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Die neue Welt · 1933-04-21 · Heft 293 (21.4.1933) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 293 (21.4.1933)
Date
1933-04-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 293 DIE NEUE WELT Seite 3 Männer der Wissenschaft und die Aerzte, sondern auch die politischen Verbannten willkommen heiße. Der konservative Abgeordnete Morris führte aus, die gesamte Bevölkerung Englands sei entschieden gegen die in Deutschland befolgte Politik, durch die die Juden in jenem Lande ihrer elementaren Bürgerrechte beraubt wurden. Auch die öffentliche Meinung der ganzen Welt sympathisiere mit der deutschen Judenheit. Abgeordneter Morris wandte sich sodann einer Besprechung des Genfer Vertrages vom Jahre 192 2, in dem der Minderheitenschutz für das Gebiet von Deutsch-Oberschlesien festgelegt ist, zu und erörterte die Möglichkeit, die Frage der Einhaltung der Minderheitenschutzbestimmung vor dem Völkerbund xu behandeln. Die britische Regierung sei als erste dazu berufen, die Angelegenheit vor dem Völkerbund zur Sprache zu bringen. Der Redner richtete an die Regierung den Appell, diese edle Pflicht zu erfüllen und damit den Juden Englands die hoffnungsvolle Botschaft zu übermitteln, daß ihre Glaubensgenossen in Deutschland in naher Zukunft in ihre Rechte als deutsche Bürger wiedereingesetzt werden würden. « Außenminister Sir John Simon gab in seinem Schlußwort folgende im . Einvernehmen mit dem High Commissioner für Palästina getroffene Sonderbestimmungen zugunsten der Einwanderung deutscher Juden nach Palästina bekannt: 1. Dem britischen Generalkonsulat in Merlin wurden 200 Einwanderungszertifikate für Juden mit eigenem Kapital von mindestens 1000 Pfund zur Verfügung gestellt, um es solchen Juden zu ermöglichen, s ofort nach Palästina einzuwandern, ohne erst bei der Palästina-Regierung unter Darlegung jedes einzelnen Falles um die Einwanderungserlaubnis ansuchen zu müssen. 2. Bei der Behandlung von Gesuchen von Mittelstandsangehörigen mit eigenem Kapital von mindestens 500 und von Handwerkern mit 250 Pfund Eigenkapital soll mit größter Weitherzigkeit vorgegangen werden. 3. Der High Commissioner hat den ausdrücklichen Befehl erteilt, die Gesuche in Palästina ansässiger deutscher Juden um Zulassung ihrer Eltern und sonstigen Verwandten aus Deutschland wohlwollend zu behandeln. Außerdem habe die Palästina-Regierung 1000 Arbeitereinwanderungszertifikate für deutsche Juden zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse der Aussprache im Unterhaus faßte Außenminister Sie John Simon dahin zusammen, es wäre ein tiefer Irrtum, zu glauben, daß die Abneigung gegen die Zurücksetzung der Juden in Deutschland auf die Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft begrenzt oder durch sie veranlaßt worden wäre. Sir John setzte die Schwierigkeiten einer britischen Intervention zugunsten nichtbritischer Bürger auseinander. Er erklärte ferner, er persönlch halte es für Uberflüssig, denjenigen jüdischen Flüchtlingen, die nach England zu kommen wünschen, Hindernisse in den Weg zu legen. Wenn man sich auch die in England herrschende Arbeitslosigkeit vor Augen zu halten habe, müsse man andererseits doch auch daran denken, daß Menschen mit wertvollen Eigenschaften einen Gewinn für England bedeuten würden. Zum Schluß erklärte der Außenminister, es wäre im jüdischen Interesse nicht wünschenswert, wenn die britische Regierung mit ihrer vollen Autorität zugunsten fremder Bürger intervenieren würde. Der von mancher Seite