Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 283 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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gelte g _DIE NETTE WELT_ _ Nr. 28t ÄÄ us Deutschland OeAage «fer »ffncn Weh« fftv Deultdilandi Filialredaktion und AdntfafstratioBt Berlin, Cbarloffenburg S, JoadifaisfalevstvaDe 3/H Wlllllilllllllllllllllllllllll!!lllllllllllllllll||||||||||!ll!l!||||!lll|||||in ...... Das Zenlrum und die Juden In der letzten Nummer der „Neuen Welt" war in einer Betrachtung, der politischen Lage in Deutschland die Bemerkung enthalten, daß auch Vertreter der Zentrumspartei in einigen Fällen antijüdische Anträge unterstützt haben. Aus Berliner jüdischnationalen Kreisen erhielt die „Neue Welt" Zuschriften, in welchen diese Behauptung als unzutreffend bezeichnet und darauf hingewiesen wird, daß das Zentrum nach wie vor die einzig» politische Gruppe in Deutschland ist, welche Verständnis für jüdische Fragen aufbringt. In einer dieser Zuschriften heißt es: „Die Information, daß das Zentrum für Judenanträge der Nationalsozialisten gestimmt hätte, ist unzutreffend. Im Preußischen Landtage hat sich wohl das Zentrum unter Führung seines kulturpolitischen Referenten Prof. Lauscher einmal gegen eine Bevorzugung der Juden in den Staatstheatern gewendet. Aber für judenfeindliche Anträge hat das Zentrum nie gestimmt, hat solche Anträge nie erstellt. Weite Kreise des nationalen Judentums haben sich bei den letzten Wahlen für das Zentrum ausgesprochen, weil sie dort Verständnis sowohl für die jüdischnationalen Forderungen als für die Forderung nach staaatsbürgerlicher Gleichberechtigung fanden. Auch bei den jetzt bevorstehenden Wahlen werden sie erneut die jüdische Wählerschaft auffordern, für das Zentrum zu stimmen." * Der Standpunkt der „Neuen Welt" in der Frage der Beteiligung an politischen Wahlen ist bekannt. Wo di» Möglichkeit besteht, aufrichtige Nationaljuden in die Vertretungskörper zu entsenden, sind jüdische Listen aufzustellen. Wo diese Möglichkeit nicht besteht, sind selche Parteien zu unterstützen, welche sich für nationale und staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden einzusetzen verpflichten. Wo solche Parteien nicht vorhanden sind, sind jüdische Zählkandidaten aufzustellen oder ist, mit entsprechender Begründung, Wahlenthaltaag zu empfehlen. Nur auf diese Art kann der ehrliche jüdische Standpunkt zum Ausdruck gebracht und verhindert werden, daß die Juden in den Streit fremder Parteien, in den Kampf der Nationen und Klassen verwickelt werden. Nur, so kann verhindert werden, daß die jüdische Würde beeinträchtigt und dem Judenhaß von jüdischer Seite aus neue Nahrung gegeben wird. Wenn die deutsche Zentrumspartei den nationaljüdischen Wählern in der oberwähnten Hinsicht Garantien bietet, ist das Eintreten für sie im Interesse der deutschen Judenschaft begründet Niflif judeniumsfoeii/ sondern vereinten Werfvolles Bekenntnis eines CV*»Mannes Wenn die Herren vom Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.-V.) anfangen, über ihr Judentum, ihr Jude-Sein und Jude-Bleibenwollen nachzudenken, so kommen sie zu Schlüssen, die für ihre Vereinigung Von höchster Gefahr sind. Solche Gedanken nämlich entschleiern blitzschnell ihre ganze Ideologie, zeigen ihnen mit grausamer Deutlichkeit die Wirklichkeit ihres Seins, beweisen ihnen klar, daß das Reden von der jüdischen' Religionsgemeinschaft eine leere Phrase ist, hinter der sich die Angst vor der Entscheidung verbirgt. Ein Herr Dr. Hermann Gerson hat in der C.