Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 293 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NJüHßJ Wuii/T Nr. iu3 Wir Jaden aber, wir kämpfen, wir organisieren den Boykott. Selbst damals, als wir Gegner der marxistischen Ideen waren, hatten viele von uns eine große Schwache für den Soziallsmus, der für die Renaissancebewegung des Jüdischen Volkes zuweilen Verständnis zeigte. Die heutige Entartung der sozialistischen Bewegung muß aber auch Ihre überzeugtestenFrenndeunterunsvon dieser Krankheit heilen. Wo sind hcuk unsere Verbündeten im Kampfe gegen Hitler? Ich aber bin stolz, daß ich Jude bin, stolz, daß ich nicht zum Marxismus gehöre, der angesichts der Gefahr kraftlos dasteht. Das schwache jüdische Volk jedoch ist würdevoll, ist kraftvoll in seiner spontanen Reaktionsbewegung, in seiner Organisierung des Boykotts des Hltlerschen Deutschland. Unsere Ideale werden uns ans Ziel führen. Wir werden siegen, denn wir wollen kämpfen. Dies sei den judischen Sozialisten gesagt. Keine jüdischen Schöffen, Geschwornen and Handelsrichter Aus Berlin: Die Reichsregierung hat ein Gesetz über Neuwahl der Schöffen, Geschworenen und Handelsrichter beschlossen und verkündet, demzufolge am 1. Juli 1933. eine neue Wahlperiode für Schöffen und Geschworene beginnt. Vom gleichen Tage an werden neuernannte Handelsrichter ihr Amt antreten. Die L?uidesjustizverwaltungen werden ermächtigt, über die Bestellung und Zuziehung der Schöffen und Geschworenen, die bis zum Beginn der neuen Wahlperiöde tätig sein sollen, Bestimmungen zu treffen und hiebe! von den Vorschriften des Gerichtsverfassungsgesetzes abzuweichen. Eine analoge Ermächtigung wurde hinsichtlich der Abberufung und Neubestellung der Handelsrichter erteilt. Wie der „Völkische Beobachte^r'' feststellt^ wird die Teilnahme jüdischej,Schöffen und öeschworenen-nach; diesem Gesetz künftig nicht mehr in,,:F,rtage^ kommen.. . '"Arierparagraph im Reichs verband der deutschen -Presse Aus "Berlin: Der Landesverband Berlin des Äeic hsver band es der deutschen Presse hat einstimmig den-Arierparagraphen angenommen und wird aücirsiuf der Delegierten Versammlung des Reichsverbandstages die Einführung des Arierparagraphen für das ganze Reich fördern. Einfuhr von Koscherfleisch in Baden verboten Aus Karlsruhe: Der Reichskommissär für Badenhat eine Verordnung erlassen, wonach die Einfuhr des Fleisches von Tieren, die beim Schlachten vor Beginn der Blutentziehung nicht betäubt; worden sind, na^c h Baden verboten ist Zuwiderhandelnde werden mit Gefängnis von mindestens einem Monat oder mit Geldstrafe von 150 bis 15.000 Reichsmark bestraft. Die Verordnung tritt sofort in Kraft. Numerus clausus für jüdische Viehhändler und ' ' . Metzger in Köln Aus Köln: Der Wirtschaftsdezernent der Stadt Köln, Beigeordneter Dr. Schmidt, haV Johann Olber» xnann als Kommissar beim Schlacht- und Viehhof eingesetzt mit der Aufgabe, den Numerus, clausus für die jüdischen Viehhändler und Metzger beim Schlacht- und, Viehhof durchzuführen, , , Das Wirtsqhaftsdezernat meldet: Am Sonnabend Vormittag wurde in der Markthalle beim Oeffnen der Kühlanlage festgestellt, daß in der Zelle des Metzgers 18si Salomon das Fleisch mit Petroleum begossen war. Die Umgebung der Zelle wurde von dem ausfließenden Petroleum gereinigt. Von der Hallen« lnspektion wurden die Gesundheitspolizei, der Tierarzt Dr. Behnke sowie die Kriminalpolizei