von einer solchen Aktion erwartete Effekt sei bereits durch die eben beendete Aussprache, die zweifellos auch in der öffentlichen Meinung des Auslandes ein Echo finden werde, erfüllt. iGlUUMMJ Ecke Krugerstraße 2 Katalog gratis l nach wie vor Kä TBltl!CTSt^ße 45 Neu! Wir SIGI-GOLD TW Neu! Blüfen einer traurigen Zeit Rabbiner unterm Hakenkreuz In der letzten Nummer der „Neuen Welt" wurde von einem orthodoxen Rabbiner berichtet, der in einem frommen jüdischen Blatte Herrn Hitler Lobeshymnen sang und ihn als Schützer der jüdischen Religion gegen die Gottlosigkeit pries. Nun können wir mit einem liberalen Gegenstück dienen. In der Bäderstadt Karlsbad gibt's große Aufregung. Der dortige liberalxeformatorisch eingestellte Rabbiner Dr. Ziegler hat In der lokalen Tageszeitung einen Artikel veröffentlicht, worin er die jetzige Lage der deutschen Juden als s e 1 b s t verschuldet erklärt, weil sie falsche Greuelmeldungen ins Ausland gebracht haben. Ueber diese Infamie eines deutsch-assimilatorischen „Seelsorgers" auch nur ein Wort zu verlieren, erübrigt sich. Die Karlsbader Juden haben in der Synagoge gegen den Hitler- Freund in der Rabbinerkutte demonstriert und ihn am Sprechen verhindert. Die Judengemeiride will ihn von seinem Posten entfernen. Hoffentlich bald und gründlich. Ein läppisches Märchen Die von Juden gemachte „Linkspresse", die liberale Und sozialistische, hat im ernsten Kampfe gegen das Hakenkreuzlertum versagt. Sie zeigt sich auch jetzt eines ernsten Kampfes unfähig und ohnmächtig, weil sie noch immer nicht von ihren zerstörten Dogmen lassen kann. Dafür sucht sie sich in kleinsten Kleinigkeiten auszuleben. Ueber die Bluse Hitlers machen sie sich lustig, über seinen Schnurrbart, über seinen Tapeziererberuf, über seine Hände, über seine Redewendungen. Vor einigen Tagen brachte diese Presse die Nachricht, daß der Hakenkreuzminister Goering in Rom dem jüdischen Minister Balbo seine Aufwartung machen und bei ihm das Frühstück nehmen mußte. Großes Hailoh! Geistreiche Frage an Goering, wie ihm das koschere Essen geschmeckt hat. Famoser Kerl, der Mussolini, den Judenfresser so hineinzulegen. Nun stellt es sich heraus, daß Balbo aus alter christlicher Familie stammt und nichts mit dem Judentum zu tun hat. Der große „Sieg über Hitler", der in spaltenlangen Artikeln und seitengroßen Karikaturen gefeiert wurde, ist weg. Getauft und aus Tarnopol Wir haben vor kurzem die Lumperei des bekannten Violinvirtuosen Kreisler niedriger gehängt. Dieser getaufte Jude, der sich von den amerikanischen Juden in New York „machen" ließ und ihrer Presse seinen ganzen Ruhm verdankt, hatte die Unverfrorenheit, den italienischen Dirigenten Toscanini anzuflegeln, weil dieser anständigerweise gegen die Verfolgung jüdischer Künstler in Deutschland Stellung nahm. Kreisler forderte „Achtung vor der Freiheitsbewegung seines deutschen Volkes, vor der heiligen Revolution Hitlers." Nun teilt uns ein Leser mit, daß die Eltern des stehend getauften Germanen Kreisler aus der jüdisch-polnischen Stadt Tarnopol in Galizien stammen. Dort hat er also seine „deutschen Belange" mit der Muttermilch eingesogen. Das jüdische Raritätenkabinett ist mannigfaltig und schäbig. Wackere jüdische Frontsoldaten Die jüdischen Frontkämpfer in Oardiff (England) haben gegen die barbarische Behandlung der Juden In Deutschland protestiert. Zum Dank dafür erhielten sie vom „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Deutschlands" ein Telegramm, worin zu lesen ist: „Wir bitten dringend, jede Einmischung in unsere