-V.- Zeitung den Mut, die deutsch jüdische und die zionistische Auffassung der Jüdenfrage miteinander zu konfrontieren, und stellt im wesentlichen fest, daß zum Jude-Sein der Wunsch gehören müsse, dem geistigen, historischen Erbgut sorgfältigste Pflege zuteil werden zu lassen, und daß die sogenannte deutsche Bildung nicht genüge, um eine Sinngebung der Tatsache „Jude-Sein" zu erzielen. Es sei mehr notwendig: Herausstellung der historischen, soziologischen, religiösen Zusammenhänge und eine wirkliehe Beziehung zu allen Funktionen des jüdischen Lebens. Und das hat der C.-V. nicht, sagt einer ihrer Anhänger * Er hat nicht diese Beziehung, er hat keine jüdische Bildung und er verlangt sie auch nicht. Doktor Gerson spricht von der Arbelt an der schulentlassenen Jugend und unter Erwachsenen: „Wer gerade in der erstgenannten Arbeit drin steh^, weiß, daß sie zu ganz überwiegendem Teil heute von Zionlsten bestimmt und getragen wird. Das Ist für uns eine bedauerliche Feststellung." Diese Erziehung will Dr. Gerson den Ziönisten nicht überlassen. Er ist zwar schon so weit, anzuerkennen, daß der Zionismus der jüdischen Wirklichkeit Rechnung trägt, aber er fürchtet, daß bei einer zu starken palästinozentrischen Einstellung die deutschjüdischen Belange zu kurz kommen könnten, und schlägt daher den Mitgliedern des C. V. eine größere jüdische Bildung vor, wie sie die Zionlsten betreiben. Die bisherige Zweckbildung genügt nicht. Dr. Gerson charakterisiert die normale jüdische Bildung der C, y^-Leute folgendermaßen i „Aus der Bibel kennt man einige Sätze, welche die humane Vortrefflichkeit prophetischen Ethos beweisen sollen; aus dem Talmud und Schulchan Aruch die einschlägigen Stellen zur Widerlegung der antisemitischen' Behauptungen über Christenschädiguhg usw.; aus den aktuellen jüdischen Wirtschaftsfragen eine Statistik, welche die Ansicht von Uberragendem jüdischem Wirtschaftseinfluß widerlegt. Wo man sich spezieller mit den Problemen befaßt, kennt man allenfalls noch einige von den Büchern der Bibel (natürlich auf deutsch) und die Geschichte des 19. Jahrhunderts. Eine Bildung, die so ihren Schwerpunkt nach außen, in apologetische Zwecke verlegt, hat selbstverständlich keine geistig erfassende und bewegende Kraft, kann gegenüber vom Jüdischen abgehenden gesellschaftlichen Lösungen nicht standhalten. Sie hat mit dem wirklichen Leben des einzelnen nur peripherisch zu tun, gewährt vor allem keinen Beitrag zu den geistigen und gesellschaftlichen Grundfragen des Lebens. In alldem haben wir einen Zustand vor uns, welcher die Menschen an die Wirklichkeit der jüdischen Geschichte und Religion meist gar nicht erst heranführt; demgegenüber ist das Reden von der jüdischen Religionsgemeinschaft leer, eine Ideologie, welche gerade die ernsten und wahrhaftigen Menschen nicht anerkennen werden." Besser, eindeutiger, Schlagkräftiger könnte selbst der schärfste Gegner des C. V. das Gesicht der Assimilation, die Methode der jüdischliberalen Abwehrler nicht zeichnen. Plastischer könnte daneben ganz spontan der Zionismus nicht hervortreten. Und nun die Lehre? Herr Dr. Gerson predigt seihen Jüngern: Ueberlasset das Feld nicht den Ziönisten, den Bewahrern des geistigen Guts und den Erneuerern desselben. Lernt selbst. Denn die ernste Bemühung um das geistige Gut (über den Abwehrkampf hinaus) ist nur eine Konsequenz der eigenen Ueberzeugung vom Judentum. Und zum Schluß Dr. Gersons wahrlich treffliche Formulierung, deren Pointe wir an die Spitze unserer Betrachtung gestellt haben: „Daß