Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 283 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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± V «elte 4 DIE NEUE WELT Nr. 283 Gesellschaftsabend mit Tanz und Akademie Veranstaltet vom Hilfskomitee des Chajes-Realgymnasiums am Samstag, den 11, Februar 1933. Oft: Hübners Kursalon (Stadtpark). Beginn: 8 Uhr. Karten a S 3.50 im Gymnasium, II, Castellezgasse 35, und an der Abendkasse. auf dieselbe heilige Erde des gemeinsamen Vaterlandes, mit dem wir sie physisch und seelisch verknüpfen wollen, auf daß auch sie ein glückliches Dasein finden Im Helm unserer rumänischen Massen." Im Anschlüsse daran wird aus Bukarest weiter gemeldet: Die unter der Studentenschaft der juridischen und medizinischen Fakultät der Bukarester Universität seit einiger Zeit herrschende Bewegung zur Durchsetzung gewisser Forderungen hinsichtlich der akademischen Studienordnung nimmt antisemitische Richtung an. Die Nationale Union christlicher Studenten hat ein Manifest erlassen, in dem es u. a. heißt: „Ein Priester, im Ornat wurde schwer mißhandelt und verhaftet, das Kreuz, bestimmt für den christlichen Helden, der auf Befehl der Juden vom Völkerbund als Heide deklariert wurde, zerbrach unter einem Kolbenhieb ... Der erste Versuch, das Heilige Kreuz auf dem Grabmal des Volkshelden aufzustellen, wurde von den Söldnern der jüdischen Freimaurerei vereitelt. Fürchtet nicht Bajonette und Gewehre! Besser, für das Kreuz zu sterben, als unter der Herrschaft der Freimaurerei zu leben!" Die Aktion der Studentenschaft wird von der Bukarester Geistlichkeit gestützt. In Bukarester politischen Kreisen rechnet man mit der Möglichkeit ausgedehnter Unruhen in nächster Zelt, durch die der gegenwärtigen demokratischen Regierung Schwierigkeiten bereitet werden sollen. Aus Jassy wird sodann berichtet: . Antijüdische Unruhen bedenklicher Natur ereigneten sich in Jassy anläßlich eines von Mitgliedern der Eisernen Garde am Grabe des Unbekannten Soldaten veranstalteten Gottesdienstes, der vom Jassyer Metropoliten geleitet wurde. Nach Schluß des Gottesdienstes zogen die Teilnehmer zum Hause des jüdischen Bürgers Aranovici in der Nähe der Kirche Nicolae Domnesc. Unter den Rufen: »Ein Judenhaus darf nicht in der Nähe der Kirche stehen!" demolierten sie das Hans bis auf den Grund. ' Das Haus des Aranovici war schon $m vergangenen Jahre ein Angriffsziel der jassyer Antisemiten. Es wurde zum' 'großen Teil durch Mitglieder der Eisernen Garde zerstört, wobei die , „Eisengardisten"' die Gendarmen; die sie an ihrem Zersförühgswerk Wndern wollten, überwältigten, aber schließlich doch von ihrem Treiben lassen mußten. Aranovici konnte sein Haus wieder instand s-etzen, das diesmal der Zerstörungswut des Pöbels völlig zum Opfer fiel. Ueber diesen Vorfall sprach der Senatspräsident Costachescu im -rumänischen Parlament und sagte im Rahmen einer Debatte: „Mein Freund Halipa hat recht, es darf in Zukunft nicht geduldet werden, daß Häuser niedergerissen werden, wie es in Jassy geschehen ist. Ich habe dort der Polizei gesagt, daß wir so etwas nicht dulden können, daß ich mich schäme. Trotzdem haben vierhundert junge Leute, mit vier Pf arrern in Meßgewändern an der Spitze, ein Haus niedergerissen, -während Ä00 Gendarmen unter Kommando eines Hauptmannes dabeistanden., Was ist geschehen? Man hat einen Inspektor zur Untersuchung geschickt, vielleicht wird man im Jahre 1935 von der Untersuchung etwas hören." » Wie zu ersehen, haben die Worte des Kirchenfürsten eine