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Die neue Welt · 1933-04-14 · Heft 292 (14.4.1933) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 292 (14.4.1933)
Date
1933-04-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE NEÜBJ WELT Nr. 292 ■UllllMHUmM«...........MMM^MM»............H SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI il Zentrale; IX., Berggasse 19, Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilansialten JlfcMtelljugoi^NUrj^ unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats dor lsr Kultusgemeinde Wien Autosuatellung kostenlos IX. Berggasse 15 / XVIII., Währingeritr. 97 mann ein Finanzmann und kein Talmudist. Woran allerdings seine Auslegung des Boykottaufrufs zweifeln lassen könnte. Bekenntnis einer orthodoxen Seele „In zwei großen Linien glauben wir, daß der deutschen Judenheit Umkehr nottut!" Dieser vernunftige Satz findet sich in einem kürzlich erlassenen Aufruf der orthodoxen Rabbi nor Deutschlands an die deutschenJuden. Jeder klar denkende Mensch, nicht gerade ein Parteipolitiker, wiril solch eine Erkenntnis von orthodoxer Seite mit eben so großer TTeberraschung wie Genugtuung aufnehmen. In zwei großen Linien! In der einen, die sich auf steh selbst besinnt; in der zweiten, die zum jüdischen Oesamtvolk fuhrt. Wie schön, wie klar, wie eindeutig, wie zwangsläufig diese Erkenntnis! BehÜt euch Gott, es wär so schön gewesen! Denn unsere orthodoxen Babbinen meinen ganz andere Linien. Sie meinen, daß Gott die deutschen Juden — „wegen ihrer Leistungen in Religion und Kultur, in jüdischer und allgemeiner Wissenschaft, in Wohltätigkeit und Bruderliebe". — liebt und darum züchtigt und zur Umkehr weist. Umkehr, das heißt im Sinne der traditionell- ••■:»".. ' ■ gesetzestreuen .Rabbinen: Heiligt den Sabbat und beachtet die Speisevorschriften! Wir wollen den Widerspruch, in den die deutschen Rabbinen vor lauter Wahrheitssuche geraten sind, nicht weiter verfolgen. „Leistungen in Religion" und dennoch Bestrafung — das ist denn doch etwas unlogisch. Aber dje Augen vor der Wirklichkeit verschließen und die Juden glauben machen, daß die Erfüllung der altehrwürdigen Religionsges^tze der Judenvernichtung In Deutschland Einhalt gebieten könne, dieser Glaube ist — das lehrt die ,'if.-; ,7 ,it .' ' Geschichte des Judentums — ein Aberglaube. Wenn die Rabbinen die verwirrten Seelen des deutschen Judentums mit nichts anderem versorgen können, dann sollen sie dies anderen überlassen. «i^ <r-; - - ' Pr^estrabbiner 1939* ^•-'•'■'-•^ Der Aufruf :der orthodoxen Rabbinen bezeugte Respekt ' vor der traditionellen Gesetzestreue, vor der orthodoxen Mentalität. Er ist gut gemeint» wenn auch daneben gemeint. Anders sieht es mit einer Erklärung aus, die der Rabbiner Profi Weinberg aus Berlin einem Vertreter der „J ü d i.s c h e n P r e s s e", des orthodoxen Organs für Oesterreich und die Tschechoslowakei, abgegeben hat. Wir kennen den Typ Rabbinen, die protestieren, wenn ein Hauch von Freiheit, Würde, Volkstum durch die jüdische Gasse weht. Herzl nannte sie „Protestrabb i n e r". Nun ist ein neuer Typ Protestrabbiner entstanden. Das „ sind Rabbiner, die gegen die Proteste der Kulturwelt in Sachen des nationalsozialistischen PogromantisemitiBmüs protestieren. So schändlich sie sich seinerzeit dem Zionismus gegenüber benommen haben, so schändlich fallen sie heute den Verkündern der deutschen Wirklichkeit in den Rücken. Der Rabbiner Dr. Weinberg aus Berlin gibt beruhigende Erklärungen ab. Sie lauten ungefähr so wie die Erklärungen der deutschen Machthaber und ihrer Presse. Aber wir wollen nicht kommentieren, sondern