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Die neue Welt · 1933-04-14 · Heft 292 (14.4.1933) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 292 (14.4.1933)
Date
1933-04-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 292 DIE NEUE WELT Seite 3 * ■ ftl Chamberlain warnt Deutschland Vom Londoner Berichterstatter der „Neuen Well" Die in der letzten Nummer der „Neuen Welt" aufgestellte Behauptung, daß die Judenverfolgungen für Deutschland schwere außenpolitische Folgen nach sich ziehen, hat hier in England eine unwiderlegliche Bestätigung erfahren, In der öffentlichen Meinung Englands, welche einer Revision der Friedensverträge Im Sinne einer Gleichstellung Deutschlands ungemein günstig gegenüberstand, ist ein Umschwung eingetreten. Die Behandlung, welche Deutschland seinen jüdischen Bürgern zuteil werden läßt, löst nicht nur ehrliche Teilnahme an dem Schicksale der unglücklichen deutschen Juden aus. Man erblickt in dem Vorgehen Deutschlands gegenüber seinen Juden das Kennzeichen einer Neigung zu rücksichtslosem, gewalttätigem Vorgehen, die sich unter Umständen auch auf außenpolitischem Gebiete äußern könnte. Diese Befürchtung ist, wenn auch verhüllt und nur andeutungsweise, in zahlreichen Beden führender englischer Politiker aller Bichtungen zum Ausdrucke gekommen. Die Sprecher über diesen Gegenstand legten sich Zurückhaltung auf. Nun aber ist es zu einer Kundgebung gekommen, Welche von dieser Zurückhaltung völlig frei ist. Der Führer der englischen Konservativen, Sir Austen Chamberlain, hat ohne alle Umschweife und Verkleidungen ausgesprochen, daß das Verhalten Deutschlands gegenüber seinen jüdischen Staatsbürgern England zwingt, seine außenpolitische Einstellung zu Deutschland zu ändern. In einer großen Versammlung in Birmingham am 7. April kau Sir Austin Chamberlain auf die Lage in Deutschland zu sprechen. Er sagte, die Aeußerungen hervorragender Männer und cinwand-; , freier Zeugen hätten Ereignisse enthüllt, welche in der .Welt Ablehnung und Schrecken auslösen. Es muß mit allem Nachdrucke gefordert werden, daß diese Hand- " lungen nicht fortgesetzt werden, weil sonst das Ver- 1 trauen in die Bereitschaft Deutschlands zu einer ' friedlichen Haltung gegenüber anderen Völkern schwer erschüttert würde. Es habe * die anderen Nationen unangenehm berührt, 1 < daß in Deutschland Bürger wegen ihrer Basse oder ihres Glaubensbekenntnisses verfolgt werden. Die deutsche Regierung möge bedenken, welchen Eindruck die Welt davon bekomme. Deutschland habe — sagte Chamberlain weiter — sein Schicksal er- . eilt, weil es in übermäßigem Stolz und egoistl- . scher Eitelkeit anderen Leuten nicht erlauben wollte, .so zu: leben, wie sie es wünschten, und weil es der übrigen Welt seinen Willen aufzwingen wollte. Als Deutschland auf der Genfer Abrüstungskonferenz für die Gleichberechtigung eintrat und die Mächte ihre Bereitwilligkeit gezeigt hatten, die Gleichberechtigung zu gewähren, sei in die innerdeutsche Politik der alte Geist eingezogen. Bezüglich der Revision der Friedensverträge sagte Austin Chamberlain: „Ehe diese Verträge einer Revision unterzogen werden können, muß man die Gewißheit haben, daß der herrschende Geist von den Deutschen gewichen ist. Bevor wir unsere Rüstungen auf das Niveau Deutschlands herabsetzen können, müssen wir die Gewißheit haben, daß es die Gleichberechtigung für seine eigene Sicherheit und die Aufrechterhaltung des Friedens verlangt und nicht, um die Sicherheit anderer Nationen zu gefährde n." Diese Aeußerungen Chamberlains haben hier sehr großes Aufsehen hervorgerufen. Sie werden um so ernster genommen, als Chamberlain, der Gegenspieler des .Ministerpräsidenten MacDonald, als bedeutsamer Exponent des außenpolitischen Willens Englands gilt. * Neben den politischen Kundgebungen vollzieht sich hier eine wirtschaftliche Kandgebung, welche nicht weniger bedeutsam ist. Die Ablehnung deutscher Waren mit Hinweis auf die Geschehnisse in Deutschland. Wohl ist es gelungen, die schreienden Boykotterklärungen der ersten Tage zum Verschwinden zu bringen. Man spricht weniger vom Boykott. Aber die Bewegung hält an. * Erklärung des englischen Innenministers zum Boykott Aus London wird gemeldet: Zur Entfernung antideutscher Flak ate in Läden des Londoner kTudenviertels, die am Sonntag durch die