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Die neue Welt · 1933-03-03 · Heft 286 (3.3.1933) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 286 (3.3.1933)
Date
1933-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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wsn am Seile 2 ©IE NEUE WELT Nr. 286 80 nennt ein Taufjnd den anderen: „Jüdischer Hochverräter!" Die Antisemiten aller Schattierungen von schwarz big rot haben ihre Freude dran. Was für eine Rolle spielt die Wiener Judenschaft dabei? Keine schöne! Der antisemitische Tauf Jude Julius Deutsch ist der Mann ihrer Wahl. Die Wiener Judenschaft hat die Wahl jüdischer, jüdischnationaler Kandidaten abgelehnt. Neunzig Prozent der Wiener Juden hat den sozialdemokratischen Wahlvorsohlag, mit Julius Deutsch und anderen Austrittsjuden an der Spitze, unterstützt und die jüdische Liste durchfallen lassen. Die Wiener Juden haben das einzige, ehrlich jüdische Tagblatt, die „Wiener Morgen-Zeitung", eingehen lassen und lesen und stützen eifrig die Presse, welche si6h ' dem ' getauften Antisemiten zur Verfügung stellt. Wird der Fall Deutsch-Mandl diese ' Judenschaft . ' <t \ - " zum Nachdenken bewegen? " Vogelfrei Afs am 4. Februar die neue deutsche Reichs? regierung die „V er Ordnung zum Schutze des deutschen Volkes" erließ, atmeten viele Juden erleichtert auf. In der Verordnung wurde nämlich ausgesprochen, daß die Beschimpfung und Verächtlichmachung von gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften in der Presse, in sonstigen Druckschriften und in Versammlungen schwer bestraft werden. Bravo! Die jüdische Religionsgemeinschaft ist also vor dem Aergsten geschützt! Daß diese Verordnung, soweit sie die Juden betrifft, eine leere Komödie ist, hat sich nur allzubald erwiesen. Einige Beispiele: In Berliner Massenversammlungen wird systematisch die Parole ausgegeben. In Gegenwart der überwachenden Regierungsbeamten erklären die Referenten: „Wenn Hitler oder einem anderen nationalsozialistischen Führer auch nur ein Haar geltrümmt wird, werden alle Juden an die Laternenpfähle gehängt!" Vor und nach den Versammlungen werden Aufrufe des „Femeausschusses der Judenjäger Europas" verteilt, in welchen es heißt: „Wir warnen alle Juden! Wenn einem der Führer der nationalen Regierung auch nur ein Haar gekrümmt werden sollte, wird das unser Signal zum allgemeinen Massenmord aller Juden sein, der erst dann sein Ende finden soll, wenn alle Juden getötet sein werden." Keinem Polizeibeamten oder Regierungsvertreter fällt es ein, die Redner und Zettelverteiler, auch nur zu ermahnen. In den verkehrsreichsten Straßen Berlins, so am Kurfürstendamm und in der Tauentzinstraße, schreien Hakenkreuzler eine Broschüre zum Verkaufe aus: Sie trägt den Titel: „Die Forderung der Stunde: Juden raus!" Keine anonyme Broschüre, sondern eine vom Verfasser, dem bekannten nationalsozialistischen Führer Dr. von Leers, gezeichnete. Viel Raum in der Broschüre nimmt die Ritualmord-Legende ein. Mit Hinweis auf das nahende Osterfest schreibt Dr. von Leers: Stundenlang könnte man noch Fälle jüdischer Ritualmorde aufführen, wo arme, unschuldige kleine Kinder von Juden teufein gesohlachtet und gemein zu Tode gequält worden sind. Mütter! Sorgt dafür, daß die jüdische Gefahr für eure armen' Kinder aus dem Lande kommt." Aber in der Notverordnung der deutschen Reichsregierung heißt es, daß alle Religionsgemeinschaften fortab verschärften Schutz genießen. Er gibt sich nicht zu erkennen Vor. einigen Tagen ging die Nachricht durch die Blätter, daß der bekannte humoristische Schriftsteller Roda