Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 282 (3.2.1933)
- Date
- 1933-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 282 ODS NEUE WELT Mtel * AUS DEUTSCHLAMP ^^^^^^^^^^^^MgMHMHMMBBWM Kräftige Worte am richtigen Platze Die führende Organisation der deutschen Assimilationsjuden, der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (C. V.), greift zu den verzweifeltsten Mitteln, um die jüdischen Menschen an sein abgestandenes, deutschnational gefärbtes „Judentum" zu fesseln. Jetzt läßt er schon Nichtjuden in Synagogen sprechen, zuletzt den bekannten Modeschriftsteller Heinrich Mann. Dann auch jüdische Laien, welche in öden Kanzelton verfallen und die Zuhörer mit schmöckischer Aufzählung aller „guten und edlen Eigenschaften der Israeliten" in verzweifelte Langweile versetzen. In der Breslauer „Jüdischen Zeitung" schreibt Arnold Wiener-Beuthen über diesen Unfug in kräftigen Worten, die festgehalten zu werden verdienen. Er schreibt u. a. „Vorsteher jüdischer Gemeinden gehen einen schlechten Weg, wenn sie den Versuch machen, die Müdigkeit ihrer Mitglieder dadurch zu überwinden, daß sie ihnen Tagesberühmtheiten gegenüberstellen, um sie zur Aufmerksamkeit zu zwingen. Das ist ja das Schicksal aller Reizmittel, daß sich ihre Wirkung abstumpft, so müssen die Vorsteher nach neuen Sensationen Umschau halten, bis die Synagogenbesucher die Empfänglichkeit für reinjüdische Gedanken entwertet. Man kann die Idee nicht loswerden: dem Judentum damit gedient? Heinrich Mann, der Sprecher in der Synagoge 7 Prinzregentenstraße, steht auf keinem gottesgläubigen Standpunkte. Das ist in seinem Vortrag andeutungsweise" ausgedrückt. Wir werden ihm daraus keinen Vorwurf machen. Die Söhne Noah sind ja von unserem Standpunkte nicht zum Glauben an einen persönlichen Gott verpflichtet. Und da Heinrich Mann noch ein großer und feiner Mensch ist, so kann man ihn gewiß unter „die Gerechten der Völker der Welt" rechnen, denen wir Verehrung, zu zollen haben. Aber warum soll er gerade in der Synagoge predigen? Und dann: ist es denn schon eine rettende Tat, wenn man vor einer Versammlung von 4000 Juden gegen die U n si t tli chk e i t der Gewaltanwendung donnert? So werden große Gedanken entwertet. Man kann die Idee nicht loswerden; In dieser Umgebung ist es nur eine Lehre für die Furchtsamen, die unter ihrem Schutz sich bergen wollen. Nein, in die Versammlungen der Nazi's sollte Heinrich Mann damit hineingehen und an ihnen das Bibelwort erfüllen:;,Zurechtweisen, ja, zurechtweisen sollst du deinen Nebenmenschen." Wieviel Male muß man es wegen derselben Sache tun? Darüber ist gesagt:. „Bis hundert Male!" Und wie weit muß man sich dabei herausstellen? „Bis man dich schlägt." Das kann einem in einre Naziversammlung schon passieren. Aber vielleicht ist es einem Manne des Formats und der Redekunst wie Heinrich Mann möglich, sich auch bei diesen Wilden durchzusetzen. Das wäre ein Triumph, würdig eines Philosophen. . Nach Heinrich Mann hat Herr Direktor Holländer vom C. V. einen Synagogenvortrag in Berlin gehalten. Die Wirkung war teils, teils. Es gab ganze Partien in der Rede, die sich durchaus hören ließen. Anderes erschien noch unfertig und müßte besser überlegt werden. Wenn Herr Holländer ungefähr sagte: „So wie es Bayern und