Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 284 (17.2.1933)
- Date
- 1933-02-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 284 DIE NEUE WELT Seite f Der Antizionist Lord Sydenham gestorben Aus London: Im Alter von 84 Jahren starb in London Lord Sydenham, einst Gouverneur von Victoria. Er war eine prominente Figur in der proarabischen und antizionistischen Bewegung in England und griff wiederholt die englische Palästina- Politik im Oberhaus und in der Presse an. Noch in Erinnerung sind mehrere bewegte Palästina-Debatten im Oberhaus, zu denen Lord Sydenham durch seine Angriffe auf den Zionismus den Anstoß gegeben hat. Er setzte sich energisch für die Annahme des von Lord Islington im Juni 1922 im Oberhaus eingebrachten Antrags ein, der ungefähr lautete: Das Palästina- Mandat sei in seiner jetzigen Form unannehmbar, weil es die von der Regierung der palästinensischen Bevölkerung in den Erklärungen vom Oktober 1915 und vom November 1918 gemachten Versprechungen verletzt und dem Willen der großen Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung entgegengesetzt ist; seine Annahme durch den Völkerbundsrat sollte verschoben werden, bis Modifikationen durchgeführt worden sind, die den erwähnten Versprechungen der Regierung gemäß sind. Ungeachtet des eindrucksvollen Appells Lord Balfours gegen den Antrag wurde dieser mit 60 gegen 29 Stimmen angenommen. Im Verlauf der Debatte führte Lord Sydenham aus, er hege Sympathien mit den Wünschen der Juden nach einem Nationalheim, aber Palästina darf ihnen als Nationalheim nicht gegeben werden, weil dadurch den Arabern Unrecht geschieht. Der Beschluß des Oberhauses hatte keine praktische Der Kluge denkt schon jetzt daran Schmidldaß es für den Kenner und Feinschmecker zu Pessach nichts Besseres gibt» als die auf höchster Stute stehenden, in Hygiene der Erzeugung, Geschmack, Bekömmlichkeit und Kaschruth unübertrefflichen Seit 40 Jahren sind „Schmidl-Mazzoth" als das beste und bezüglich Kaschruth durchaus einwandfreies Erzeugnis bekannt und beliebt! ein Versuch wird Sie begeistern! Erzeugt unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. EhrwÜrden Herrn Oberrabbiner Babath - Die Mazzoth werden aus dem feinsten Menl erzeugt! Verlangen Sie die neue, besonders schmackhalte Mazzoth SPEZIAL-MARKE „N.B." Zenfrole: N. Brodetzkl, II, Leopoldsgasse 43 AZXOTHI VEt I M GRIESS u FARVEL Tel. A-46-1-90 A-60-2-63 A-41-9'32 in allen besseren Geschäften erhältlich I Wirkung. Kurz darauf, am 4. Juli, wurde im Unterhaus ein Antrag auf Neuorientierung der englischen Politik in Palästina mit 202 gegen 85 Stimmen abgelehnt. Fast unmittelbar danach erfolgte die Bestätigung des Mandats. Meine erste Begegnung mit Nordau Von M. M. Ussisdiskin (lerusalem) Anläßlich des zehnten Todestages.* Es war im Jahre 1896. Ich fuhr nach Paris zu Baron Edmonde Rothschild, um im Namen der Chowewe- Zionisten Rußlands Verhandlungen mit ihm anzuknüpfen. Auf meinem Wege kam ich nach Wien, wo ich zum erstenmal Theodor Herzl sah und kennenlernte. Im Laufe des Gespräches sagte mir Herzl: „Wenn Sie nach Paris kommen, treten Sie mit Nordau in Verbindung und grüßen Sie ihn herzlichst in meinem Namen. Er hat großes Interesse für unsere nationalen Bestrebungen." „Welchen Nordau meinen Sie?" fragte ich verwundert. „Vielleicht Max Nordau, den Schriftsteller? Ist er denn Jude?" „Selbstverständlich," erwiderte Herzl mit einem zarten Lächeln, „er ist Jude, sogar Nationaljude." Ich war sehr überrascht. In jenen Tagen war der Name Nordau in aller Mund. Er war einer der berühmtesten Männer unter allen Schriftstellern Europas. Sein Geist herrschte unumschränkt auch über die russische Jugend und Intelligenz, in erster Reihe Uber die jüdische Jugend Rußlands. Jedes Buch von Nordau, das in russischer Uebersetzung erschien, wurde zu einem Ereignis. Aber in keinem seiner Bücher war auch nur eine Andeutung auf seine jüdische Abstammung zu finden. Nicht einmal eine Andeutung seiner Beziehung zu den Juden oder zum Judentum. Ich erinnere mich noch heute an d a s Kapitel der „Paradoxe", worin er über den Nationalismus und über nationale Renegaten spricht, die . ihr Volk und seine Kultur und Sprache vergessen und verleugnen. Solche Worte der Erbitterung gegen nationale Assimilation, wie sie Nordau gebrauchte, waren mir seitens anderer Denker unbekannt. 