Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 285 (24.2.1933)
- Date
- 1933-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711899-2711907--3576-2716967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18? Preis 35 Groschen lafirtjaitcj 7 Freitag/ den 24* Februar f 913 Titl. UnWewitÄtabibHothck Wien. I. »tf «oji V» k» D« Zeitung vom Verleger veraendet „Journal expedie" par rSdttem*« R EV U E S16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig ZlotyÖ.— .........Dinar 40.—: Rumänien monatlich monatlich Lewa 40.—, vierteljährig! vier' ' monatlich Schweizer. Prancs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, lel.B-48-504 *- Erscheint jeden Freitag wiMiiiiiiimiiiiiiiiiiiinmmimiiiimiiiin 5-- - - MEIR GROSSMANN I Voranzeige! DER VIZEPRÄSIDENT PER WtlTUNfON DER ZIOHISTEN-REVI SIONISTEN wird auf seiner Rückreise von Palästina E in der ersten Märzhälfte in Wien sprechen 5 | ZEIT- UND ORTSANGABE IN DER NÄCHSTEN NUMMER DER „NEUEN WELT" | ^lllllllllllHllllllllillllliH Zur jüdischen Situation Deutschland Hoffnungen und Wünsche - Materielle und moralische Depression — Wie soll sich der deutsche Jude verhalten? Der „Neuen Welt" wird aus Berlin geschrieben: Nach monatelangen, durch die letzten Reichstagsurid - Reichspräsidentenwahlen unterbrochenen Schwankungen in bezug auf die politische Situation ist nun die Stimmung der deutschen Judenheit in eine entscheidende .Phase getreten: Man weiß, daß die verheißungsvollen Wölkchen eine Fa'ta Morgana waren, und man scheint entschlössen, irgend welche Konsequenzen zu ziehen — vor allem die eine, die eine radikale Abkehr von der bisherigen optimistischen Auffassung bedeutet.; i .;/ ' - Der Glaube au eine festgegründete, geistig und Organisatorisch einwandfrei fundierte deutsche Jude-ivhelt hat sich als nichtigerwiesen. All die'zalüreichen Gruppen und Verbändet, die zusammen das jüdische Bild in Deutschland ergeben, konnten sich zu .keiner einheitlichen Haltung aufraffen Man spürt zwar Ailenthälben die Gefahr, die aktuell geworden, sobald das Hakenkreuz aus der propagandistischen in die Phase des Machtbesitzes getreten' ist; aber eine dem Judentum würdige,' der Wirklichkeit des Tages gerecht werdende Parole ist von keiner Seite zu vernehmen. Auch der deutsche Zionismus—'man muß das leider offen feststellen — hat hier keine wesentlichen Richtlinien gegeben; Dogmatisch, ewig theoretisierend, in seiner Spannkraft gelähmt, hat die offizielle zionistische Organisation des Reiches dem geistig und seelisch ringenden deutschen Juden keinerlei Aufgaben überantwortet, die geeignet gewesen wären, seinen Blick für die Gegenwart zu schärfen, ihn die Haltlosigkeit seiner Lage erkennen zu lassen. So ist nun die Stimmung, wenn nicht gerade verzweifelt, so doch völlig verwirrt und uneinheitlich. Von den immer noch ein besseres Morgen erwartenden deutschen Staatsbürgern mosaischer Konfession abgesehen, gibt sich der Großteil der deutschen Judenheit nicht mehr der Illusion hin, das den Machtapparat des Staates und der Länder beherrschende Hakenkreuzlertum werde au die „Judenfrage" vergessen. Diesbezüglich aufklärende Symptome sind ja schon genügend vorhanden. Stimmungsmäßig wird die Chance der Wie der kehr.der Monarchie erwogen, wobei man sich von dieser Staatsform eine nach außen und innen Stabilisierende Wirkung versprioht. Auch die sogenannten „linken" Juden, die bisher Mitläufer und Mittrompeter klassenkämpferisch eingestellter Gruppen waren, verhehlen