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Die neue Welt · 1933-03-24 · Heft 289 (24.3.1933) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 289 (24.3.1933)
Date
1933-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Kr. 289 DIE NEUE WELT SeiUl KarpathöruBIand und die Umwelt *) ,.T « idatsland im Herzen Europas", Nr. 279 vom |3. Jänner x'J3; „Das Gesicht Karpathorußlands", Nr. 280 vom 20. Jänner 1933. Von A» Rabbin Während sich die ersten Artikel*) mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzten, soll diesmal von den kulturellen Erscheinungen die Rede sein. Die für Juden und Nichtjuden auffälligste Erscheinung im jüdischen Leben Karpathorußlands ist das Vorherrschen des Chassidismus. Einst entstand diese religiöse Volksbewegung in der Bukowina, heute hat sie sich im nahen KarpathöruBIand, wenn auch vom Epigonentum angekränkelt, unverfälschter und unangefochtener als anderwärts erhalten. Hier gibt es keine Misnagdim (antichassidische Orthodoxe) wie besonders in Litauen, keine eigenen Neologen-Gemeinden (Reform- Gemeinden) wie in anderen Teilen des früheren ungarischen Königreiches, keine staatlich anerkannten „modernen" Rabbiner. Das Haupt der Gemeinde in Mukafievo etwa ist kein chassidischer Rebbe nach polnischem Muster, sondern ist Raw, autorisierter Rabbiner den Behörden gegenüber und anerkannt von fast allen Juden, auch von denen, die barhaupt im Kaffeehaus sitzen. Allerdings hatte er im Kriege die Bedeutung des „Beizer" zu spüren bekommen. Da war ein galizischer Rebbe mit tausenden Anhe/ngern nach Mukacevo geflüchtet Ein riesiges Geschäftslokal diente ihnen als Beth-hamidrasch und auch die Einheimischen neigten sich vor der neuen Sonne. Was mit prahlerischen Nekkereden begonnen hatte, ging in Beschimpfungen und Schlägereien über und gipfelte im überreichen Gebrauch von „Cherem" und „Issur" (Bann). Noch vor wenigen Jahren bildeten diese karpathorussischen Kämpfe eine ständige Rubrik in der Tagespresse der Tschechoslowakei. Heute ist der „Beizer" nicht mehr in Mukacevo und seine dort verbliebene Gemeinde gering an Zahl und Bedeutung. Die unbestrittene Macht der karpathorussischen Chassidim-Rabbiner — neben dem in Mukacevo sind der Chuster, Ternover u. a. bekannt — kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie „Enenkel", Epigonen, sind. Nur wenige wohnen aus Neigung oder Neugier dem Kiddusch und Abendessen des Munkacser Raw am Freitagabend oder seinem „Melawe malkah" (Hawdalah zu später Stunde) bei. Und wie die breite Oeffentlichkeit bei diesen Riten fehlt, die wohl intim gedacht, aber für ein großes Publikum aufgemacht sind, so vermeidet auch der jetzige Raw die wenigen Gelegenheiten, die ihm, wie die Predigt am Großen Sabbath (vor Pessach), aus seinem Hof in die Hauptsynagoge bringen sollen. Trotzdem muß die Bezeichnung des Bildes, das das religiöse Leben in Mukacevo bietet, Einigkeit lauten, erzwungene und umkämpfte Einigkeit, aber doch Einigkeit. Diese* karpathische Jerusalem mit seinen zahlreichen Synagogen und Lehrhäusern, die kaum Platz für alle ekstatischen Beter bieten, mit einem Straßenbild, dem die dem westlichen Auge so fremden Kaftane die besondere Note verleihen, überragt heute sogar das judäische in einer Hinsicht an Bedeutung. Nicht mehr Polen oder Litauen, nicht mehr das Burgenland oder Preßburg bilden heute das Reservoir, aus dem man schöpft, wenn von westlichen Einflüssen