'Aber auch in diesem Kapitel war sein Judentum unerwähnt geblieben. Daher wird man mein Staunen begreifen, als ich hörte, Nordau sei Jude, ja sogar Nationaljude. Ich kam nach Paris, zum erstenmal in meinem Leben. Ich wurde sofort zum Baron gebeten. Bei ihm lernte ich,den Rabbi Zadok Cohen kennen. Ich trat in Verbindung mit den in Paris wohnenden jüdischen Studenten aus Rußland, an deren Spitze der in Palästina verstorbene hebräische Schriftsteller Ludwipol stand und die ein lebhaftes Interesse an meinen Verhandlungen mit dem Baron zeigten. Alle befanden sich damals unter dem Einfluß des „Judenstaates" Herzls. Die Einberufung des ersten Zionistenkongresses stand auf der Tagesordnung und beschäftigte uns alle. Auch sie, die jungen jüdischen Studenten, waren verwundert, als sie hörten, daß Max Nordau Jude sei. Sie drängten in mich, ich möge ihn besuchen, ihn für uns und unsere Bewegung gewinnen. Aus Gründen, an die ich mich heute nicht mehr erinnern kann, ist jedoch der Besuch unterblieben. Zwei Tage vor meiner Abreise erhielt ich eine Einladung zu Rabbi Zadok Cohen, wo ich einem Herrn vorgestellt wurde, der Max Nordau hieß. Ich hatte den Eindruck, daß die Begegnung keine zufällige war. Wer der Initiator war, weiß ich nicht. Nordau stand damals im 47. Lebensjahre. Er war jedoch schon völlig grau, nur Beine Augen glänzten wie die eines Zwanzigjährigen. Nordau stellte Fragen. Ich antwortete. Rabbi Cohen »aß und schwieg. Die Unterredung, die ich nie vergessen werde, dauerte über zwei Stunden und behandelte drei Hauptfragen. Die erste Frage war; „Werden die Juden wirklich bereit sein, nach Palästina auszuwandern, wenn es gelingen sollte, die Einwilligung der türkischen Regierung su erlangent" Ich antwortete ihm, daß bezüglich der Armen und des Mittelstandes kein Zweifel bestehe. Die Bourgeoisie dagegen werde sich weigern, ja, sie werde uns bekämpfen. Daraufhin erwiderte Nordau, daß ich bezüglich der reichen Juden vollkommen recht hätte, daß er aber bezüglich der armen Juden meine Zuversicht nicht teile. Die zweite Hauptfrage war, ob die Juden sich für Ackerbau eignen werden. Ich erwiderte ihm, daß ich darüber keinen Zweifel hege. Der nationale Gedanke wird aller Schwierigkeiten Herr werden. Aber diesen Idealismus könne man von den Juden nur in Palästina erwarten. Uebrigens habe Palästina keine großen Städte, die als Lockmittel dienen könnten. Ich erzählte ihm von Judenkolonisten in Südrußland, was ihn sichtlich freute. Die dritte Frage war, ob die Orthodoxie in Palästina sich nicht gegen den Aufbau Palästinas erheben werde. Hier unterbrach mich Rabbi Zadok Cohen mit der Bemerkung: „Wäre die Erlangung des Charters so leicht wie die Erlangung der Zustimmung der Rabbiner — dann wäre das Problem gelöst." Nordau war skeptisch. „Auf Wiedersehen beim Kongreß!" waren seine Abschiedsworte. Er wird also zum Kongreß kommen, dachte ich. Er ist auch gekommen und ist ein Träger der Bewegung geworden. Ein ägyptischer Professor über Juden und Araber. Die jüdische Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden in Aegypten veranstaltete vor kurzem in Kairo einen Vortrag des berühmten Professors für semitische Philologie an der Universität Kairo, des Herrn Prof. Dr. Ali El-Enani über: „Juden und Araber". Der Vortragende schilderte die Entstehung der einzelnen arabischen Stämme und ihre Beziehung zu den Juden. Bis zu einem großen Grade ist die hebräische Sprache, Literatur und Philosophie mit der arabischen verwandt. Der Vortragende schilderte das Leben der Juden in Yemen, wo sie früher politische Autonomie besaßen. Er sprach von der religiösen Verwandtschaft der Araber mit den Juden und bewies, daß viele Lehren des Koran ihren Ursprung in der Thora haben. Der Einfluß Rambans und Ibn Gabirols ist noch heute in der arabischen Philosophie bemerkbar. Die Juden waren die Ersten, welche arabische Kulturwerke in die griechische und lateinische Sprache übertrugen. Der Redner schloß mit den Worten: „Alle Völker sind stolz auf ihre Vorfahren. Auch wir Semiten, Juden und Araber sollten uns unserer Verwandtschaft bewußt werden. Mein Wunsch ist, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl beider Völker sich stärken möge zum Wohle der ganzen Menschheit." Beim Vortrag war auch der ägyptische Unterrichtsminister