benachrichtigt, die sofort zur Stelle waren. Die Untersuchung ergab, daß das Petroleum nicht von außerhalb der Zelle, sondern Von innen gegossen worden ist. Als Täter kam deshalb nur der Besitzer der ZeUe, Issi Salomon oder einer seiner Angestellten in Frage. Issi Slaomon wurde darauf festgenommen und der Kriminalpolizei zugeführt. * Feine Gesellschaft! Jetzt wird der Jude noch eingesperrt! Vom geraden Wege abgeirrt Zu den Vorgangen im Zsonistnus'Revisiomsmus Von Robert Stricker Der Zionismus-Revisionismus, die Bewegung zurück zum Judenstaats-Zlonlsmus Theodor Herzls, erlebt im jetzigen Zeitpunkt einen vollen geistigen Triumph. Die vom Revisionismus bekämpfte, vor kurzem im Zionismus noch mächtige Tendenz gegen die Judenstaatsidee, gegen die Massenkolonisation in Palästina, ist brüchig geworden. Die Gefolgschaft des „Klei n- ZionIsmus", welcher Palästina zum „geistigen" Zentrum und zum Versuchsfeld für soziale Experimente herabdrücken will, ist fast geschwunden. Alles denkt und redet revisionistisch, will die Masseneinwanderung und den Judenstaat, die jüdische Majorität zu beiden Seiten des Jordans. Die vom Revisionismus bekämpfte „Erweiterung der zionistischen Leitung (Jewish Agency) durch reiche Assimilationsjuden, diese Entnationalisierung der nationalen Herzischen Freiheitsbewegung ist zum Gespött geworden, auch jener, welche diese „Erweiterung" seinerzeit leidenschaftlich betrieben hatten. Die vom Revisionismus als unnatürlich und unheilvoll bekämpfte Verbindung des Zionismus mit der Idee vom Klassenkampf, die Vorherrschaft der klassenkämpferischen Parteien im Zionismus steht vor dem Zusammenbruch. Die Mißerfolge dieses Systems in Palästina und der Weltbankrott der Marx- Ideologie bahnen auch auf diesem Gebiete der revisionistische Auffassung den Weg zu allgemeiner Geltung im Zionismus. Und nun, gerade im Zeitpunkte des Sieges der revisionistischen Bewegung, ist ihre Trägerin, die Welt union der Zionisten-Revisionisten in eine Krise geraten. Der Führer der Weltunion, J a b otinsky, hat die Organisation, welche bereits die geistige Führung inne hatte und unmittelbar vor der Erlangung der faktischen Führung im Zionismus stand, durch einen gewaltsamen Eingriff zerrüttet. Damit ist nicht nur eine aufstrebende Partei gefährdet. Hier ist mehr geschehen. In Zeiten der höchsten Gefahr für das Weltjudentum und schwerer Entscheidungen in; Palästina ist der Vollzionismus, der Judenstaatszionismus geschädigt worden. Es besteht die Gefahr) daß sich im Zionismus bereits abgewirtschaftete Ideen und Partelen halten werden, weil im kritischen Zeitpunkt ihr stärkster Gegner, der Zionismus-Revisionismus, in seiner Schlagkraft beeinträchtigt würde. - •'V. '*-' '• •' jabotinsky ist gerade .^«fetzt.' darangegangen, die revisionistische Weitunion zu spalten, weil es ihm nicht gelungen ist, seine Idee vom Austritte aus der Zionistischen W e 11 o r g ä n 1 s a t i o n und Bildung einer „Unabhängigen Zionistischen Organisation" auf normalem Wege zu verwirklichen. Unermüdlich und unter dem*iganze?h_ Auf wand seiner großen rednerischen. Begabung verfocht Jabotinsky die Behauptung, daß die von Herzl geschaffene Weltorganisation „überiebt", „verf au111 und abgestorben", „unrettbar verloren" sei, daß' eiiL „neues Instrument" geschaffen werden müsse. Aber seihe Bemühungen erwiesen sich bald als vergeblioh. Es zeigte sich, daß der Glaube an die