gänzlich 'unberührte Menschen gebraucht werden. Wenn eine orthodoxe Gemeinde einen Funktionär dieser Art sucht, aber auch wenn der Papst einen jüdischen Bibliothekar anstellen will, dem kein Funke Freigeist nachgesagt werden kann, ja, wenn es um die Besetzung des seit dem Tode von Rabbi Sonnenfeld verwaisten Oberabbinates der „Agudos Issroel"-Gemeinde in Jerusalem geht, dann gibt es nur karpathorussische Kandidaten. Denn an KarpathöruBIand ist ein Jahrhundert so gut wie spurlos vorbeigegangen. Hier fiel die Periode der H a s k a 1 a h, der Aufklärung des jüdischen Ostens, aus, und zwangsassimilatorische Tendenzen, wie zeitweilig im Zarenreich, blieben unbekannt. Man kann über die starre Gesinnung Karpathorußlands denken wie man will, ja man kann sich ausdrücklich gegen die Auswüchse des Chassidismus wenden, und doch wird man wünschen müssen, daß dieses Land und diese Leute vor einer überhasteten Anpassung an die irreligiöse Umwelt bewahrt bleiben. Der Typus des unvermittelt mit allen Traditionen brechenden Oestiers war bis nun noch wenig erfreulich. In KarpathöruBIand, wo es ein auch geistig verkümmertes Proletariat gibt, führt die unvorbereitete Berührung mit dem „freien" Westen nur zu leicht auf eine schiefe Bahn, Leider hat der Kommunismus unter den tristen Wirtschaftsbedangungen kein schweres Spiel. Dennoch triumphiert das natürliche jüdische Bewußtsein. In einem Lande, wo die erste bescheidene zionistische Ortsgruppe (in einem kleinen armen Fleckchen an der galizischen Grenze) erst im Jahre 1918 gegründet wurde, und wo noch heute die jüdischnationale Bewegung kaum Fuß gefaßt hat, bekannten sich neun Zehntel der Judenheit bei der Volkszählung zur jüdischen Nation. Trotz der Feindschaft der chassidischen Rabbinen gegen den Zionismus, trotz aller Einflüsse, die bei den Wahlen in Aktion treten. Denn vor der Tatsache der jüdischen Eigenart in diesem Lande kann kein Deuteln und Drehen bestehen. KarpathöruBIand hat an dem alten Jischuw Palästinas keinen geringen Anteil. Besonders in Safed owics (Hranice) sind die „Marmoroscher" stark vertreten. Die bekannt schönen Frauen dieser Stadt verkörpern einen auch in der Werchowina nicht seltenen Typus. Sogar die Arbeitsfreude der Karpathojuden blieb in der Chalukahatmosphäre erhalten. Ich erinnere mich an einen prächtigen 90jährigen Greis, der bei der Anlage eines Weinberges am Har Kanaan mit der Spitzhaue arbeitete. Der neue Jischuw kennt sowohl als „Bodedim" (einzelne) als auch in den Gruppen, die ein religiöses Leben führen, tüchtige junge karpathorussische Leute. Erwähnt sei, daß sich der ausgewanderte karpathorussische Jude in Amerika oder anderwärts gewöhnlich einen „Ungarischen" oder „Oberungarischen" nennt. Daraus resultiert ein Mangel an Heimatsgefühl, so daß, ungleich den• galizischen' oder litauischen Juden, ein werktätiges Interesse am Ursprungsland bei den Ausgewanderten nicht zu* finden ist. Die Juden hatten hier noch wenig Gelegenheit, den Zionismus kennenzulernen. Der Revisionismus beackerte vielfach als erster das Feid. Er wird auch in diesem „Mandatsland", . wie mein erster Artikel es nannte, gut verstanden. Dazu kommt, daß er der Religion nicht entgegentritt, in seiner Jugendbewegung sogar das religiöse Moment betont, ohne aber, wie der „Misrachi", am rituellen Hader teilzuhaben. So hat hier der Revisionismus gute Aussichten, als wahre Volksbewegung zu wirken. * Nun