Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 291 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 291 DIE NEUE WELT Seite» Das englische Oberhaus über die Judenverfolgung Aus London wird gemeldet: Im Oberhaus richtete Viscount Cecil of Chelwood an die Regierung die Anfrage, ob sie eine Erklärung, betreffend judenfeindliche Vorfälle in Deutschland, abzugeben in der Lage sei. Er wolle erfahren, ob die Regierung im Besitz von Informationen über diesen Gegenstand sei. .Viscount Cecil führte weiter aus, es sei zugegeben worden, daß in Deutschland allgemeine Entlassungen jüdischer Richter, Aerzte und anderer jüdischer Berufsangehöriger erfolgt sind. Diese Maßnahmen seien damit gerechtfertigt worden, daß in verschiedenen Ländern eine Art Boykott gegen deutsche Waren organisiert worden sei und daß die Regierungen dieser Länder nichts getan hätten, um diesem Boykott Einhalt zu tun. Es handle sich um eine Angelegenheit von internationalem Belang. Auch in England, wo viele Hunderttausende von Juden leben, die mit zu den rechtschaffensten und friedliebensten Bürgern des Landes gehören, hätten diese Vorfälle tiefe Besorgnis erregt. England als Mandatarmacht Palästias nehme am Wohl und Wehe der Juden besonderen Anteil. Eine andere Sache sei es, ob von England aus etwas in dieser Angelegenheit geschehen könne. Das Haus wäre der Regierung Seiner Majestät sehr dankbar, wenn sie ihm irgend welche beruhigende Zusicherungen geben könne. Der ehemalige Außenminister und Vizekönig von Indien Lord Reading erklärte, er ergreife das Wort, weil es ihm als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft und des Oberhauses unmöglich sei, darauf zu verzichten, auch seinerseits an die Regierung den Appell zu richten, alles Menschenmögliche zu tun, um die von der Mehrheit des englischen Volkes gehegten Ansichten darzulegen. Er dankte Lord Cecil dafür, daß dieser den Gegenstand zur Sprache gebracht habe. Sein Eingreifen sei so erfolgt, wie man es von Lord Cecil. der in allen seinen Handlungen, insbesondere wenn er glaubte, daß es sich um' religiöse oder Rassenunterdrückung handle, sich stets als großherzig und vornehm erwiesen habe, erwarten durfte. Er wolle insbesondere darauf hinweisen; daß die jetzt in Deutschland geschaffenen Schwierigkeiten vor allem die I n t e 11 igerizberufe betreffen. Meistens werden Angriffe gegen die jüdische Gemeinschaft in schv/ierigen Zeiten im Zusammenhang mit Spekulation und Tätigkeit auf finanziellem Gebiete geführt. In diesem Augenblick sei der Angriff, der, wie die deutsche Regierung ankündigt, vom 1. April an erfolgen soll, gegen die Universitätsprofessoren, die Richter, die Rechtsanwälte und die Aerzte, die zufällig der jüdischen Gemeinschaft angehören, gerichtet und erfolge ausschließlich deshalb, weil, sie Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft sind. Es handle sich hier nicht um strittige Fragen. Ich bin sorgfältig bemüht, erklärte Lord Reading, nur das wiederzugeben, .was die deutsche Regierung f ormell angekündigt hat. Ich sehe durchaus ein, daß die Regierung Seiner Majestät sich bei der Behandlung dieser Angelegenheit in einer höchst schwierigen Situation befindet. Aber ich glaube, daß sie zumindest die in ihrer Macht liegenden legitimen Möglichkeiten ausnutzen kann — und ich schlage hier respektvoll vor, dies zu tun — um Deutschland von der öffentlichen Mein ung und von dem Empfinden des englischen Volkes zu unterrichten. Es war mir völlig unmöglich, schloß Lord Reading unter lebhaftem Beifall, als Mitglied dieses Hauses hier zu sitzen in voller Kenntnis dessen, was in Deutschland geschieht, und wissend, daß jüdische Männer und Frauen zurückgesetzt werden, nur weil sie Juden sind, ohne meiner Meinung als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft Ausdruck zu geben. Der Erzbischof von Canterbury, das geistliche Oberhaupt der englischen Hochkirche, erklärte, er schließe sich den herzergreifenden Ausführungen Lord Readings an. Er vertraue darauf, daß die Regierung erklären