Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1933-03-10 · Heft 287 (10.3.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 287 (10.3.1933)
Date
1933-03-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711899-2711909--3600-2716993
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 287 DIB NEUE WEIT Settel Die Hakenkreuzler und Professor Weizmann Lfigenmeldungen über eine Rede Weixmanns Das Hauptorgan der deutschen Nationalsozialisten „Der Völkische Beobachter" bringt unter dem Titel: „Chaim Wcizmann und ,D a i 1 y Herald' hetzen. Freche Lügen über angebliche Pogrome in Deutschland" folgenden Bericht aus London: „Der marxistische „Daily Herald" hat sich mm Sprachrohr der Propaganda gegen die Nationalsozialisten gemacht, indem er eine große, angeblich aus hoher Stelle stammende — aber selbstverständlich frei erfundene — Sensationsmeldung über einen bevorstehenden Judenpogrom (!!) in Deutschland bringt. Bs handelt sich nur noch um Stunden oder einige Tage, daß das große Schlachten einsetzen werde (!!). Zehntausende von Juden ständen bereits auf der Schwarzen Liste, angeblich weil sie Kommunisten oder Marxisten seien. In London seien viele Beweise (!!) für die Absichten der Nationalsozialisten eingegangen. Die ganze Angelegenheit sei bei hohen Stellen erwogen worden. Eine Intervention stehe unmittelbar bevor. Aber welche Form sie annehmen werde, das sei noch eine äußerst delikate Angelegenheit. Nur der vereinigte Druck der Weltmeinung könne eine Katastrophe verhindern (!!). Dies gehe nicht nur das jüdische Volk (!!), sondern auch das englische und jedes andere Volk an, das noch einigermaßen Achtung für die Heiligkeit menschlichen Lebens und freier Gedankenbetätigung habe. Hitler habe zwar seit seiner Amtsübernahme noch keine unmittelbaren Angriffe gegen die Juden erhoben, . wohl aber sei dies seitens nationalsozialistischer Zeitungen geschehen. Die englischen Juden beobachten die Lage mit wachsendem Schrecken und Besorgnis. Sie seien aber machtlos, denn sie wüßten, daß irgend eine Geste ihrerseits das Signal für die Ermordung ihrer Glaubensgenossen sein würde. Die Juden in Deutschland sähen keine Rettungsmöglichkeit. Es scheine, daß die Gefühle in der ganzen Welt so lebhaft aufgepeitscht werden, daß selbst Hitler sie nicht mißachten dürfte. Im Rahmen dieser jüdischen Propaganda gegen die neue Reichsregierung erklärte der Präsident des englischen zionistischen Verbandes Chaim Wcizmann auf einer. Versammlung ,der Freunde Palästinas im englischen Parlament« sein .Mitgefühl* für die Juden in Deutschland. Auf der Versammlung waren 100 Abgeordnete, darunter der liberale Führer Samuel und der Landwirtschaftsminister Elllot anwesend. Wcizmann sagte u. a.: ,In der Stunde der Not sollen unsere Mitjuden in Deutschland wissen, daß sie nicht allein stehen, sondern daß das volle Gewicht der erleuchteten Meinung in allen zivilisierten Ländern und besonders in England in ihrem Kampf gegen die Kräfte der Reaktion hinter ihnen steht.'" Der „V. B." knüpft an diese Meldung seines Londoner Korrespodenten die Bemerkung: „Zu diesen Meldungen aus London ist festzustellen, daß sowohl der marxistische ,DaiIy Herald' wie der bekannte Zionistenführer Weizmann für ihre Behauptungen auch nicht den Schatten eines Beweises haben. Es handelt sich somit um eine u nverantwortliche Hetze, die nicht niedrig genug gehängt werden kann. Es wird unseres Erachtens aber nunmehr höchste Zeit, daß die Politiker des Auslandes sich offiziell von dieser eindeutigen Hetze distanzieren." Zu den Ausführungen des Hakenkreuzblattes ist vorerst zu bemerken, daß zwischen der Rede, welche Prof. Weizmann bei einer Zusammenkunft der englischen Palästina-Freunde in London hielt, und dem Artikel im sozialdemokratischen „Daily Herald" nicht der geringste Zusammenhang besteht. Prof. Weizmann gedachte lediglich mit Sympathie der leidenden Juden in Deutschland. Er sprach weder von bevorstehenden Pogromen, noch von der derzeitigen Regierung in Deutschland. Jedenfalls aber steht die Furcht der Nationalsozialisten davor, daß man sie im Auslande als blutige Verfolger der Juden