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Die neue Welt · 1933-02-24 · Heft 285 (24.2.1933) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 285 (24.2.1933)
Date
1933-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite t DIE NEUE WELT Nr. 385 geachtetes Judentum wird aus den Wechselfällen unseres staatlichen und politischen Lebens hervorgehen." Diese Auffassung ist ernst, wirklichkeitsnah, schicksalhaft. Sollte sich Feuchtwangers Schlußfolgerung bewahrheiten, dann würde das Leiden der deutschen Judenheit nicht umsonst gewesen sein. Der erste Vorstoß Gegen ausländische und naturalisierte Juden Aus Berlin wird der „Neuen Welt" berichtet: Oer neue Polizeipräsident von Berlin hat den Leiter des Fremdenamtes, Reglerungsrat Goehrke, seines Amtes enthoben, zum sofortigen Verlassen der Amtsräume genötigt und sein Dienstzimmer versiegeln lassen. Das nunmehrige Regierungsblatt „Völkischer Beobachter" bringt folgende Erklärung! „Das Fremdenamt wurde Im Jahre 1993 gegründet, um die Einwanderung 'der Ostjuden nach Deutschland abzustoppen. Unter Herrn Goehrkes Leitung Ist das Gegenteil geschehen. Das Fremdenamt war eigentlich der Schirmherr der Ostjuden. Es erfreute sich des besonderen Wohlwollens des damaligen Leiters der politischen Polizei, Herrn Bernhard Weiß. Aus Anlaß jüdischer Feiertage ließ Herr Goehrke 1997/28 ganze Gruppen von polnischen Juden, die bereits abgeschoben werden" sollten, frei. Die Sekretärin des Verbandes der Ostjuden, Lilly Wechsn e r, ging bei Goehrke ein und aus und konnte bei ihren Besuchen den Beamten immer angeben, welche Akten gebraucht wurden. An einem Fest des pstjudenvefbandes nahm Herr Goehrke als Ehrengast teil. Bei einem Ostjuden namens Schapiro wurden bei seiner Festnahme zersetzende Flugschriften gefunden. Herr Schapiro wurde nicht etwa bestraft und ausgewiesen, sondern ihm wurde amtlich seine „deutsch-preußische Gesinnung" bestätigt, und er erhielt — Aufenthaltsgenehmigung In Deutschland. Auch für die Einbürgerung und Aufenthaltsgenehmigung der Sklareks und der Gebrüder Sohaie (Rotters) ist Herr Goehrke verantwortlich, der als Leiter des Fremdenamtes immer seine Hand schützend Uber die Ostjuden hielt. Es wird eine gründliche Nachprüfung der in den letzten zehn Jahren vorgenommenen El n b ü r g erungen erfolgen und dabei wird man dann auf Dinge stoßen, die die Oeffentlichkeit, jedenfalls auch den Staatsanwalt, stark interessieren." Diese Ankündigung, vom Regierungsblatte in größter Aufmachung gebracht, hat in den Kreisen der ausländischen und naturalisierten Juden , große Bestürzung hervorgerufen,, da sie als Einleitung zu einer brutalen Verfolgung angesehen wird. RUNDSCHAU Gelaufte/ Ausgetretene und—wir Getaufte Juden .; . Ausgetretene Juden . . . Mist, der abfällt . . . Krankhafte Ausscheidung des jüdischen Volkskörpers . . . Kein Lumpensammler würde dran rühren, kein Hund dran riechen . . . Wenn nicht die jüdische Gesellschaft,, würdelos, wie sie heute ist, diese Getauften und Ausgetretenen weiter bei sich dulden und davor bewahren würde, dorthin zu fliegen, wo sie hingehören, auf den Kehrichthaufen der Menschheit. Sta Berlin ist der bekannte „Bankjude" Karl Fürstenberg gestorben. Fürstenberg paradierte Jahrzehnte hindurch in allen antisemitischen Witzblättern und in allen antisemitischen Hetzreden als Symbol, wenn es galt, das „raffende, schmarotzende Juden-Kapital" anzuprangern. Anderseits ging kein Fürstenberg-Jubiläum, kein Fürstenberg-Geburtstag vorüber, ohne daß nicht gewisse israelitische Zeitungen und Körperschaften schmalzige „Würdigungen^ produziert hätten. Nun'der Fürstenberg gestorben ist, wird, bekannt, daß,, er schon vor langer Zelt