werde, daß sie alles mögliche tun werde, um die Sorge der Bevölkerung dieses Landes und insbesondere derjenigen, die aufrichtige Freundschaft für Deutschland hegen, um die deutsche Judenheit zum Ausdruck zu bringen. Als Angehöriger der römisch-katholischen Kirche erklärte Earl of I d d e s 1 e i gh, er schließe sich den Bemerkungen Lord Readings an. Die Katholiken aller Länder empfänden tiefe Sympathie für die Opfer der Bewegung in Deutschland, die allgemein verurteilt werde. ■— Die Anfrage Lord Cecils wurde von Kriegsminister Lord Hailsham beantwortet. Er erklärte, es sei kein Fall bekanntgeworden, in dem e n g 11s«he Bürger jüdischer Abstammung Veranlassung zu einer Beschwerde über schlechte Behandlung irgend welcher Art in Deutschland gehabt hätten. Die Regierung halte Vorstellungen bei der deutschen Regierung, betreffend die Behandlung deutscher Staatsbürger welcher Abstammung immer, für unangebracht. Auch die Regierung der Vereinigten Staaten habe solche Vorstellungen nicht erhoben. Wohl aber seien der englische und der amerikanische Botschafter in Berlin von ihren Regierungen aufgefordert worden, Untersuchungen anzustellen und über die Lage zu berichten. Es wären Unterredungen mit den Botschaftern in London und Berlin gepflogen worden, deren Ergebnisse beruhigend sind. Man hätte nicht zweckmäßiger und zurückhaltender sprechen können, als wie es Lord Reading bei der Besprechung der Lage seiner jüdischen Brüder in Deutschland getan habe; die von ihm als einem Manne, der mit Autorität sprechen könne, ausgedrückte Besorgnis, müsse eine tiefe Wirkung auf die öffentliche Meinung üben. Aus den Erklärungen des Erzbischofs von Canterbury und Lord Iddesleighs gehe hervor, wie weit verbreitet diese Besorgnis sei. Nunmehr erklärte Lord Reading, er habe nicht beabsichtigt, der Regierung vorzuschlagen, bei der deutschen Regierung zu intervenieren, sondern nur der Meinung Ausdruck gegeben, die Uebermittlung der von der Mehrheit des englischen Volkes in dieser Frage vertretenen Auffassung in einer die Imprimatur der englischen Regierung tragenden Form werde von einer Wirkung sein, die man sich kaum vorstellen könne. Lord Hailsham stimmte dieser Ansicht zu und erklärte, die erst vor kurzem unter höchst bemerkenswerten Umständen zur Macht gekommene Regierung werde, so hoffe und vertraue er, nicht zulassen, daß in Deutschland etwas geschehe, was in der Linie der im Hause zum Ausdruck gebrachten Besorgnisse läge. Von der „Verjudung" der deutschen Gerichte In den nationalsozialistischen Zeitungen wird viel über die Verjudung der deutschen Gerichte gesprochen. Aus Breslau wird hiezu berichtet: Bei der Gegenüberstellung der Anzahl der jüdischen Richter an. den drei Breslauer Gerich t e n (Amtsgericht, Landgericht und Oberlandesgericht) im Jahre 1914 und im Jahre 1933 ergeben sich folgende Zahlen: Das Oberlandesgericht hatte 1914 nur 1 jüdischen Richter und hat jetzt 7 jüdische Richter und 2 getaufte Juden. Beim Landesgericht waren im Jahre 1914 von 42 Richtern 2 Juden und 2 getaufte Juden. Im Jahre 1933 von 68 Richtern 6 Juden und 3 getaufte Juden. Beim Amtsgericht waren im Jahre 1914 von 57 planmäßigen Richtern 6 Juden und 1 getauf ter Jude, im Jahre 1933 von 62 Richtern 5 Juden und 2 getaufte J u d e n. Daraus ergibt sich, daß lediglich beim Oberlandesgericht die Zahl der jüdischen Richter sich gegenüber der Vorkriegszeit vermehrt hat, daß sie dagegen, im Verhältnis zur Gesamtzahl der Richter, die in der Nachkriegszeit erheblich gestiegen ist, konstant geblieben ist. Allerdings gibt es am Landgericht jetzt zwei jüdische Direktoren, darunter einen am Landesarbeitsgericht. Aber hiebei muß berücksichtigt werden, daß die Einrichtung der Arbeitsgerichte überhaupt neu ist und daß ferner jetzt alle Vorsitzenden der Kammern für Handelssachen den Rang eines Landgerichtsdirektors haben, während früher diese Stellen von Landgerichtsräten besetzt waren. Einer der Kammern für Handelssachen hat auch in Vorkriegszeiten schon immer ein Jude vorgesessen. Das