Franken, Schwaben und Rheinländer, Sachsen und Thüringer gibt, so ist in dem Blüten strauß deutsch'er Volks, stamme auch der jüdische Stamm enthalten"; da hat er nichtvergleichbare Dinge aneinandergereiht. Aber ich denke mir, Herr Holländer hält erst bei der Anprobe. Das da muß noch geändert werden! So kann er sich unter den Leuten gar nicht sehen lassen. Auch die Sache mit der jüdischen Schicksalsgemein Schaft muß noch geklärt werden. Ich gebe ein Beispiel: Die Insassen eines Zuchthauses erleiden das gleiche Schicksal, folglich sind sie eine Schicksalsgemeinschaft. Und doch haben, sie nichts anderes im Sinne, als diese Gemeinschaft möglic'hst schnell loszuwerden. Also von dieser "Seife geht es nicht. Wenn aber Herr Holländer der Ansicht ist, wir Juden sind eine Schicksalsgemeinschaft, weil wir gemeinsames jüdisches Schicksal formen wollen, dann ist es recht, und wir werden ihm Vorschläge machen. Doch eine Bedingung ist dabei unerläßlich. Mit unserer Schicksalsgemeinschaft dürfen Staatsbürger ehemals jüdischen Glaubens nichts zu tun haben. Vor 14 Tagen las ich im C.-V.-Blatt einen Aufsatz seilies Vorsitzenden im niederschlesischen Landesverband, Im Zusammenhang mit der Affäre Profe'ssor Cohn wurde in diesem Artikel dargelegt, wieviel große Köpfe eigentlich das deutsche Judentum in den letzten 75 Jahren der Juristenfakultät in Breslau geliefert habe. Ich las die Ausführungen mit Interesse, bis der Artikel auf den verstorbenen Professor Brie zu sprechen kam. Diesem wurde noch überdies nachgerühmt, daß er Jahrzehnte hindurch die evangelische Stadtsynode in Breslau geleitet habe. Da stutzte ich, Das ist doch; keine normale Beschäftigung für einen Juden. Und ich sah.noch einmal nach. Fast alle, oder wahrscheinlich alle Größen, die Herr Rechtsanwalt Apt da aufgezählt hatte, waren dem Judentum schon untreu geworden. Hier müssen wir protestieren. Wir sind doch übereingekommen, von Volksverrätern und Abtrünnigen nicht zu red'en. Bei unserer publizistischen Vertretung nach außen müßte im ganzen mehr Verantwortungsgefühl herrschen. Vorige Woche fand ich im oberschlesischen Naziblatt „Die Ostfront" einen Leitartikel aus der jüdisch-liberalen Zeitung vom Jahre 1925 wort, wörtlich abgedruckt. Ich habe mir die Mühe genommen, ihn genau durchzusehen. Er füllt drei Spalten. Ich habe darin nicht eine Stelle gefunden, die von den Nazi gefälscht sein kann, und doch wirkt er grob antisemitisch. Es wurden da die Verdienste von Jakob Michael, Jakob Goldschmidt und noch einem halben Dutzend jüdischer Finanzgrößen um die deutsche Wirtschaft herausgestellt. Und das geschah in einem betont religiösen Blatt. Für was müssen eigentlich die Christen die jüdische Religion ansehen! Und wieso haben die Wirtschaftsführer jemals auf den heißen Dank des deutschen Volkes Anspruch gehabt! Sie haben in den guten Jahren Millionen gescheffelt." Später hat sich freilich herausgestellt, daß ihre Großzügigkeit ihnen selbst und der deutschen Wirtschaft nur einen problematischen Nutzen gebracht hatte. Eine nette Erpressung Der Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.) hatte vor längerer Zeit einen Brief vom Kaufmann Georg Runge erhalten, in dem Runge mitteilte, daß er von der Gauleitung der NSDAP, in Halle einen Auftrag erhalten habe, mehrere Millionen Postmarken aus der Inflationszeit mit dem Ueberdruck: „1 Prozent Juden vergewaltigt 99 Prozent Deutsche!" zu liefern. Falls der Centrai-Verein einen größeren Auftrag für diese Marken, und zwar mindestens in Höhe von 2 8.0 0 0 Mark, erteilte, würde er den Auftrag der NSDAP, zurückweisen. Der C.