das Dokument der Schande (veröffentlicht in der „Jüdischen Presse" vom 31. März 1933) wörtlich reproduzieren, auf daß die jüdische Welt sehe, in welcher Weise das „Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums" dieses vertritt: „Die Lage der Juden Deutschlands wird im Ausland zu Unrecht viel pessimistischer beurteilt als in Deutschland selbst. Die Schilderungen über Juden- Verf olgungen, die diverse Zeitungen veröffentlichten, sind starkübbrtrieben. Vermutlich wird diese Preßkämpagne gegen Deutschland von Politikern betrieben, die Jede jüdische Tragödie für ihre politischen Zwecke auszunützen für gut halten. Die Nachrichten, die von pogromartigen Ausschreitungen gegen die Juden ■ wissen wollen; werden zumeist gerade in Ländern ver- * breitet, die selbst in der Kunst der Pogrom-Macherel besondere Uebung haben. Die Aktionen bei den aus- "*. ländischen Regierungen zugunsten der in Deutschland lebenden Juden entspringen weder der Initiative der deutschen Juden, noch entsprechen sie Ihrem Willen. Ueberhaupt bringt man in jüdischen Kreisen und Insbesondere in orthodoxen Kreisen der nationalen Erhebung Deutschlands mehr Sympathie und Verständnis entgegen, als die Frührer dieser Bewegung es wissen. Die religiösen Juden wissen, wie sehr sie g e r a d e Hitler für seinen energischen, durchgreifenden Kampf gegen den Kommunismus und den Atheismus dankbar sein müssen, der in Rußland die jüdische Religion auszurotten versucht und jede religiöse Kultur bedroht. Daß bei der großen Revolution, die In *' Deutscnland jetzt vor sich geht, vereinzelte Exzesse gegen Jjiden vorgekommen sind« ist nicht zu bestreiten» Aber dafür kann man weder die 'Regierung noch die Partei als solche v/er an t wörtlich maohen. Es besteht sogar die berechtigte Hoffnung, auf Grund der staatsmännischen Kundgebungen des deutschen Reichskanzlers, daß er genau so wie Mussolini bestrebt sein wird,-, die nationalsozialistische Bewegung, die nichts anderes als die Aufrichtung Deutschlands erstrebt, vom Antisemitismus freizumachen." Habt ihr nun gehört, ihr Juden in England, Frankreich, Polen, Amerika, Aegypten, Marokko, Palästina! usw., die ihr Euch Uber das Schicksal eurer Volksgenossen ' Sorgen macht und aufschreit, als wäre ihnen Unrecht geschehen? Was fällt euch ein? Wir können bezeugen, daß die nationalsozialistische 'Bewegung nichts anderes erstrebt als die Aufrichtung Deutschlands. Also, seid ruhig! Protestiert nicht! Seid glücklich und Hitler dankbar, daß er gegen den Atheismus kämpft! So spricht ein Professor, Doktor, orthodoxer Rabbiner, Seelsorger. So spricht der neue Typ des Protestrabbbiner». So spricht ein Virtuose der Schande. Das Traurige, daß solch ein Typ noch die Dreistigkeit besitzt, am Sederabend zu sagen:. „Heuer sind wir Knechte, aber im kommenden Jahr in Jerusalem!" Voraus muß man denken; sich sichern — versichern Phönix Allgemeine Versicherungt-Oet. Wien IX. Bit., AlserplaU Nr. 3 Das englische Parlament über die deutsche Judenfrage London, 8. April. In de* letzten Sitzung des Unter? haiises.'-richtete^ der t Abgeordnete!: Colon el»*f*o«ia--h Wedgwööd, unterstützt durch den der faschistischen v>T -v!