Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 285 (24.2.1933)
- Date
- 1933-02-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 285 DIE SEITE WELT Seite | l Union der Zionistcn-Revistonisten Mittwoch, den 1. M8rs 1933, V89 Uhr abends, im Hersl*Saal das Verbands* heims, II., Untere Augartenstraße 38 Versammlung Gegenstand: Der Jüdische Weltkongress Referent: Oberbaurat Robert Stricker Regiebeitrag 20 g Gebetbuch und den Brillanten der Frau Gemahlin jüdischen Wesensinhalt erblicken, und das geistlose, handwerksmäßige, die jüdische Wirklichkeit ängstlich meidende Fredigen seiner Rabbiner lassen die Juden kalt oder stoßen sie ab. „Nicht einmal an den all er all erhöchsten Feiertagen kommen sie in die Synagoge!" So jammern die Herren Führer und denken verzweifelt nach, wie man „Attraktionen" schaffen könnte. Mit Orchesterkonzerten, Schallplattenmusik, Koloratursängerinnen usw. in den Synagogen haben sie es bereits versucht. Es nützt nichts. Nun haben sie in Berlin einen neuen „Schlager" entdeckt, der faule Gimpel in die Synagoge locken soll. Die Parole flautet: Nur ein Viertelstündchen!" Der Gottesdienst soll so gekürzt werden, daß er keine erhebliche Störung der Bridge¬ oder Rummypartie oder eines sonstigen Rendezvous bedeutet. Aus dem Berichte über die letzte Vorstandssitzung der Berliner Judengemeinde: , Die Liberalen beantragen die Abhaltung von „Kur zand achten" in einigen Betsälen an den Hohen Feiertagen. Dr. Sachs begründet den Antrag mit dem Wunsche nach Heranziehung indifferenter Gemeindemitglieder. Im letzten Jahre hat sich nur ein Bruchteil der erwachsenen Berliner Juden an den Herbst-Feiertag sandaohten beteiligt. Aufgabe der Gemeinde in der gegenwärtigen Zeit ist die Gewinnung jedes Juden für die Gemeinschaft. Viele finden in den Andachten 4es alten wie des neuen Ritus nicht mehr die innere Sammlung und religiöse Stimmung. Auch die Reformg^meinde kann dem nicht genügen. Aufgabe ist die „V e rb indung von Tradition und Vernunft", damit der Gottesdienst wieder zum „Lehrmittel, zur Erziehung für den Glaubensinhalt der Religion" werde. Dr. KIee und Prof. Loewe (Zionisten) kündigen Stimmenthaltung der Volkspartei an. Sie bezweifeln den Erfolg der vorgeschlagenen Maßnahme: Seit 100 Jahren habe man den Abbau der Tradition mit der Gesinnung der Indifferenten gerechtfertigt, jedoch erfolglos. Neue Menschen würden hierdurch' nicht gewonnen. Der Antrag wird bei Stimmenthaltung der Volkspartei angenommen. * In einer Wiener Synagoge gab es immer einen solchen Andrang, daß Polizei einschreiten mußte. Nicht etwa nur an den „Hohen Feiertagen", immer, jeden Freitag abend, wenn Oberrabbiner Chajes, der stolze National jude, zu seinen Volksgenossen sprach. Da ein böses Tier habe ihn gefressen, verschlungen den Sohn. Er trauerte um seinen Sohn viele Tage und wollte macht, eine Thoraschriftrolle zu schreiben, nahm ein Stückchen Papier und schrieb einen Brief seinem Vater: „Vom Erdwinkel der Erde lasse ich Gesang ertönen, da ich in Frieden nach dem Lande Israel gekommen bin und ich sitze in der Nähe Safed, der heiligen Stadt, und bin gesalbt von ihrer Heiligkeit! Frag' mich nicht, wie ich hiehergelangt bin, sondern faß jenen Strick, der an den Schwanz der Ziege gebunden und gehe hindannen in den Fußstapfen der Ziege. Da wirst du sicher deinen Weg gehen und in das Land Israel kommen." Der Junge rollte den Zettel zusammen und gab den Zettel hinein in das Ohr der Ziege und sprach in