Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 287 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711899-2711909--3601-2716994- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 28t Völkerbunde vertretenen Mächte verwaltet wird. Es würde also, so meint der Minister, gegen das Mandat verstoßen, wenn man Palästina zollpolitisch so behandeln würde wie ein englisches Land. Diese strenge Auffassung Von den Pflichten des Palästina-Mandats, welche Palästinas zum Nachteil gereicht, wird aber von der englischen Regierung nicht ein* gehalten, wenn es sich um einen Vorteil Englands handelt. Ein Beispiel: Die britische Palästina-Regierung bezieht'alle für öffentliche Arbeiten in Palästina erforderlichen Materialien und Maschinen ans England. Die Industrien nnd Handelsfirmen anderer Völkerbundmächte werden zu Lieferungen für die Palästina-Regierung nicht zugelassen, obzwar doch England nur Beauftragter dieser Mächte ist. Wie verträgt sich das mit der vom Kolonienminister vertretenen strengen Auffassung von der Mandatspflicht? In Wirklichkeit liegen die Dinge heute so, daß man gerne judisches Steuergeld nach England, aber kein englisches Geld nach Palästina strömen läßt. Politische Doppelmoral. Die Meldung über die ablehnende Antwort des Kolonienministers datiert vom 2. März. Am gleichen Tage fand in London ein Diner zu Ehren der FreundePalästinas statt. Dort erklärte der Vertreter der englischen Regierung, Landwirtschaftsminister Elliot, daß „eine ständige Zusammenarbeit von Engländern und Juden" im Interesse der Entwicklung der Landwirtschaft Im Jüdischen Nationalheim und der „Prosperität" Palästinas unbedingt notwendig sei. Wie reimt sich diese Ministerrede beim Diner zur Ministerrede im Parlament? Es lebe die jüdische Landwirtschaft In Palästina! Aber ihre Produkte dürfen nicht nach England! Politische Doppelmoral. Ein zionistisches Bollwerk in Tunis »en Lesern der „Neuen Welt" ist der Name HLe Revell Juif" (Der jüdische Weckruf) nicht unbekannt Wir hatten schon mehreremals Gelegenheit, auf dieses in Tunis erscheinende zionistische Wochenblatt und auf seinen mutigen Herausgeber Felix Allouche Anzuweisen: als die Schützer und Verteidiger jüdischen Rechts und zionistischen Wirkens in der französischen, hauptsächlich von Arabern bewohnten Kolonie Tunis. Unvergessen bleibt die aufopfernde Haltung Felix AUouches in den Tagen der blutigen Ueberfälle fanatisierter Araber gegen die Juden von Sf^Lx; unvergessen sein Eintreten für den Pariser Dr. Halpern, der in Tunis die Keren-Hajessod-Kampagne durchführen sollte; unvergessen seine Bemühungen beim tunesischen Gouverneur, das Einreiseverbot für Vladimir Jabotinsky rückgängig zu machen. Die zionistische Propaganda des „Reveil Juif" im entlegenen Tunis, die Abwehr antisemitischer Attacken In diesem arabischen Winkel, die großen Leistungen des Herausgebers Felix Allouche für das jüdische Auf bau werk in Palästina sollen nun aufhören. Das Erscheinen des „Reveil Juif" ist in Frage,, gestellt. Das Blatt läßt einen letzten Appell an seine Freunde und Leser erscheinen und fordert zu einer Subskription auf. Soll dieses zionistische Bollwerk an der Nordküste Afrikas preisgegeben werden? Wir wissen, daß das zionistische Budget keine unvorhergesehene Belastung verträgt. Wir wissen aber auch, daß verhältnismäßig große Summen zur Erhaltung der offiziellen zionistischen Presse ausgegeben werden. Herr Berl Locker, der Referent filr Organisation und Propaganda,. würde gut daran tun, sein Auge von Ehrengerichtsprozessen weg und notleidenden , exponierten Organisationen zuzuwenden. Oder nehmen er und seine Kollegen in der Exekutive Anstoß an der „Richtung" des „Reveü Juif", der dem Revisionismus Gerechtigkeit widerfahren läßt? Araber und Juden Ein neuer Vorstoß gegen die Juden Aus Jerusalem wird gemeldet: Eine Abordnung der von der arabischen Exekutive einberufenen Konferenz zur Bekämpfung des jüdischen Einflusses, an der 60 Delegierte aus ganz Palästina teilnahmen, erschien beim High Commissioner General Sir Arthur Wauchope, um ihm die Entschließungen der Konferenz zu überreichen, in denen das Verbot weiterer jüdischer Einwanderung und des Verkaufs von Boden an Juden ausgesprochen wird. Ursprünglich hatte die Arabische Exekutive beabsichtigt, alle Konferenzteilnehmer vor dem Regierungspalais aufmarschieren zu lassen, aber wegen den herrschenden Meinungsverschiedenheiten über die Frage des Bodenverkaufs an Juden kam diese Demonstration nicht zustande. Die Konferenz beauftragte die Exekutive, die Palästina-Regierung im Wege einer Klage bei dem Obersten Gericht dazu zu bringen, ein Gesetz Uber Verbot des Bodenverkaufs an Juden zu erlassen. Der Empfang, den der High Commissioner General Sir Arthur Wauchope der Abordnung der arabischen Konferenz bereitet und die Antwort, die er ihr erteilt hat, wirkten auf die Konferenz bestUrzend» Der. High Commissioner hat der Abordnung folgendes gesagt: „Was ihr grollt, ist eine Unmöglichkeit. Wir haben nicht die Macht, den Juden den Kauf von Böden zu verbieten; auch ist die Regierung nicht willens, das Land gegen jüdische Einwanderung abzuschließen, So lange eine Nächfrage näeh Arbeitshänden besteht.4* Die Mitglieder der Abordnung wiesen auf den Shaw-Bericht und den Simpson- Bericht hin, in denen davon die Rede ist, daß Araber durch jüdischen Bodenkauf depossediert, worden sind. Darauf erwiderte der High Commissioner: „Die Regierung ist bestrebt, das Problem der landlosen Araber zu lösen, aber das bedeutet noch lange nicht, daß man die Juden vom Bodenkauf ausschließen soll." Als die Abordnung von ihrem Besuch beim High Commissioner in die Konferenz zurückkehrte und Uber den Verlauf der Unterredung Bericht erstattete, herrschte unter den Konferenzteilnehmern tiefe Bestürzung und Empörung. Der vorher bereits gefaßte Beschluß, für den ß. März den Generalstreik zu proklamieren, wurde zurückgezogen mit der Begründung, daß die Lage jetzt eine solche geworden sei, daß ein bloßer Demonstrationsstreik ihr nicht mehr gerecht werde. Es wurde, nach dem Beispiel der nationalen Bewegung in Indien, eine Non¬ Cooperation mit der Regierung sowie Boykott aller gesellschaftlichen Veranstaltungen der Regierung beschlossen. Ferner wurde beschlossen, für den 26. März eine große arabische Konferenz einzuberufen, die das Programm der Non-Cooperation ausarbeiten soll. Was besagt der Non-Cooperatlon-Beschluß der arabischen Konferenz? Aus J e ru s a 1 e m: Die arabische Presse Palästinas kommentiert den von der soeben geschlossenen arabischen Konferenz gefaßten Beschluß einer' Nichtzusam- Die „Neue Welt" setzt heute den in der letzten Nummer begonnenen Abdruck .einer Reihe von Aufsätzen fort, die sich mit dem bisriun so sehr vernachlässigten arabischen Problem beschäftigen; Es ist das erstemal, daß von zioniJ stischer Seite der arabischen Frage, die ihr gebührende Aufmerksamkeit publizistisch zuteil wird. Der in Paris lebende Autor J. Ben'ari, ein genauer Kenner des Nahen Ostens, gediegenez Wissenschaftler und anerkannter Fachmann,- hat seine Studien über die arabische Frage der „N euen Welt".,zum alleinigen Abdruck überlassen. n. Auf die Beispiele der polltischen Vereinigungen Deutschlands und Italiens;;^'''':--XIX.r Jahrhundert, hin,-! weisend,, könnte man annehmen, daß in der Zukunft aucheine allarabische Vereinigung möglich wäre. Ich glaube