Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 294 (28.4.1933)
- Date
- 1933-04-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Boa Nr. 294 DIE NEUE WELT Seite 3 bisher im polltischen Baum des österreichischen Parteiwesens durch verschiedene Momente verrammelt worden war. Und gerade diese Klärung ist es» die gewissen Elementen, den „jüdischen Marxisten", den sozialistischen Zionisten der Poale Zion, unwillkommen, ungelegen ist. „Der neue Weg", das Organ der österreichischen und tschechoslowakischen Poale Zion, läßt sich .von seinem Wiener Korrespondenten über die Lage der österreichischen Judenhelt berichten. Dieser Berichterstatter bezieht sich zunächst auf die in der Wiener zionistischen Fresse erschienenen, die Wiener jüdische Situation umreißenden Ausführungen, um dann in der bis zum Ueberdruß bekannten banalen Art den österreichischen Juden einen Rat zu erteilen; den Bat nämlich, sich um die österreichische Regierung nicht zu kümmern, sondern nach wie vor die Fahne des Sozialismus hochzuhalten, der allein imstande sei, die Aufrechterhaltung der Demokratie zu gewährleisten oder — anders gesagt — der sozialdemokratischen Partei Oesterreichs, diesem Bollwerk usw., die weitere Gefolgschaft nicht zu versagen. Die jüdischen Sozialisten Oesterreichs blasen selbstverständlich ins selbe Horn wie die Führer der österreichischen sozialdemokratischen Partei, von denen ein prominenter auf dem letzten Wiener Parteirat erklärte, daß Herr Dollfuß, Oesterreichs Bundeskanzler, Verbindung mit der — israelitischen Kultusgemeinde suche. Eine Fühlungnahme der legitimen jüdischen Vertretung mit der Regierung als Anbiederung und Förderung des Faschismus bezeichnen und die Ansicht, die jüdische Bevölkerung könne „ihre Interessen nur im Einvernehmen mit der organisierten Arbeiterschaft wahren", das ist wohl der Gipfelpunkt politischer Wcltfremdheit und instinktloser Starrköpfigkeit. Es ist jetzt nicht der Augenblick, zu zeigen, ai\ welchem Punkt der Resignation sich die organisierte Arbeiterschaft Oesterreichs befindet; es ist hier auch nicht der Ort, die zahlreichen proletarischen Stimmen zu verzeichnen, die von einem Verrat der jüdischennaarxistischen Führer der österreichischen Arbeiterschaft reden. Aber zwei Dinge sollen hier nicht unerwähnt bleiben. Zunächst das eine, daß die Tätigkeit der „Jüdischen Volkspartei" nicht erst in dem Augenblick eingesetzt hat, wo selbst dem Laien auffallen müßte, wieweit die Sozialdemokratie ins Hintertreffen geraten war. Schon in einem Zeltpunkt, da die rote Nelke die letzte Mode war, haben die national jüdischen Persönlichkeiten Wiens eine Haltung eingenommen, die den Tendenzen der Volksparteien entspricht. Diese ist also kein Produkt von Opportunität, sondern inneren historischen Zwanges. Und noch eines sei gesagt: Die Berufung auf Freiheit und Demokratie seitens der „jüdischen Marxisten" der Poale Zion wird bei keinem zionistisch fühlenden Juden verfangen. Der Zionismus ist — das werden die Marxisten strengster Observanz nicht bestreiten — eine Freiheitsbewegung, die in nichts den anderen demokratischen Bewegungen nachsteht. Uns genügt diese nationaljüdische Freiheitsbewegung, die all die Elemente der Demokratie in sich trägt, welche die „jüdischen Marxisten" als ihr Monopol betrachten. Die verantwortlichen Führer der österreichischen Judenschaft lassen sich durch Phrasen von „Schicksalsverbuudenheit" und