Roda Gegenstand der Verfolgung durch Hakenkreuzler geworden sei. Er sollte in der Vorwoche in Königsberg im Rahmen einer Veranstaltung des Goethe-Bundes sprechen. Der nationalsozialistische „Kampfbund für deutsche Kultur" hatte, wie in anderen ostpreußischen Städten, wo Vorträge Roda Rodas stattfinden sollten, auch in Königsberg eine Kampagne gegen den Schriftsteller inszeniert. Es wurde behauptet, Roda Roda sei Jude und habe die deutsche Kultur und die christliche Religion verächtlich gemacht. Von den Nationalsozialisten waren Störungen des Vortrages beabsichtigt. Roda Roda hatte eine Erklärung veröffentlichen lassen, in der er betonte, daß er katholisch sei und nicht von Juden abstamme. Trotzdem hat die Pressestelle des Polizeipräsidiums mitgeteilt, daß der Vortrag nicht stattfinden könne. Auch in anderen Städten Ostpreußens mußten die Vorträge Roda Rodas abgesagt werden. Ein Leser der „Neuen Welt" teilt mit: „Roda Roda ist mein engerer Landsmann. Wenn er in seinem Memoirenbuch seinen Vater einen kroatischen Agrarier sein läßt, so ist das eine dichterische Umschreibung. Wenn er aber jetzt erklärt, daß er kein Jude ist und auch nicht von Juden abstammt, so ist das eine ausgewachsene Lüge. Per Vater lebte in der Nähe des mährischen Städtchens Ungarisch-Hradlsch, hieß Rosenfeld und war ehrsamer jüdischer Schnapsbremier. Roda Roda hieß Alexander Rosenfeld und besuchte als jüdischer Schüler £jlilllllllllllllllllillllliillllilliilllllllilllllllilllllllllliillllllliy 5 Archltektenvereinssaal, VI. Eschenbachgasse | Am Montag» 27. Män 1933, 8 Uhr abends, spricht 2 | OSKAR TELLER | 1 iüdtech** DichtMwocw § 5 u a. Werke von Abeies. ßeer-Hofmann, Bialik ßrod, £ S Donath, Heine, Hoeflich, Jaboünsky, Lasker-Schüler, S 5 Reisen, Scheriag, Torberg. Tschernlchowsky E fiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiHitiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiir das Hradlscher Gymnasium. Später rückte er zum Militär ein und ließ sich taufen." Woraus zu ersehen ist, daß Herr Roda Roda ein schlechtes Gedächtnis und der Königsberger Polizeipräsident eine gute Nase hat. Sicherheit! Sicherheit! Die Eindringlichkeit, mit welcher . ein Teil der palästinensischen Judenschaft und die Zionisten-Revislonlsten die Forderung auf Bildung eines jüdischen Polizeikorps in Palästina erheben, ist oft als übertrieben bezeichnet worden. Aber die Berichte aus Palästina über Raub- und Mordanfälle strafen den Optimismus Lügen. Die günstigen Nachrichten über die wirtschaftliche Entwicklung des Landes werden immer und immer wieder durch Meldungen über den verhängnisvollen Mangel an Sicherheit unterbrochen. Der vor einigen Wochen erfolgte Bombenwurf in Nahalal, dem zwei jüdische Leben zum Opfer fielen, Ist noch nicht gesühnt, und wieder wird Uber eine Missotat berichtet. Die Meldung lautet: Jerusalem, 25. Februar. Ein Trupp von mehr als dreißig Beduinen besetzte jenen Teil des Wadi- Hawarith-Bodcns, auf dem vor einiger Zeit frühere jüdische Legionäre, zum Teil auch aus Amerika, die im Kriege auf E n g 1 a n d s S e 11 e gegen die Türken gekämpft haben, angesiedelt worden sind. Es kam zu einem Kampf zwischen den Eindringlingen und den Legionären, in dessen Verlauf der Legionär Joseph Benjamin! getötet und zwei andere Legionäre verletzt wurden. Von jüdischer Seite wird gegen die Polizei der schwere Vorwurf erhoben, daß sie, obwohl sie nicht weit vom Schauplatz des Kampfes stationiert war und es yor Beginn des Kampfes eine längere mündliche Auseinandersetzung zwischen den gegnerischen Parteien gegeben hat, nicht rechtzeitig einschritt, um