tiefgreifende Wirkung ausgelöst. Die frommen Zuhörer, die Studenten und Priester, haben sich an die Brust geschlagen und bekreuzigt1 und sind auf die Straße gegangen — Juden schlagen. Ansonsten mag ja der Herr Patriarch riesigen Einfluß besitzen. Aber wenn es sich' um Juden handelt, gilt anscheinend das Wort des kleinsten Pfarrers im kleinen Jassy mehr als die größte Predigt des großen Patriarchen im großen Bukarest. Neue Exzesse Aus Jassy: Eine Versammlung der an der Jassyer Universität inskribierten Studenten aus Akkerman, an der auch jüdische Hörer teilnahmen, wurde von Cuzisteh und „Eisengardisten" unter Führung der Studenten Mociulski und Taschka Uberfallen. Es entspann sich ein heftiger Kampf, bei dem die jüdischen Studenten Srul Weltmän und Georg Wahr man erheblich verletat wurden. Mociulski und Tschka wurden verhaftet und zur Polizei gebracht, jedoch nach kurzem Verhör wieder freigelassen. Hausfrauen aller Bezirke/ vereinigt Euch zur Ausnutzung der „Weißen Wunder-Woche" bei Schiffmann, die euch wahre Wunder in Preis und Qualität bietet So gute Weißwaren wurden noch nie »o preiswert angeboten. Wer klug ist, nützt diese einmalige und beispiellose Kaufgelegenheit aus . . . und beteiligt sich an der großen „Volks-Versammlung1' aller tüchtigen Hausfrauen in Schiffmanns Warenhaus der Sparsamen, IL, Taborstraße 48. Verein der Botzotzer in Wien Einladung zu der Sonntag, den 26. Februar 1933, in den Festsälen des Hotel Continental stattfindenden AKADEMIE mit TANZ Hervorragende Kunstkräfte / Jazzkapelle Prof Wolf sthal / Karten bei allen Vorstandsmitgliedern erhältlich Aus der Wiener Judengemei'nde Die Gründung des österreichischen Gemeindebundes beschlossen — Gegen den Hirtenbrief des Linzer Bischofs In der letzten öffentlichen yorstandssitzung wurde ein altes, unerquickliches Kapitel zum Abschluß gebracht. Vor zwanzig Jahren bereits haben die Zionisten die Zusammenfassung aller österreichischen Judengemeinden zu einem Bunde gefordert, um eine offizielle Vertretung aller Juden des Landes herzustellen. Die frühere assimilatorische Mehrheit, die Feind jeder Art politischer Zusammenfassung der Juden ist, hat diese Forderung jahrelang abgelehnt und ihr schließlich in einer Form Rechnung getragen, welche einer Sabotierung gleichkommt. Sie hat der Beidung des Gemeindebundes unter der Bedingung zugestimmt, daß alle Gemeinden beitreten. Man wußte nämlich, daß einige unter agudistischem (trennungsorthodoxem) Einfluß stehende Gemeinden des Burgenlandes gegen den Eintritt sind. So war die hochwichtige Sache auf ein totes Geleise geschoben. Die zionistische Mehrheit hat nun gleich nach Uebemahme der Leitung der Gemeinde die Angelegenheit bereinigt. Nach einem ausführlichen, den Gegenstand erschöpfenden Referat des Vizepräsidenten Dr. J. Löwenherz wurde beschlossen, den Gemeindebund unter allen Umständen sofort zu gründen. Den widerstrebenden Gemeinden — es sind sieben von zirka vierzig — wird die Möglichkeit gegeben, später beitzutreten. Es ist klar, daß auch diesen schließlich nichts anderes übrigbleiben wird, als sich anzuschließen, weil sie auf die Dauer iiicht ' bhne' Vertretung bleiben können. ' * In der gleichen Plenarsitzung wurde folgende Resolution einhellig beschlossen: „Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien als die gesetzliche Repräsentanz der Wiener Judenschaft erhebt im Namen ihrer Mitglieder entschiedenen Protest gegen die im Hirtenbrief des Linzer Bischofs, Herrn Dr. Johannes Maria G f ö 11 n e r, enthaltenen vollkommen ungerechtfertigten