aus dem Judentum ausgetreten ist. Und eine vielgelesene jüdische Zeitung in Deutschland bricht in bewegliche Klage aus: . , >.. Im Alter von 83 Jahren ist der Präsident der Berliner Handelsgesellschaft, Karl Fürstenberg, gestorben. - Vom jüdischen Standpunkt sind zu dem Ableben dieser gewiß nicht alltäglichen Persönlichkeit einige Worte am Platze. Karl Fürstenberg ist vor mehreren Jahren aus der Berliner Jüdischen G e m e 1 n d e ausgeschieden, und alle Bemühungen, ihn zur Rücknahme seines Entschlusses zu bewegen, sind ohne Erfolg geblieben. Eine Persönlichkeit, die. der gesamten Oeffentiichkeit als Repräsentant jüdischer Art gilt, ein Mann, der in allen seinen Handlungen und Aeußerungen dem Judentum zugerechnet wird, war sehr schlecht beraten, als er seine Person außerhalb der jüdischen Gemeinde gestellt hat. Es ist ein eigenes Ding um diese Männer aus Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, die von judengegnerischen Kreisen täglich als Juden gewertet werden, deren Verhalten im Guten oder im Bösen der Gesamtjudenheit angerechnet wird, die aber längst aufgehört haben, sich dem Judentum oder der jüdischen Gemeinde zugehörig zu fühlen. In einer Lage, in der uns die Verantwortung für alles aufgebürdet wird, was der einzelne tut, ist die Empfindung bitter, daß gerade eine große Anzahl für die Oeffentiichkeit sichtbarer Persönlichkeiten sich von der Gemeinschaft gelöst haben, von den anderen aber noch immer als Juden im vollen Sinne des Wortes gewertet werden. Was will es da besagen, wenn manche dieser Persönlichkeiten im vertrauten Kreise erklärt, sie f ü.h 1 e und denke noch immer jüdisch, wenn sie aber dennoch aufgehört hat, sich in Wahrheit dem Judentum zuzuzählen! Auch auf die Umwelt würde es keinen erhebenden Eindruck machen, wenn sie erfährt, i daß zahlreiche Männer, die für sie als Träger jüdischer Art gelten, in Wirklichkeit mit dem Judentum nichts mehr zu tun haben. '; Was soll die Anklage? Wem gilt sie? Die jüdische Zeitung, die heute jammert, und die zuständigen jüdischen Körperschaften haben es verabsäumt, der Oeffentiichkeit rechtzeitig bekanntzugeben, isaß die jftt&sche Gemeinschaft'mit dem Fürst»nberg und anderen seiner Tauf- und Austrittsgenossen nichts zu £un hat. Man Hat es unterlassen, aus Mangel an Stolz, aus Feigheit und weil es „keinen erhebenden Eindruck" machen würde. Dabei ist Zur Zeit der Grippegefahr wird ärztlich empfohlen, der Mundpflege besondere Aufmerksamkeit zu widmen und Mund sowie Rachen mehrmals'Im Tage * zu spülen. Ein ganz" hervorragendes, bewährtes Mittel, hiezu ist FRANZBRANNTWEIN mit Menthol Sein (Selialt an Alkphol „und, Menthol haben eine, hqcngräd'ig reinigende, erfrischende Wirkung. Ebenso wertvoll ist DIANA-Franzbranntwein für viele sonstige Zwecke der Körperpflege, Insbesondere für Einreibungen (Massagen), bei Zuständen von Müdigkeit und Ermattung infolge von Ueberanstrengung und In der Rekonvaleszenz. Die Wirkung .von Umschlägen auf Kopf oder. Hals wird, sehr verstärkt, wenn die Umschläge mit DIAfrA-Franzbranntweln besprengt werden. Verlangen Sie ausdrücklich „Diana" und weisen Sie minderwertige Nachahmungen energisch zurück. Ueberau erhiiltllch. das Gegenteil wahr« Das Abschütteln getaufter und ausgetretener Ueberläufer würde den Juden nur Achtung bringen. So aber ist die nichtjudische Oeffentiichkeit vollkommen im Recht, wenn sie das Tun und Treiben dieser Oesellen auf das Konto der Juden bucht. * Durch Taufe oder Austritt kann ein Jude heute noch einen Vorteil ergattern. Aber gesellschaftlich gewinnt er aufnlchtjüdischdr Seite nichts. Die nicht jüdische Gesellschaft, die ihn vor dem Uebertritt ablehnte, nimmt ihn nachher auch nicht auf. Und wenn er zwanzig Tauf- und Austrittszettel vorweist. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, wäre er, verdientermaßen geächtet, isoliert. Aber was tut er? Er geht mit zynischer Unverschämtheit In seine alte jüdische Oesellschaft zurück» wird nicht abgelehnt, sondern aufgenommen, als ,wenn nichts geschehen wäre. Er kann, wie die jüdische Zeitung schildert, in „vertrautem Kreise" frech erzählen,' daß er n o c h Immer jüdisch fühle usw. Und dieser jedes Selbstgefühls bare, seelisch verlotterte „vertraute Kreis" speit Ihn nicht aus, sondern hört ihn noch an. Wenn sich ein Deutscher oder Franzose ostentativ von seiner Gemeinschaft lossagt, wo gibt es einen deutschen oder französischen „vertrauten Kreis", den er noch betreten und mit seinen schmutzigen Herzensergüssen besudeln dürfte? Aber die jüdische Gesellschaft duldet Ihre Verräter und ihre Verkommenen. Also sind die Nichtjuden im Recht, wenn sie diese Auswürflinge auf das jüdische Schuldkonto setzt und um ihretwillen die jüdische Oesellschaft noch geringer schätzt. Fanatismus - ein gutes Geschäft Die Kunde, daß Emir Abdallah, der Fürst von Transjordanien, die Grenzen seines bisher den Juden verschlossenen Landes öffnen will und den Juden bereits große Bodenflächen verpachtet hat, rief großen Lärm hervor. Der nahe Orient ist — um im Jargon unserer lieben Weltpresse zu sprechen — in Flammen geraten und die arabische Volksseele kocht. Warum kocht sie denn? Weil die Bodenpreise in Palästina ins Rutschen kommen könnten, wenn der Emir und die anderen Grundbesitzer in Transjordanien den Juden Boden .anbieten. Die arabischen Herren in Palästina donnern am Abend in Versammlungen, Moscheen und Kaffeehäusern blutrünstige Flüche gegen Emir Abdallah. Sie drohen mit Mord und heiligem Krieg dem Verräter, der mit, Juden Geschäfte machen will. Dann legen sie .sich schlafen, um am nächsten Morgen zum jüdischen Bodenagenten zu gehen und dort ihren Boden an. Juden zu-'verkaufen. Allerdings zu höchst patriotischen P Fe i s e n. Denn Palästina ist, klein und der Andrang der Juden ist groß. Zehn- und zwanzigfache Preise werden jetzt gezahlt. Nun kommen die transjordanischen Volksgenossen, die viel Boden und gar .kein Geld haben und auch gerne verdienen wollen, und drücken die Preise. Diese Verräter! Also kocht die Volksseele... Rollendes Augenweiß in braunen Gesichtern, wallende Burnusse, geschwungene Schwerter und Flinten, rasende Muftis, schäumende Hengste, Schlachtgebet und Waffengeklirr dringen aus Wüstensandwolken zum südlichen Himmel. Ein Bild grausamer Schönheit. Den europäischen Leser überrieselt wohliges Grauen. — Alles wegen der Bodenpreise. Kurzarbeit auch in den Synagogen „Nur ein Viertelstündchen.'* - Das Assimilationsjudentum, wie es durch' den deutschen Cent raiverein und die U n 1 o'n in Oester- Teich repräsentiert wird, sieht seinen Anhang auseinanderlaufen. Früher traf man, sich noch an hohen Feiertagen in den Synagogen. Jetzt hört auch das auf. Dieses aufs Protestantische umgearbeitete Judentum, welches einerseits jeden nationalen, lebendigen Inhalt ablehnt und anderseits Jedes brünstigen Glaubens bar Ist, schrumpft immer mehr und mehr zusammen. Das glatte Gehaben seiner Führer, die im Zylinderhut, im goldschnittigen Die Ziege in der Höhle Legende von Sch. J. Agnon. (Aus dem Hebräischen.) Eine Geschichte ist zu vernehmen von einem alten Mann, der vom kranken Herzen herauf zu ächzen pflegte. Ging da der Alte zu einem Arzt, und der Arzt gebot ihm, Ziegenmilch zu trinken. Er ging aus dem Hause und kaufte eine Ziege, und brachte sie in den Stall. Es vergingen nicht viele Tage, bis sie verschwand. Man ging hinaus sie suchen und fand