ansieht, in einem merkwürdigen Gegensatz zu ihrer Haltung in Deutschland. „Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht es doppelt gut . . .", dieses Lied ist in ihren Zeitungen zu lesen und bei ihren Aufzügen zu hören. „Ausrottung der Juden" und „Blutige Vergeltung ah den Juden" sind Redewendungen, die selten in nationalsozialistischen Reden und Artikeln fehlen. Woher dann die Empfindlichkeit gegenüber der Stimmung im Auslande? In Berlin mit Stock und Messer fuchteln und in London als Friedeiislämmchen gelten zu wollen, paßt schlecht zusammen. RUNDSCHAU Die Internationale verbeugt §idi vor dem Hakenkreuz Mit größter Genugtuung verzeichneten jüdische und jüdisch-liberale Blätter vor einigen Wochen den Umstand, daß der Sekretär des Internationalen Weltstudentenwerkes (I. S. S.) im Organ der I. S. S. einen Artikel gegen den Antisemitismus auf den deutschen Hochschulen veröffentlicht hat. Die Freude der Leute, welche auf fremde Organisationen mehr vertrauen als auf jüdische, war etwas voreilig. Der I. S. S. hat zurückgeschoben. Aus Genf wird jetzt berichtet: Die politische Umgestaltung in Deutschland wirft ihre Schatten auch auf die Politik des Internationalen Weltstudentenwerkes. Es scheint, daß die deutschen Mitglieder nunmehr einen aktiven Einfluß auf die Politik des I. S. S. gegenüber dem Antisemitismus auf den Hochschulen zu nehmen beginnen. Diese Aenderung geht aus einer Kontroverse zwischen dem I. S. S. und der Deutschen Studentenschaft betreffend einen vom Sekretär des I. S. S. Herrn James Parkes im Dezeraberheft des I. S. S. veröffentlichten Artikel über antisemitische Gewalttätigkeiten an den Universitäten hervor. Parkes verurteilt in einem sehr objektiv gehaltenen Aufsatz auf Grund von Tatsachen, statistischen Daten und eigenen Wahrnehmungen die antisemitischen Ausschreitungen uud empfiehlt deren Abstellung im Interesse der Würde der Kulturstätten baldigst und dringendst. Die „Deutsche Akademische Rundschau" (Berlin, zweite Jännerfolge) wandte sich in sehr heftigem Ton gegen diese Veröffentlichung des I.S.S. und bezeichnete sie als skandalös. „Die deutschen Studenten", heißt es, „verwahren sich dagegen, daß ihre völkischen Anschauungen derart dargestellt werden und sie lehnen diese geradezu unerhörten Werturteile entschieden ab. Sie protestieren gegen die äußerst befremdliche Darstellung der Ursachen der Unruhen an den deutsohen Universitäten und gegen den durchaus nicht zur Sache passenden ironisöhen Ton." Dieser Ausfall bewirkte einen raschen Rückzug des I.S.S. und ein Nachgeben gegenüber den Wünschen der Deutschen Studentenschaft. In einer amtlichen Verlautbarung der I. S. S.-Nachrichten (Nr. 5) wird die Veröffentlichung des Artikels bedauert. Der Generalsekretär des Weltstudentenwerkes, Doktor Walter Kotschnik, veröffentlicht die folgende Erklärung: „Auf Grund der seit Veröffentlichung dieser Erklärungen erhaltenen Informationen erkennen wir an, daß diese Kritik gerechtfertigt ist. Getreu den Traditionen des I. S. S. werden wir unser Bestes tun, um in Zukunft jede Aktion zu vermeiden, die die Basis unserer Arbeitsgemeinschaft verletzen könnte." Das bedeutet, daß der I. S. S. künftighin sich in bezug auf Antisemitismus eine gewisse Reserve auferlegen will, was einem Verlassen der bislang geübten Objektivität in der jüdischen Frage gleichzustellen wäre. Das öffentliche Eingeständnis Dr. Kotschnigs, daß künftighin ähnliche Publikationen wie die von Herrn Parkes unterbleiben werden, bedeutet das Ende der bisher objektiven Politik des I. S. S. in der Judenfrage. * Diese Episode ist auch in anderer Hinsicht belehrend. In vielen Kreisen herrschte die Anschauung, daß die Hakenkreuz-Reaktion in Deutschland eine Gegenbewegung in der übrigen Welt, insbesondere in den Ländern der höchsten Zivilisation, in England, Amerika, Frankreich usw. hervorrufen müsse. Das Verhalten des I. S. S., der eben diese Länder vertritt, beweist die Unrichtigkeit dieser Anschauung. Der Antisemitismus zeigt in verschiedenen Ländern verschiedene Formen, barbarischere oder zivilisiertere. Aber er ist weder an bestimmte Zelten noch an bestimmte Länder