, in diesem Moment? Wenn nicht, dann muß der Kongreß in allen seinen Teilen gründlich vorbereitet werden. Vor dem Kongreß müssen die Parteien verhandeln; vor dem Kongreß müssen die Kommissionen des A. C. arbeiten; vor dem Kongreß'müssen die Parteiführer versuchen, alle wichtigen Probleme durchzubesprechen. Es ist Pflicht, der Zionistischen Exekutive, schon Jetzt dafür zu sorgen, daß der nächste. Kongreß anders verlaufe. Man verlege, den Kongreß auf den Monat Dezember, und benütze die gewonnenen Monate dazu, ein Programm auszuarbeiten, sich gegenseitig auszusprechen, eine Sitzung des A. O. abzuhalten, den Vernich eines Weges und Ausweges zu machen. Kurzum: Der Kongreß erfordert eine Hachschara, eine Vorher ei tun g. * ■ Ein Kongreß in Polen, ein Kongreß im Dezember — das muß jetzt gefordert werden. Beide Momente sind eng miteinander verbunden. Es muß ein Kongreß im jüdischen Zentrum sein, gut vorbereitet, gut organisiert; ein Kongreß von Einmütigkeit und nationaler Konzentration. Besser, einige Monate zu warten,, als mit eilfertiger Elle solche Möglichkelten und Chancen aus der Hand zu geben. Wer wird diese Verantwortung auf sich nehmen? Aufruf der Exekutive der Zioni§fi§dien Welt* Organisation An die Juden aller Länder! Die Ereignisse in Deutschland bedeuten einen tragischen Wendepunkt in der Geschichte unseres Volkes. Was sich heute in Deutschland abspielt, geht nicht nur unsre Brüder im Lande an, es trifft uns alle aufs tiefste. Mehr denn je fühlen wir uns mit den Juden Deutschlands in dieser Stunde ihrer Not aufs Innigste verbunden. Wir teilen ihren Schmerz. Dieses Gefühl brüderlicher Solidarität und das Bewußtsein tiefster Schicksalsverbundenheit müssen so rasch als möglich zur konkreten Tat reifen. Tausende von Flüchtlingen sammln sich in den verschiedenen Ländern Europas. Die jüdischen Gemeinden dieser Länder machen alle Anstrengungen, ihren heimatlos gewordenen Brüdern die erste Hilfe zu leisten. Aber es wird der planmäßigen gemeinsamen Anstrengung unser, aller bedürfen, um auch für die Zukunft zu sorgen. In diesem tragischen Augenblick unserer Geschichte ist Erez Israel mehr denn je in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Hoffnung der Juden aller Länder gerückt. Wie schon so oft in unserer Geschichte, sieht eine nach Hunderttausenden zählende jüdische Gemeinschaft die Grundlage ihrer Existenz erschüttert. Tausende und aber tausende müssen zum Wanderstab greifen. Deutschland Ist zu einem Hauptzentrum jüdischer Wanderungsnot geworfen. Wohl haben die Nachbarländer Deutschlands einen Teil der Flüchtlinge zi .nächst aufgenommen, aber die zu erwartende Massenauswanderung aus Deutschland steht ebenso wie die gesamte jüdische Emigration vor der Schicksalsfrage: Wohin? Während im Mittelalter die osteuropäischen Länder, im 19. Jahrhundert die Uberseeischen Länder der jüdischen Einwanderung ihre Tore offen hielten, stehen Air jetzt einer fast völlig abgeschlossenen Welt gegenüber. Palästina, mit seiner stetig wachsenden Landwirtschaft und Industrie, mit seiner dauernd sich vergrößernden Aufnahmefähigkeit für jüdische Einwanderer, bildet h eute u nsere größte Hoffnung. Die Führung der zionistischen Bewegung hält es in diesem Augenblick für ihre Pflicht, der gesamten gesitteten Welt im Lichte der letzten Ereignisse erneut die zentrale Bedeutung Palästinas für die grundsätzliche und radikale Lösung der Judenfrage vor Augen zu führen. Sie bemüht sich mit aller Kraft, von der Mandatsregierung jetzt schon das Maximum an Einwanderungserleichterungen zu erlangen und hegt die feste Hoffnung, daß es ihr möglich sein wird, schon im Laufe der nächsten Wochen einigen tausend jüdischen Männern und Frauen aus Deutschland neben dem stetigen Einwanderungsstrom aus Osteuropa das Betreten des palästinensischen Bodens zu ermöglichen. Wir halten es für unsere Pflicht, die g r o ß e n wirtschaftlichen und kulturellen schöpferischen Kräfte, die in der deutschen Jadenheit vorhanden sind, soweit als nur irgend möglich dem Aufbau der nationalen Heimstätte in Palästina in brüderlicher