angeblich „absterbende" Herzische-Weltorganisation in seinen Reihen, in den revisionistischen Reihen unerschütterlich ist. Mit Ausnahme einiger kleinerer Gruppen in Palästina, Paris u. a. lehnten die Zionisten- Revislonisten seine Forderung ab und erklärten unzweideutig, der Weltorganisation treu bleiben und den Kampf um ihre Eroberung fortsetzen zu wollen." Als : Jabotinsky erkennen mußte, daß seine Argumente versagen,' versuchte' er die Lösung g e w a 11 s a m herbeizuführen, urtd zwar auf dem XVII. Z i o n i s t e nk o u g r e ß 1931 in Basel. Nach Ablehnung eines von revisionistischer Seite gestellten Antrages durch den Kongreß schwang sich Jabotinsky auf den Tisch, zerriß seine Delegiertenkarte, warf die Fetzen in den Saal und verließ ostentativ den Kongreß. Diese alle Teile überraschende Handlung war dazu geeignet, den Kongreß und die eigene Fraktion vor die vollzogene Tatsache der Trennung der revisionistischen Organisation von der Herzischen WeItorganfs a 11 o n und dem Zlonlstenkongreß zu stellen. Oft hat In der Geschichte der Handstreich eines Führers Umwälzungen bewirkt. •' Aber d 1 e s e r Handstreich des Führers versagte. Die revisionistische Delegation verweigerte dem Führer die Gefolgschaft, weigerte sieh, den Kongreß zu verlassen, und nahm weiter an den Beratungen, Abstimmungen und Wahlen des Kongresses teil, ohne den Führer Jabotinsky. Unmittelbar nach dem Kongreß versachte Jabotinsky, die vom Kongreß in verschiedene Körperschaften, vor allem in das Aktionskomitee' entsendeten Revisionisten zur Niederlegung ihrer Mandate, beziehungsweise Nichtausübung derselben zu bewegen. Der Parteirat und die In Frage kommenden Funktionare lehnten dieses Ansinnen ab. Jabotinsky ging auf Urlaub. * Dieser Urlaub war von kurzer Dauer. Jabotinsky brach ihn ab und begann auf■ neue an der Verwirklichung seines Planes der Loßrelßung der revisionistischen Union von der Zionistischen Weltorganisation zu arbeiten. Was ihm auf geradem Wejje unerreichbar geworden war, suchte er nun auf einem Umweg zu erlangen. N»cb der Episode von Calais, wo ein vorlaufiger Waffenstillstand zwischen Austrittlern und Nichtaustrittlern geschlossen wurde, ging Jabotinsky daran, einen Zustand zu schaffen, der wohl formell keinen Austritt der Revisionisten aus der Herzischen Weltorganisation beinhalten, aber tatsächlich das Verbleiben der Revisionisten ü* ihr auf die Dauer unmöglich machen sollt?. Er warf auf der Wipner Weltkonferenz 1032 die Frage dff» Primates der revisionistischen DisrlpÜn vor (1er Disziplin der Weltorganisation auf. Er wollte den Grundsatz akzeptiert und deklariert haben, daß jeder Beschluß der Weltorganisation und des Zionistenkongresses für Revisionisten seine Gültigkeit verliert, wenn die Union es ausspricht. Daß ein solcher Besohkiß das Verbleibau der Revisionisten in der Weltorganisation bald unmöglich gemacht hätte, ist wohl klar. Die große Majorität der Weltkonferenz und die geparate Exekutive lehnte Jabotlnskys Forderung ab. Jabotinsky mußte seinen Antrag zurückziehen und der Bildung der derzeitigen Exekutive zustimmen, die — mit Ausnahme seiner Person — in ihrer Gesamtheit aus Gegnern de*A u st r i 11 e s und der Jabotinskyschen Primatsforderung besteht. * Einige Monate nach der für ihn resultatlos verlaufenen Wiener Weltkonferenz unternahm Jabotinsky den letzten Versuch, die widerstrebende Uuion gefügig zu machen. Auf der Sitzung der Parteirates in Hatto Witz stellte er einen Antrag, der auf eine Provokation des Zionlstenkongresses hinauslief. Nach diesem Antrag sollte die revisionistische Fraktion auf dem bevorstehenden Zionistenkongresse von diesem fordern, er möge selbst erklären, daß die Zionisteii- Revisionisten nicht verpflichtet seien, seinen Beschlüssen und den Anweisungen der von ihm eingesetzten Behörden Folge zu leisten, wenn die Leitung der revisionistischen Union abweichende Beschlüsse f:».