noch etwas über die Entstehung und Bedeutung des jüdischen Schulwerkes. Die nach dem Krieg gegründeten ruthenischen Schulen litten unter dem Mangel an geeigneten Lehrern. War doch bis dahin die kleinrussische Sprache nur in Ostgalizien im Unterricht gebraucht worden. Da aber auch ukrainische und groß- JUWELIER ÖSTERREICHER hat 8eine Verkaufsräume nach 1 i GRABEN* verlegt Im Lokale Wjop'ingerstraße 29 gelangen Disautweiteies 2urüc<- gesetzie Waren zu RÄUMUNGS PREIS EN, zum Ve kauf nissische Kräfte angestellt wurden, entstand ein Wirrwarr, der so weit ging, daß in den Abteilungen einer Schule verschiedene Unterrichtssprachen verwendet wurden. Dieser bis heute noch nicht gänzlich behobene Zustand war der Entwicklung eines eigenen jüdischen Schulwerkes günstig. Es entstanden zehn jüdische Volksschulen, von denen sich jedoch auf die Dauer nur vier behaupten konnten. Und zwar eine in Muka&evo (4 Klassen, 251 Schüler, 4 Lehrer, ein Drittel des Budgets aus Schulgeldern); eine in Uzhorod (2 Klassen, 96 Schüler, 3 Lehrer, Budget neben Gemeinde- und Staatssubvention mit Schulgeldern gedeckt); SevljuS (1 Klasse, 45 Schüler, 1 Lehrer, 1 Hislfkraft, 8000 bis 10.000 tsch. K. Schulgeld); Torun (1 Klasse, 47 Schüler, 1 Lehrer, sehr arme Gegend, keine Einnahmen an Schulgeld). Zur Förderung dieses Schulwerkes, zu dem auch das Gymnasium in Mukaievo gehört, wurde (von Prof. Engel in Brünn) die Tarbuth- Zentralorganisation gegründet, ähnlich der „Tarbuth" in Polen und anderen Ländern. Diese wirbt Mitglieder und Spender auch im Westen der Republik. Ihre Exekutive befindet sich nun, nachdem sie schon in einigen mährischen Städten zu Hause war, seit kurzem in Prag. Seit einigen Jahren wurden viele tschechische Minderheitsschulen für die Kinder der Beamten gegründet, die auch eine unheimliche Anziehungskraft auf die jüdischen Eltern ausüben. An den 160 tschechischen Schulen sind unter etwas mehr als 17.000 Kindern fast 10.000 jüdische. Die ruthenische Bevölkerung blickt mit scheelen Augen auf diese Neigung der Juden zur Tschechisderung. Aber ^uch die tschechische Lehrerschaft ist nicht sehr erbaut von der Ueberzahl jüdischer Kinder und die tschechischen Politiker waschen ihre Hände in Unschuld: Auch sie wären gegen die Methoden, die seinerzeit die Ungarn angewendet haben und wenn die Juden tschechische Schulen haben wollen, dann sollen sie sich sie bezahlen... So gelangt schließlich auch die Elternschaft zur Erkenntnis der Nachteile der Assimilation und der Wunsch nach eigenen Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache ist überall zu hören. Weder die arme karpathorussisch-jüdische Bevölkerung noch die besser situierte Judenheit im Westen des Staates kann aber ein Schulwerk für zirka 20.000 jüdische Kinder im schulpflichtigen Alter erhalten. Das ist Aufgabe des Staates, der auch die russinischen und tschechischen Schulen erhält. Das bisherige System der Subventionierungen ist unzureichend und unwürdig. Gipfelstürmer Der berühmte Bezwinger der Matterhorn-Nordwand Franz Schmid in dem gewaltigen Geblrgttllm aus der Alpenwelt Oesterreichs, Italiens und Oer Schweiz Musik: Giuseppe Becce HEUTE URAUFFÜHRUNG: Ellte-KIno, I. / Schottenrlng-Kino, l. Flotten-Kino, vi. Ab 31. März auch im Lustspieltheater-Kino, II, Prater ........« i Monopol i Danubla-Fllm» P« Sohatx 111 ■ Das Gymnasium in Mukacevo wurde im Jahre 1924 gegründet. 