anwesend. Bisher unbekannte jüdische Sekten Konstantinopel. Der jüdische Gelehrte Abraham Galante, Professor an der Konstantinopler Universität, veröffentlicht soeben eine Monographie über zwei bisher unbekannt gebliebene jüdische Sekten. Bei der einen handelt es sich um einen armenischen Stamm, der sich „Paknduni" nennt und dessen Angehörige hauptsächlich in Konstantinopel wohnen. Laut ihrer Ueberlieferung sind sie Abkömmlinge der babylonischen Juden. Sie sind christlichen Glaubens, aber wahren noch heute jüdische Traditionen. Sie enthalten sich des Genusses von Schweinefleisch, halten den Sabbat und die Trauerwoche (Schiwah) für verstorbene Angehörige und heiraten nur unter sich. Ihr körperlicher Typus ist nicht armenisch, sondern jüdisch. Bei der zweiten Sekte handelt es sich um Juden-Kurden, die in der Stadt Siird im türkischen Turxes:an wohnen. Sie esen an Pe Uchtagen kein gesäuertes Brot, sondern Mazzoth, feiern alte jüdische Feste, die unter den heutigen Juden fast schon vergessen sind, wie den 15. Ab, der im Talmud (Buch Taantth, Blatt 29, Chag haschiduchim) erwähnt ist. Auch dieser Stamm repräsentiert einen rein jüdischen Typus. Die Eigenart jüdischer Schachspieler In der Reihe der Montagsvorlesungen sprach am 23. Jänner in der Hochschule für die Wissenschaft, des Judentums in Berlin der Schachmeister Doktor Emanuel Lasker (1894 bis 1921 Weltschachmeister) über „Jüdische Schachspdeier in ihrer Eigenart'/ Nach einem Abriß über die Geschichte des Schachspieles, dessen Entstehung er auf 1000 bis 2000 Jahre vor Christi ansetzt, gab Lasker eine allgemeine Psychologie des Schachspieles, das er als antikes Sinnbild für Krieg und Kampf kennzeichnet. Er unterscheidet sieben Perioden in der Vervollkommnung des Spielers: Zuerst die primitive Periode, in der der Spieler nichts als Figuren schlagen will. In der zweiten Periode überwiegt die Lust an der List und am Fallenstellen, in der dritten Periode die Freude am Angriff, in der vierten an der kunstvollen Verteidigung, in der fünften die kluge Entwicklung der Streitkräfte, in der sechsten die besonnene Kombination. In der letzten Periode gelinge dann der Ausbau und die Befestigung der „Pos i t i o n". Das Schachsipel hat alle Völker und Stände erobert. Die sephardischen Juden haben es wohl in Spanien angenommen, aber sich nicht besonders hervorgetan. Die aschkenasischen Juden wandten sich erat zu Anfang des 19. Jahrhunderts dem Schachspiel zu. Aeußerlich liegt die Eigenart jüdischer Spieler vielfach in besonderem Temperament und Ausdrucksreichtum, eine Eigenart aller Mittelmeervölker, die sich aber mit zunehmender Assimilation in Nord- und Westeuropa verliert. Im Spiel selbst zeigen alle jüdischen Spieler eine besondere Stärke in der Kunst der Verteidigung, durch deren Verfeinerung sie das Schachspiel in aller Welt weitgehend gefördert haben. Lasker erklärt diese Fähigkeit mit der jahrhundertelangen Leidens- und Unterdrückungsgeschichte der aschkenasischen Juden in ganz Europa. Die Kunst der Verteidigung im Schachspiel findet sich bei allen unterdrückten Gemeinschaften, während bei herrschgewohnten Völkern, wie Engländern, Holländern und Amerikanern, die K u n 81 des Angriffes überwiegt. Die stärkste und nur ihnen eigene Art der Juden im Schachspiel ist aber die gedankliche und seelische Spielform. Sie pflegen neben der Verteidigung die Kombination und den gedanklichen Aufbau des Spiels, der den Realitäten oft nicht Rechnung trägt. Sie werten das Schachspiel als Disput aus und machen es zum Seitenstück des jüdischen Witzes, der sich am Gedankenspiel entzündet. Diese Eigenarten führt Lasker auf die Vertiefung der Juden in den Talmud und ihre Schulung an talmudischem Denken zurück. Aus der Freude am Gedankenspiei und der Vernachlässigung des Realen erklärt sich die Liebe jüdischer Spieler zum Systematischen und ihr Glaube an die Durchschlagskraft des Systems. Die jüdischen Spieler suchen auch im Schachspiel Prinzipien von Einheit und Wahrheit zu verwirklichen, im Gegensatz besonders zu den auf die Gegebenheiten und Erfordernisse des Augenblicks sich abstellenden Amerikanern. So haben weder Holländer noch Engländer trotz des Reichtums ihrer Fachliteratur Systeme geschaffen; Systeme rühren lediglich von Juden, zuweilen auch von Deutschen, her. Diese tiefste Eigenart der Juden