Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 283 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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< Nr. 2Ä3 DIE NEUE WELT Seite S " Union der Zionlsten-Revhionfstcn Mittwoch, den 13. Februar 193a, 7,9 Uhr abends, im Horil»Saal das Verbands* helntt, II., Untere Augartenstraße 38 Versammlung Gegenstand: Vot dem Kattowitzer Parteitag Referent: Dt* David Bukspan Regiebeitrag 20 g spräch beteiligten Personen, vorliegen. Hierauf erging sich Dr. Barth in allgemeinen Betrachtungen und wollte daraus, daß Dr. Soskin diese Nachrichten nicht dementiert hat, schließen, daß er mit ihnen einverstanden sei. Er gebrauchte auch die für seine Anklage typische Wendung, daß derjenige, der zu einer Verhandlung trotz Ladung nicht erscheine, es sich auch gefallen lassen muß, wenn man zu seinen Ungunsten entscheide. Damit war die ganze Anklage zu Fall gebracht. Es handelte sich nur noch um die Frage, ob das Gericht freizusprechen oder die Verhandlung zu vertagen habe. 2£ach langer Beratung verkündete RA. Gronemann das Urteil dahingehend, daß Herr Dr. Soskin mangels irgendwie erheblicher Beweise freigesprochen sei. Das Urteil hatte folgenden Wortlaut: Dr. S. E. Soskin wird freigesprochen, die Kosten hat die Zionistische Organisation zu tragen. Der Freispruch erfolgt wegen Mangels an schlüssigen Beweisen. Feststehe nur, daß Dr. Soskin Raczynski besucht hat; welchen Zwecken dieser Besuch gedient hat, ist nicht bekannt. Dr. Soskin hat sich dazu nie geäußert. Presseberichte allein können als Beweismittel nicht gewertet werden und reichen jedenfalls nicht hin, um gegen eine zionistische Persönlichkeit vom Range Dr. Soskins ein hartes Urteil zu fällen, wie es im Falle eines Schuldbeweises hätte gesprochen werden müssen. Herzzerreißendes Kinderelend in Polen Aus Warschau wird gemeldet: In der letzten Zeit kommt es häufig vor, daß jüdische Mütter, die kein Brot für ihre hungrigen kleinen Kinder beschaffen können, in ihrer Verzweiflung die Kinder aussetzen; sie tun dies in der Hoffnung, daß die öffentlichen Anstalten sich der gefundenen Kinder annehmen und sie satt machen werden. Daß bei den bekannten Verhältnissen im jüdischen Familienleben jüdische Mütter ihre Kinder aussetzen, ist Zeichen einer nicht mehr zu ertragenden Not unter den jüdischen Massen. Die Warschauer Staatsanwaltschaft hat in den letzten Wochen gegen etwa 30 jüdische Mütter, die ihre Kinder aussetzten, Strafklage erhoben. In der Regel werden diese Mütter auf folgendes Weise ermittelt: Bringt eine Mutter ihr fast verhungertes Kind in das Kinderheim, so nimmt man es ihr nicht ab; setzt sie es aber aus, so wird es in das Kinderheim gebracht, wo es auch verbleibt. Nachher melden sich die Mütter im Heim, um nach ihrem Kinde zu sehen. Den Müttern wird aber erst dann gestattet, ihre Kinder wiederzusehen, wenn sie von der Staatsanwaltschaft eine Bescheinigung mitbringen, daß gegen sie wegen Kindesaussetzung der Anklage erhoben worden ist. Dieses Verhalten der Kinderheime und Findelhäuser bringt eine kuriose Situation mit sich: Unglückliche, verhärmte Frauen belagern die Staatsanwaltschaft und bestürmen die Beamten, doch nur recht bald den Anklageakt gegen sie fertigzustellen, damit sie. Gelegenheit haben, ihre Kinder wiederzusehen. Auf Kindesaussetzung steht in Polen eine Strafe bis zu fünf Jahren Gefängnis. Die Richter zeigen sich aber milde und verhängen verhältnismäßig geringe Strafen. * Die Zentralverwaltung der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden, TOZ, bekommt täglich mindestens 50 Briefe aus verschiedenen Städten und Städchen Polens, in denen sie angefleht wird, die jüdischen Kl«der vor dem Hungertod zu retten. Die Zentralverwaltung der Talraud-Thora-Schulen in Warschau wird täglich von Hunderten jüdischen Vätern und Müttern belagert, die um Brot für ihre Kinder bitten. In vielen Städten können die Kinder infolge Entkräftung durch Hunger die Schulen nicht besuchen. In Warschau wurde eine gemeinsame Beratung aller jüdischen Schulverwaltungen, der der jiddischen, der hebräischen und der orthodoxen Schulen, abgehalten, in der beschlossen wurde, eine energische Aktion zur Aufrechterhaltung und Erweiterung der Schulspeisungen etazuleiten. Hierzu wurde eine Kommission eingesetzt, in der Joint Distribution Committee, TOZ und andere