1926 wurde der Anstalt das Oeffentlichkeitsrecht verliehen. 1932 fand die erste Matura statt. Der Lehrplan ist der eines Reformrealgymnasiums mit folgenden Aenderungen: Unterrichtssprache ist hebräisch, als zweite lebende Sprache wird Tschechisch, als dritte Englisch (statt Französisch), als vierte (in der 7. und 8. Klasse) Deutsch (statt Englisch oder einer slawischen Sprache) gelehrt. Im Schuljahr 1930/31 hatte die Anstalt in damals 7 Klassen 199 Schüler. Die Eltern waren Kaufleute (71), Handwerker (27), Beamte (18), ferner Arbeiter, Hausangestellte, Private usw. 96 Schüler zahlten das volle Schulgeld, 30 waren zum Teil, 73 zur Gänze von seiner Zahlung befreit. Im übrigen ist das Schulgeld in sehr weiten Grenzen abgestuft. Die Stadtgemeinde Mukacevo sowie der Landesausschuß fördern das Gymnasium durch Subventionen. Die Volksschule ist im gleichen Gebäude untergebracht, dessen Stil das Gymnasium in Tel-Awiw nachahmt. Von den 11 ständigen Lehrern sind 8 Juden und drei Nichtjuden. Außerdem wirken noch 4 nichtjüdische Hilfskräfte von fremden Anstalten am Gymnasium. Die ersten Abiturienten gaben als zukünftige Berufe an: 12 Volksschullehrer, 4 Juristen, 3 Aerzte, 3 Chaluzim, 1 Ingenieur, 1 Rabbiner. Deutlich zeigt diese Aufstellung, daß die Absolventen größtenteils im Lande Beschäftigung zu finden glauben, das insbesondere an Jugendbildnern Mangel hat. KarpathöruBIand hat noch viel nachzuholen! Es wird Aufgabe gerade eines gutgeleiteten Schulwerkes sein, diesen Anschluß an den Westen ohne Schädigungen durchzuführen. Das westliche Judentum, besonders der tschechoslowakischen Republik, hat in KarpathöruBIand ein wichtiges Reservoir, sobald im Einzelfall die kulturelle Kluft überbrückt wird. Während es im Jahre 1930 in Böhmen 210 Geburten und 258 Todesfälle bei den Israeliten gab und in Mähren-Schlesien 241 Geburten und 314 Todesfälle, so verzeichnet die Statistik für die Slowakei schon einen bedeutenden Geburtenüberschuß (1099 Geburten, 687 Todesfälle) und für KarpathöruBIand mit 3270 Geburten eine Ziffer, die ein Dreifaches der Todesfälle (1093) und mehr als das Doppelte der Geburten in den anderen Teilen des Staates darstellt, obwohl in KarpathöruBIand noch nicht einmal ein Drittel aller Juden der Tschechoslowakei wohnt. Diese Zahlen sprechen wirklich deutlich und zwingend. Sir Oswald Mosley verbietet in seiner Organisation antijüdische Propaganda London, 16. März. Sir Oswald Mosley, der Führer der englischen faschistischen Partei, erklärte gegenüber dem Londoner Korrespondenten des „Daily Dispatch" in Manchester, antijüdische Propaganda sei absolut nicht Sache einer faschistischen Organisation. Eine oder zwei unbedeutende Vereinigungen Englands hätten antijüdische Propaganda betrieben, aber was seine, Mosleys, Organisation betrifft, so sei in ihren Reihen jede antijüdische Propaganda strengstens verboten. Promotion Pauline Schmerler, Tochter.unseres Gg. Salo Schmerler, Wien IX., Seegasse 12, wurde Mittwoch, den 22; März im großen Festsaale der Wiener Universität zum Doktor beider Rechte promoviert. - E Wein «Einkauf ist Vertrauenssache I Verlangen Sie ausdrücklich: Pfl LOST IN 0 - (JU EINE PROPR, BfiRON ROTHSCHILD 'Die Zusendung von Preislisten erfolgt Ober Wunsch durch den autor. Vertreter für Oesterreich: Gustav Wilder, Wien IV, Rainerg*31 Telephon U»48-4>84 %yx. \ ,* v «» \ J. «) -! V ** \ y VT'en*S

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