ähnliche Extempores nicht einschüchtern. Die Klärung ist auf dem Weg. Ein historischer Prozeß läßt sich durch „Warnungen" nicht aufhalten. Keine Auslandspässe für weggejagte Hochschulprofessoren Die Berliner Tageszeitung „Tägliche Rundschau" hat im Zusammenhang mit einer Besprechung des „Falls Einstein" die Forderung aufgestellt, daß den beurlaubten Hochschulprofessoren sofort die Auslandspässe entzogen werden. „Niemand kann sonst dafür garantieren", schreibt das Blatt, „daß nicht der . eine oder andere dieser Herren in kürzester Zeit in Paris, in Ox,ford oder an der School of Economics in London sitzt und dort von einer Lehrkanzel aus antideutsche Politik betreibt. JNachdem die Entlassungen vorgenommen sind, muß auch die außenpolitische Konsequenz gezogen werden. Es ist dabei zu bedenken, daß einige der beurlaubten Professoren, wie Kelsen, Lederer und Bonn, über ganz ausgezeichnete Auslandsverbindungen verfügen." Das amerikanische olympische Komitee gegen Olympische Spiele in Deutschland Aus New York wird berichtet: Der Präsident des amerikanischen olympischen Komitees Avery Brundage sprach sich gegen die Abhaltung der für 1936 geplanten Olympischen Spiele in Deutschland aus, falls nicht bis dahin die Zurücksetzung der Juden in diesem Lande aufhören sollte. Brundage erklärte, die Spiele wlirden in keinem Lande abgehalten werden, das gegen die olympische Grundtheorie der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Rassen vers t o ß e. In amerikanischen Sportkreisen ist man der Ansicht, daß zwar Brundage nicht ermächtigt sei, im Namen anderer Länder zu sprechen, daß aber die von ihm angedrohte NichtbeteiUgung der Vereinigten Staaten von Amerika genügen könnte, eine Verlegung der Olympischen Spiele herbeizuführen, Es wird darauf hinge" wiesen, daß viele Hauptstädte die Gelegenheit einer Differenz gern ergreifen würden, um ihren Anspruch, als Ort der Olympischen Spiele gewählt zu werden, geltend zu machen. Auch hält man es für wahrscheinlich, daß olympische Komitees anderer Länder sich der Weigerung des amerikanischen Komitees, an Wettspielen in Berlin teilzunehmen, solange die Zurücksetzung der Juden nicht beseitigt sei, anschließen werden. Hitler macht in Rumänien §dhule Aus Radautz wird uns berichtet: Die frevelhafte Hetze, die vom Organ der Deutschen in der Bukowina gegen die Juden seit einer Reihe von Wochen betrieben wird, zeitigt bereits Folgen. So erfährt man, daß deutsche Bewohner der Gemeinde Baintze am Sereth beim cuzistischen Deputierten R o b u vorstellig wurden, um unter seiner Führung eine Intervention wegen Aufteilung des Gutes Ruda, das den Erben von Leibuka Barber gehört, zu erwirken. Der Pächter des Gutes hat bei der Präfektur in Radautz um behördlichen Schutz gegen eventuelle Ruhestörungen, die sich im Zusammenhang mit dem abenteuerlichen Plan ergeben könnten, ersucht. * Bukarest, 25. April. In Radautz in der Bukawina fand Sonntag ein Kongreß der. antisemitischen „Eisernen Garde" statt, an dem auch die nationalsozialistischen deutschen Gruppen des Landes teilnahmen. Nach einer Meldung des „Adeverul" wurde ein gemeinsames Vorgehen beschlossen, das sich vor allem in einem zehntägigen, Donnerstag beginnenden strengen'Boykott gegen alle jüdischen Geschäfte in der Bukowina kundgeben soll. * Die „Ostjüdische Zeitung" meldet aus Czernowitz: Dienstag, am 18. d. M., ereigneten sich in Czernowitz wüste Ausschreitungen, bei