Beschuldigungen und schwer beleidigenden Herabsetzungen des Judentums. Er weist, insbesondere die Behauptungen dieses Hirtenbriefes zurück, daß schnöder Materialismus, Mammonismus und andere die Gesellschaftsordnung zersetzende Bestrebungen und Ideen als Ausfluß des jüdischen Geistes gekennzeichnet und daß aller in der Welt bestehende geistige Unrat und die sittliche Schlammflut auf vorwiegend jüdischen Einfluß zurückgeführt werden. Als Träger einer Weltanschauung, die auf den höchsten sittlichen und ethischen Grundlagen der Bibel aufgebaut ist, als Mitglieder einer Gemeinschaft, die das große Erbe der in ihrem Schrifttum verankerten- Grundsätze der Menschenliebe, der sozialen Gerechtigkeit und der Völkerversöhnung durch Jahrtausende trotz aller Anfeindungen und Martyrien treu gehütet und bewahrt hat, weisen wir es ais Unwahrheit zurück, wenn gegen das Judentum der fälschliche Vorwurf erhoben wird, daß sein Geist die Menschheit von der Erkenntnis der sittlichen Grundlagen des Lebens entferne. Deshalb müssen wir es als tief bedauerlich bezeichnen, wenn von einer so höhen, verantwortlichen Stelle unter Anrufung einer angeblichen Gewissenspfllcht ein Teil der Bevölkerung zur Betätigung feindlicher Gesinnung gegen den anderen angeeifert wird und hiedurch Gegensätze geschaffen werden, die den bürgerlichen Frieden der Bevölkerung unserer Republik zu gefährden geeignet sind. Insbesondere legen wir aber dagegen Verwahrung ein, daß im Zusammenhang mit den gegen, unsere Gemeinschaft erhobenen ungerechten Beschuldigungen Aenderungen der Gesetzgebung und Verwaltung empfohlen werden, die gegen die gleiche Reehtsstellung der jüdischen Bewohner dieses Staates gerichtet sind." Regierung Ministerialdirektor Dr. Bädtr teilnahm. Als der nationalsozialistische Abgeordnete Freister scharfe Angriffe gegen den sozialdemokratischen Abgeordneten Kuttner richtete, erklärte der sozialdemokratische Abgeordnete Rosenfeld, das Verhalten Freislers lasse darauf schließen, daß er pathologisch ist. Die Nationalsozialisten beschimpften Rosenfeld und Abgeordneter Hinkler stürmte, gefolgt von mehreren Fraktionskollegen, atif den Abgeordneten Rosenfeld zu und rief: „Frecher Judenjungel" AIS Rosenfeld erklärte, er habe nicht die Absicht, sich mit den Nationalsozialisten zu schlagen, erwiderte Hinkler: „Mit solchen Judenjüngen schlägt man sich nicht, die kriegen einen Tritt in den Hintern!" Unter allgemeinem Tumult verließen schließlich die Abgeordneten den Saal. Abgeordneter Rosenfeld wurde auf den Korridoren von Nationalsozialisten verfolgt, die ihn mit drohenden Zurufen überhäuften. 500 polnische Palästina-Wanderer In diesen Tagen begaben sich in einem Sonderzug vom Warschauer Bahnhof 600 polnische Juden zu ständigem Auf enthalt, nach Palästina. Die Hälfte der Palästina-Wanderer sind Chaluzim, die andere Hälfte Mittelstandsangehörige. Bis zur Pessachzeit werden sich allwöchentlich aus Warschau 200 Juden nach Palästina begeben. Antisemitischer Exzeß im Preußischen Landtag Der Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtages zur Prüfung der preußischen Rechtslage, der sogenannte „Zarnow"-Ausschuß, trat am Mittwoch zu einer öffentlichen Sitzung zusammen, an der für die preußische Vom entfudeien Eiferatentum Eine Umgestaltung der politischen Machtverhältnisse geht vor sich; in Deutschland unter Schweren inneren Erschütterungen, in Oesterreich und anderswo unter nicht so deutlichen Symptomen. Hunderttausende Juden verfolgen, in den Kreis dieser Entwicklung gezwängt, den Prozeß, der