deutschen Angelegenheiten zu unterlassen. Die deutsche Regierung sorgt für geordneten Verlauf der nationalen Revolution. Einzelhandlungen, auch gegen Juden, wurden von der Regierung verfolgt. Die Greuelpropaganda lügt. Die Drahtzieher sind politische und wirtschaftliche Interessenten. Die jüdischen Literaten, die sich dazu' brauchen lassen, haben früher in Deutschland uns jüdische Frontsoldaten verhöhnt. Dir Kameraden werdet am wirksamsten der Beruhigung Deutschlands nützen, wenn Ihr als ehrenhafte Soldaten Eure Stimme erhebt gegen die unritterliche und ehrenkränkende Behandlung Deutschlands seit vier zehn Jahren." Wer sagt da was von Stiefelleckerei? Tapfere deutsch-jüdische Frontsoldaten! Tapfer, stolz und — klug! Jüdfedie Volkspartei Oesterreichs Aufruf An die Juden Oesterreichs! Wollet ihr untätig und ungerüstet warten, bis euch das gleiche Schicksal trifft, wie die Juden Deutschlands? Ziehet aus den erschütternden Vorgängen in Deutschland die Lehre. Die deutschen Juden dienten fremden politischen Parteien. Aber keine dieser Parteien hat auch nur einen Finger gerührt, um den unglücklichen Juden zu helfen. Nur der Jude kann und wird dem Juden helfen. Hinaus aus den fremden Parteien, welche euch in der Not den Rücken kehren werden. Herein in das jüdische Lager, in euer Lager! Der geeinte jüdische Wille hat seine Kraft er- > wiesen. Er hat die Teilnahme aller Kulturnationen am ■ Schicksal des jüdischen Volkes errungen und mit ihrer Hilfe ein großes Werk in Palästina geschaffen, vor welchem die vielen Zweifler heute das Haupt beugen. Juden und Jüdinnen! 'Glaubet doch endlich an eure, an die jüdische Kraft. Der geeinte jüdische Wille, der die Achtung der Kulturwelt erzwang und in Palästina so Großes schuf, wird auch in Oesterreich mächtig wirken, im Kampf zum Schutze der gleichen Rechte des jüdischen Staatsbürgers, seiner Ehre und seiner Sicherheit. In entscheidender Stunde fordern wir euch auf, der Jüdischen Volkspartei beizutreten. Sie ist die einzige unabhängige jüdisch-politische Organisation Oesterreichs. Sie umfaßt alle Stände und Klassen. Sie kämpft um jüdisches Recht. Sie lehnt deu Kultur- und Klassenkampf ab. Sie will für die Juden und mit allen jenen arbeiten, welche die Erhaltung von Ruhe und Ordnung in Oesterreich anstreben. Für die Leitung: Dr. Oskar Grünbaum Oberbaurat Robert Stricker Dr. Desider Friedmann Mindest-Jahresbeitrag S 1.—. Beitrittserklärungen sind an das Sekretariat, II., Untere Augartenstraße 38, zu richten. Telephon A 45-6-34. Dortselbst werden auch Meldungen zur freiwilligen Mitarbeit entgegengenommen. , I Geschenke für die Dame nur bei Elsa (Ackermann Wien tf Elisabethstraße Nr. 2 Erzeugung feinster Petitpoint- und Ledertaschen, Kissen, Decken, Puderdosen und kunstgewerblicher Handarbeiten Wo bleibt die jüdisdie Sozialdemokratie I In dem' Kampfe gegen den antisemitischen Terror in Deutschland, gegen die hakenkreuzlerischo Weltgefahr haben sich in allen Ländern die wertvollsten jüdischen Kräfte zusammengeschlossen, vor allem die nationalbewußten Juden. Aber fast überall ist festzustellen, daß sich ein Teil der Judenschaft reserviert verhält und „grundsätzlich" nicht mittut oder stört. Es sind dies die marxistisch, klassenkämpferisch eingestellten und organisierten Juden. Sie weigern sich, mitzutun, halten sich fern von der „jüdischnationalen Bourgeoisie". Einer der Führer der rumänischen Zionisten, Dr. S. I. Stern (Bukarest), rechnet mit diesen abseitsstehenden Juden ab. In einem Artikel in der Czernowitzer „Ostjüdischen