•/« f.ii.'r '• ■ '• Gruppe nahestehenden Konservativen Commander Loc'ker-Lampson und den Führer der Unabhängigen Arbeiterpartei Max ton, an den Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister den Appell, im Hinblick auf die. gegen die Juden in Deutschland getroffenen ilaßnahmen eine Mi 1 deru n g der, i n P"alästina bestehenden Bin wand er ungsbesichränkun gep. zugunsten von Juden aus Deutschland durchzuführen. Kolonienminister Cunliffe-Lister erwiderte,, die Handhabung des palästinensischen Einwanderungsgesetzes stehe dem High Commisaioner von Palästina zu. Es stehe der palästinensischen Exekutive der Jewish Agency frei, Vorstellungen in dieser Frage beim High Commissioner zu mächen, der diesbezügliche Vorschläge gewiß in ernsthafte Erwägung ziehen werde. Ein Abgehen von dem bisher konsequent befolgten Prinzip, daß die Einwanderung nach Palästina der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes angepaßt sein müsse, käme jedoch nicht in Frage. Cplonel Wedgwood fragte sodann, ob es Sir Philip bekannt sei, was die Pariser Tageszeitung ,,L e Temps" am Sonnabend über England geschrieben habe, und ob er zugeben wolle, daß England hinter Frankreich, der Tschechoslowakei und anderen Ländern zurückstehe. v '.'.',. Ich habe , die Zeitung nicht gelesen^ antwortete Sir Philip. Ich. bin jedoch gewiß, .daß unser Land'sich dem nicht auf recht zu erhallt enden Vorwurf, es wolle in dieser Hinsicht hinter irgend einem Lahde zurückstehen, nicht aussetzen wird. n. Besteht eine Aussicht, fragte Colonel Wedgwood weiter, daß wir Juden aus Deutschland in Palästina eine Zufluchtsstätte bieten?'1 Colonienminister Cunliffe-Lister antwortete: Bei einem Vergleich der Einwanderungsziffern für Palästina in dem vergangenen mi!t.denen des vorhergehenden Jahres wird Colonel Wedgwood feststellen können, daß eine bedeutende Zunahme der Einwanderung erfolgte. Besteht Aussicht , auf Einwanderungserlaubnis, fragte Colonel Wedgwood, wenn es sich um Leute handelt, die in ihrem Berufe jede Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verloren haben? Commander Lock;er-Lampson fügte hinzu: Könnte der Minister für die Kolonien nicht in Erwägurig ziehen,, ob nicht im Hinblick auf die außerordentlichen Umstände eine außerordentliche Anstrengung in dieser Hinsicht gemacht werden könnte? Wäre der j Minister bereit, die Etaberufung eines Parlamentsi komitees zum Studium dieser Frage zu erwägen? i Sir Philip Cunliffe-Lister: Meiner Meinung nach gibt es da zwei vonetaander vollkommen verschiedene Fragen.. Die Frage der Eü^wanderung nach Pa^sjlna j wurde' stete UV tfetereinstiram^'" mit' der, von der. Mm datsmacht festgelegten Politik behandelt. Einwanderungsfiragen müssen stets unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes betrachtet werden. Können wir, fragte Abgeordneter Max ton, Palästina als augenblickliches Asyl für Juden aus Deutschland bestimmen, ohne daß , die allgemeinen Grundsätze betreffend die dauernde Einwanderung berührt werden? Ich habe bereits deutlich erklärt, antwortete Sir Philip, welches die Grundsätze sind, die in gleicher Weise gegenüber Juden und Arabern iri Palästina angewandt werden. Ich bin sicher, daß nur Unheil entstehen könnte, wenn wir das Mandat nicht ausführen. * Abg. George Lansbury fragte den Unterstaatssekretär für Aeußeres, ob .es möglich sei, den Völkerbund aufzufordern, die Frage der Flüchtlinge zu behandeln, die in großer Zahl genötigt waren, Deutschland zu verlassen. Gaptain E d e r erwiderte, er werde diese Frage dem Außenminister vorlegen. Zu dem zweiten die Lage der deutschen Juden betreffenden Antrag, der von Commander Oliver Locker-Lampson und anderen Abgeordneten eingebracht worden war und in dem auf die ungünstige Auswirkung der gegen die Juden in Deutschland gerichteten Diskriminierung auf die englischdeutschen Beziehungen hingewiesen wurde, wurde keine Debatte angesetzt. Der liberale Abgeordnete Man der hat eine Anfrage an den Ministerpräsidenten betreffend die Möglichkeit, deutschen Juden in England auf der Basis.finanzieller