Organisationen vertreten sind. Fast keine jüdischen Prostituierten in Palästina Aus Genf wird gemeldet: Der Völkerbundsrat hat in seiner heutigen Sitzung den Bericht der Untersuchungskommis8ion zur Kenntnis genommen, die der Völkerbund nach dem Orient zur Erforschung der Probleme des Frauen- und Mädchenhandels entsandt hat. Von dem 550 Seiten starken Bericht sind 20 Seiten der Lage in Palästina gewidmet. In Palästina gibt es keine Bordelle, die Prostitution ist nicht reglementiert, sie ist einfach verboten. Es gibt aber eine geheime Prostitution in den Hafenstädten Haifa und Jaffa, in einem weit geringerem Maße auch in Jerusalem, Tiberias und Tel- Awiw. Der weitaus größte Teil der Prostituierten in Palästina stammt aus Syrien, einige stammen aus Aegypten oder der Türkei, äußerst selten findet man unter den Prostituierten eine europäische Frau. Unter 49 Prostituierten Haifas gibt es 4 jüdische und 2 christliche Frauen, der Rest setzt sich aus Mohammedanerinnen zusammen. Rühmend wird in dem Bericht der Tätigkeit der Zionisten gedacht, die mit Hilfe von Schulen und anderen Anstalten die Frauen und Mädchen für einen Beruf vorbereiten. Europäischer Frauenhandel ist in Palästina überhaupt nicht festzustellen. Die tschechischen Faschisten wollten „gegen Deutsche und Juden" marschieren Die Prager Zeitungen zitieren ein Interview, das eine Belgrader Zeitung mit den nach Jugoslawien geflüchteten Brünner Faschistenführern K o b z i n e k und Gaidl gehabt hat. Die Faschistenführer erklärten, sie hatten einen „Marsch nach Prag" organisieren wollen, um das parlamentarische Regime zu beseitigen und den gefährlichen Einfluß der Juden und Deutschen zu brechen. Es gibt kein militärisches Geheimnis der tschechoslowakischen Armee, das nicht durch Spionage in Deutschland bekannt sei. Dieser jüdischdeutschen Wühlarbeit werde der tschechische Faschismus schließlich Herr werden. Die „Frankfurter Zeitung", die ebenfalls diese Presseberichte wiedergibt, bemerkt: „Einigermaßen komisch klingt für ein reichsdeutsches Ohr gerade im gegenwärtigen Augenblick die völlige Identifizierung von SILBER UND JUWELEN von ÖSTERREICHER I., Wlppllngerstraße Nr. 29 Wegen Verlegung der Verkaufsräume nach I, Graben 7 zu Räumungspreisen Günstige Gelegenheitskäufe für Hochzeitsgeschenke / / Deutschen und Juden durch den tschechischen Faschismus." Englische Zeitungen über Hitler und die Lage der Juden in Deutschland. „Manchester Guardian", die führende liberale Zeitung, führt in der Besprechung der Lage in Deutschland nach Amtsantritt der Hitler-RegierUng u. a. aus: „Was wird aus den Juden in Deutschland werden?. Wird Hitler wirklich seine vor seiner Kanzlerschaft angekündigten Pläne verwirklichen, die Juden aus Deutschland vertreiben und ihr Hab und Gut unter dem verarmten deutschen Mittelstand verteilen?." „Daily Mail" schreibt: Hitler ist in keiner angenehmen Lage. Die Nazi-Soldaten erwarten die Verwirklichung des Parteiprogramms. Das zeigte sich darin, daß am Tage nach der Amtsübernahme durch Hitler Hunderte von ihnen, viele in SA-Uniform, vor der Börse gegen „Kapitalisten und Juden" demonstrierten und ein nationalsozialistisches Reichstagsmitglied, Dr. Leers, gegen den „internationalen Kapitalismus" loszog. An der. Börse aber stiegen währenddes die Aktien stetig — ein Beweis dafür, daß die Börsenmakler, ob jüdisch oder nicht, wissen, daß die Nationalsozialisten im Kabinett nicht die Macht haben. Dafür, daß sie hier nicht eingreifen, wird Herr Hugenberg schon sorgen. Judenstaat und geistiges Zentrum Ussisdikins Rede an der Hebväisdien Universität Jeder Tag der jüdischen Geschichte bestätigt die Notwendigkeit der politischen Lösung der Judenfrage: Umschichtung und Verwurzelung auf palästinensischem Boden! Schaffung eines autonomen Nationalheims! Errichtung des Judenstaates im Herzischen Sinne! Und doch gibt es immer noch Diskussionen über die Form der jüdischen Wiedergeburt und doch gibt es immer noch Stimmen, die von einem geistigen, kulturellen Zentrum Palästina faseln. Erst kürzlich hat sich in New York die Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität! vom deutsch-jüdischen Schriftsteller Lion Feuchtwanger das Märchen von der geistigen Eroberung der Welt durch die Universität Jerusalem erzählen lassen. Der jüdische Leser kennt den Geist, der in den Büros der Universität auf