seinem Herzen: Da sie kommt zum Vater, streichelt Vater ihren Kopf, und wenn sie mit dem Kopf wackelt, fällt also gleich Wer Zettel aus dem Ohr und der Vater nimmt den Zettel und liest, was darauf geschrieben, und er erfaßt den Strick und geht mit ihr nach dem Lande Israel. Es ging die Ziege in das Haus des Alten, aber mit den Ohren wackelte sie nicht und der Zettel entfiel nicht. Da der Alte die Ziege sah, daß sie zurückgekehrt war und sein Sohn nicht, da begann er an seinen Kopf zu schlagen und schrie und weinte und jammerte: „Mein Sohn, mein Sohn, wo bist du? Mein Sohn, o wär ich an deiner statt gestorben, mein Sohn, mein Sohn!' und weinte und trauerte über seinen Sohn, da er sich sagte, drängten sich jene, die man sonst durch keine liberalen Mätzchen hereinbringt. Niemand wollte es „kürzer", alle wollten es länger haben. In Palästina füllt das nationale junge Judentum die Synagogen. Wenn auch die „Kurzandacht" versagen sollte — und sie dürfte versagen — was werden die liberalen Herren dann versuchen, um Ihre famose „Verbindung von Vernunft mit Tradition" herzustellen? Vielleicht einen Fünfminuten-Gottesdienst auf Schallplatten frei ins Haus, Kaffeehaus oder Dampfbad geliefert, mit einem Tonfilmschlager vorne und hinten garniert . . . Wozu das Ganze t Arnold Zweigs Debakel in Wien Wer über das Jüdische Palästina von heute etwas wissen will, dem stehen vielerlei Quellen zu Gebote. Er kann aus Zeitungen, Zeitschriften, Bulletins und Büchern viel Sachliches, aus dem Munde der zahlreichen, mehr oder minder beobachtungsfähigen Reisenden, Politiker und Wirtschaftskundigen impressionistisch Aufgenommenes erfahren. Auf den Podien allerdings tummeln sich allerlei Touristen, die mit kaleidoskopartiger Eilfertigkeit ihre palästinensischen Erlebnisbilder an die Wand malen und mit ihren Illusionen die geduldigen Hörer füttern. Solch eine Situation wollten die österreichische Wizo und die österreichische Liga für das arbeitende Palästina vermeiden, als sie daran gingen, zu ihren Gunsten einen Palästina-Propaganda-Abend zu arrangieren. Sie wählten also zum Sprachrohr weder einen Reisenden, noch einen Politiker und schon gar nicht einen Wirtschaftskundigen, sondern einen Dichter. So ein Dichter als Referent tatsächlichen Geschehens — macht sich auf jeden Fall gut. Den Dingen, die sich hart im Räume stoßen, vermag er, wenn's nottut, ein metaphysisches Mäntelchen umzuhängen, und dann, so klärten die verklärten Veranstalter, kann es doch in dieser stieren Zeit nichts Attraktiveres geben als einen namhaften Dichter, einen Mann, der erst kürzlich wieder den Boden seiner Popularität mit einem neuen Roman — und gar einem Palästina-Roman — geackert hat. Der Mann heißt Arnold Zweig und sein Roman heißt „De Vriendt kehrt heim." Ich muß gestehen, daß ich, in anderen Bereichen ein wackerer Durchhalter, knapp nach Beginn der Lektüre Reißaus genommen habe, von den sonstigen Lesern des Romans nur dadurch unterschieden, daß ich meine Flucht ein bekenne. Solch ödem Tun bis zum Ende sich hingeben — wahrlich, in einer Zeit, da die Folter abgeschafft ist, kann man auch auf Selbstpeinigung verzichten. Im übrigen mußte jeden ehrlichen Leser der Enthusiasmus stutzig machen, mit dem die Berliner „Jüdische Rundschau" Arnold Zweigs neues Buch dem p. t. Publikum empfahl, und da mir die Gabe der Einfühlung in literarische Werkstätten zuteil wurde, konnte ich kraft dieser Gnade, wenn nicht wetten, so doch schwören (was ich