sich jetzt vollzieht. Hunderttausende jüdische Existenzen sind in solcher Konstellation schwer bedroht. Hunderttausende jüdische Augen versuchen, ein Rettungslicht zu erspähen, suchen Hilfe oder wenigstens Hoffnung auf Hilfe. Aber während erhebliche Teile der Jüdehheit In den, verschiedenen Ländern sorgenvoll nach einem Ausweg suchen, während jüdische Massen hungern oder — wie in Deutschland — nicht wissen, was ihnen der nächste Morgen bringt, haben die sogenannte „Judenpresse" und das zu ihr gehörige Literatentum andere Sorgen: Verbreitung der Aufklärung, Kampf gegen sogenannte sittenwidrige Paragraphen, Degradierung irgendwelcher völkischer. Traditionen, Verhöhnung dynastischer Empfindungen^ Erhellung < der diversen Revolutionen. Ein kleiner Skandal in Wien bietet uns einen Querschnitt durch die Erscheinung „Judenpresse" und „Verjudete Literatur". (Wir meinen unter diesen beiden Begriffen die nationaljüdische Auffassung.) Ein sozialdemokratisch orientierter „jüdischer" Schauspieler und Schriftsteller, Herr Richard Duschinsky, las im österreichischen Schriftstellerverein „Oöncordia" eine Szene aus seinem Bühnenstück „November in Oesterreich", worin sich zwei Personen über die Opfer unterhalten, die sie während des Krieges gebracht haben: ein Frontoffizier und ein Kriegsschieber. Es gab, wie jeder weiß, unzählige Frontoffiziere und unzählige Kriegsschieber. Aber Her Duschinsky, der links orientierte und organisierte Schauspieler, mithin zu Freisinn, Freidenkertum, Mauschelkenntnis verpflichtet und legitimiert, , wählte als Frontoffizier einen — allgemeinen Frontoffizier, als Kriegsschieber einen — jüdischen Kriegsschieber. Damit glaubte er wahrscheinlich ein Alibi für seine jüdische Herkunft, einen Beweis für seihe freisinnige Denkungsart erbracht zu haben. Denn daß rein dichterische Motive die Konfrontierung eines jüdischen Kriegsschiebers mit einem nichtjüdischen Frontöfflzier forderten, wird auch das weitestgehende Wohlwollen für sein dramatisches Schaffen nicht beanspruchen. Die vorgelesene Szene erregte Aergernis. Ich kenne Duschinskys literarische Produktion nicht, bin daher auf die Zeitungsberichte angewiesen. Und* diese besagen einerseits, daß sich bieder-liberale Gäste der „Oöncordia" gegen die dramatische Charakteristik des jüdischen. Kriegsschiebers gewendet haben; andererseits, daß bieder-konservative Gäste der „Concordia" mit der drastischen Charakteristik des Frontoffiziers unzufrieden waren. Wie dem auch sei — Herr Richard Duschinsky, der Autor und Rezitator, hatte Unwillen erregt und wieder geht durch den der Judenheit gehässigen Blätterwald die Mär, daß' „der Jud" Gefühle verletze, korrumpiere, Schmutz und Schund aufwirble usw. Die,. Duschinskys, die „israelitischen" Concordia-Menschen, die mauschelnden Freidenker-Blätter — die werden als die Repräsentanten der Judenheit von der nicht jüdischen Welt angesehen. Sie sind es, die der Welt den Maßstab für die Beurteilung des jüdischen Wesens geben. Während die dem Judentum entfremdeten „jüdischen" Literaten zu Symbolen des jüdischen Wesens gemacht werden und als Exempel jüdischer Dreistigkeit, jüdischer Moral insanlty, jüdischer Bedenkenlosigkelt dienen, ringt das jüdische Volk um seine geistige, physische, kulturelle Wiedergeburt. Es ist ein ungeheurer Kampf, heroisch mit seinen Sorgen und Nöten. Davon erfährt die Welt nichts aus der „Judenpresse", Eine tragische Situation, wenn die Welt ihre Kenntnis des Judentums von der „Judenpresse" und dem mauschelnden Literatentum bezieht. r. JaA