so viele Juden heute in praxi nicht dem Judentum angehören, sondern dem C. V., daß sie nicht judentumstreu, sondern y.ereinst r e u sind,, daß derart der Horizont sich oft verengt — davon hat der O. V. durchaus keinen Gewinn.4/ Wovon denn? Von der Erhaltung seiner bisherigen Ideologie? Von der weiteren Bekämpfung des Zionismus? Was wollen eigentlich die Herren vom C. V. erhalten? Etwa den Drang, sich in die deutsche . Schicksalsgemeinschaf t einzugliedern und immer wieder. hinausgeworfen zu werden? Herr Dr. Gerson ist durch die deutsch-jüdische Wirklichkeit zu vernünftigen Bekenntnissen gekommen. Vielleicht wird er im Kreise seiner C. V.-Frqunde „aufklärend" wirken. Neue deuf§die KuIturpolflHfc Vor einigen Tagen erschien in dem nunmehrigen Regierungsblatt „Deutsche Allgemeine Zeitung" folgende Notiz: „Mit der Ernennung des Nationalsozialisten Dr. Berhard R u s t zum kommissarischen Kultusminister wird jedenfalls ernsthaft gerechnet. Weiter wird angekündigt, daß, auch der Posten des Intendanten der Staätstheater neu besetzt werden soll, und zwar mit dein Dichter Hanns Johst. Wie uns mitgeteilt wird, sind die beiden Herren in einer Versammlung des Kampfbun'des für deutsche Kultur bereits in ihrer neuen Eigenschaft begrüßt worden." Die Ernennung der beiden ist inzwischen prompt erfolgt, und die nationalsozialistische Presse kündigt an, daß auch der Posten des Berliner Rundfunkkommissars mit einem Nationalsozialisten besetzt werden wird. Mit der Ernennung von Dr. Bernhard R u s t (Hannover) zum kommissarischen Kultusminister rückt der Fall Cohn in Breslau, der ein Fall der Kultur und des Rechtes gegen brutale Gewalt ist, in eine neue Beleuchtung. In einer Versammlung nationalsozialistischer Studenten der Berliner Universität am 3. Februar mittags hielt der bisherige nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Rechtsanwalt Frank einen Vortrag, in dessen Verlauf er an die nationalsozialistischen Studenten appellierte, an allen Universitäten die „Fälle Cohn zu bereinige n". Was den neuen S t a a t s t h e a t e r i n t e ndanten Hanns Jobst betrifft, so ist dieser, den der frühere Staatstheaterintendant, der Jude Leopold Jeßn e r, als Dramatiker entdeckte und aus dem Dunkel des Unbekanntseins zog (Jeßner hat kurz nach seinem Antritt des Intendantenamtes zwei Bühnenstücke von Hanns Johst uraufgeführt), später zum Nationalsozialismus übergetreten und betätigt sich als Uterarischer Beirat im Münchher Braunen Haus. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich nun Hanns Johst zu seinem einstigen Protektor, dem jetzigen Staatstheaterregisseur Prof. Leopold Jeßner, verhalten wird. Es ist bekannt, daß Jeßner schon durch die bisherige Staatstheaterintendantur stark zurückgesetzt worden ist. Er hat sich veranlaßt gesehen, wegen Klarstellung seiner vertraglich zugesicherten Stellung gegen den preußischen Staat Klage zu erheben. Der Termin findet am 10. Februar vor dem BUhnenschiedsgericht statt. Was den Berliner Rundfunk anbetrifft, so wird schon jetzt an demselben eine Art Kulturantisemitismus betrieben. Im Verlauf der „Antike Welt" betitelten „Bücher-Stunde" am Freitag abends verlas Richard Riedel in geteilter Rede mit Gert Fricke, K» Haas und anderen Sprechern sein Manuskript Uber die neuesten Romanerscheinungen. Riedel stellte einige Romane jüngerer deutscher Schriftsteller, wie z. B. Niels Petersen, in einen Gegensatz zu dem Schaffen Lion Feuchtwangers und besonders zu seinem neuesten Romanwerk „Der jüdische Krieg" und versuchte nachzuweisen, daß