in zahlreichen Besprechungen kennerischer Köpfe bestätigt fand) daß hier die dichterische Impotenz wahre Orgien feiere. Aber die Wizo, der die Entsagung parteipolitischer Neigungen nur guttun könnte, und die Liga für das arbeitende Palästina, die sich unter dem Rechtstitel ihrer Firma scheinbar die Pflicht arrogiert, gegen ein — nicht arbeitendes Palästina Front zu machen, diese Kompagnons bereiteten Herrn Arnold Zweig, dem Dichter des Palästina-Romans „De Vriendt kehrt heim" einen schönen Empfang und sich selbst eine nicht minder schöne Blamage. Denn die visionäre Schau eines Dichters enthüllte sich als Seifenblase, die Magie des Dichters nicht getröstet werden und sagte: „Ich werde zu meinem Sohn in Trauer in die Grube fahren"; und jedesmal, da er die Ziege gewahr wurde, pflegte er zu sagen: „Wehe dem Vater, der seinen Sohn wandern geheißen und wehe ihr, die ihn von der Welt getan hat"; und es beruhigte sich nicht der Sinn des Alten, bis daß er den Schächter rief und ihn die Ziege Schächten hieß. Gekommen war der Schächter und geschachtet war die Ziege, abgezogen das Fell und der Zettel aus dem Ohr herausgefallen. Da nahm der Alte den Zettel und sagte: „Meines Sohnes Schrift!" Und es las der Alte den Zettel, alles, wie der Sohn ihm geschrieben. Er begann an seinen Kopf zu schlagen und rief: Wehe, wehe! Wehe dem Mann, der sein Glücksal mit eigener Hand zu« schänden gemacht hat, und wehe dem Mann, der mit Schlechtem vergalt seinem Wohltäter." Und er trauerte über die Ziege viele Tage und wollte nicht getröstet werden, und sagte: „Weh mir, der ich nach dem Lande Israel mit einem Sprung hingelangen konnte und jetzt werde ich dahinleben müssen in solchem, solchem Golusl" Seither ist die Oeffnung der Höhle dem Auge verborgen und einen Sprung Wegs dorthin gibt es nicht mehr. Und jener Junge, wenn er noch nicht gestorben, ist ein unendlich alter Mann. Im Alter noch saftig und frisch wird er blühen im Erdland des Lebens ruhig und selig ohne Mühen. als obskure Schmockerei, die Laterna magica als Camer* obscura, kurzum — Quatsch! Herr Arnold Zweig sprach nicht lange. Was er Uber die „geistigen Grundlagen des Palästina-Aufbaus" zu sagen wußte, was so mager, daß ihn jeder Knabe übertreffen konnte, der etwa zwei Leitartikel der Berliner, „Jüdischen Rundschau" oder eines anderen Brith-Schalom- Blättchens gelesen haben sollte. Verwunderlich war hiebei nur Arnold Zweigs Zuversicht, der Intellekt der Wiener Wizo- und Ligagäste werde seinen von einem Minimum an Wahrheitsgehalt gefüllten Ausführungen wohl nichts anderes als Respekt entgegenbringen. Die Enttäuschung war allenthalben groß. Herr Zweig versuchte das Mosaik der geistigen Kräfte Palästinas zu zeichnen. Er lobte, tadelte, warnte, deutete. Er sieht in Palästina alle Kräfte der Galuth wirksam, auch in ihrer charakterologischen Gestalt; er freut sich, daß es kein jüdisches einheitliches nationales Bewußtsein gibt und fleht uns an, auch bei den Arabern solch ein Bewußtsein nicht zu provozieren: es könnte uns schaden, Er spricht von den sozialistischen Experimenten solcher Gruppen, die, nach Moskau schielend, dort neue Formen sozialer Ordnung sehen und sie auch in Palästina aus-* probieren möchten. Er spricht auch von Elementen, die die Formen des „italienischen Bürgertums" nach Palästina verpflanzen möchten und die man Revisionisten nennt, Resümee: In Palästina wirkt alles nebeneinander, gegeneinander — Gesäuertes und Ungesäuertes. Und all das