Zeitung" schreibt er unter dem Titel: „Wo bleibt die Sozialdemokratie?" wie folgt: Der Kommunismus hat seine eigene Moral, die wir nicht billigen, an die wir uns aber zu gewöhnen beginnen. Auf den Vorwurf, daß die kommunistische Welt untätig zusieht, wie man in Deutschland den Marxismus ausrottet, wird uns der doktrinäre Kommunismus zynisch antworten: „Wir sind in erster Reihe an unserem russischen Modell interessiert. Um sein Gelingen zu sichern, sind wir bereit, ebenso Mussolinis Reaktion wie Japans Frechheit zu dulden und sogar Hitlers Angriffe unbeachtet zu lassen. In diesem Augenblick ist uns die Rettung unseres Sowjetkindchens am wichtigsten." Falls in einiger Zeit Hitlers Stellung fester werden sollte und falls Rußland aus engeren Handelsbeziehungen mit Deutschland Vorteil ziehen könnte, so würden wir uns gar nicht wundern, zu erfahren^ daß zwischen "dein Regierungen dieser beiden Länder „die herzlichsten Beziehungen bestehen". Und dazu kommt noch eines: Wahrscheinlich rechnet die HI. Internationale auf einen baldigen Mißerfolg des Hitler-Regimes, dem nur der Kommunismus nachfolgen könnte. Dieser Zukunftsaussicht zuliebe wäre die HI. Internationale imstande, den antisemitischen Kampf in Deutschland nicht nur zu dulden, sondern ihn sogar zu unterstützen. Ganz anders ist die Lage der Sozialdemokraten. Hitler, heute der Leiter des Deutschen Reiches, macht keinen großen Unterschied zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. In allen seinen durch Rundfunk verbreiteten Reden, in der ganzen ungeheuer großen Tagespresse, die ihm jetzt zur Verfügung steht, betont Hitler immer wieder die Notwendigkeit, den Marxismus jeder Schattierung auszurotten. Wie reagiert nun die Sozialdemokratie auf diesen erbarmungslosen Krieg? Wo ist das stolze proletarische Heer? Wo die geistigen Vorkämpfer, die Schüler von Marx, Engels, Bebel? Wo die Kampftradition, die Widerstandskraft der Partei, die jahrzehntelang geherrscht hat? Es besteht doch eine II. Internationale. In einigen Ländern, und dazu noch in den bedeutendsten, hat die Sozialdemokratie wichtige Stellungen in der Staatsleitung inne. In Genf gibt es ein Arbeitsamt. In allen Zentren der Welt hat die Sozialdemokratie die große Tagespresse zur Verfügung. Und schließlich, wo sind die Arbeiter selbst? Die Arbeiter, die 1914 durch den Generalstreik den Ausbruch des Weltkrieges hätten verhindern sollen, haben damals den patriotischen Gefühlen nachgeben müssen. Für damals war dies eine Entschuldigung. Aber heute? Nach 2 0 Jahren! Diesmal handelt es sich nicht mehr um einen Aufstand gegen ihr eigenes Land. Ein Generalstreik des sozialdemokratischen Proletariats gegen das terrorisierte Deutschland würde das Hitler-Abenteuer in 34 Stunden beenden. Auf diesen Boykott der Sozialdemokratie —- so wie er jetzt gegen die Juden propagiert wird — hat man gewartet. Statt dessen erfahren wir von der Haltung des alten Noske, des Veteranen der Sozialdemokratie, ehemaligen Kriegsministers der sozialistischen Revolution, ein Mann des Willens, der imstande gewesen ist, die spartakistische Bewegung zu unterdrücken, der aber, als Hitler ans Ruder kam, sich dem „Führer" mit der Bitte vorstellte, ihn doch noch sechs Monate im Amte zu dulden, damit er die Pensionsberechtigung nicht verliert. Was für ein widerlicher Anblick! Was ist von der b/wundernswerten Sozialdemokratie der Vorkriegszeit übriggeblieben, von jenem Marxismu \ den nicht eta^ mal der eiserne Kanzler hatte zerstören können?

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