dem Skopus in Jerusalem herrscht. Er hat öfters Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie die Hüter des nationalen Willens dort oben behandelt werden, wie man versucht, systematisch die nurzionistische akademische Jugend zu terrorisieren und zu diffamieren. Heute haben wir ausnahmsweise etwas Erfreuliches von der Universität des jüdischen Volkes zu berichten. Vor drei Wochen fand die Inskriptionsfeier für das Studienjahr 1933 statt. Die akademische Jugend war versammelt, die künftigen Spitzen des neuhebräischen Lebens Palästinas, und hörten zunächst einen Vortrag des Präsidenten Nahum S o k o 1 o w über die Bedeutung der Universitäten für andere Völker und über die der Hebräischen Universität für das jüdische Volk. Nach Sokolow sprach M. M. Ussischkin, der seinerzeitige Mitarbeiter Theodor Herzls, der unermüdliche Leiter des Jüdischen Nationalfonds, der unerschrockene Kämpfer für den jüdischen Bodenbesitz in Palästina, einer der Patriarchen der zionistischen Bewegung. Ussischkins Rede war keine akademische Pultrede. Es war eine Rede voll Kraft und innerer Ueberzeugung, denn er sprach über die politische Bedeutung eines Heimatlandes. Da kommt man mit Kulturphrasen nicht auB. „Die Thora und unsere Vorfahren", rief der greise Ussischkin, „lebten jenseits des Jordans, auf Gebieten also, die wir zu unserer Heimat gehörend betrachten. Unser Volk strebt nach der Heimat des Königs David, der den Judenstaat schuf." Das ist ein Herzl-zionistisches Bekenntnis, das ist die Forderung nach dem jetzt wieder aktuell gewordenen Transjordanien. Ussischkin fuhr fort: „Unser Messias wird niemals Rabbi Jochanan ben Sakkai (der Retter des Buches), sondern Ben David (Salomo, Retter der Krone) sein. Ich fordere euch alle auf, Hedad zu rufen auf das Wohl des Judenstaates!" Einen Sturm der Begeisterung riefen diese Worte Ussischkins beim größeren Teil der Versammlung aus. Ein kleiner Teil schwieg. .Wer es war, werden wir gleich hören. Ussischkin, dessen politische Haltung, nicht immer ganz klar war, der beispielsweise beim letzten Zionisterikohgreß die Judenstaatsresolution nicht verteidigte, hat sich endlich wieder gefunden. Nicht nur die zionistische Studentenschaft Palästinas, auch die Herzl-Zionisten der ganzen Welt werden ihm für seine eindeutige Erklärung Dank wissen. Ein Hedad auch für Ussischkin, den Judenstaatlerl Ein kleiner Teil nahm, wie gesagt, Ussischkins würdige Worte mit Schweigen auf. Es waren dies, wie nicht anders zu erwarten, die kleinen Beamtenseelen auf dem Skopus, die feigen Brith Schalomisten, die Protektionskinder des Rektors Dr. Magnes. Auch dieser sprach bei der Inskriptionsfeier, und zwar, wie ebenfalls nicht anders zu erwarten, über die Universität lediglich als Zentrum des jüdischen Geistes. Auch er empfing seinen Beifall — von dem kleinen Teil, der nach Ussischkins Rede geschwiegen hatte. Der Patriarch spricht und ♦ ♦ ♦ In Rumänien hat sich ein herzerhebender Vorfall abgespielt. Das Oberhaupt der rumänischen Landeskirche, der Patriarch, hat in vollem Ornat, in festlich beleuchteter Kirche vor tausenden Studenten und Priestern eine Bede gehalten, in welcher er, auf die antisemitischen Ausschreitungen der letzten Zeit Bezug nehmend, den frommen Zuhörern Duldsamkeit gegenüber allen Nationen und Konfessionen zur heiligen Pflicht machte; Die Wirkung war fabelhaft. m Aus Bukarest wird gemeldet: Um einem weiteren Umsichgreifen der von der antisemitischen Terrororganisation „Eiserne Garde'* angezettelten Bewegung zur Aufstellung eines Kreuzes auf dem Grabe des „Unbekannten Soldaten« im Park Oarol y,u Bukarest vorzubeugen, hat die Regierung nach Fühlungnahme mit dem Patriarchen als Oberhaupt der orthodoxen Kirche Rumäniens und den Führern des „Heldenkultverbandes" die Niederlegung eines Blumengewindes in Kreuzesform durch die „Eiserne Garde« auf dem Grabe des „Unbekannten Soldaten4' bewilligt. Fa* triarch Dr. Mlron Orlstea hielt in der Metropolitanklrche vor tausenden Studenten und „Eisengardisten" eine Ansprache, die mit den Worten schloß; „Indem ich euch meinen Segen erteile, bitte ich Gott, er möge euch beistehen und euch die seelische Kraft verleihen, auch in Zukunft den christlichen und rumänischen Charakter dieses Landes zu wahren, ohne die Ange« hörigen anderen Volkstums und anderen Glauben» zu verletzen, die Gott verpflanzt hat