beweisen zu können, daß Analogien zwischen Deutschland und Italien einerseits und „Arabien" andererseits unmöglich sind. Um das Deutsohe Reich zu bilden und die verschiedenen Staaten zu vereinigen, mußte Deutschland eine Sturm- und Drängperiode durchmachen, eine homogene Intelligenz mit den gleichen kulturellen und nationalen Strebungen schaffen. Für ganz Deutschland müßten die gleichen politischen und ökonomischen Interessen gelten. Das alles genügte noch nicht. Dazu bedurfte es noch der Existenz des preußischen Königreichs, als großer und mächtiger politischer Einheit und weiter des „Eisernen Kanzlers" und des siegreichen Krieges' mit Frankreich. Zur Vereinigung Italiens bedurfte es zuerst der Werke Dantes, damit eine einheitliche Sprache vorhanden sei. Ferner der Tradition und des Prestiges der Dynastie Savoyen, dann der klugen Politik Cavours, der es verstand, die internationale Konjunktur auszunützen. Man benötigte - Garibaldis „Tausend" und nicht zuletzt das vereinigte Wollen der, Volksintelligenz, was der Russe Mlljukoff ,~,Seele und Gedächtnis des Volkes" nennt. i Wenn man die arabische Wirklichkeit aus der Nähe besieht, findet man unter den arabischen Völkern keines, das die Rolle Preußens spielen könnte. Ferner fehlt eine große politische Einheit. Wir werden unter den Scheichs und Anwärtern keine Dynastie finden, die die, Autorität und das Prestige der Dynastie Savoyen besäße. Es bleibt also nur eine Möglichkeit, eine Volksintelligenz zu schaffen, welche ein Vereinigungsfaktor sein könnte. Um diese Frage zu behandeln, müssen wir das Schulwesen und die . Volkszählung im arabischen Orient betrachten. . In erster Linie müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf den Zusammenstoß. zwischen den europäischen Interessen in den Orientländern richten. Die europäischen Großmächte verbreiten, ihren-Einfluß, und ihre Sprachen als Mittel zur Eroberung der politischen und ökonomischen Märkte. So hat Frankreich In den Ländern : def Orients, hauptsächlich durch dte verschiedenen Kon- , gregatJonen, 501 Volksschulen, England In Syrien 100 Schulen, mit 7000 Schülern, Deutschland 82, die Vereinigten Staaten 84^ Dänemark 9 Italien 18, usw. Im Budget der Interessierten Länder figurieren die Aosgabe^|fur diese Schulen. Selbstverständlich aber er- ' halten diese Kongregationen JUhre Gelder nicht nur aus offiziellen Quellen. Außer diesen balbgffiziellen Schulen, welch©. ihre Erziehung 88.801 Indern angedeiben, lassen, gibt es in Syrien P r 1 v a t s c h u 1! e n. i welche 81.000. Schüler unterrichten. Diese prlvfttschulen werden von unabhängigen religiösen Orden und Missionen unterstützt. So bestehen ^»♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦« ♦♦<»»»»♦♦»»»»»>»♦»»»»♦♦»♦♦♦.......MMI ■i > "■ Union der Zionisten-Reviaionisten Ortsgruppe in Bratislava Wir gratulieren herzlichst unserem Vorsitzen- : den und langjährigem ergebenem Mitarbeiter <> :: Dr. Julius Schwarz <l anlaßlich seiner Vermählung <> < > *<♦♦♦»♦♦».....»»♦♦»♦>♦.....»............................* menarbeit mit der Regierung dahin, daß unter Non¬ Cooperation die Weigerung, Steuern zu zahlen, und der Boykott englischer Waren zu verstehen ist. Dieser Beschluß, erklärt die arabische Presse weiter, bedeutet einen Wendepunkt in den Beziehungen der arabischen Welt zu England. Hier verlautet, daß die Londoner Pro-Moslem- Organisation „National Political League" hinter der Non-Cooperation-Bewegung steht. Dem High Commissioner sind viele Telegramme von arabischen Organisationen zugegangen, in denen gegen seine der Abordnung der Konferenz auf deren Forderung nach Verbot jüdischer Einwanderung und Verbot des Bodenkaufs durch Juden