sind die geistigen Grundlagen seines Romans „De Vriendt kehr heim." Die Hörer sahen einander verlegen an. Sie hatten erwartet, aus dem Munde eines „jüdisch-deutschen" Dichters etwas zu vernehmen, was man nicht in den Spalten der liberalzionistischen Presse lesen kann. Und sie fragten sich und einander im stillen: Wozu das Ganze?) An Arnold Zweigs Debakel in Wien waren die zionistischen Veranstalter des Abends schuld, die sien dem Wahn hingegeben hatten, ein namhafter Schriftsteller sei imstande, Säle und Herzen zu füllen, o. r, Ein uitetessanter Konflikt Jüdische Aerzte gegen I. O. Farben Bekanntlich ist die „I. G. Farben" einer der mächtigsten Konzerne Deutschlands. Es verlautet, daß dieser Konzern einer der generösesten Geldgeber: der nationalistischen Parteien Deutschlands ist. Zufolge letzteren: Umstandes hat sich mit der Tschechoslowakei ein Konflikt ergeben, über welchen die Wiener „Internationale Wirtschafts- und Verkehrszeitung" folgendes zu berichten weiß: Die tschechoslowakische pharmazeutische Industrie wehrt sich seit längerer Zeit gegen die Einfuhr gewisser deutscher pharmazeutischer Präparate, besonders von Aspirin, Pyramidon und Salvarsan. Dies* Agitation gegen die Einfuhr deutscher Arzneispiezialitäten hat dazu geführt, daß Einfuhrbewilligungen für diese Präparate abgewiesen und bei den ministerieellen Entscheidungen Arzneispezialitäten deutscher Herkunft grundsätzlich gestrichen werden. Diese Abwehr deutscher Medikamente, wie Aspirin, Salvarsan, Insulin und Pyramidon, ist vor allem gegen die I. G. Farben gerichtet, die Großlieferantin dieser Heilmittel ist. Sie läßt sich ihre Waren gut bezahlen und entfaltet eine riesige Propaganda, so daß sie auch in den jetzigen krisenhaften Zelten sehr große Gewinne einheimsen kann. Der nunmehr zur Durchführung gelangende Boykott der I. G. Farben-Präparate ist auf zwei Momente zurückzuführen: Die tschechslowakische Republik hat sich entschlossen, sich von der I. G. Farben unabhängig zu machen und die bisher von ihr bezogenen teuren Artikel selbst zu einem billigeren Preise herstellen zu Tassen. Das zweite Moment ist jedoch viel interessanter. Die I. G. Farben, die in Händen stark rechtsgerichteter Kreise ist, welche jezt in Deutschland zur Herrschaft gelangten, arbeitet in stark antisemitischer Richtung. Die jüdische nAerzte in der Tschechoslowakei wissen dies und haben den Boykott der I. G. Farben gegen das jüdische Aerztewesen in der Tschechoslowakei damit erwidert, daß sie eine Kampagne gegen die I. G. Farben einleiteten und für die Erzeugung der notwendigen Heilmittel durch pharmazeutische Firmen des eigenen Landes oder durch Einfuhr aus anderen Ländern, wie Frankreich, Schweiz usw., eintraten. Durch diese Propaganda tragen sie zur Verbilligung der Heilmittelbeschaffung bei und begehen auch eine patriotische Leistung, indem sie teure Präparate des Auslandes ausschalten. Dieser Kampf gegen die I. G. Farben, der von den jüdischen Aerzten in der Tschechoslowakei mit Recht eingeleitet wurde, hat bereits große Beunruhigung bei der I. G. Farben und den dieser nahestehenden Zeitungen hervorgerufen. In der „Deutschen Aerzte-Zeitung" werden die deutschen Aerzte aufgefordert, ihren Patienten Kuren in den tschechoslowakischen Bädern nicht zu. empfehlen, da die Patienten dort nicht mehr die zu ihrer Gesundung unentbehrlichen deutschen Arzneispezialitäten bekommen können. Sie irren, gnädige Frau mmm msm 7 9 9 ist, b«i II, Taborstrasse 4t