Polizei veranlaßt wurde, bemerkte der Innenminister, daß es sich hier um lokaleMaßnahmen der betroffenen Polizeireviere handle, die hauptsächlich dem Schutze der Ladeninhaber selbst gegolten hätten. Im übrigen seien manche Plakate, allerdings mit anderem Text, wiei der angebracht worden. Sie besagten jetzt, daß sich der Protest nicht gegen das deutsche Volk als solches richte. Raslere dich besser! die einzige schwedische Weltmarke Virtuosen der Schande Ein Musiker/ ein Bankier,, und zwei Rabbiner Aufgewachsen in der Kapuzinergruft '• Im nationalsozialistischen Deutschland sind Menschenwürde und Geistesfreiheit teils erstickt worden, teUs verreckt. Das wissen Millionen in Deutschland und außerhalb Deutschlands lebende Menschen. Tiefster Grimm erfaßt sie ob der momentanen Ohnmacht ihrer Erkenntnis. Da und dort, wo das Gewissen sich regen darf, meldet es sich zu Wort. Die Kulturländer protestierten, die Kulturmenschen zogen demonstrierend durch die Straßen, vornehmlich um der Welt zu sagen, daß die bedrohte deutsche Judenheit, zum Schweigen verurteilt, sich der Sympathie aller anständigen Völker erfreue. Die Juden konnten wissen, sie seien nicht verlassen, wenn auch hart am Band geistigen und physischen Untergangs. Man protestierte und boykottierte. In Aegypten und in Marokko refüsierte man deutsche Produkte aus Verachtung gegen das Hakenkreuz-Regime. Herr Albert Einstein gab politische Erklärungen ab. Sie*, sind zwar billig wie Brombeeren, aber er hatte doch etwas zu sagen. Er kam gerade aus Amerika, aus New!Y/ o r k, wo hunderttausende jüdische und nichtjüdische Bürger protestierten. Aber aus demselben New York kam noch etwas anderes« Eine Stimme des auch in Europa noch populären Geigenkünstlers Fritz Kreisler. Man kannte bisher Fritz Kreisler als reisenden Violinvirtuosen, der während des Krieges in Amerika unter der Aegide seiner eigenen Frau Wohltätigkeitskonzerte veranstaltete und dadurch das sentimentale Herz manches Amerikaners gewann. Man wußte auch, daß er aus Oesterreich stamme, aus einem jüdischen Haus Oesterreichs. „Drüben" Scheint er sich's gerichtet zu haben — römisch-katholisch oder anglikanisch. Jedenfalls gehörte er, als sich seiner minderbegabten Komponlstehfeder die Tore der Operettentheater öffneten, der judischen Gemeinschaft nicht mehr an. „Sissy" heißt das Produkt seiner Muse. Sissy — das ist Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, Gattin Kaiser Franz Josefs I. Der österreichische Jude Fritz Kreisler — aufgewachsen bei den Habsburgern in der Kapuzinergruft! Herr Fritz Kreisler, der gewesene Jude, ist mit der Haltung Tosoaninis, der das Hitler-Regime brandmarkt, nicht zufrieden. Herr Frifz Kreisler, der römische Katholik oder Evangelik, macht den verschiedenen internationalen Künstlern den Vorwurf, daß sie „die Bedeutung und die dynamische Kraft der nationalen Bewegung, die das jetzige Regime ans Ruder gebracht habe, nicht verstehen." Herr Fritz Kreisler, der Operettenfatzke, will nicht dulden, daß der „Aufbruch der deutschen Nation" durch Einflußnahme von außenher aufgehalten werde. Herr Fritz Kreisler aus dem Wiener Ghetto möge selbst sagen, mit welchem Wort man sein Verhalten zu bezeichnen hat. Herr Fritz Kreisler hat eine reiche Frau, eine teure Geige, ein ausgiebiges Tantiemenkonto und vielleicht auch musikalisches Gefühl! Gefühl für Würde hat er bestimmt nicht. Der Bankier als Talmudist Dafür aber einen Kollegen in Deutschland. Die jüdische Welt kennt ihn als eifrigen Nichtzionisten in der Jewish Agency, die außer jüdische Welt als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und Diskonto-Gesellschaft, also als Finanzmann. Es ist Herr Oscar Wassermahn. Während 500.000 seiner Stammesbrüder in der Hölle des deutschen Hakenkreuzes schmachten, während alle Kulturstaaten von West und Ost einmütig sind in der Verurteilung der nationalsozialistischen Regierungsmaßnahmen, während alle bedeutenden Geister die systematische Entrechtung von hunderttausend jüdischen Staatsbürgern mit Entrüstung konstatieren, weiß der in Berlin lebende Herr Oscar Wassermann von nichts. Er steht am Fenster seines Bankpalais, unten tönt aus unzähligen Kehlen der liebliche Sang „Juda, verrecke", sperrt ein fanatlsierter Mob jüdische Geschäfte, führt ein wild gewordener SA.