-V. erblickte in diesem Brief einen Erpressungsversuch und erstattete die Strafanzeige. Georg Runge hatte sich nun vor dem Schöffengericht Charlottenburg wegen dieser Erpressung zu verantworten. Die Verhandlung erbrachte folgenden Tatbestand: Runge kaufte ausrangierte deutsche Briefmarken bei der Postdirektion auf und bedrückte sie mit Reklameaufschriften. Er ließ sich diese Idee rechtlich schützen. Er trat an die Nazi- Gauleitung in Halle mit dem Vorschlag heran, vier Millionen Postmarken aus der Inflationszeit mit judenhetzerischen Ueberschriften zu versehen. Der Gauleiter von Halle und der Landtagsabgeordnete H i n k 1 e r fanden die Idee famos und bestellten Probedrücke. Vor Gericht sagte Hin kl er, er hätte die Marken bestellt, wenn man mit dem Preis einig geworden wäre. Die Gauleitung wechselte aber, die neuen Herren schienen nicht sehr geneigt, das Geschäft zu machen. Erst dann trat Runge, der der NSDAP, sehr nahe steht (ob er Parteimitglied ist, war aus der Verhandlung nicht zu ersehen), an den Central-Verein mit dem erwähnten Schreiben heran, in dem er mitteilte, daß er den festen Auftrag über Lieferung von 40 0.0 00 Marken von der NSDAP, in Halle erhalten habe. Der Sinn des Schreibens war klar: Entweder zahlt der C.-V. die verlängte Summe oder Runge liefert die judenhetzerischen Briefmarken. Als der erste Brief unbeantwortet blieb,-schrieb Runge ein zweites Mal an den C.-V.: „Ich habe an dem Angebot kein Interesse mehr. Ich habe beschlossen, den Auftrag anzunehmen, die Briefmarken werden Aufdrucke tragen, wie ,Jud ist Jud\ .Laßt die Juden unter sich'..." Im ganzen wurden von Runge i'4 solcher Aussprüche genannt. Das Gericht verurteilte Georg Runge wegen versuchter Erpressung zu drei Monaten Gefängnis unter ZubilUgung einer Bewährungsfrist. Der Staatsanwalt hatte neun Monate beantragt. Erstes zentrales jüdisches Jugendheim in Berlin eröffnet In den Räumen des früheren Hospitals in der Oranienburgerstraße hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin das erste zentra 1 e jüd 1 sche J ug e n rill e im in Berlin errichtet. Am 21. Jänner abends fand die feierliche Einweihung statt. Das Heim umfaßt zwölf verschieden große, schön ausgestattete Räume, eine Kinderlesestube, in der eine Hortnerin beschäftigt sein wird, ein Musikzimmer und eine Badeeinrichtung für Hortkinder. Der Selbstverwaltung der Jugend unter Fuhrung des aus der Jugendbewegung hervorgegangenen Heimleiters ist weiter Spielraum gewährt. Am Montag, den 6. Februar, beginnen Der Eutjudungsprozeß bei den deutschen Bühnen Vor dem BUhnen-Oberscbiedsg/ericht zu Berlin als Berufungsinstanz wurde die Klage eines Schauspielers aus der Provinz gegen den Intendanten des Gothaer Landestheaters, S t r i c k r o d t, auf Abschluß eines Engagements für diesen Winter oder auf Zahlung der Gage von 260 Mark monatlich verhandelt. Schi-ffmaii WI€N II.TAßOASTCASS£ 46 Der Schauspieler erklärt, der Intendant habe ihm ein Wiederengagement für diesen Winter