ein Blutvergießen zu verhindern. Öle Polizei war an den Schauplatz des Kampf es erst gekommen, als dieser bereits beendet war und die Beduinen sich, von der Polizei unbemerkt, zurückziehen konnten. Zwei der Angreifer wurden später von jüdischen Legionären, von denen sie als Teilnehmer an dem Kampf erkannt wurden« ergriffen und der Polizei Ubergeben. Der Umstand, daß sich diese Vorfälle in einer politisch ruhigen Zeit abspielen, ist dazu angetan, die Besorgnis zu vertiefen. Welche Rolle wird diese arabischenglische Polizei spielen, wenn Unruhe das Land befällt, wie etwa im Jahre 1929? Je rascher der wirtschaftliche Aufbau des Jüdischen Nationalheims fortschreitet, um so dringlicher muß die Reorganisation des Polizeiwesens gefordert werden. Aber keine rein technische Reorganisation, sondern eine politische Reorganisation. Die gesamte zionistische Organisation muß sich jetzt die Forderung zu eigen machen, welche bisnun nur Forderung der zionistischen Opposition ist: Errichtung eines jüdischen Polizolkorps! Um das gerauhte Land In der „Neuen Welt" Ist wiederholt auf die sonderbare Rolle hingewiesen worden, welche die britische Palästina-Regierung in der Frage Transjordaniens spielt. Vor elf Jahren hat England dieses Land von Palästina, dessen Bestandteil es immer war, losgerissen, selbständig gemacht und für die Juden gesperrt. Alles unter dem Vorvvande, . „a r ab 1 s c h e" Interessen zu schützen., Nun rufen.<r die;,,,transjordanischen Araber selbst, vor allem ihr Fürst Emir Abdallah, die Juden ins Land, wollen ihnen Boden verkaufen und verpachten. Was tun nun die britischen Regierungsleute? Da sie nicht mehr gut im Namen der Transjordanier gegen die Juden arbeiten können, stellen sie sich hinter die arabischen Hetzer in Palästina. Plötzlich ist es die „Erregung" der palästinensischen Araber, die berücksichtigt werden muß. Von diesem Gesichtspunkt aus ist der Ratschlag" zu beurteilen, welchen eine englische Regierungszeit^ ,J.Aus London wird geitneldet: „Die angesehene, dem englischen Kolonlalminlsterium sehr nahestehende Londoner Zeitschrift „Near East and India" macht im Leitartikel ihrer letzten Ausgabe den Vorschlag, eine Konferenz zwischen Vertretern des Emirs Abdullah von Transjordanien, arabischen Politikern Palästinas und Repräsentanten der Zionisten unter dem Vorsitz eines Bevollmächtigten der Palästina-Regierung stattfinden zu lassen, um die Frage einer jüdischen Siedlungs arbeit in Transjordanien nach jeder Richtung hin zu erörtern. Die Zeitung bedauert, daß dieser Plan durch Schlagworte verdunkelt wird, und meint, daß bei einer solchen Aussprache jede Partei Gelegenheit haben wird, das Für und Wider durch Argumente zu erhärten. Der Emir Abdullah ist unter doppelten Druck gesetzt: Einerseits zwingt Ihn die traurige Lage der Bevölkerung Transjordaniens, hervorgerufen durch schlechte Ernten und allgemeine Wirtschaftsdepression, seinen Boden zu verpachten, anderseits stemmen sich die palästinensischen Araber gegen den Plan einer Ausdehnung des jüdischen Siedlungswerkes auf Transjordanien. Diese nichts als negative Haltung der palästinensischen Araber, schließt die Zeitung, wird aber nicht den Hunger ihrer Brüder in Transjordanien stillen; es sei denn, daß die palästinensischen Araber bereit und In der Lage sind, den freistehenden Boden selbst zu pachten oder auch nur Geld zu dessen Entwicklung vorzustrecken. Das Bodenverkaufsverbot In Transjordanien wurde einzig und allein aus politischen Gründen erlassen; es bleibt abzuwarten, wie lange es noch aufrechterhalten werden kann, d. h. wie lange die Bevölkerung