nioht ihre Sympathie für die monarchistische Regjerungsf orm als das geringere Uebel, als wären sie darin sicher, daß Ihnen Zepter und Krone wenigstens ein Vegetieren gewährleisten würden. DJe Grundstimmung also: Leise Hoffnung auf eine zu Toleranz verpflichtete Monarchie, mehr Wunsch als Hoffnung T Aber neben Stimmungen gibt es auch Tatsachen, harte Tatsachen — die, soweit sie die in Deutschland lebenden Juden betreffen, keine Illusionen zulassen* Zunächst ersucht der In den Händen der Nationalsozialisten befindliche Polizeiapparat, mit den sogenannten „Ostjuden" aufzuräumen. Es ist keine Neuigkeit, daß zahlreiche Juden aus dem bolschewislerten Rußland und aus dem verelendeten Polen geflüchtet sind und sich in einzelnen westlichen Großstädten, darunter auch in Berlin, niedergelassen haben. Das preußische Fremdenamt gewährte ihnen Aufenthalt, aber das Hakenkreuz will ihnen Ihre Rechte auf administrativem Wege wieder nehmen. Die Leiter der Aemter, welche für die Einbürgerung uud Aufenthaltsbewilligung verantwortlich waren, werden nun — beurlaubt, im Hinblick auf die Protektion, die sie angeblich jüdischen Zuwanderern angedeihen ließen. Das offizielle Berliner Hitler-Organ „Völkischer Beobachter" spricht ganz offen von einer „gründlichen Nachprüfung der in den letzten zehn Jahren vorgenommenen Einbürgerunge n". Das bedeutet, in die Praxis umgesetzt, die erste Etappe der Rechtsverminderung, bzw. Entrechtung jener Juden, die, aus dem trostlosen Osten kommend, in einem Kulturland Schutz, Sicherheit und Existenz gefunden zu haben glaubten. Statt Schutz Schuldlosigkeit, statt Sicherheit Bedrohung, statt Existenz Entwurzelung- — unter di^eu Erscheimingen leidet "die deutsche Judenheit, leiden die deutschen Gemeinden Überall im Reich. Einzelne Juden, denen nach Zeiten der Krise noch ein nennenswerter Besitz geblieben ist, versuchen, ihn um jeden Preis zu erhalten. Entsprechend dem niedrigeren Steuereingang beim Fiskus, hat sich auch der Steuereingang bei den jüdischen Gemeinden vermindert, so daß beispielsweise Berlins jüdisches Gemeindebudget mit einem Defizit von 1 Million Mark abschließt, eine traurige Erscheinung, die schon seit vielen Jahren nicht zu verzeichnen war. Die jüdische Krisis ist da; das beweist auf der einen Seite die Notwendigkeit der Steuererhöhung im Zusammenhang mit dem vergrößerten sozialen Aufgabenkreis, auf der anderen Seite die Unmöglichkeit, größere Steuereingänge hereinzubekommen. Die jüdische Bevölkerung ist total verarmt. Aber die ^wirtschaftliche Depression zeitigt auch moralische Folgen. Viele Juden mit größerem Vermögen verlassen die jüdische Gemeinde, um der St euer Verpflichtung zu entgehen, viele demoralisierte Elemente nehmen ihre Zuflucht zur Taufe — nicht gerade der Steuerleistung wegen, sondern in der Hoffnung, mit dem Taufschein in der Hand leichter Arbelt zu bekommen. Vor allem richtet sich, wie erwähnt, die nationalsozialistische administrative Hand gegen die sogenannten „eingewanderten Ostjuden", von denen zahlreiche noch nicht das deutsche Bürgerrecht erlangt haben. Bei dieser Sachlage gibt es Juden aus Polen,,die sich und der deutschen Umwelt weismachen wollen, die polnische Regierung werde gegebenenfalls ihre in Deutschland lebenden Staatsbürger schützen, gegebenenfalls zu Repressalien gegenüber den in Polen lebenden deutschen Staatsbürgern greifen. Ein holder Traum, aus dem es nur ein bitteres Erwachen gibt! Sollte Polen sich veranlaßt sehen, „etwas