Gemeinschaft mit den jüdischen Pionieren aus anderen Ländern dienstbar zu mav licti. Die unmittelbare Hilfsaktion wird bedeutende Geldbeträge erfordern und Zionisten wie Nichtzionisten müssen mit aller Kraft an der Aufbringung dieser Mittel mitarbeiten. Aber die gegenwärtige tragische Situation verlangt weitsichtige und konstruktive Pläne und im Mittelpunkte aller konstruktiven Arbeit muß Palästina stehen. Wir planen, in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und führenden Kreisen der Judenheit, die Gründung eines großen Palästina- Fonds, mit dessen Hilfe die Einwanderung und Seßhaftmachung Tausender von deutschen Juden in Palästina möglich werden soll. Wir rufen alle Juden, denen das tragische Schicksal der Juden Deutschlands und der Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina am Herzen liegen, auf, sich für diese große Arbeit bereit zu halten. London, April 1983; Nissan 5693. Albert Einsteins Absage an die Hebräische Universität in Jerusalem Aus Antwerpen wird berichtet: Professor Albert Einstein erklärte In einem Gespräch mit dem belgischen J. T. A.-Vertreter, er sei von Dr. Oh. Weizmann und dem Kanzler der Hebräischen Universität Jerusalem, Dr. J. L. M a g n e s, telegraphisch aufgefordert worden, eine Professur an der Hebräischen Universität anzunehmen. Er habe diese Berufung in entschiedenster Weise mit der Begründung abgelehnt, daß die derzeit an der Universität herrschenden Verhältnisse noch auf Jahre hinaus fruchtbringende Arbeit nicht ermöglichen. Solange nicht eine durchgreifende Verbesserung der Verwaltung erfolge, werde er von seinem Entschluß nicht abgehen. Einstein fügte hinzu, er bedaure diesen Zustand ganz besonders in diesem Augenblick, da die Hebräische Universität bedentsame Aufgaben zu erfüllen hätte. Wiederholt hat die „Neue Weif' die Mißstände im palästinensischen Unterrichtswesen und besonders gewisse unhaltbare Zustände an den höheren; Schulen besprochen. Hochmütige Beschränktheit engstirniges Bürokratentum und Protektionswirtschaft machen sich in ganz erschreckendem Ausmaße bemerkbar. Die maßgebenden Stellen . sind mit lahmen Ausreden, über diese „Nörgeleien" hinweggegangen. Als böswillige „Nörgelei" wurde es hingestellt, wenn in der „Neuen Welt" darauf hingewiesen wurde, daß an der Universität Pfründen für Männer mit ganz kleiner wissenschaftlicher Befähigung und ganz großen Gehältern bestehen. „Böswillige Nörgelei" war es, wenn geschrieben wurde, daß es zweckloser und unerlaubter Luxus , Is^, Millionen In eine Universität zu stecken, welche weder ausgebildete Mediziner, Juristen, noch Chemiker usw. hervorbringt, sondern nur wenig gelesene Jahresberichte und „Abhandlungen". Als auf dem letzten Zioiüstenkongreß/ ein Redner der revisionistischen Opposition die Frage der organisatorischen, fachlichen und polltischen Mißstände an der Jerusalemer Universität auf die Tagesordnung brachte, gab es einen Sturm, auf Seite der „Offiziellen". Es wurde als empörende Ueberheblichkelt angesehen, daß ein Redner es wagt, an der heiligen Universität, an der „stolzesten Schöpfung jüdischen Geistes zersetzende Kritik" zu üben. Seine Bede wurde als Verrat am jüdischen Aufbauwerk bezeichnet. Es wurde dem Redner, einem Vertreter der Studentenschaft, das Recht abgesprochen, in Fragen wissenschaftlicher Natur ein Urteil abzugeben. Seine Forderung, die Universität zu einer,Hochschule für Studenten aus der ganzen Welt, Insbesondere für die am Studium in ihren Wohnländern .behinderten, zu machen, wurde als sinnlos und demagogisch erklärt. Nun hat Albert Einstein gesprochen, schärfer als der „überhebliche" Studentenführer auf dem Kongreß und schärfer als die „Neue Welt". Man kann Einstein anzweifeln, wenn er sich auf das politische oder soziale Gebiet begibt. Aber wenn Einstein in Fragen der Wissenschaft das Wort ergreift, kann man wohl nicht abwinken. Einstein hat jahrelang im Kuratorium der Jerusalemer Universität gewirkt, hat an ihrer Organisierung tätigen Anteil genommen und hat sich dann unter Protest zurückgezogen. Er spricht aus, daß die Zustände an