denen die mit den C u z i s t e n verbündeten hiesigen Hitleristen ihre Hand im Spiele hatten. Schon am Vormittag wurden jüdische Studenten auf offener Straße verprügelt, ohne daß die anwesenden Polizisten eine Hand rührten. Am Abend ereignete sich ein regelrechter Pogrom, unter dem auch Nichtjuden zu leiden hatten. Denn der von den Drahtziehern entfesselte Mob konnte in der Dunkelheit nicht recht Unterscheidungen machen und schließlich ging es ihm ja nicht — wie die „Czernowitzer Deutsche Tagespost" glauben machen will — um politische Probleme oder gar um die Frage deS Boykotts reichsdeutscher Waren, sondern um Plünderung und Zerstörung. Auch christliche Fensterscheiben wurden zertrümmert und auch christliche Männer und Frauen wurden geschlagen. Einer bekam sogar eine Schußwunde ins Bein. Denn der Mob war nicht nur mit Messern, sondern auch mit Revolvern bewaffnete In den Abendstunden war die Aufregung in der Stadt ungeheuer. Wilde Gerlichte gingen um, Gerüchte, die, wie sich zeigte, der Wahrheit nicht entbehrten. , Der neue Polizeiquästor Amarescu und der königliche Kommissär Major Gallin griffen schließlich ein und ein starkes Militäraufgebot säuberte die Straßen. Auch 14 Verhaftungen wurden vorgenommen. Unter diesen befinden sich polizeilich wohlbekannte Verbrecher. ZIEHUNG u.ia MA Wo und wann soll der 18* Zionisien- Kongreß stattfinden? Von Meir Oroßmann (London) So oft die Zeit der Einberufung des Zionistenkongresses kommt, wird die bittere Frage gestellt: Wo? Und jeder stellt die natürliche Frage: Warum nicht in Palästina, in Tel-Awiw? Die nüchterne Wirklichkeit und sachliche Gründe aber machen diesem Traum ein Ende. Die politische Lage in Palästina, sogar die Sprache (man muß doch in Palästina ausschließlich hebräisch sprechen) machen schließlich die Durchführung solch eines Planes, der bei allen Begeisterung fände, unmöglich. Gewöhnlich endet die Suche nach einem passenden Ort damit, daß man nach Basel fährt, obwohl dort die äußeren Bedingungen nicht günstig sind. Uebrigens liegt die Schweiz weit entfernt von den großen jüdischen Raslere dich besser! nimm die einzige schwedische Weltmarke Zentren. Diesmal, wenn man Basel oder Zürich wählen sollte, kommt ein neues Moment hinzu: die antisemitische Presse in der deutschen Schweiz und das nachbarliche Hakenkreuz. Es bleibt wieder Karlsbad mit all seinen Vorteilen und Nachtellen. Ich weiß nicht, ob in der jetzigen Zeit die Vorteile größer sind als die Nachteile. Z. B.: Die Nähe Deutschlands, die deutsche Bevölkerung, die Unzulänglichkeit des Schützen-Hauses. Und wiederum, mit Ausnahme der jüdischen Kurgäste einer bestimmten Sorte, fehlt das jüdische Milieu. Würde es sich um einen gewöhnlichen Kongreß handeln, könnte man eventuell all diese Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen. Aber alle haben doch den Wunsch — auch der historische Augenb 1 ick gebietet es —, daß der 18. Kongreß den Schablonentyp unserer Kongresse zuschanden mache. Er soll eine neue Epoche im Zionismus einleiten, er soll Antwort geben auf die großen jüdischen Probleme des Tages und in erster Linie auf die Katastrophe in Deutschland. Solch ein Kongreß bedarf nicht nur guter und planvoller Vorbereitung, sondern auch einer jüdischen Atmosphäre, eines direkten Kontakts mit den Massen. Der nächste Kongreß muÖ vor allem von tiefem nationalem Bangen um die Zukunft des jüdischen Volkes durchdrungen