erteilte Antwort protestiert wird. Die arabische Exekutive.Palästinas veröffentlicht eine Erklärung, in der jedem. Araber, der Boden an Juden verkauft, mit der Ausstoßung aus der, arabischen Gemeinschaft gedroht wird, so daß weder er noch ein Mitglied seiner Familie auf einem moslemitischen Friedhof beerdigt -werden würde. auf dem Boden von Syrien, Irak und Palästina 25 solcher Orden, Missionen und Kongregationen, die den Schülern die christliche Lehre einpflanzen. So besitzen die griechisch-katholischen Missionäre 23 Prozent der Privatschulen (in sechs Sprachen), die Maroniten 27 Prozent (in fünf Sprachen), die Orthodoxen 12 Prozent, die gregorianische Kirche 10 Prozent usw. In Syrien existieren 27 Gymnasien, davon 14 offizielle, in denen arabisch und französisch gelehrt wird, und 18 private mit der Unterweisung In der Sprache des interessierten Landes: Deutsch, Italienisch, Englisch, Holländisch usw. In Syrien, gibt es eine.^ , d'Ägriculture", die im Schuljahre ,1981/82 86 Schüler zählte, eine „Ecole de Droit" mit 30 Studenten, und eine „Ecole de Medeclne" mit 141 Studenten. Die St. Josefs- Universität zählte im Schuljahr 1930/81 401 Studenten, davon 42 Prozent Juden. Die amerikanische Universität besuchten 593 Studenten, davon 53 Prozent /Juden. Man muß bemerken, daß die Unterrichtssprache in den Volksschulen außer in der Landessprache auch noch in der Sprache der interessierten europäischen Länder bestent. Noch komplizierter steht die Schulfrage im Irak. Hier finden wir außer denselben Erscheinungen und in denselben Proportionen wie in Syrien den englischen Einfuß an Stelle den französischen, auch den türkischen Einfluß an Stelle des. französischen, auch den türkischen kommen 14.000 Kinder ihre Erziehung in der arabischen und in einer europäischen Sprache. In derselben Zeit aber lernen in 800 Schulen 15.000 Kinder Lesen, Schreiben und Denken — in der türkischen Sprache. Es existieren hier 4 Gymnasien, 2 arabische mit 84 Schülern und 2 türkische mit 181 Schülern. Im ganzen Irak findet man kelne ei.nzige Hochschule. Wenn bei diesem Stande der Volksbildung und des Schulwesens die Schüler ihre Erziehung in verschiedenen Sprachen und religiösen Einflüssen bekommen, dann kann man wohl als sicher annehmen, daß die Bildung einer homogenen Volksintelligenz, welche ein Verr elnigungsfaktor sein soll, u n m ö g 1 i c h ist. Man muß unterstreichen, daß, je mehr die Kaufkraft dieser Orientländer steigt, sich um so mehr auch das Schulwesen der europäischen Staaten verbreiten wird. Ais Beispiel dient Deutschland, welches im Jahre 1919 in Syrien 9 Schulen besaß, und heute deren 82 besitzt. Also weder die statistischen Analysen der arabischen Völker noch die zentrallstlschen und die dezentra- ' listischen Strebungen noch Schulwesen und Volkserziehung erlauben uns, an die Möglichkeit einer arabischen Vereinigung und Bildung einer staatlich-politischen Einheit zu glauben. Angesichts dieser Tatsachen schätzen die europäischen Mächte die Möglichkeit der Entstehung eines großarabischen Reiches sehr, sehr gering ein. Sie benutzen den „Panarablsmus" hie nnd da im diplomatischen Spiele — aber nur als Spielmarke. Anders In der offiziellen zionistischen Organisation. Hier herrscht Angst vor dem Panarablsmus,'man glaubt an ein arabisches Großreich, welches das „kleine Palästina" verschlingen wird. Und aus dieser Angst heraus will man den Arabern immer größere Zugeständnisse und den Zionismus immer kleiner machen. Eine falsche Politik, ' dadurch verursacht, daß die zionistische Leitung In Unkenntnis der arabischen Frage ist. (Weitere Artikel folgen.) Die arabische Frage (NACHDRUCK VERBOTEN) Von I. Beii«irf (Paris)