der Universität gedeihliche wissenschaftliche Arbeit unmöglich machen; und die Universität ihrer Aufgabe, jüdischen Studenten, und jüdischen ^issenschaftiern E verlorene Möglichkeiten zu bieten, nicht gerecht wird." Ist auch Einstein ein nörgelnder Ignorant? Will man auch an seiner Anklage vorbeigehen? Fast sieht es so aus. Während sonst Einsteins Aeußerungen — auch seine Aeußerungen über Dinge, die er wenig versteht — in den Blättern des offiziellen Zionismus breit, oft allzu breit aufgemacht werden, geht man jetzt anders von. Diese Aeußerung Einsteins ist in den offiziellen zionistischen Zeitungen gar nicht oder hinten und klein gedruckt zu finden. Dafür bringt die Jüdische Telegraphenagentur eine ergänzende Meldung, welche ein Abrücken von Einstein andeutet. Man hat, so heißt es in der Meldung, eigentlich Herrn Einstein gar kein festes Anbot gemacht, sondern Dr. Weizmann würde mit ihm über „gewisse Möglichkeiten wissenschaftlicher Mitarbeit erst sprechen". Mit solchen Manövern, besonders wenn sie sich gegen Einstein richten, kann aber die Frage der Mißstände an der Universität in Jerusalem nicht aus der Welt geschafft werden. Die zionistische Exekutive und die anderen verantwortlichen Faktoren werden Rede stehen müssen. Der Feind im Rndcen ■ * Die Palästfna*Regierung unterbindet die Einwanderung nach Palastina — Was tut die Zionistische Exekutiv«? In allen Ländern finden Protestkundgebungen gegen Hitler-Deutschland statt, gegen den Feind, der das Judentum offen angefallen hat. Bald wird das Weltjudentum gegen einen anderen Feind Stellung nehmen müssen, gegen einen," der nicht von vorne angreift, sondern den Juden von hinten überfällt, ihn heimtückisch festhält, wenn er die heiß ersehnte' Zufluchtsstätte, wenn er Palästina betreten will. Die britische Palästina-Re g i e r u n g trifft andauernd Maßregeln, um die Einwanderung nach Palastina zu erschweren und auf ein Minimum zu reduzieren. Die Presse Palästinas spricht bereits von „Ellia-Island- Methoden", das heißt von der grausamen Methode, die von den Amerikanern angewendet wurde, um Verbrecher, Kranke und andere unerwünschte Elemente am Betreten Amerikas zu verhindern. Drakonisches Vorgehen der Einwanderungsbehörden Eine Greisin ins Gefängnis geworfen! Jerusalem, 18. April, Unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas hat die Verweigerung der Landungserlaubnis für eine mit dem rumänischen Dampfer „Ardealul" eingetroffene IgSköpflge Gesell« sohaft jttdlsoher Touristen Empörung ausgelöst Das Verbot wurde von den Einwanderungsbeamten damit begründet, daß die Touristen, die bloß die Fessaohfeiertago In Palästina verbringen wollten, „verdächtig4' seien» Uwe dauernde Niederlassung <l zu versuchen. Der Dampfer sollte über Tripoli nach Kon- ' stanza zurückfahren. Ein bei der Zwischenlandung In Haifa von Verwandten der Palästina-Reisenden gestelltes Ersuchen, diesen geg-ftn Erlag einer Kaution den Auf enthalt im Laade ittr die Dauer der Feiertage zu gestatten, wurde von der Regierung zurückgewiesen. Eine Intervention des palästinensischen Oberrabbiners Kook und der Jewish Ägencj beim High Commissioner blieb ergebnislos, da die Einwanderungsbeamten erklärten, die Touristen seien nicht im Besitze der vorgeschriebenen Summe Bargeldes. Im Hinblick auf dieses Verhalten der Einwanderungsbehörden fordert die hebräische Presse den sofortigen RUcktritt de» Leiters des Einwanderungsamtes Haymson. Mazzoth-Pakete, die von der jüdischen Bevölkerung Haifas auf den Dampfer geschickt worden waren, wurden von den Touristen, welche den Hungerstreik erklärt hatten, zurückgewiesen. Erst am folgenden Tage wurde ihnen gegen Kaution von 100 Pfund pro Kopf ein viertägiger Aufenthalt In Haifa gestattet. Jerusalem, 255. April. Die Empörung der jüdischen Bevölkerung Palästinas Uber die in letzter Zelt von der Einwanderungsbehörde geübte drakonische Strenge bei Handhabung der Einwanderungsbestimmungen und Durchführung der Fremdenkontrolle findet in der gesamten hebräischen Presse beredten Ausdruck* Es wird offen von der Einführung von »JBilit*