der jüdische Schriftsteller stillos und charakterlos ist und daß auch seinen Helden kernige Männlichkeit fehlt. Während der deutsche Schriftsteller seinen Helden an das Ziel seiner Bestrebungen gelangen läßt, läßt der jüdische Schriftsteller den seinen am Weibe zerschellen. Dabei bemüht sich Riedel, nachzuweisen, daß auch dem antiken jüdischen Historiker Flavius Josephus jeder Charakter fehle. Es wurden dann Stücke aus den zur Besprechung herangezogenen Romanwerken gelesen. Während die Auszüge aus den Romanen der nichtjüdischen Schriftsteller mit kräftigem Ausdruck und markiger Betonung gelesen wurden, wurden die — übrigens schon im voraus mit einer gewissen Absicht gewählten — Stücke aus Feuchtwangers „Jüdischem Krieg" teilnahmslos und mit einem mokanten Unterton heruntergeleiert. Am selben Abend übermittelte die National Broadcasting Company dem deutschen Rundfunk eine Rede des Vertreters der nationalsozialistichen Presse in Amerika, Herrn Lüdecke, der; ausführte, die amerikanische öffentliche Meinung sei bisher durch eine gewisse Presse und durch „herumreisende sogenannte Deutsche" falsch über die politischen Verhältnisse in Deutschland informiert worden...Heute steht die öffentliche Meinung Amerikas, im' B a n n e H■ i 11 e r s. Die Zeitungen tragen. die Ueber« Schriften: „Hitler Reichskanzler! Die Juden verlassen Deutschland!" Viele Amerikaner sagen: „Auch Amerika braucht einen Hitler!'* Verhetzung Aus Frankfurt wird der „Neuen Welt" berichtet: Die hiesige Gruppe der Jüdischen Volkspartei hat ihren bisherigen Vertreter in der Finanzkommission der Frankfurter Judengemeinde, Herrn Dr. Paul Arnsberg, aus der Kommission zurückgezogen. Dr. Arnsberg ist Revisionist. Auf dem letzten In Frankfurt abgehaltenen deutschen Ziönisten tage kam es zu Zusammenstößen zwischen allgemeinen und linken Ziönisten einerseits und Revisionisten andererseits, an denen übrigens Dr. Arnsberg persönlich nicht beteiligt war. Die Zionistische Ortsgruppe der allgemeinen und linken Zionlsten in Frankfurt stellte nun an die Volkspartei das ungeheuerliche Ansinnen, ihr Mitglied Doktor Arnsberg für die Vorfälle auf dem Zionistentage zu „bestrafen", und die J. V. beging den ungeheuerlichen Schritt, dieser Aufforderung durch Rückziehung des Dr. Arnsberg aus der Gemeindekommission Folge zu leisten. Damit ist die Verhetzung gegen die Revisionisten in die J. V., welche doch eine Vereinigung aller nationalen Elemente zwecks innerpolitischer Arbeit darstellt und mit innerzionistischen Fragen nichts zu tun hat, hineingetragen und die Gefahr der jüdischnationalen Zersplitterung heraufbeschworen. Dr. Arnsberg hat seinen Austritt aus der J. V. angemeldet und wird künftighin allein seine nationalen und zionistischen Grundsätze in der Gemeinde vertreten. Wenn die J. V. nicht zur Einsicht kommen und Ihren unüberlegten Schritt gutmachen wird, trägt sie allein die Verantwortung für die Schwächung der jüdischen Front. Um 30°/o billiger und teilweise noch mehr gegenüber dem Vorjahr© herabgesetzt, verkauft Schiffmann jetzt anläßlich der „Weiße Wunder-Woche" Qualitäts-Weißwaren jeder, Art. Einen besonderen Beweis der Meisterleistung erbringt Schiffmann durch die Preise, zu denen er Reste der berühmten und beliebten Qualitätsmarke „Lilien-Webe" anbietet. Diese Angebote sind in den Schaufenstern zu sehen. Gastwirte, Hoteliers und private Selbstverbraucher nützen diese einmalige und einzigartige Kaufgelegenheit ohnegleichen aus. Beginn der „Weißen Woche" Montag, 8 Uhr frtiht Verkauf nur II., Taborstraße 48.