Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 287 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. m DIE NEUE WELT AUS DEUTSCHLAND Verfolgung des Centrälvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (G. V.) Aus Berlin wird gemeldet: Am vergangenen Mittwoch nahm eine starke Polizeiabteilung, begleitet von S. A.-Leuten in Uniform, eine Durchsuchung der Büros des C. V. vor. Mehrere Herren wurden auf die Polizeistation geführt und einem mehrstündigen Verhör unterworfen. Großes Material an Schriften, Zeitungen, Briefen wurde beschlagnahmt. Die Regierung von Thüringen hat alle Ortsgruppen des C. V. aufgelöst und jede Tätigkeit des C. V. im Lande, als gegen die Sicherheit des Staates gerichtet, untersagt. In Erfurt sowie in Essen und in Dortmund sind Haussuchungen in den dortigen C.-V.-Büros durchgeführt worden. Man hat das C.-V.-Material, Kampfschriften gegen den Antisemitismus und Schriften über positive Arbeit für Deutschland und Judentum, beschlagnahmt. Polizei in der Teestube des Verbandes der Ostjuden Am Dienstag erschien Polizei überraschend in der vom Verband der Ostjuden unterhaltenen „Jüdischen Teestube" in der Rosenthalerstraße 55 und nahm sämtliche Anwesenden, über 20 Personen, fest. Die Festgenommenen wurden auf Lastwagen zum Polizeirevier gebracht. Beim Kartell jüdischer Verbindungen Im Lokal des Kartells jüdischer Verbindungen in der Bleibtreustraße erschienen am 3. März, Uhr »\achts, etwa 20 Beamte der Kriminalpolizei unter der Führung eines Oberleutnants, um eine Haussuchung vorzunehmen. Nachdem die Untersuchung keinerlei Anhaltspunkte für irgendeine politische Tätigkeit des K. j. V. ergeben hatte, verließen die Beamten um 12 Uhr das Lokal. Die polnisch-jüdischen Staatsbürger in Deutschland Die Polnische Telegraphen-Agentur (P. A. T.) teilt aus Leipzig mit: Der polnische Konsul in Leipzig hat am 24. Februar im Zusammenhang mit den fortwährenden antisemitischen Umtrieben eine Abordnung polnischer Juden aus Dresden empfangen. Die Abordnung informierte den Konsul über die wirkliche Lage der polnischen Juden in Sachsen. — Die Jüdische Telegraphen-Agentur verbreitet eine Unterredung mit einem angesehenen polnisch-jüdischen Kaufmarin aus Leipzig, der zwar die freundlichen Beziehungen des polnischen Konsulats in Leipzig zu den Juden dankbar anerkennt, aber darauf hinweist, daß in Sachsen wie in Thüringen zahlreiche polnische Juden wegen ungeklärter Paß- und Staatszugehörigkeitsverhältnisse1 zu leiden haben, woran die "polnischen Behörden nicht unschuldig sind. So z. B. muß jeder in Deutschland lebende polnische Jude alljährlich beim Konsulat seinen Paßerneuern und p r o S e e 1 e 4 5 Zloty Gebühren zahlen. Für ärmere und köpf reiche Familien macht es eine so große Summe aus, daß manche Familie aus Not auf die Erneuerung des Passes verzichten muß und gegenüber den deutschen Behörden in eine schiefe Lage gerät. Die Ni'chterneuerung des Passes hat bei den heute herrschenden antisemitischen Stimmungen in Deutschlandoft eine Ausweisung zur Folge,- unbeschadet dessen, daß die betroffenen Familien seit Jahrzehnten- -in Deutschland wohnen. -Dazu kommt, daß mindestens 2000 polnisch-jüdische Familien in Sachsen und Thüringen bei der Polizei als „S t a a t e n 1 o s e" registriert sind, obwohl'sie'ein volles Recht auf die Bürgerschaft der polnischen Republik haben und sich um die Erlangung dieser Bürgerschaft ununterbrochen bemühen. Würde die polnische Regierung dieser berechtigten Forderung nachkommen, so würde die Lage dieser jüdischen Familien eine gewisse- Stabilität erlangen, und sie würden nicht schützlos dastehen; :. ■ Ein jüdischer Toter in Berlin Aus-Berlin wird gemeldet: An der Ecke der Schiller- und ' Grolmannstraße in Berlin-Charlottenburg wurde der 26jährige Günther Fal-kenstein, ein Jude, Sohn des Zahnarztes Louis Falkenstein aus der Kaiserin- Augusta-Allee 85 -in Charlottenburg, von einem vorbeikommenden Chauffeur in einer Blutlache liegend,' bewußtlos:aufgefüriden. Man brachte ihn sofort ins Westend- Krankenhaus,: wo die Aerzte nur noch den Tod feststellen konnten. Ein Messerstich hatte ihm die Halsschlagader durchschnitten. Die Mordkommission der Politischen Polizei, nahm die Ermittlungen auf. Unter dem Verdacht der Beteiligung an der Bluttat sind zwei Charlottenburger Arbeiter, Hans Baumann' und Adolf P r e u ß, festgenommen worden. Wie dem J. T. A.