ßt. Im Falle der Ablehnung verpflichten sich die Revisionisten schon jetzt, den Zionistenköngreß zu verlassen, aus der Zionistischen Weltorganisation auszutreten und eine Unabhängige Z i o h i s 11 's" c h e W'e Itorganisation zu bilden. Die Mitglieder der Exekutive und die iiberiviegende Majorität des Parteirates' erklärten Jabotinsky ganz unzweideutig, daß hie Annahme eines seichen, des politischen Ernstes baren Antrages für sie nicht in Frage käme. Sfö müßten1 es ablehnen, der ''zionistischen VVäid'efscnaf^' politische Komödie vorzuspielen, sich zum Kongreß wählet» zu lassen, um nach Aufsteilung einer grotesken, ü n a nnehmbar en Forderung den Kongreß zu verlassen... Wieder zog Jabotinsky seine Anträge zurück und der Parteirat wurde —• in Anwesenheit Jabot i.nsk y s .—, mit der Feststellung geschlossen,. daß. der bisherige Zustand unverändert weiterbesteht, Jabotinsky. war weder von der Exekutive noch vom Plenum des Parteirates dazu zu bewegen, eine Erklärung bezüglich seiner weiteren Haltung abzugeben. Er reiste von Kattowitz ab, nach Lodz, und erließ vierundzwanzig Stunden später von dort aus eino: Proklamation, deren Inhalt erklärlich macht, warum er einer offenen Aussprache vor dem Parteirate ausgewichen ist. In dieser Proklamation erklärte er: Ich setze die von der höchsten revisionistischen Instanz, von der Weltkonferenz, gewählten Mitglieder der Exekutive Großmann, Soskin, Machower und Stricker ab. Ich ergreife die Macht. Ich zahle den Sehekel und werde die Revisionisten zum Kongreß iühren. Um den Charakter dieses Vorgehens zu kennzeich-- nen, genügt es, Tatsachen gegenüberzustellen. Auf der revisionistischen Weltkonferenz im Sep* tember 1932 hat Jabotinsky unter tosendem Beifall der Konferenz ein feierliches Verdammungsurteil über jede Form diktatorischer Machtergreifung ausgesprochen und der demokratischen Verfassung der revisionistischen Union Treue gelobt. Er hat es in heller Empörung abgelehnt, faschistische oder Hitlersche Methoden in Anwendung zu bringen. Jetzt hat er sein Gelöbnis gebrochen. Nach wenigen Monaten und unter Umständen, die seinem Unternehmen auchden Anstrich geradliniger Gewaltsamkeit nehmen. Er hat nicht in Kattowitz von Angesicht zu Ann gesteht gesprochen und gehandelt, sondern, von Lodz aus. telegraphiert. Zwei Jahre hinduroh hat Jabotinsky die Zionistische Weltorganisation und den Zionlstenkongreß als verfaulte und abgestorbene Institutionen hingestellt, an denen Anteil zu nehmen ihm auch moralische Erwägungen verbieten. Drei Wochen vor Kattowitz hat er in einem Artikel die Anhänglichkeit an die Herzische Organisation als „S e n t i m e n t a 1 e S o h w ä rmerei von einer Herzl-Erbschaft" — „Ausdruck eines /tund.nw«.,« erstkl. Stenotypistin mit Französisch, aut sich selbst angewiesen, schreibt billigst sämtliche Maschinschreibarbeiten in allen Sprachen. Exakt, diskret., prompt. B. L., XIX, Fiiedlg. 49/7