Selbsterhaltung Asylrecht zu gewähren, angekündigt. Asylrecht für Juden aus Deutschland in Frankreich Aus Paris: In der am 6. April abgehaltenen Sitzung der französischen Kammer fragte der sozialistische Abgeordnete Moch den Innenminister, weiche Maß„- nahmen zugunsten der unbeschreiblich leidenden jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland geplant seien. Innenminister Chautemps erwiderte unter brausendem Beifall des ganzen Hauses, die Tore Frankreichs stünden, wie dies der französischen Tradition entspreche, Leidenden und Verfolgten weit offen. 2000 deutsche Juden in Holland eingetroffen Aus Amsterdam: Im Verlaui der vorigen Woche sind etwa 2000 Juden aus Deutschland in Holland eingetroffen, die Hälfte von ihnen hat sich Iii Amsterdam niedergelassen. In ganz Holland wurden Hilfskomittes gegründet, die die Einwandere? Unterstützen. Wie der Amsterdamer J. T. Ä.rBerichterstatter erfährt, wurden bereits ßO.OOQ tioll. Gulden, für, Hilfszwecke gesammelt.. Zahlreiche Familien in Amsterdam'' haben deutsche 'Juden als Gäs te in ihrem HauS aufgenommen. Boykott-Parole Die „Neue Freie Presse" meldet aus Czernowitz (Rumänien): Eine jüdische Wirtschaftsenquete, welche von Vertretern sämtlicher Wirtschaftsgruppen sowie von Mitgliedern des kaufmännischen Gremiums und der, Handels- und Gewerbekammer beschickt war, faßte einstimmig den Beschluß', den Boykott sämtlicheii in Deutschland hergestellter Waren, Fabrikate, Zeitungen, Druckwerke und deutscher Kurorte! durchzuführen. Der Boykott soll solange dauern, bis die wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden in Deutschland wieder hergestellt und die ihnen zugefügten Schäden gutgemacht sind. Eine Lehrstuhl für den Antisemitismus Nicht nur an den österreichischen und deutsehen Universitäten, auch in Lettland gibt es einen Verband der nationalsozialistischen Studenten, die sich über den Antisemitismus — den Kopf zerbrechen. Vorläufig ist es ihnen noch versagt, das deutsche Beispiel nachzuahmen; (Die lettischen Juden haben ihre Kulturautonomie und bedürfen nicht des Eindringens in fremde Kulturzoneri,1 um sich auszuleben.) Es bleibt daher den Herren Studenten von der Rigaer Universität nur übrig, von der Nacht der langen Messer zu träum e n. Aber bei Tag? Da haben sie eben ihre Wünsche. Wenn die P r a<-x l s" nicht erlaubt ist, muß man sich eben theoretisch 'unterhalten. Von diesem Gesichtspunkt aus haben die Rigaer. Hakenkreuzstudenten beim Studentenrat ihrer Universia tät den Antrag eingebracht, einen L e h r-s t ü h 1 für Antisemitismus zu errichten. Eine nette Idee.' Ein geeichter Professor, der die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion" und ähnliches Zeug studiert hatrsoll die Studenten' belehren, wie man am bequerhsten, raschesten' und unauffälligsten die Juden ausrottet. Also ein Lehrstuhl für Antisemitismus! In Deutschland bedurfte es solch einer Sache nicht. In Dingen der" Brutalität gegen die Judenheit braucht man keinen akademischen Lehrer. Das kann man schon in der Volksschule lernen, Zumindest war's in Deutschland so. Und in Lettland wird's wohl nicht anders sein. Der Studentenrat in Riga hat den Antrag auf Er1 xichtung des Lehrstuhls für. Antisemitismus abgelehnt. Mit Recht. Die lettländischen Hakenkreuzler werden auch ohne Lehrkanzel auskommen. Ein Blick in die Verordnungen der deutschen Rationalen Regierung — und sie sind mit dem" Rezept zur 'PogromierUrig: der . Juden aUf kaltem Weg^ vejrsorgt. Nur' keine ' unnützen Spesen t(lf solcli'ela« -^ul£ü^e^le;,< 'BetiiüriKiisi :**-'*V>,.

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