-Vertreter aus dem Elternhause des Ermordeten versichert wirdbat sich dieser niem a 1 s p o 1 i t i s c h b e t ä ti g't. Politische Motive gönnen also für den Mord nicht in Betracht kommen,; vielleicht aberantisemitische Motive. - Darüber wird erst die Untersuchung Klarheit schaffen können. III die weltberühmte, jüdisch - amerikanische Soubrette, gastiert ab Freitag, 1.0. März, in den Die Ritualmordlegende in Sachsen , Die „Dresdner Volkszeitung" reproduziert den Inhalt des von einer anonymen „Nationalen Fra.uenliga" durch die Post verbreiteten Flugblattes, mit dem Aufruf an die deutschen Frauen und Mädchen, in dem in aufreizender Weise von jüdischem Ritualmord die Rede ist, und teilt mit, daß sich mitten im Text Mirjam Koralowa Judischen Küti§tlerspielen, ii,Praicrstr<34, Tel* r 40-0-9* in „NEGER MAE DEL" das Bild eines feisten Juden befindet, der in der rechten Hand ein bluttriefendes Schlächtermesser hat, an dessen Halskette sich der Zionsstern mit hebräischen Schriftzeichen befindet und vor dem ein nacktes Mädchen kniet. Von einem Eingreifen der Behörden gegen diese Verhetzung ist nichts bekannt. * Nach weiterer Mitteilung sächsischer Blätter erhielten in Dresden die Einwohner durch die Post ein weiteres Wahlflugblatt zugestellt, das folgenden Inhalt . hatte: „Deutsche Frau, deutsches Mädchen! Im März 1932 schächteten die jüdischen Reichsbanner- und S. P. D. - Mitglieder Kurt Meyer jun. und Moritz Meyer sen. in Paderborn die 22jährige Deutsche Martha . Kaspar, nachdem diese beiden Vampire sie vordem gebraucht hatten. Das Blut der Martha Kaspar wurde zu jüdischen Ritual zw ecken benützt, die Einge- - weide warf man Schweinen zum Fräße vor . . . Ein kleiner Vorgeschmack von der jüdischen Erfindung, genannt .Bolschewismus'. Nationale Frauenliga." Berliner Nachrichten. In einer Versammlung der Gruppe „Zentrum" der Revisionisten sprach der Naziv des Betar Deutschland, Paul Peiwel, über das Thema „Freie Einwanderung nach Palästin a". In Anbetracht der durch die politischen Verhältnisse hervorgerufenen nervösen Stimmung unter den Juden war der Besuch der Versammlung, 200 Anwesende, als glänzend zu erachten. Der Referent forderte, von England die Aufhebung der Einwanderungssperre, die weder durch wirtschaftliche Rücksichten in Palästina noch' durch die Lage der Juden in der Diaspora und jetzt auch insbesondere in Deutschland, Berechtigung finde. Große Teile der. Juden streben jetzt nach Erez Jisrael, aber durch die vielen Beschränkungen und Bedingungen wollen die Antizionisten aller Fronten den jüdischen Bestrebungen Fesseln anlegen. Wir müssen aber wissen, daß zu dem Aufbau eines Landes auch Opfer gehören, Opfer an Gut und Blut, und daß nur derjenige ein Land besitzen wird, der. es mitzuerobern geholfen hat. Dieser Wille, zu opfern, darf uns aber nicht das politische Ziel eines f ü r die Erschaffung des Judenstaates geschaffenen Kolonisationsregimes verdunkeln. Wir fordern Aufhebung aller Beschränkungen zur Verhinderung einer starken Immigration und sprechen'all jenen das Mißtrauen aus, die diese Forderung nicht zu einer öffentlichen Forderung des jüdischen Volkes erheben. — Das beste Zeichen für das Gelingen dieser, auch in seinen umrahmenden Vorführungen ausgezeichneten Veranstaltung ist, daß sich 25 Personen neu der Berliner revisionistischen Ortsgruppe angemeldet hüben. Der .Vortragsabend der Gruppe ,,,West" stand im. Zeichen des Versammlüngsverbots. Herr Alex Reite r' sprach ",,Z ti r L ä g,e d e r J u d