sein; er muß Brücken zwischen verschiedenen Richtungen im Zionismus bauen; er muß heraustreten mit einem großen Kolonisationsprogramm und seinen Glauben an einen jüdischen Staat als die einzige Lösung der Judenfrage proklamieren. Das richtige Milieu und der Kontakt mit jüdischen Massen — mit ihren Sorgen und Träumen — kann vielleicht die nötigen Vorbedingungen für solch I einen Schritt schaffen. Deswegen bin ich der Ansicht,! daß das Land des nächsten Kongresses nur j Polen sein kann, das größte Reservoir jüdischer Massen, gte polnische Judenhelt ist tausendfach mit Palästina verknüpft. Für den polnischen Juden ist Palästina kein Abstraktum und keine Theorie: es ist eine Lebensfrage,^ ein Bedürfnis, ein tagtägliches Sorgenkind. Der 18. Zionistenkongreß soll in Warschau oder in Krakau abgehalten werden. Bloß dort wird sein Herz harmonisch mit den Herzen von Millionen Juden zusammenschlagen. Es wird nicht nur ein zionistischer Kongreß sein, sondern auch ein jüdischer, im besten Sinne des Wortes. * Gewiß sind auch Bedenken vorhanden. Es ist weit von Amerika und Westeuropa. Für die deutschen und litauischen Juden wird es vielleicht schwer sein, nach Polen zu kommen. Es kann als außenpolitische, feindliche Demonstration gegen Deutschland u. dgl. gedeutet werden. Das letzte Argument ist unbegründet. Es ist nur natürlich, daß ein Zionistenkongreß dort stattfindet, wo sich große jüdische Massen befinden. Es gab Kongresse in Deutschland, Oesterreich, Holland, Schweiz, England, Tschechoslowakei — warum soll nicht ein Kongreß auch nach Polen einberufen werden? Für die litauischen Delegierten wird es nicht schwer sein, die Erlaubnis an der Beteiligung eines Kongresses in Polen zu bekommen. Bleibt also die Frage der Entfernung von Warschau oder Krakau für unsere westeuropäischen und amerikanischen Delegierten. Schließlich ist doch Basel hübsch weit für die polnischen Delegierten und doch sind sie stets gefahren. Für die große Majorität ist Warschau oder Krakau bequem, nahe und billig, während Basel und vielleicht auch Karlsbad unbequem, weit und teuer sind. Mögen die amerikanischen, afrikanischen und englischen Delegierten diesmal ein Opfer bringen. Für die palästinensischen Delegierten ist Polen näher und bequemer. Die technischen Schwierigkeiten können beseitigt werden. * Soweit man die Sache heute übersieht, können wir mit einem ausgesprochenen Wohlwollen seitens der polnischen Regierung rechnen. Auch die Ordnung wird nicht gestört werden. Wenn eine Regierung will, herrscht Ruhe im Land. Die Juden Polens müssen den Kongreß nach Warschau oder Krakau einladen. Sie werden damit nicht nur eine Pflicht von Gastfreundschaft erfüllen, sondern auch eine große historische Aufgabe: Den Zionismus jenen Massen näherzubringen, die an erster Stelle unter denen stehen, welche Palästina aufbauen. Es kommt also nur auf den guten Willen an. # Nicht weniger wichtig ist die Frage: Wann soll der 18. Kongreß stattfinden? Bisher war mau der Ansicht, daß der Kongreß wie gewöhnlich im August und September des heurigen Jahres tagen solle. So ist es in den Statuten vorgesehen: einmal in zwei Jahren. Bei normalen Verhältnissen wäre es natürlich, diese Frage gar nicht aufzuwerfen und die Zweckmäßigkeit seiner Abhaltung im heurigen Sommer anzuzweifeln. Außergewöhnliche Umstände aber zwingen, vieles zu revidieren« Wir haben bereits solch eia&n Präzedenzfall; Auch. Herst