Schlagwort von der „Verjudung der Justiz" unter der Republik, mit welcher der Haß gegen die jüdischen Juristen immer wieder angefacht wurde, trifft also für Breslau ganz sicher nicht zu. Die Deutschen in Palästina gegen die Hakenkreuzfahne Wie die „Palestine Post" aus Jerusalem meldet, haben die Vertreter der in Jerusalem lebenden Deutschen ein Telegramm an den Reichspräsidenten Hindenburg abgesandt, in welchem sie den Reichspräsidenten ersuchen, beim deutschen Außenministerium dahinzuwirken, daß die Hakenkreuzfahne vom deutschen Konsulat in Jerusalem entfernt werde, da die Hissung dieser Fahne von den Juden als Provokation aufgefaßt wird. Gleichzeitig geben sie ihrer Freude Ausdruck, daß anstatt der republikanischen die frühere (monarchistische Fahne aufgezogen wurde. Für Ostergerichte das reine Kunerol.. Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Milchspeisen ganz besonders geeignet. Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt - es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt. 100%REINES KOKOSNUSSFETI §fimmung§balder revf§ios Briefe an Wiener Freunde Von den Wiener revisionistischen Chaluzim, die nach Palästina gegangen sind und nun unermüdlich am Aufbau des jüdischen Landes arbeiten, sind an deren Wiener Freunde zahlreiche Briefe eingelangt. Sie enthalten Stimmungsbilder und Betrachtungen, die bisweilen plastischer die Situation zeichnen als Zeitungsberichte und Schilderungen von Fachleuten. Der „Neuen Welt" wurde eine Reihe solcher Briefe zur Einsicht übermittelt. Wir veröffentlichen charakteristische Stellen, die bei aller privat-persönlichen Färbung als objektive Zustandsausschnitte gewertet werden können. Die von Ende März 1933 datierten Briefe stammen aus der Pluga Rechoboth, dem Arbeitslager der Wiener Chaluzim. Vor uns liegt eine Art „Kollektivschrelben", verfaßt von einigen offenherzigen, tüchtigen Wiener Revisionisten. Es lautet mit Hinweglassung alles Unwesentlichen wie folgt: „Rechoboth, 21. März. Liebe Chaweroth und Chawerim! Ich möchte gleich mit dem Wichtigsten beginnen: dem Mangel an Mädels. Das ist heute ein Problem für uns. Wir haben schon in früheren Briefen erwähnt, daß ein Zertifikatbesitzer Mädels zur Wirtschaftsführung mitzubringen hat. Abgesehen von der Verschwendung so kostbarer Zertifikate' ist es doch unser aller Bestreben, möglichst viele Juden nach Erez zu bringen, und jetzt, wo ihr die beste Gelegenheit dazu habt, zeigt sich euer — gelinde gesagt — Maulheldentum, oder ist euch das halbe Pfund zuviel, das hier die Scheidungsgebühr beträgt?, Die Sachlage ist folgende: Wir bekamen von der Leitung der Plugoth des Betar zwei Mädchen ausgeliehen, die uns die Wirtschaft führten (hundsmiserabel nebenbei), aber heute haben sie uns auf höheren Befehl verlassen. Wer soll uns jetzt kochen, waschen, aufräumen nach so schwerer Tagesarbeit? Vergeßt nicht! Wir sind an der Front. Schaut euch die Hände unserer Jungen an, mit Blasen bedeckt, geschwollen, verletzt — wer hat die Nerven, nach der Arbeit sich noch um den Haushalt zu kümmern? Also schickt uns Mädels, die uns die Wirtschaft führen. Eine Plugah kann nicht bestehen, wenn man ins Restaurant essen gehen muß . . , Nun von anderen Dingen. Die letzte Zeit war reich au wichtigen Ereignissen. Vor allem der Sti^sik in Petach Tikwah, der selbst die traurige Popularität des Frumin-Stieiks übertroffen hat. Was ist vorgefallen?, Bei einem Hausbau in Petach Tikwah stellte der Bauherr außer „linken« Arbeitern auch sechs Betarim ein. Darauf ein Streik der Linken und ihre Aufforderung,, die Revisionisten wegzuschicken. Damit der Bau nicht unterbrochen werde, wurde den Arbeitern eine beträchtliche, mehrmals gesteigerte Lohnerhöhung angeboten, aber die Linken verharrten auf ihrem „Weg mit den B r i t n i k e s!" Der Bauherr blieb fest und holte sich noch eine Anzahl revisionistischer Arbeiter aus Tel- Awiw. Die Linken streikten weiter, eine sehr leichte Sache, da sie von der Histadruth 50 Prozent des Lohnes während des Streiks ersetzt fee*