e n i n D e u t s c h 1 a n d". Max Nordau sprach einmal unterschiedlich von der seelischen und materiellen Judennot in-den einzelnen Staaten Mittel- und Osteuropas. Heute, zehn Jahre nach seinem Tode, ist die Situation überall ausgeglichen. In Deutschland sucht äußere und innere Not ihre Ventile' und bewirkt eine allmähliche Ausschaltung der Juden aus dem gesamten Wirtschaftsleben. Für. die nächsten zwanzig Jahre sieht der Redner in keinem Beruf irgend welchen Raum tiXy jüdische Arbelt. Amerika, einst das, Ziel aller Arbeitsuchenden, kommt bekanntlich heute nicht mehr in Frage,. es bleibt nur Palästina. Aeußerlicih gänzlich unvorbereitet auf Uebersiedlung. großer Massen im Sinne Herzls, fehlen alle Einrichtungen materieller Art, um diese durchzuführen. D|e Judenheit in Deutschland ist zu sehr zerrissen, um hier Abhilfe schaffen zu können. So bleibt die Lage der Juden in Deutschland trostlos. Wir Revisionisten, die wir diese kritische Situation voraussahen, sind, leider im Augenblick in Deutschland als Partei nicht stark genug, um helfend einzugreifen. Deshalb müssenwir trotzdem unsere Kleinarbeit weiter fbrtsetzen; besonders in die Massen d e r , N i c h t z i o n i s t e n dringen, und in intensivster Werbetätigkeit das Gros der Juden davon überzeugen, daß nur unser Weg zum Ziele führen kann. Frankfurt a. M. -Von der internen Arbeit ist eine vollgelungene Chanuka- Feier zu erwähnen sowie ein Winterlager mit wehrsportlichen Hebungen. Für die Umrahmung der Parteiveranstaltungen hat die ,,Revisionistische Jugendgruppe Herzliah" einen Chor gebildet, -der zum ersten Male bei einer Max-Nordau-Feier mitwirkte und reichen Beifall erntete. Ferner hat die „Herzliah" zyr 'Unterstützung der Propaganda-Arbeit in Frankfurt a. M. eine -Theatergruppe gebildet. Tendenziöse Bericht* eßfattung Sonderbare Vorbereitungsarbeit für den 18. Zionistenkongreß — Die „Schlacht" in Munkäcs .....Die Zionisten-Sozialisten (Poale-Zion) und die mit ihnen verbündete Gruppe A der allgemeinen Zionisteu haben den Kampf um den kommenden Zionistenkongreß begonnen. Sie konzentrieren ihre Arbeit auf die Bekämpfung der Zionisten-Revisionisten, in welchen sie das einzige Hindernis für die Wiedereinsetzung des Weizmann-Regimes erblicken. Das ist gewiß ihr gutes Recht. Aber bedenklich ist die A r t, wie der Kampf geführt wird. Sie besteht darin, die Revisionisten in aufreizender Weise zu beschimpfen und dann — wenn die Revisionisten reagieren — in der offiziellen zionistischen Presse Berichte über „revisionistische Gewalt- und Schandtaten" zu bringen. So wußte man vor einiger Zelt zu melden, daß Revisionisten in Paris eine zionistische Versammlung gestört hätten. Aber man verschwieg den Umstand, daß der Referent des Abends, der Warschauer - Abg. J. Grünbaum, die Zionisten-Revisionisten mit. der Bezeichnung. „meschuggene Schweine und Banditen" beehrt hatte. Dann kamen Berichte Uber Sprengung einer zionistischen Massenversammlung in Warschau durch Revisionisten. Man unterließ es aber, den unmittelbaren Anlaß der Störung bekanntzugeben. Der palästinensische Arbeiterführer und Hauptredner der Warschauer Versammlung Ben Gurion hatte Vladimir Jabotinsky, den Gründer der jüdischen Legion und Führer der Zlonisten-Revisionisteii, in unqualifizierbarer Weise bsechimpft, Ben Gurion sagte: „Für Jabotin sky ist eine Kugel zu gut. Mit der Hundspeitsche muß man ihn behandeln!" Daß die Warschauer Revisionisten Herrn Ben Gurion keinen freundlichen Empfang bereiteten, ist bei solchen Voraussetzungen gewiß nicht unbegreiflich. Daß es wiederholt zu Zwischenfällen bei Versammlungen des Arbeiterführers und Mitgliedes der zionistischen Exekutive Bcrl Locker kam, ist auch nicht verwunderlich, da Herr Locker mit Vorliebe die Revisionisten als „Jüdische Half enkrcuzlcr u n d Hitler iste n" anspricht. In Wien hat er sich das auch vor christlichen Genossen geleistet. Und jetzt melden wieder die Berliner „Jtid. Rundschau", die Prager „Selbstwehr" und gesinnungsverwandte Blätter von „Greueltaten" der Revisionisten in der tschechoslowakischen Stadt Munkäcs, dem Hauptorte des Bezirkes Karpathorußland. Auch dort wurde eine zionistisch-sozialistische Versammlung gestört. Die „Neue Welt" erhielt aus Munkäcs folgenden Bericht: Unter dem Vorsitze des Direktors des hebräischen Gymnasiums in Munkäcs Dr. Kugel fand im Dezember eine Versammlung der „Liga für das arbeitende Palästina" statt. Hauptredner war Herr Ben Aharo n, einer der von der palästinensischen Arbeitergewerkschaft „Histadruth" zur Bekämpfung des Revisionismus nach der Tschechoslowakei gesandten Beamten. Er wurde ruhig angehört. Ein Sturm aber brach los, als er behauptete, daß die palästinensischen Revisionisten die blutigen Pogrome im Jahre 1 9 29 durch ihr Verhalten verursacht hätten! Die anwesenden Revisionisten forderten vom Vorsitzende/Ii Genugtuung und vom Redner Zurückziehung dieser niederträchtigen Verleumdung. Als der Vorsitzende Herr Schuldirektor ein Einschreiteil ablehnte, kam es zu Lärmszenen und Auflösung der Versammlung durch die Polizei. Im Februar fand eine Wiederholung der mißlungenen Dezemberversammlung statt. Wieder unter dem Vorsitze des Schuldirektörs Dr. Kugel. Wieder war, neben anderen Referenten, der Provokateur Ben Ahar o n als Redner angesetzt. Es sprachen Lehrer des hebräischen Gymnasiums. Sie wurden ruhig angehört. Ebenso der Beamte der „Histadruth" RosenzAveig, welcher den nach Erez Israel gehenden jüdischen Mittelstand herabsetzte und als „schädliches Element" beschimpfte. Als dann Herr Ben Aharon die Tribüne bestieg, forderte ein Munkäcser Bürger vom Vorsitzenden, er möge Ben Aharon zur Zurücknahme seiner Verleumdung veranlassen. Schuldirektor Dr. Kugel lehnte das ab und verlangte von den anwesenden Polizeibeamten die Entfernung des Interpellanten. Als die Polizei dies ablehnte, stürzte sich eine mit Schlagringen bewaffnete, vom Lehrer des hebräischen Gymnasiums I z a k o w i c z befehligte Gruppe von Gymnasiasten und Chaluzim auf die anwesenden Zionisten-Revisionisten. Diese setzten sich natürlich zur Wehr und die Polizei löste die Versammlung auf. Auf der Straße kam es noch zu Zwischenfällen. In der Stadt herrscht Erregung darüber, daß das vom jüdischen Mittelstande erhaltene hebräische Gymnasium seine Schüler klassenkämpferisch und zur Verachtung jüdischer Volksgenossen, die nicht auf Marx schwören, erzieht. Dies ist der Tatbestand. Daraus wird eine „Greueltat" der Revisionisten von Munkäcs fabriziert. Es ist klar, daß diese Methode nicht zur Verständigung, sondern nur zur Verhetzung im Zionismus führen kann. Die. genannten Zeitungen erweisen durch ihre tendenziöse Berichterstattung dem Zionismus den schlechtesten Dienst. Aus Litauen Die in Kowno erscheinende jiddische Tageszeitung zionistischer Richtung „Jiddische Stimme" erhebt scharfe Anklagen gegen gewisse staatliche und gesellschaftliche Kreise, die sich fortgesetzt und mit Erfolg bemühen, die Juden in Litauen aus ihren wirtschaftlichen Positionen hinauszustoßen, Die Zeitung fordert die Judenheit Litauens zu einem Zusammenschluß zwecks wirtschaftlichen und politischen Selbstschutzes auf. Obwohl, so schreibt die Zeitung, die jüdische Bevölkerung Litauens unter der herrschenden Wirtschaftskrise nicht weniger zu leiden hat als die nichtjüdische, geht man zum Angriff auf die jüdische Position über, wälzt immer schwerere Steuerlasten auf die jüdischen Berufe und duldet eine stets wachsende Pressehetze gegen die Juden. Ohne viel äußeres Aufsehen, aber um so hartnäckiger werden die Juden aus der Wirtschaft und aus den intellektuellen Berufen hinausgedrängt. Die „Ydische Stime" fordert die Judenheit Litauens auf, sich unter der Führung ihrer Intellektuellen zusammenzuschließen, um gegen die wirtschaftliche Benachteiligung anzukämpfen und die zugrunde gehenden jüdischen Handwerker, Kaufleute und Ladenbesitzer zu stutzen. \