als „jugendlicher; Liebhaber und Bonvivant" mündlich zugesagt, dieses Versprechen aber nicht gehalten, nachdem der Theaterbeirat des Gothaer Magistrats, in dem die Nationalsozialisten maßgebend sind, die Zahlung des Zuschusses für das Theater davon abhängig gemacht hat, daß kein Darsteller engagiert werden dürfe, der Jude ist oder von Juden abstammt. Der Kläger führte aus, er sehe zwar jüdisch aus, sei aber selbst nicht Jude, ein Elternteil sei jüdischer Abstammung. Diese Versicherung habe er der, Nationalsozialistischen Partei in Gotha gegeben, es nützte ihm aber nichts. Ein neues Engagement konnte er nicht finden. Nach den Auskünften des Stellennachweises seien ihm 85 Prozent aller deutschen Bühnen wegen seiner „rassischen Belastung'* verschlossen. — Das Bühnen-Oberschiedsgericht wies die Klage mit der folgenden Begründung ab: Ein Vertrag für diesen Winter sei nicht geschlossen worden; was die Hintergründe betrifft, so gehöre es nicht zu den Aufgaben des Gerichts, sie aufzuklären. Friedhofschändung ^.t«^ In Groß-Linden bei Gießen wurde auf dem jüdischen Friedhof eine Schändung von Gräbern entdeckt, Die Täter stürzten die Denkmäler auf fünf Gräbern um und zertrümmerten die Gedenkzeichen. Die behördlichen Ermittlungen verfolgen eine bestimmte Spur. Die jüdische Volkspartei in Berlin und das Gemeindeschulwerk In einer öffentlichen Kundgebung der Jüdischen Volkspartei im Berliner Westen wurde nach Referaten von Herrn Professor Heinrich Loewe, Rechtsanwalt Dr. Klee und Rechtsanwalt Dr. Kollenscher einstimmig zur Schulfrage in der Jüdischen Gemeinde Berlin die folgende Resolution angenommen: . „Die in den Johann-Georg-Sälen Versammelten jüdischen Gemeindemitglieder protestieren gegen den Abbau des jüdischen Schulwesens. Sie sind überzeugt, daß gerade in dieser Zeit wirtschaftlicher, Not, politischer Bekämpfung und Ansteigen der antisemitischen Welle die Erhaltung und Mehrung des jüdischen Geistesguts im Interesse der Erhaltung des Juden« tums hervorragendste Pflicht der Jüdischen Gemeinde ist. Sie erwarten und verlangen die Haltung der Zusage, daß so viel jüdische Klassen eingerichtet werden sollen, wie notwendig sind, um alle dtö Kinder aufzunehmen, deren Eltern für ihre Kinder di«| Erziehung in einer jüdischen Schule fordern," Ein neues Kampf Mail Soeben ist in G e n f die erste Nummer der Zeitung „E r e z Israel" erschienen. Das Blatt, welches von der Leitung der Schweizer Zionisten-Revisionisten herausgegeben wird, erscheint in deutscher und französischer Sprache. Der einleitende Artikel ist von Dr. S. E. Soskin geschrieben, der programmatische Artikel von Dr. Michael Schabad (Basel). In letzterem heißt es unter anderem: „Ziel des Revisionismus ist die Schaffung eines judischen Staates in den historischen Grenzen Palästinas. Unser Heimatland zu beiden Seiten des Jordanflusses bietet Raum und die Möglichkeit wirtschaftlicher Verwurzelung für einen großen Teil des heute namentlich in Osteuropa arg bedrängten Volkes, Zionismus bedeutet nicht Kolonisierung, sondern Repatriierung. Wir wollen niemanden verdrängen, wir wollen nur heimkehren, Das ist unser unveräußerliches Recht. Wenn Zionismus eine wirkliche (nicht bloß Uterarische) Erneuerung des jüdischen Volke« bedeuten und die verzweifelte Lage judischer Massen