noch auch an bestimmte Grade der Kultur und Zivilisation gebunden. Eine Welt- AcucrcB | uutsupes c rauiein verrichtet gegen Wohngelegenheit häusliche Arbeit \ Zuschriften unter „G. B." an die Administration d. Blattes bewegung gegen den Antisemitismus — und zeige er sich auch in der barbarischesten Form — ist eine leere Illusion. Wie man sidh Respekt erzwingt Die letzten Wochen politischen Geschehens in Deutschland konnten eindringlicher als jemals den deutschen Assimilanten die Aussichtslosigkeit ihres Tuns demonstrieren. Ein Jahrhundert wärmster Teilnahme an der deutschen Kultur, ein Jahrhundert knechtischer Unterwerfung unter die deutschen Belange hat nicht vermocht, die gegenwärtigen Machthaber zur Pardonierung ihrer jüdischen Mitbürger' zu bestimmen. Ja, mehr noch: Der Exponent dieser deutsch-israelitischen Bemühungen, der hartnäckigste Vertreter „deutsch-jüdischer" Anbiederung, der Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, mußte seine Betonung deutscher Treue mit der Verdächtigung büßen, daß er staatsgefährlich sei, mußte sich einer „H ausdurchsuchung" unterziehen lassen, wurde im nationalsozialistischen Thüringen wegen der Gefahr einer Schädigung der deutschen Nation v.e rboten. Man kann, ohne einen Funken der Schadenfreude, wehmütig sagen: Weit gebracht! Will man eine Parallele zur zionistischen These und zionistischen Arbeit ziehen, dann setze man einen Bericht hieher, der von der J. T. A. aus Konstantinopel stammt: „Der deutsche Tourist Klöcker, ein prominentes Mitglied der Nationalsozialistischen. Partei Deutschlands, der mit seinem Motorrad auf einer Welttour begriffen und soeben aus Palästina in Konstantinopel eingetroffen ist, hielt im Konstantinopler deutschnationalera Klub „Teutonia" einen Vortrag über seine Erlebnisse in Palästina. Er erklärte sich sehr beeindruckt vom jüdischen Aufbauwerk und führte aus: Man hat uns gelehrt, die Juden zu hassen. Man stellte uns die Ostjuden in Deutschland als verachtenswert hin. Aber das neue jüdische Geschlecht, welches Palästina aufbaut, stellt ein ganz anderes Volk dar, das man nicht anders als loben kann. Sie haben ganz andere Ideale: Nationale Ideale. Wir Nationalsozialisten, deren Basis in unserem Lande das nationale Prinzip ist, müssen uns darum zu einer Bevölkerung, die in ihrem eigenen Lande diese Prinzipien hochhält, mit Achtung beziehen." Im vollen Bewußtsein des Wertes der nationalen Aufbauarbeit und entfernt vom Verdacht, sich einer hakenkreuzlerischen Lobesbezeugung etwa brüsten zu wollen, kann man hier wiederum nur die Bestätigung finden, daß nicht assimilantistisches Anbiedern, sondern positive jüdische Leistung sich Respekt erzwingt. Politische Doppelmoral Im englischen Parlament richtete der Abgeordnete Joel an den Kolonienminister die Anfrage, ob er wisse, daß die Ausschaltung Palästinas von der Imperial Preference (Niedrigste Zölle für alle aus Ländern der englischen Krone stammenden Waren), insbesondere soweit es sich um die Palästina-Orangen handelt, eine ungünstige Rückwirkung auf die Entwicklung diesps Mandatslandes habe, und ob der Minister beabsichtige, in dieser Frage etwas zu unternehmen. Minister Gunllffe-Lister anwortete: Die Frage der Gewährung der Vorteile der Imperial Preference an Palästina-Produkte wurde von der Regierung lange und sorgfältig erwogen, aber die Regierung kam zu ihrem Bedauern zu dem Schluß, daß der Gewährung von Imperial Preference an Palästina ernste -juristische Hindernisse im Wege stehen. * Die Antwort des Ministers charakterisiert das Doppelgesicht der Palästina-Politik gewisser englischer Regierangsstellen. Das „juristische Hindernis", auf welches der Minister anspielt, besteht darin, daß Palästina keine englische Kolonie und kein englisches Dominion ist, sondern nur von England im Auftrage der anderen, im EINE FRAU/ ME WEISS/ WAS SIE WILL/ kauft nicht irgendwo, sondern nur bei Schiffmann, weil sie durch Schiffmann-Preise viel Geld erspart. Die „Frau unserer Zeit*,., kauft im „Kaufhaus unserer Zeit*, bei Schiffmann, II, Taborstraße 48 / sieh« Inserat Seite 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.