Transjordaniens sich eine solche wlrtschaftsschädigende Politik gefallen lassen wir d." Hinter diesen glatten, scheinbar judenfreundlichen Worten, hinter diesem „friedlichen" Vorschlag einer Konferenz birgt sich die Absicht, den Plan einer jüdischen Siedlung in Transjordanien gründlich zu stören. In eine Angelegenheit, welche nur die transjordanischen Araber einerseits und die Juden anderseits betrifft, sollen die antlzloni8tlschen arabischen Elemente ein- ( bezogen, soll Ihnen ein Recht der Mltentschelj Ein hinterhältiger Rätschlag dang eingeräumt werden, das ihnen nicht zukommt. Man soll sich den Feind und Störer ins Haus laden! Es Ist Idar, daß die arabischen Grundbesitzer in Palästina — und diese sind ja die „Führer" der Araber in Palästina — die Zulassung der Juden nach Transjordanien mit allen Mitteln verhindern wollen. Nicht nur aus antizionistischpolitischen Gründen, sondern — und das wurde in der letzten Nummer der „Neuen Welt" ausführlich dargelegt — auch deshalb, weil dann die wucherisch hohen Bodenpreise in Palästina eine Senkung erfahren müßten. Es ist also klar, daß der „freundliche'* Vorschlag des Regierungsblattes auf Einberufung einer Konferenz nicht mehr und nicht weniger als endgültige Zerstörung des jüdischen Siedlungsplanes in Transjordanien bedeutet. Nur eine ganz schlecht beratene zionistische Leitung könnte diesen Vorschlag annehmen. Aus Jerusalem wird gemeldet: ' Die arabische Presse teilt mit, daß der Palestine Jewlsh Golonisatlon Association (PIOA) ausgedehnte Bodengebiete in Transjordanien zum Kauf angeboten worden sind. Der einflußreichste Stammesführer in Transjordanien, Mitkai Pascha, der den Plan einer jüdischen Siedlung in Transjordaniaa Atiterstutzt» deutete in einem Gespräch mit einem iparnnUsten an, daß König Ibn Saud von H edschas die Kampagne der palästinensischen Araber gegen Emir Abdullah, und zwar nur aus Gründen der Gegnerschaft zu dem Emir, unterstützt. Auch die Opposition gegen den Bodenverkaufsplan in Transjordanien selbst werde von Ibn Saud genährt. Ibn Saud befürchtet, daß die Position des ihm gegnerischen Emirs durch Heranziehung jüdisohen Kapitals und jüdischer Arbeit, wie auch jüdlsoher Freundschaften gestärkt werden könnte. Vom englischen Revisionismus Aus London wird der „Neuen Welt" unter dem 21. Februar berichtet: Dr. J. Machower, das revisionistische Ertekutivmitglied, hielt in der Vorwoche einen Vortrag unter dem Titel „Eindrücke einer Palästina-Reise". Den Vorsitz führte Dr. M. Schwartzmann. Dr. Machower schilderte das jüdische Leben Palästinas und die ökonomischen und polltischen Voraussetzungen des Aufbaus. Der stark besuchten Versammlung wohnten der In London anwesende Bürgermeister von Tel-Awiw M. DI z e n g 0 f f, Herr I d e 1 s o h n, der Herausgeber der palästinensischen Fachzeltschrift „Mischar w'Taasia", und der Chefredakteur der hebräischen Zeitung „Haölam" bei. Dr. Machowers Ausführungen hinterließen tiefen Eindruck. Er wird noch in einer Reihe von Versammlungen sprechen. Dr. M. Schwartzmann, der Vorsitzende der revisionistischen Union Englands, sprach am 10. Februar in der Cambridge-Universität über das Thema „Was will der Revisionismus?" Der Vortragende setzte die Hauptthesen der revisionistischen Bewegung auseinander, die eine Rückkehr zum kompromißlosen Herzl-Zionlsmus verlangen, und zeigte das Gesicht der Mandatarmacht und deren zwiespältige Palästina-Politik. Dem Vortrag Dr. Schwärtzmanns folgte eine längere Diskussion, in der der revisionistische Aufbaugedanke zum Durchbruch kam.

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