-Trupp „mißliebige" Juden in sogenannte Schutzhaft ab — Herr Oscar Wassermann hört und sieht und weiß nichts. Einem englischen Journalisten sagt er: „Ich bin nicht im geringsten belästigt worden und mir gegenüber hat sich der Wandel der Dinge nicht bemerkbar gemacht, auch gesellschaftlich nicht." Was sagt ihr dazu, ihr bösen Gerüchtemacher und Greuelpropagandisten? Dem Bankier Wassermann ist kein Haar gekrümmt worden, Alles ist beim alten geblieben. Wenn auch 500.000 Juden geächtet wurden, nur weil sie Juden sind, so hat man Herrn Wassermann bisher nicht den Schädel eingeschlagen. Der Wandel der Dinge hat sich ihm gegenüber nicht bemerkbar gemacht.. Sein Gruß wird von den hakenkreuzlerischen Kollegen erwidert. Und Überhaupt! Deutschland! Das Muster einer Revolution.' „Oer DAS GLOCK- IN DER LEOPOLDSTADT! ECKE LEOPOLDSQASSE 25 GR. PFARRGASSE 1 hat es nunmehr sein Zelt aufgeschlagen. Seit einigen Tagen kann man da sein GLÜCKS¬ KLASSENLOS persönlich auswählen. GlUcksbauer kommt seinen Kunden auf dem Wege zum Glück entgegen ALBERT BAUER Klassenlotterie-Geschäftsstelle Filiale Leopoldstadt lädt alle Leopoldstädter zu recht zahlreichem Besuche ein. Verlauf der Dinge hängt in erster Linie von der Haltung des Auslands ab. Wenn das Ausland sich brav verhält« werden die Juden in Deutschland ein Eldorado haben", sagt Wassermann und fährt fort: „Im Ausland ist man sich wohl noch nicht darüber klar, daß die Vorgänge in Deutschland eine große Revolution bedeuten. Wenn man sich aber diese Tatsachen vor Augen hält, dann verlieren die Uebergriffe untergeordneter Stellen sehr an Bedeutung, besonders dann, wenn man sie mit Ereignissen vergleicht, die bei ausländischen Staatsumwälzungen an Umfang und Tragweite mit der jetzigen deutschen noch gar nicht zu vergleichen sind. Die Bewegung, die in Deutschland jetzt zum Siege gekommen ist, hat seit jeher antisemitische Grundsätze und vor allem die Ueberzeugung, daß das Judentum mit den Linksparteien gleichzustellen sei. Wenn man nun den Boykott-Auf ruf in dem Sinne überprüft, ob die nationalsozialistische Führung diese programmatische Einstellung der Partei vor dem Uebergang zu Uebergriffen bewahrt, so muß man vor allem erkennen, daß dieser Aufruf eine Eindämmung und Disziplinierung bedeutet. Das tritt in dem Aufruf deutlich hervor und ist auch vom Reichskanzler Hitler betont worden." Soweit wir informiert sind, ist Herr Oscar Wasser- Jüdische Volkspartei Oesterreichs Aufruf An die Juden Oesterreichs! Wollet ihr untätig und ungerüstet warten, bis euch das gleiche Schicksal trifft, wie die Juden Deutschlands?, Ziehet aus den erschütternden Vorgängen in Deutschland die Lehre. Die deutschen Juden dienten fremden politischen. Parteien. Aber keine dieser Parteien hat auch nur einen Finger gerührt, um den unglücklichen Juden zu helfen. Nur der Jude kann und wird dem Juden helfen. Hinaus aus d^en fremden Parteien, welche euch in der Not den Rücken kehren werden. Herein in das jüdische Lager, in euer Lager! Der geeinte jüdische Wille hat seine Kraft erwiesen. Er hat die Teilnahme aller Kulturnationen am Schicksal des jüdischen Volkes errungen und mit ihrer Hilfe ein großes Werk in Palästina geschaffen, vor welchem die vielen Zweifler heute das Haupt beugen. Juden und Jüdinnen! Glaubet doch endlich an eure, an die jüdische Kraft. Der geeinte jüdische Wille, der die Achtung der Kulturwelt erzwang und in Palästina so Großes schuf, wird auch in Oesterreich mächtig wirken, im Kampf zum Schutze der gleichen Rechte des. jüdischen Staatsbürgers, seiner Ehre und seiner Sicherheit. In entscheidender Stunde fordern wir euch auf, der Jüdischen Volkspartei beizutreten. Sie ist die einzige unabhängige jüdisch-politische Organisation Oesterreichs. Sie umfaßt alle Stände und Klassen. Sie kämpft um jüdisches Recht. Sie lehnt den Kultur- und Klassenkampf ab. Sie will für die Juden und mit allen jenen arbeiten, welche die Erhaltung von Ruhe und Ordnung in Oesterreich anstreben, Für die Leitung: Dr. Oskar Grünbaum Oberbaurat Robert Stricker Dr. Desider Friedmann Mindest-Jahresbeitrag S 1.—. Beitrittserklärungen sind an das Sekretariat, IL, Untere Augartenstraße 89, zu richten. Telephon A 45-6-34. Dortselbst werden am* Meldungen zur freiwilligen Mitarbeit entgegU* genommen. .

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