sie nicht, nicht auf dem Hof, nicht au/ dem Dach des Bethauses und nicht an der Quelle, nicht auf dem Berg und nicht auf der Waldwiese. Die Ziege blieb einige Tage aus, bis sie von selbst zurückkam; und ihre Euter waren voll und schenkten der Milch im Ueberfluß und der Geschmack war wie der Geschmack Edens; und nicht nur dieses eine Mal, sondern viele Male pflegte sie vom* Haus zu verschwinden. Man ging hinaus, suchte sie und fand sie nicht, bis sie von selbst zurückkam und ihre Euter waren der Milch voll, süßer denn Honig und der Geschmack wie der .Geschmack Edens. Einmal sprach der Alte zu seinem Sohn: „Mein Sohn, ich trage Verlangen, zu wissen, wohin die Ziege geht und wie sie in ihren Eutern diese Milch bringt, die süß ist meinem Gaumen und heilträufelnd allen meinen Gliedern!" Da sagte ihm der Sohn: „Vater, es gibt Rat." Der. fragte: „Wie denn?" Der Sohn erhob.sich, brachte einen Strick und band ihn an den Schwanz der Ziege. Da sagte ihm der Vater: „Was machst du, mein Sohn?" Der erwiderte: „Diesen Strick binde ich an ihren Schwanz und sobald ,ich erspüre, daß sie zum Gehen neiget, gleich fasse ich den Strick am Griff ende und gehe mit ihr in den Weg hinein." Da neigte ihm der Alte den Kopf zu und rief über ihn; „Mein Sohn, wenn dein Herz weise ist, wird mein Herz sich freuen." Also band der Junge einen schönen Strick an den Schwanz der Ziege und beobachtete sie. Da er nun merkte, daß sie gehen wolle, faßte er den Strick handwärts und ließ seine Hand nicht von ihm, bis sie ging, und er hinter ihr. Sie zog und ging, bis sie zu teiner» Höhle gekommen war. ' Da strebte die Ziege in die Höhle hinein und. der junge hielt den Strick fest, und schritt ihr nach* und so gingen sie eine Stunde lang oder zwei, und vielleicht einen Tag lang oder zwei, weil ob der. Neuheit dieser Sache er nicht empfand, wieviel der Zeit dahin war. Es klatschte die Ziege mit dem Schwanz und meckerte mit dem Maul, und die Höhle war zu Ende gegangen. Da sie die Höhle begangen hatten, sah er hohe Berge und hügelige, mit süßen . Früchten und einen Brunnen Irischen, yom 'Berg rinnenden iWassers und ein Lüftchen: wehte allerlei Gewürz heran. Und die Ziege stieg auf einen Baum hinauf, erfaßte seine Zweige und sogleich fielen Feigen voll Honigfleisch, und sie aß von den Feigen und trank von der Quelle der Gärten. Der Junge stand da und rief den Wegwanderern zu: „Ich beschwöre euch, gute Leute, sagt mir: Wo bin ich und wie heißt dieser Ort?" Und sie sagten ihm: „Im Lande Israel bist du und nahe Safed bist du l" Sogleich neigte sich sein Herz mit Liebe und Zuneigung dem Ort zu und da er nicht mehr vom Fleck konnte, hing er seine Augen obenwärts und sagte: „Gelobt die Stätte, gelobt Er, da Er mich nach dem Lande Israel gebracht hat!" küßte die Erde und setzte sich unter einen Baum und sprach: „Bis der Tag sich erwärmt und die Schatten verschwinden, werde ich auf dem Hügel zu Rücken des Baumes sitzen, hinterher nach Hause gehen und meinen Vater und meine Mutter nach dem Lande Israel bringen." Aber dieser Tag war Sabbateingang. Und wie er so dasaß und seine Augen von der Heiligkeit des Landes Israel nährte, und seine Seele mit der Kostbarkeit des Landes speiste, hörte er einen Ausruf: „Kommet, wir wollen entgegengehen Sabbat der Königini" und sah Menschensöhne wie Engel in weiße Tücher gehüllt und Zweige der Myrthen in ihren Händen und alle Häuser sich erleuchten in> vielen Lichtern.. Er verstand von seinem Verstand aus, daß Sabbateingang mit der Dämmerung hereinkam. Und da man nicht mehr zurückkehren konnte, riß er ein Rohr heraus und rieb es in den Gallapfel, aus dem man Tinte

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