zu tun", dann würde wohl die fatale Situation entstehen, daß Deutsehland die polnisch-jüdischen, Polen die deutschjüdischen Bürger an die Grenze schickt, daß also das historische Spiel „Haust du meinen Juden, hau ich deinen KOHLE/KOKS ANTHRACIT, höchster Qualitäten BÄSCH, IV. AraantiniorttraBe 22 T«f*: Serie U-47.5.40 Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh» liehen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet BEHANDLUNG VON I RHEUMATISMUS GICHT, ISCHIAS UND FOLGEN VON SPORT-« VERLETZUNGEN ..IIH (SCHNELLKUREN, JONTOPHORESE, ' ORIGINAL PISTYANER SCHLAMMPACKUNGEN ETC.). IN DER KURANSTALT DIANABAD FÜR ALLE PHYSIKALISCHEN HEILMETHODEN GRÖSSTER KOMFORT ZEITGEMÄSSE PREISE Juden" im Jahre 1983 mit einem Schein gegenseitiger Legalität wieder aktuell wird, ■"<•."' .Gibt es iu der deutschen Judenheit;Beendung ani die tägliche, kompromißlose, nackte Wfr^ Stimmen laut, die eine Klärung der jüdischen, Situation versuchen? In der liberalen „Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung" stellt deren Chefredakteur Dr. Ludwig Feuchtwanger theoretische Untersuchungen über zwei Phänomene an, und zwar erstens über die Neigung des deutschen Juden zu Demokratie, Pazifismus und zur liberalen Staatstheorie» und zweitens über den jüdischen Grundsatz „Jedes Gesetz der Regierung ist für die Juden vorbehaltlos verbindlich" unter einer Regierung, die den deutschen Juden nicht als gleichberechtigt anerkennt. Feuchtwanger macht in seinen Untersuchungen die kühnen Sprünge der liberalen und radikalen Israeliten nicht mit. Er erfaßt die Situation ziemlich richtig, wenn er erklärt, daß nicht die Rede sein kann von einer geistigen Nötigung zur sozialistischen und pazifistischen Bewegung nach den Uberlieferten Lehren des Judentums, dessen klassische Bücher von kriegerischem Ruhm erfüllt seien. Und er stellt fest, daß sich die Hinneigung des deutschen Juden seit der Emanzipation zu den demokratischen und sozialistischen Grundsätzen aus dem Humanitätsideal des 18. Jahrhunderts ableiten lasse. Jedenfalls — und das ist wichtig, zu betonen — sei die Hinneigung der Juden zum Sozialismus und zur sozialen Bewegung aus den Emanzipationstendenzen zu erklären. Wichtiger als diese theoretische Feststellung ist die Frage der Loyalität zu einem ausgesprochen judenfeindlichen Regime oder, einfacher ausgedrückt, die Frage: Wie soll sich der Jude dem gegenwärtigen Regime gegenüber verhalten? Soll er versuchen, durch Beteuerung seiner Loyalität sich Pardon zu erschleichen? Soll er durch Betonung seines Freiheitsbedürfnisses die oppositionelle Front stärken? Wie man sieht, höchst aktuelle, höchst wirkliehe Fragen! Der Chefredakteur der „Israelitischen Gemeindezeitung" nimmt überraschenderweise diesbezüglich eine Haltung ein, die einen blassen Schimmer von Besinnung ahnen läßt, eine Haltung, die wie ein Reflex zionistischer Erkenntnis aussieht, wenn eine seiner Betrachtungen schließt: „Die letzten Jahre haben uns gelehrt, n i c h t s f ü r unmöglich zu halten, Beteuerungen, Proteste oder den Appell an den Gerechtigkeitssinn zu unterlassen und mit kühlster Aufmerksamkeit, die verstärkt wird durch das Bewußtsein der völligen Aussichts- und Wirkungslosigkeit irgend eines praktischen Schrittes im gegenwärtigen Stadium, den Gang der deutschen politischen Tragödie zu verfolgen . « . Ohne Furcht, ja zuversichtlich und gelassen schreiten wir den Ereignissen entgegen. Ein erhärtetes und völlig sicher gewordenes,